Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. denen der Bildungsgang eines Mannes bestimmt wurde, der dazu berufen war, ein Geschichtswerk zu schaffen, monumental und volkstümlich zugleich, welches Tausende von Jahren, die entlegensten Himmelsstriche, die verschiedenartigsten Kulturgebiete umspannt, welches die geschichtliche Entwicklung des Judentums wie eine magische, verblichene und unsichtbar gewordene Schrift mit allen Hilfsmitteln der Gelehrsamkeit und des Scharfsinnes in hellem, zauberhaftem Glanz wieder hervortreten lässt und durch den begeisterten Ausdruck seiner geschichtlichen Darlegungen zu einem Erbauungsbuch im besten Sinne des Wortes für seine Glaubensgenossen geworden ist. 2. Jugendzeit. Heinrich Hirsch Graetz ist am 31. Oktober (21. Cheschwan) 1817 zu Xions geboren, einem armseligen Städtchen im Osten der Provinz Posen, das damals 775 Seelen zählte. Er war unter seinen Geschwistern, im Ganzen zwei Brüder und eine Schwester, der Erstgeborene. Von seinen Eltern hatte der Vater, Jakob Graetz, eine hochgewachsene Gestalt, sein Alter über 90 Jahre hinausgeführt, als er 1876 zu Posen starb, während seine Mutter, Vogel geb. Hirsch aus Wollstein, von kräftiger Mittelstatur mit leuchtenden grauen Augen, mit welcher der Sohn innerlich wie äusserlich grosse Ähnlichkeiten zeigte, schon 1848 zu Kosten, einem Städtchen in der Nähe Posens, aus dem Leben schied und ihre Jahre nur auf einige fünfzig gebracht hatte. Sie ernährten sich kümmerlich, doch schlecht und recht von einem kleinen Fleischereibetrieb. In der Hoffnung, ihre Vermögenslage zu verbessern, verzogen sie einige Jahre später nach dem nur wenige Meilen entfernten Zerkow. Freilich zählte dieses Städtchen zu jener Zeit ebenfalls nicht mehr als 800 Einwohner, und unter diesen hatte es nur einen einzigen Menschen