Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Der Aufenthalt in Wollstein erwies sich für ihn als eine überaus günstige Fügung. Die Stadt selbst, im Westen der Provinz gelegen, entbehrte nicht des landschaftlichen Reizes, dem des Knaben empfängliches Gemüt sehr zugänglich war, sie enthielt überdies eine vorwiegend deutsehe Bevölkerung von 2258 Seelen, darunter 841 Juden1). Die also gar nicht unansehnliche, dabei wohlhabende jüdische Gemeinde hatte stets eine Ehre darin gesucht, eine gute Talmudschule zu unterhalten, und zeichnete sich derzeit dadurch aus, dass in ihr ein heller, freier Geist herrschte und sie das Bildungsstreben unter ihren Angehörigen eitrigst zu fördern beflissen war. Der Rabbiner Samuel Samwel Munk war gegen Anfang des Jahrhunderts aus Bojanowo nach Wollstein berufen worden; von ihm ging die Sage, dass er deutsch zu lesen und zu schreiben verstünde, und dass er in den Stunden, die «nicht Tag und nicht Nacht» wären, deutsche Bücher und selbst Zeitungen zu lesen pflegte. Keinesfalls trat er seinen Schülern störend in den Weg, wenn sie ihre Sehnsucht nach profanem Wissen zu befriedigen suchten, ja sich gegenseitig hiezu anfeuerten, indem jeder dem andern in jugendlich ungestümem Wetteifer den Vorrang abzulaufen trachtete. Ende des Sommers 1831 langte Graetz in Wollstein an. Der junge «Bachur», der sich bereits an die Ausarbeitung eines kalendarischen Werkes, unter dem Titel חשבון העתים «Jüdische und deutsche Zeitrechnung» in. einem allerdings mangelhaften Hebräisch gewagt hatte2), besuchte die talmudischen Vorträge des Rabbiners mit grossem Eifer und Erfolg, so dass der Letztere ihm ein 1j Staatsarchiv Posen, Wöllstein C. 13. 2J Das Werkchen ist fein säuberlich abgeschrieben in seinem Nachlass vorgefunden worden; er hatte es, wie er angiebt, am Mittwoch, den 27. Elul (15. September) 1830 in Zerkow begonnen und in Wollstein, etwa 15 Jahre alt, vollendet.