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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 22

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 1
Article
Zur vergleichenden Märchenkunde
Date
1932-01-01
Page
Seite 22 (sequence 7)
Language
German
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22 Max Grunwald Wissenschaftlich läßt sich u. E. nur eine Methode ,der Märchenforschung rechtfertigen, nämlich die, die auf die Eiemente der Märchendichtung zurückgeht. Auf festem Boden stehen wir in den meisten Fällen heute und wohl noch lange nicht bei Vergleichung der Märchen als solcher, sondern nur bei Herausschälung der Märchen m o t i v e. Sie sind oft Märchen gemeinsam, deren Heimat oft weit auseinander liegt und die dementsprechend ganz verschiedenes Lokalkolorit, ja mitunter Gegensätze in Charakter oder Tendenz auf weisen. Diese Motive müssen übersichtlich zusammengestellt und jedes einzelne daraufhin geprüft werden, ob es irgendeinen historischen oder doch literarisch, sprachlich oder etwa haustierkundlich1 datierbaren Kern enthält, oder ob es einem bestimmten Volkscharakter auffallend, spezifisch entspricht, so daß man mit einiger chronologischer und psychologischer Begründung über seine Herkunft urteilen kann. Bei manchen wird es, selbst wenn man zu Atlantis- oder Welteislehren seine Zuflucht nehmen wollte, an solchen Anhaltspunkten gänzlich fehlen. Sie erzählen, was sich vielleicht nie und nimmer hat begeben und doch überall und jederzeit geschehen kann. Auch hier kann die Verfolgung des Motivs in allen seinen Anwendungen und Wandlungen wichtige völkerpsychologische und ethnologische Ausbeute zutage fördern. Nicht selten trotzt freilich ein Märchen, an ganz disparaten Orten lebendig, selbst kühnster Hypothese über Entlehnung oder örtliehe Wanderung. Hier liegt dann ein Beweis für die gleiche Struktur des menschlichen Geistes vor, der auf die gleichen Natureindrücke oder sonstigen Reize gleich reagiert2. Eine solche Zusammenstellung von Märchenmotiven und ihrer Geschichte und darum einen wesentlichen Fortschritt in der Märchenkunde bedeuten die ״Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grim m“, neu bearbeitet von Joh. Bolte und Georg 1 Vgl. Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte I (1930), herausg. von Köppers und Flor, S. 27 u. Ö. 2 Über den verwandten Streit der neueren Forscher, ob ähnliche Erscheinungen in zwei Religionen durch unabhängige Entstehung oder durch Entlehnung zu erklären sind, vgl. Pfister, Die Religion der Griechen und Römer (1930) 263 ff.

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