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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 352

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Manuel Joel als Darsteller der Religionsphilosophie des Mittelalters
Date
1926-01-01
Page
Seite 352 (sequence 2)
Language
German
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352 In sehr lehrreicher Weise veranschaulichen diese Sätze, wie die mittelalterlichen jüdischen Denker dem jungen Forscher durch die philosophische Universitätsbildung, die er sich erwarb, zugleich näher und ferner rückten, als sie den Lehrern der Jeschiwa gestanden. Während diese Bachjas Herzenspflichten oder Maimunis Führer höchstens zur Erbauung oder zur Bekräftigung der eigenen religiösen Grundanschauung zur Hand nahmen, tritt Joöl jenen Philosophen zur Seite im gemeinsamen Glauben, daß es auch Wege zu Gott gibt, die nicht durch die Ueberlieferung, sondern durch das Denken führen. Allein gleichzeitig ergibt sich ihm ein deutlicher Einblick in die geschichtliche Bindung der mittelalterlichen Denker, der natürlich ihren Freunden auf den Talmudhochschulen abging. Was aber Joel von der jüdischen Scholastik trennt, ist nicht seine besondere Stellung innerhalb der neuzeitlichen Philosophie — er mißt seine Helden nicht mit Kantischen Maßstäben, wie Cohen oder Kellermann —, sondern der allgemeine Gegensatz zum Mittelalter. Er wird nicht müde, immer wieder hervorzuheben, daß jene Männer einer Zeit ohne jeden ,,geschichtlichen Sinn“ angehören, welche einen Aristoteles nur liest, um die eigenen Anschauungen in ihn hinein zu deuten1; er ,,bekennt sich weder zu Maimonides’ eigenen philosophischen Anschauungen, noch kann er sich eines gewissen unbehaglichen Gefühls gegen seine Bibelexegese erwehren“2; ja, es gehört für uns ,,Selbst- Verleugnung“ dazu, uns in die befremdende Exegese Maimunis zu schicken3. Diese fast verletzend scharfe Kritik des sonst so milden. Mannes erklärt sich aus jener unerbittlichen Wahrhaftigkeit, die auch seine Kanzelreden nicht verleugnen, in Verbindung mit seiner Grundanschauung, daß der Versuch, durch harmonistische Auslegung auch diejenigen Anschauungen der Bibel als unfehlbar gelten zu lassen, die über das Gebiet des Religiösen hinausgehen, nicht nur• wissenschaftlich nicht zu billigen sei4, sondern den Angriffen auf die Religion Scheinerfolge ermögliche und dadurch die Verteidigung der־ wahren Werte der Religion und der Bibel erschwere5. Also nicht den. systematischen, sondern den geschiehtliehen Wert der mittelalterlichen Philosophie gilt es zu erweisen. Und aus dem Bestreben, das Vergangene in seiner lebendigen Fort- Wirkung darzustellen, ergibt sich eine Eigentümlichkeit der Joelschen Darstellungen, die namentlich durch den Vergleich mit seinem Zeitgenossen Munk und einem ihm so geistesverwandten Fortsetzer, wie Jakob Guttmann, deutlich hervortritt. Joel gibt nie vollständige Umschreibungen der Schriften seiner Helden, sondern trifft immer nur eine Auswahl. Der Grund liegt keineswegs darin, daß er durch Ausschaltung der dem modernen Leser femerliegenden Züge ein günstigeres Bild gewinnen wollte, sondern darin, daß er auf Grund seiner Vorstellung von der stark eingeschränkten Bedeutung des mittelalterlichen Denkens nur die Hauptzüge des Systems und vereinzelte Sonderabhandlungen für unbedingt kennenswert hält. 1 Lewi ben Gerson 21. 2 Maimonides 12. 3 Maimonides 65. 4 Vgl. MGWJ VIII, 135. 6 Religiös-philosophische Zeitfragen 8.

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