Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 39 gegeben, einen Hausbesitzer, der zu lesen verstand, so dass alle anlangenden Briefe zu ihm gebracht wurden und er sie feierlich auf offener Strasse in öffentlicher Volks- Versammlung vorlas1); allein der Ort enthielt eine jüdische Gemeinde von 100 Seelen, wies eine merkliche Zunahme seiner Bevölkerung auf und schien ein Aufblühen zu verheissen. Auch die Gegend ist nicht so flach und reizlos, wie sonst meist in der Provinz, das Städtchen ist von Hügel und Fluss, von Wald und Wiese umkränzt. Hier empfing der Knabe seine ersten Eindrücke, hier genoss er seinen ersten Unterricht in einer Schule, welche nur insoweit von einem richtigen ״Cheder“ sich unterschied, als man bereits begann, den bescheidenen Anforderungen der Regierung an eine jüdische Elementarschule sich anzupassen. Er lernte Lesen, Schreiben, Rechnen, das Üebersetzen der Bibel und wurde auch, da man grosse Lernbegier und Begabung bei ihm wahrnahm, in die Kenntnis des Hebräischen und des Talmud eingeführt. Als er nach zurückgelegtem 13. Lebensjahr konfirmirt wurde, in welchem Alter man damals die Knaben einem selbstständigen Lebensberuf zuzuführen pflegte, waren die Eltern keinen Augenblick zweifelhaft, dass ihr Sohn seine Ausbildung fortsetzen müsse. Da wäre es nun das Nächstliegende gewesen, Posen hiefür zu wählen, wo unter Leitung des hochangesehenen Oberrabbiners Akiba Eger eine vielbesuchte Talmudschule blühte. Allein die Mittel der .Eltern reichten zu seinem Unterhalt nicht aus, und der junge Graetz war zu scheu und zu stolz, um nach fahrender Schüler Art sich seinen Lebensbedarf erbitten und erbetteln zu können. Man hatte also keine andere Wahl, als ihn nach Wollstein zu schicken, wo seine Mutter Schwestern und Verwandte besass, die zwar selbst über keine grossen Schätze verfügten, sich aber doch ihres Schützlings annehmen würden. *) Wuttke, Städtebuch des Landes Posen S. 434.