Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 1 · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 1
Article
Zur vergleichenden Märchenkunde
Date
1932-01-01
Page
Seite 19 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2829132-2829983-2829985-2849606--50937-2849653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur vergleichenden Märchenkünde 19 Ursprünge zuzuweisen und im Judentum selbst diese Stoffe auf das Altertum, die Gnosis usw. zurückzuführen, verdient durch־ aus ernst genommen und in jedem einzelnen Falle unbefangen überprüft zu werden. Die Rolle, die den Juden als Vermittlern lebendigen wie fixierten Märchen- und Sagengutes zwischen Ost und West und in umgekehrter Richtung zugefallen ist, hat sich längst unwider־ leglich erweisen lassen. Der eine Hauptweg dieser im internationalen geistigen Tauschverkehr hin und her wandernden Volkserzählungen führt aus Persien über Byzanz nach dem Westen. Den andern können wir an der Küste des persischen Golfes ostwärts bis nach Indien und China, westwärts durch Arabien und Afrika zu den Kelten verfolgen. Als Umschlagstelle kommt hier das alte Sabäerreich in Betracht, dessen Beziehungen zu Palästina ja in sehr frühe Zeit zurückreichen1. Viel zu wenig, so will es uns scheinen, ist aber neben diesem anerkannten Anteil der Juden an der Verbreitung volkstümlicher Überlieferungen der Anspruch betont worden, den das Judentum als Quelle dieser Erzeugnisse und Lieblinge des Volksgeistes erheben darf. Bisher begnügte man sich damit, Märchen, die auf den ersten Blick jeden Kenner des jüdischen Schrifttums an Gestalten und Erzählungen der Bibel und der nachbiblischen jüdischen Literatur erinnern, daraufhin zu prüfen, ob in ihnen Entlehnung aus diesem Kreis vorliege oder ob die jüdische Wiedergabe als eine spätere Variation desselben Themas anzusprechen oder eine andere Traditionskette annehmbarer sei. Wer sich die weite Verbreitung des jüddischen Schrifttums nicht nur infolge zeitweise eifrigster jüdischer Propaganda, sondern vor allem Mitteilung der in ihm enthaltenen volkstümlichen Erbauungs- und Unterhaltungsstoffe im zwischenvölkischen jüdischen Handelsverkehr, durch jüdische Sklaven, Apostaten, 1 Auch der von Massudi aus dem 10. Jahrhundert bezeugte rege Handelsverkehr zwischen Ostindien und Ostafrika kommt in Frage sowie die Verbindungen zwischen Afrika mit seiner Sklavenausfuhr und Amerika (Helmolts Weltgeschichte III 425, Dähnhard, Natursagen IY 65), ferner die beiden Handelsstraßen von Indien zu den Griechen und die vom Norden des Schwarzen Meeres über Don, Wolga, Ural, Zentralasien nach China (Helmolt a. a. O. II 177). 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.