Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel als Darsteller der Religionsphilosophie des Mittelalters
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 3)
- Language
- German
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353 So will er bei der Darstellung des Gersonides durch ausführliche Wiedergabe der ersten Abhandlung die Methode kennzeichnen, sich aber für die übrigen ,,der erforderlichen Kürze befleißigen“1. Eben dadurch aber, daß er dem Interesse der Historiker der Philosophie in der Auswahl Rechnung trägt (und er wendet sich, wie das Vorwort zum ersten Bande der Beiträge zeigt, an die ,,Männer einschlägigen Fachs“ ohne Unterschied des Glaubens), hofft er sie als Leser zu gewinnen und ihnen zu zeigen, worauf es ihm ankommt: daß sie an den Leistungen der jüdisch-mittelalterlichen Denker nicht vorbeigehen können. Wie die Stoffauswahl, so ergibt sich auch die Behandlung aus dem leitenden Gesichtspunkte der Arbeit. Es kommt ihm zunächst darauf an, die Gedankengänge, die er unter Berücksichtigung der philosophischen und exegetischen Arbeiten der Denker darstellt, philosophisch zu durchleuchten. So wird das Verhältnis des Albertus Magnus oder des Gersonides zu Maimonides aus den grundlegenden Unterschieden der Systeme erläutert2; zu klarem Verständnis der Begriffe werden Kantische Unterscheidungen herangezogen3; ja, es wird die Frage aufgeworfen, ob Gabirol als Neuplatoniker das ״Recht“ hat, von einem Wissen Gottes zu sprechen4. Der Hauptnachdruck aber liegt auf der Erkenntnis des allgemeinen geistesgeschichtlichen Zusammenhangs. Wenn die Jeschiwa nur den Einzelnen und seine Leistung für die Allgemeinheit würdigte, so ist für Joel die Einzelleistung durchaus Glied in der Kette des geschichtlichen Werdens — bei allem Anteil an der Lebensarbeit seiner Helden und aller Anerkennung, die er ihrer Gelehrsamkeit, ihrer Erfindungsgabe und ihrer Vorurteilslosigkeit zu zollen weiß5. Die Hauptfrage ist immer: wie haben sie auf die Zukunft gewirkt? Und diese Wirkung war oft eine ganz andere, als beabsichtigt wurde; so hat Lewi ben Gerson, indem er den Aristotelismus Maimunis zu Ende führte, gerade dessen Unvereinbarkeit mit der Bibel unfreiwillig erwiesen; und wenn Crescas' Buch auch ״vorzugsweise seine Spitze gegen den Freisinn eines Gersonides und Maimonides kehrt“, so bezeichnet es doch einen großen Fortschritt, da es sich ״von der anderen Art von Orthodoxie frei macht, dem allein seligmachenden Glauben an die Unfehlbarkeit des Aristoteles“6. So trägt jedes redliehe Streben, auch wenn es nicht unmittelbar zur Wahrheit führt, schließlich doch wertvolle Früchte. — Besonderes Gewicht wird darauf gelegt, daß dieses jüdische Geistesleben und die Fortschritte, die es erzielte, auch auf den nicht jüdischen Kulturkreis gewirkt haben; so geht Joel dem Einfluß nach, den jüdische Denker wie Gabirol und Maimonides auf die christliche Scholastik, zumal auf Albert den Großen, übten; und in mehreren Schriften über Crescas und über Spinoza sucht er den Nachweis zu erbringen, wie stark der Spinozismus, dies ״eigentliche Ferment der neueren Philo- 1 Lewi ben Gerson 21. 2 Albert der Große 14; Lewi ben Gerson 104 f. 3 Lewi ben Gerson 70, 2. 4 Gabirol 8. 5 Lewi ben Gerson 19; 99; 101. 6 Crescas 6 ff. Monatsschrift, 70. Jahrgang. 23