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Jüdische Schulzeitung · 1927-01-15 · 1 (15.1.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
3 (1927)
Issue
1 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummert »und leisen geistlichen Erziehers innehat und, wie er mir mitteilte, erst nach hartem Kampfe mit den Polen dem Gymnasium den Namen seines bedeutendsten Leiters, den sie ihm abgcnommen hatten, wiedergewann. Auch später, im Ablauf der etwa 126 jährigen Herrschaft Preußens war die kulturelle Aufwärtsentwicklung der vordem rückständigen Masse der Juden Posens so auffällig groß, daß die russische Regierung zu erforschen suchte, worauf dieser Fortschritt zurückgehe, der tatsächlich in der Erziehung durch das preußische Elementarschulwesen seine Erklärung fand^). Diese glückliche Kulturanlage der deutschen Bevölkerung der Ostmark wird schon durch die örtlichen Gegebenheiten bestimmt. Die im Kampfe der beiden entgegengesetzten Nationalitäten gefährdete und kraftvoll durchgeführte Selbstbehauptung des Deutschtums, anderseits die auf die slavische Mentalität zurückgehcnde Neigung zu zugespitzter Formulierung der Tinge führten allgemein zu einer nüchternen, unbefanjgcnen Auffassung der wirklichen Tatsachen des Lebens, zu einer energischen Bildung und klaren Bestimmung der Begriffe, zu aufmerksamer Beachtung der hervortretensden Gegensätze' wie nicht minder zu einer Vertiefung des Empfindens, des pietätvollen Familienzusammenhanges, des Glaubens im traditionellen wie int liberalen Sinne, natürlich atrch zur besonderen Betonung der nationalen Einstellung, im allgemeinen also zur Hervorhebung mtd Klarstellung aller Momente geistiger wie praktischer Natur, ohne daß der gegensätzliche Standpunkt dabei besonders hervorgekehrt wurde. Das Zusammentreffen des Bolksgeistes zweier so verschiedenartig angelegter Volksmassen mußte seine symbolische Tarstellungssorm auch in der deutschen H e i m a t s P r a ch e finden. Im Kampf um ihren gefährdeten Fortbestand hat sie hier an Reinheit gewonnen und sich von jeder dialektischen Färbung frei erhalten. Anderseits gab er ihr eine gewisse Härte und Kraft, die in einer reineren Artikulation der Laute wie einer stärkeren Akzentuation der Silben zum Ansdruck kommt. Tie alltägliche Umgangssprache zeigt bisweilen eine Derbheit, die z. B. in der volkstümlichen Rede die dritte Person zuläßt, wie sie im Zeitalter der absoluten Regierung in Preußen üblich war. — Im gesellschaftlichen Leben kam es zu einer strengeren Unterscheidung der gesellschaftlichen Schichten, die bis in das Leben der Familien vorzudringen vermochte. Der spanische Schriftsteller Blasco Jbannez schildert in seinem religiösen Tendenzroman el Jntruso, der Eindringling, wie das Familienleben durch die Machtansprüche eines kirchlichen Ordens int Baskenlande zerklüftet und erschüttert wird. In den Posener Landen vermochte >die kästen^ mäßige Abstufung bisweilen gleichfalls bis zu der innersten Sphäre vorzudringen, in die sich nach einem Worte Steinthals die Persönlichkeit zurückzieht, um hier ihr durch das öffentliche Leben gefährdetes innerstes Wesen zu vertiefen und neu aufzubauen. Urtier den Juden z. B. schuf diese Heimatkultur aber auch einen Seelenadel, der in der restlosen Strenge seines Denkens, der durch keine Mystik getrübten Tiefe seines religiösen Empfindens wie der unberührbaren Reinheit seiner Lebensführung die feinste Auslese menschlicher Gesellschaft darstellt, wie sie anderswo kaum recht verstanden werden kann. Aber wie in jedent Volk ein krasser Gegensatz zwischen der feinen Höhenspitze seiner Kulturpyramide und der breiten, festen Masse ihres' Fußes besteht, so findet sich hier auch die sprichwörtlich gewordene Narrheit des Posners. Sie mag in dem Wortspiel vom Pos—nar wohl einen hör- 