Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 1
Article
Zur vergleichenden Märchenkunde
Date
1932-01-01
Page
Seite 21 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829983-2829985-2849606--50939-2849655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur vergleichenden Märchenkunde 21 ihn. Der Esel kommt und der Löwe fragt ihn: ,,Wie findest du die Luft hier?“ ,,Es stinkt erbärmlich“, antwortet der Esel der Wahrheit gemäß. Für diese Majestätsbeleidigung wird er vom Löwen auf gef ressen. Es folgt das Schaf, sieht des Esels Knochen und antwortet furchtsam: ,,Wie Rosendüft.“ ,,Du elender Schmeichler“, brüllt der Tiere König und zerreißt es zur Strafe. Der Fuchs, der nun erscheint, erfaßt sofort die Situation und entschuldigt sich: ,,Ich habe leider Schnupfen (bei Isopet: ich habe meinen Geruchsinn verloren) und rieche nichts.“ Begegnen uns solche und ähnliche Erzählungen, besonders Märchen mit Rätselfragen und anderen Scharfsinnsproben, wie sie in großer Anzahl in fremde Sammlungen, z. B. in ,,Tausend und eine Nacht“ übernommen worden sind, zufällig, außer in jüdischen, auch in anderen Schriften, dürfen sie darum nicht als Erfindungen jüdischen Geistes gelten? Wenn auch in jüdischen wie in anderen Kreisen der Gelehrte vielfach auf diese Volksliteratur —zumeist in ,,Weiberdeutsch“ — mit einer Gering- Schätzung herabsah, vor der aber im Judentum selbst schon frühzeitig gewichtige Stimmen warnen1, sollte sie darum dem Erforscher des jüdischen Folklore kein Ausbeutefeld bedeuten? Dem gelehrten Streit um das Urheberrecht an einem Märchen liegt oft ein Mißverständnis zugrunde. Man sollte bei der Wandelbarkeit der Form und Struktur eines Märchens nicht nach der Priorität dieses oder jenes Märchen typs oder Märchen Stoffes fragen. Immer wird da die Frage offen bleiben: ,‘,Wo finden wir ein Märchen reicher im Inhalt und geschliffener in der Form?“ Hiergegen gilt der Einwand, den man gegen Darwins Selektionstheorie erhoben hat. Wenn bei einem Eisenbahnzusammenstoß, dank einem gütigen Schicksal, der eine oder der andere erhalten geblieben ist, so ist dies durchaus kein Beweis für seine höhere Qualifikation. So haben auch Märchen ihre Schicksale. Daß sich zufällig bei dem einen Volke die reifere Form erhalten hat, spricht nicht dagegen, daß sie ebenso einst bei einem anderen im Umlauf war, bei dem sich heute nur noch ein Torso davon findet. 1 Vgl. Steinschneider, Hebr. Bibi. VIII 15; Güdemann, Erziehungswesen III 70 f.; Karpeles, Gesch. d. jüd. Literatur II 341; Mitt. z. jüd. Volkskunde 1908, 84.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.