Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Palästina
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 3)
- Language
- German
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364 liegt es, wie gesagt, anders — in die modernen Schulen, einschließlich der des Misrachi, und verlängert so das Leben eines Schultyps, der in Osteuropa zwar auch noch besteht, aber wohl in viel schnellerem Tempo verfällt: des C h e d e r. Eine genauere Beschreibung dieses Schultyps an dieser Stelle erübrigt sich wohl, insbesondere da die Arbeiten von A. M. Lipschitz und Joseph Carlebach bereits mit den gröbsten Vorurteilen gegen den Cheder aufgeräumt und gezeigt haben, daß seine indiviclualisierende Methode zum Teil gerade Forderungen der neuesten Pädagogik entspricht, wenn auch die einseitig intellektuelle Haltung ein schweres Manko bleibt. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß diese Schulart sich weiterhin in die verschiedensten Unterarten aufteilen läßt, von denen die wesentlichsten den aschkenasischen und den orientalischen Cheder darstellen. Diese unterscheiden sich vor allem durch die Unterrichtssprache; sie ist in jenem Jiddisch, in diesem Arabisch1; dann aber auch durch das Niveau des Lehrbetriebes. Ja, unter den aschkenasischen Chadarim gibt es mindestens einen — den ״Ez־Chajim" in Jerusalem — der etwa dem Bilde eines Reformcheder, eines חדר מתוקן, in Polen entspricht, da dort auch Elemente der hebräischen Grammatik und Rechnen gepflegt werden. Auch sind die Klassen nicht übermäßig groß, die hygienischen Bedingungen einwandfrei. Die natürliche Fortsetzung des Cheder ist die Jeschiwah. Sie existiert in der einen oder anderen Form in jeder Stadt Palästinas, selbst im wenig traditionellen Haifa, und auch sie ist in den verschiedensten Typen vorhanden. Der verhältnismäßig modernste Lembetrieb herrscht wohl nicht in der ,,ישיבת מרכז הרב“ des R a w K u c k, wo vielmehr noch die alte Methode beibehalten ist, daß jeder für sich lernt und nur zu ganz wenigen Stunden gemeinsame Scheurim stattfinden (unter ihnen auch Mussar), sondern in der früheren Jeschiwah von Zlobotka, die nach Hebron übersiedelte und nach den dortigen Massakern nun in Jerusalem ihren Sitz hat. Sie bildet einen in vielen Aeußerlichkeiten merkwürdig ,,weltlich“ anmutenden Typ aus, der auch zu den — bei Raw Kuck stillschweigend, aber ungern geduldeten —- allgemeinen Wissenschaften eine positive Einstellung hat und damit bereits die Brücke zu den, vom Ideal des "תורה עם דרך ארץ“ beherrschten Misrachischulen bildet. Die Schulen des Misrachi sind charakteristischerweise später entstanden als die heute so genannten ״allgemeinen“ Schulen der Zionistischen Organisation. Aus zwei Gründen war ursprünglich für sie weder ein Bedürfnis noch eine Möglichkeit vorhanden: einmal wegen jenes Cherem, dem sich jahrzehntelang kein traditioneller Jude zu entziehen wagte, und zweitens deshalb, weil die ersten modernen Schulen Palästinas in einem durchaus konservativen Geiste gehalten waren. Erst als sie sich immer stärker nach links entwickelten, als mit der Gründung des Gymnasiums von Jaffa (heute: Tel-Aviv) bibelkritische Tendenzen, trotz Achad Haams scharfem Einspruch2, 1 Auf die Vorgänge des ״Sprachenstreits“ von 1913, die heute nur noch historische Bedeutung haben, war hier nicht einzugehen. 2 קכא-קנג ,iv ,על פרשת הדרבים.