2) Adolf Warschaiter, Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark. Erinnerungen aus vier Jahrzehnten. Berlin. S. 26, 64 ff. und sichtbaren Ausgangspunkt haben, fand aber sicherlich auch einen tatsächlichen Anhalt in dem bei einigen wabr genommenen ziellos unberechenbaren Gebaren, das sich vor der strengen Beurteilung der Oessentlichkeit nicht hin reichend aus zuweisen vermochte und durch die allßemcim Neigung zur Verspottung wie durch Selbstbespottelung noch deutlicher hervortrat. Von vc-lkspsychologischem Interesse ist es, daß dir hier andeutungsweise gekennzeichnete typische Volksart des o'tmärkischen Kolonialgebietes nicht eben zu: Hervorbringitng einer großen Zahl von genialen Per sönlichkeiten geführt hat, wie sie z. B. der schwäbische Volksstamm ausweisen kann. Otto Roquette zeigt trotz seiner Posener Herkunft den französischen wie Mickiewic; trotz seiner dichterischen Bedeutung für Polenden litauischen Einschlag. Doch dürften der Dichter Jacubowski, der Völkerpsychologe Moritz Lazarus, der Sozialvolitiker Mar cinkowski ur d Staatspolitiker, Eduard Lasker, die Aerzre Julius Hirshberg und Hermann Senator, der Historiker Heinrich Grnetz und der Talmudgelehrte Akiba Eger ge' nannt werden. Aber daneben hat Posen doch auch eine ganz beträchtlich große Zahl von führenden Trägern der Intelligenz ausgerüstet, die sich im geisteswissenschaftlichen wie im praktischen Leben rühmlichst bewährt haben, und dazu einen DnrchschnittStyp der deutschen Bevölkerung von einer Schaffensfreudigkeit und ausgeprägten Kern' Hastigkeit des Wesens, wie es Friedrich Naumann für das Wirtschaftsleben und die Erweiterung seines Ge bietes in seinem „Mitteleuropa" besonders den Juden zuspricht. Diese hervorragende Eignung für jede Art geistiger und wirtschaftlicher Entwicklung wurde von den übrigen Bevölkerungsschichten ebenso sehr beachtet wie wegen der damit verbundenen und nicht immer glatten und bequemen Umgangssormen nicht minder oft bekämpft. Ter Niedergang und das Zurückdrängen dieser Kernscharcn müßte folgerecht die moralische Gesundheit der deutschen Gesamtheit beeinträchtigen und fordert daher schon ans diesem gemeiitgiltigen Grunde die ausreichende Betonung der heimatlichen Sinnesart. Dies hat besonders auf dem Gebiete der Jugenderziehung zu geschehen; Zukunft ttnd Gedeihen unserer Jugend hängen davon ab, daß diese Forderung allgemein erkannt und zielgemäß durchgeführt werde. In dem Wesen der Jugend wirken die geographisch natürlichen Bedingtheiten zum Teil als Naturanlage, zum Teil als die Sphäre ihrer familiengesellschaftlichen Umwelt, endlich als die mit Bewußtsein betonte Richtung ihrer Sinnesart fort. Dazu aber kommen noch die machtvollen Einwirkungen unserer gegenwärtigen Zeit- und Lebensverhältnisfe. Ein reifer Jüngling kenn* zeichnete mir diese mit den Worten: Früher hat man die Jugend mit Schokolade aufgezogen, wir aber sind mir der Brotkarte groß geworden. Schon vor der gegenwärtigen Un.schichtung aller bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und dem Zusamntenbruch wie der Umgestal' tung so viete.r ihrer sozial-ethischen Machtfaktoren war der Sinn un'erer Jugend für den geschichtlichen Zusammenhang der Dinge hinter ihrem Drange nach Selbstbetätigung mtd dem Verlangen, möglichst unbehindert zu bleiben, zurückgetreten, die gegenwärtigen Zeitumftändc haben ihr deit letzten Rest von Sentimentalität genommen. Das patriarchalische Verhältnis der „guten, alten Zeit", in weitem Umfange sogar auch die früher kon< ventionellen Gebundenheiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens haben sich gewandelt. In den so heftig, umstrittenen Gebieten der Ostmark hatte die Spannung und Zuspitzung der äußeren Lebensverhältnisse überdies

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