Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur vergleichenden Märchenkunde
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 5)
- Language
- German
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20 Max Grunwald vor allem die christliche Predigt gegenwärtig hält, wird den jüdischen Einfluß auf die Märchenbildung, besonders die mit ethisch-didaktischem Einschlag, nicht hoch genug veranschlagen können. Bei der Prüfung dieser Fragen wird man nicht übersehen dürfen, daß im jüdischen Schrifttum doch nur ein winziger Bruchteil, eine mehr oder minder strenge Auslese dessen vorliegt, was an Märchen, Legenden, Schwänken und dergleichen im jüdischen Volke lebendig war. Was diese Zensur zurückwies, weil es nicht ihren religiös-sittlichen Anforderungen entsprechen mochte, kann natürlich manchen volkskundlich beachtenswerten Schatz enthalten haben, wie schon die Proben beweisen, die uns in den Apokryphen und im Achikarroman erhalten sind. Aber selbst das jüdische Schrifttum in seiner Gesamtheit zeigt, daß dem Juden nichts Menschliches ferngeblieben ist und daß, wo er sich äußeren Druckes einigermaßen ledig fühlen durfte, er, ebenso wie jeder andere, auch fröhlicher Laune die Zügel schießen ließ. Somit scheint es nicht angezeigt, wenn man mit Bolte und von der Leyen1 bei der Frage nach dem Ursprünge eines Märchens ,,tragische Größe“, ,,weihevolle Schönheit“, ,,sittlichen Emst“, ״fromme Gedanken“ und andere sittliche Merkmale als Beweise jüdischer Herkunft annimmt. Warum sollte nicht wirklich, wie Anderson meint, der lustige Schwank vom ״Kaiser und Abt“ in einer jüdischen Militärkolonie Ägyptens entstanden sein? Von den Fabeln, die sich ausschließlich in der Agada vorfinden, abgesehen, ergibt sich manche Erzählung wie von selbst als Illustration des jüdischen Schicksals, wie die bei Berekja Nr. 101 (Heller S. 342): Einem verwundet am Wege Liegenden will ein vorüberziehender Wanderer die Fliegen von der Wunde verscheuchen. ״Laß sie!“, wehrt ihm der andere, ״sie haben sich schon vollgesogen. Sonst kommen neue, die von Frischem beginnen.“ Oder die Fabel (bei Isopet wird der Löwe, der sich in der Vorlage bei Romulus und in der jüdischen Volkserzählung findet, durch den Wolf ersetzt): Der Löwe ist krank und die Tiere besuchen 1 Chauvin ist darin weitherziger. Übrigens vermutet Ch. in ״La röcension 6gyptienne de Mille et une nuits“ in Rabba bar bar Chana den Verfasser eines Buches, aus dem die Agada nur Proben bietet.