Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Palästina
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 4)
- Language
- German
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365 ihren Einzug in Palästina hielten und sich allmählich der Misrachi als eigene Partei gruppierte — i. J. 1902 —, kam es zur Gründung von Schulen dieses Typs, die gleichsam die Tradition jener ersten, noch konservativen modernen Schulen Palästinas, wenn auch mit bewußterer orthodoxer Ideologie und ausschließlicher hebräischer Unterrichtssprache fortzusetzen suchen. Hier ist jede bibelkritische Anschauung streng verpönt, die jüdischen Fächer stehen im Mittel־־ punkt des gesamten Unterrichts: in der Volksschule Thora mit Raschi, Dinim, Tfillah, Tenach, Mischna und etwa zwei Jahre Talmud; in den höheren Schulen neben diesem allem vorwiegend Talmud, der mit 8—10 Wochenstunden gepflegt wird. Dagegen leiden, außer in der Tachkemoni-Realschule Tel-Aviv, deren zugehörige Volksschule übrigens eine der frühesten Gründungen dieses Typs ist, die naturwissenschaftlichen Realien und Mathematik. Auch die Pflege des Englischen in den Volksschulen, des Englischen und Arabischen in den Mittelschulen tritt hier noch mehr als in den anderen Schulen zurück; doch steht dafür das Hebräische auf einem unvergleichlich höheren Niveau, da es von den lebendigen Quellen der Sprache selbst noch nicht abgeschnürt ist. Handelt es sich hier um einen verhältnismäßig einheitlichen Schultyp, so muß vom ״allgemeinen“ Schulwerk, das, wie oben gezeigt, den Löwenanteil der zionistischen Schulen besetzt hält, das Gegenteil gesagt werden. Obwohl ein gemeinsamer und verbindlicher Lehrplan besteht, zum mindesten für die Volksschulen — er hat weniger Thora mit Raschi und Mischna als die Misrachischulen, gar keine G’mara, Dinim, Tfillah, — statt ihrer oft nur Bialiks ספרדי המקרא — meist mehr Englisch und Naturwissenschaften, ebenfalls gar kein Arabisch, das nur in den Mittelschulen, und nur sehr ungenügend, gepflegt wird —, sind die Unterschiede regional, ja mitunter in der gleichen Stadt, außerordentlich groß. Es gibt z. B. in Jerusalem, vor allem in der Altstadt, aber auch außerhalb ihrer Mauern, allgemeine Schulen, die sich in Lehrplan und Gesamtrichtung, wenn auch allerdings in der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums, kaum von den Misrachischulen unterscheiden. Eine von ihnen, die früher dem Misrachi angehörende ״Tachkemoni“-Volksschule in Jerusalem (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Anstalt in Tel-Aviv) hat sogar offiziell auch nach ihrem Uebertritt in das allgemeine Schulwerk den Misrachi-Lehrplan im wesentlichen beibehalten. Auf der andern Seite umfaßt dieses selbe Schulwerk aber auch zum Teil religiös, zum Teil pädagogisch radikal fortschrittliche Schulen, wie etwa dies letzte für eine der beiden Volksschulen in Haifa zutrifft. Das führt uns zur Frage der Didaktik. Die Misrachischulen sind, bis auf einen, nun wohl endgültig gescheiterten Versuch, absolute Lernschulen des alten deutschen Typs; das Lehrerseminar des Misrachi in Jerusalem etwa steht noch heute in Theorie und Praxis etwa auf der Herbarthschen Basis des ״erziehenden Unterrichts“. Die Leitung dieser Schulen ist zentralistisch und autoritär; der Begriff des ״Pensums“, das in Prüfungen, mündlichen und schriftlichen, abgefragt wird, herrscht ziemlich unumschränkt, zu einer spontanen geistigen Arbeit cler Schüler bleibt nicht viel Zeit und Möglichkeit. Auf der andern Seite werden tüchtige Kenntnisse