Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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U 1 Seite 3 Jüdische Schulzeitung. die Zurückdrängung aller Gefühlsseligkeit zur Folge, wie sie z. V. bei den in 'die Fremde hinausgedrängten Iren in ähnlicher Weise beobachtet werden kann. Trotzdem wird unsere Jugend nicht durch einen ungebunden hemmungslosen Drang wie das triebhafte Verlangen, 'sich zügellos anszuleben, dazu gespornt, sich der altgewohnten Fesseln zu entledigen. Sondern sie fühlt das gesunde Streben, der seelischen Verkrampfung ledig zu werden, welche die srüheren Geschlechter oft dazu gezwungen hatte,' Jugendsreiheit und Lebensfreude für die Hoffnung auf ein späteres Glück hinzugeben, das sie in Wirklichkeit vielleicht niemals erlangen konnten, oder für die Ruhe der Erwachsenen, die in ihren nach vielen Seiten hin sichergestelLtcn Lebensumständen nicht gestört werden mochten. Dazu kommt das eingeborene Empfinden, daß heitere Lebensfreude das Sonnenlicht ist, unter dessen belebenden Strahllen sich die keimhaften Anlagen des eigenen inneren Wesens allein gedeihlich entfalten können, wie das natürliche Verlangen nach Beglückung, aus das die Jugend noch weniger zu verzichten braucht als die Erwachsenen, kurz: der Drang nach Entfaltung und Erhaltung der eigenen Wesensart, um sein Leben auf eigener Grundlage neu aufzubauen. Diese Forderung wurde zuerst von Rousseau mit der leidenschaftlichen Dringlichkeit des weltfeindlichen Puritaners erhoben und' jetzt von Gustav Wynekcn nicht minder heftig wiederholt. Sie hat den Wirklichkeitssinn imfcrcr. Jugend geschärft, ihr Gerechtigkeitsgefühl belebt, ihr ethisches Werturteil verfeinert und damit in ihrer gesamten seelischen Einstellung die frühere Harmlosigkeit durch eine kritische Nüchternheit ersetzt. Die Verlegung der verlorenen Heimstätte, mit all den teuren Erinnerungen, die sich daran knüpfen, in den Kreis der im Innern der Seele bewahrten Schätze hat überdies die geistige Beweglichkeit der Jugend neu. belebt, ihren wagemutigen Unternehmungsgeist gesteigert, den im persönlichen Leben so oft! versagenden Mut der Ueberzeugung gespornt und ihr dazu die Fähigkeit leichteren und feineren Eingehens in fremde Kulturwellen gegeben, ohne sich selber darin zu verlieren. All dieses frische Drängen und Treiben hat sich dem älteren Geschlechte gegenüber mit dessen scheinbaren Gemütskälte und bis zur Fühllosigkeit gesteigerten Härte abzufinden, die in Wirklichkeit nur der nach außen gekehrte Panzer ist, der die innerlich zarte Empfindsamkeit rein zu bewahren und seelischen Zusammenstößen zu begegnen sucht. Sie sind durch das Zusammentreffen des persönlichen -Dranges deutscher Willenskraft mit slavischer Empfindungstiefe begünstigt, vermögen aber die natürlichen Bedürfnisse der Jugend nur um so tiefer und deutlicher zu würdigen, um ihnen gerecht zu werden. Ter vernünftig naturgemäßen Erziehung aber drohen Gefahren, die bekämpft, doch nicht völlig abgestellt werden, die nur verschwinden, um.anderen Platz zu machen, aber niemals enden.' Früher wurde der erzieherischen Arbeit der Schule die Ueberbürdung durch eine allzu große Stoffülle zum Vorwurf gemacht, die nach einem ^.Ausdruck des rheinischen Schulmannes Dörpfeld nach der Wurststopfmethode mechanisch eingepaukt wurde, aber Geist und Herz leer ließ und die freie Willensbctäti^- gung lähmte. Mit dein Bestreben nach möglichst vielseitiger Verteilung der Bildungsgüter nach dem Prinzip der Einheitbildung aber kam eine neue Gefahr herauf,, die Technisierung des Schulbetriebes, um der drohenden Zersplitterung entgegenzutreten. Im allgemein-gesellschaftlichen Leben wird unter dem Zwange der nur durch unlautere Mittel in ^Umlauf gesetzten Massensuggestion und Massenpsychose die frei schaffende Betätigung des einzelnen vielfache eingeengt und ebenso auch im modernen Schulleben die Gelegenheit wahrgenomimen, das Aufeinänderwirken der einzelnen wie der Gemeinschaft durch einen Kalkül der ihr Leben bewegenden Mächte taktisch zu regeln. Die primitivsten Regungen des sozialen Zusammenwirkens werden ausgeschaltet und nach starren Grundsätzen geleitet, welche die Persönlichkeit entseelen. An die Stelle des „Obrigkeitslehrers" aber, dessen verschiedenartig modifizierter Amtston nicht so sehr andie. Werkstatt der Humanität als an das alte Klassensystem des Obrigkeitsstaates erinnelct, und dessen Ver-. halten nicht immer von pädagogischensondern öfters ihr völlig fremden Erwägungen geleitest ist, muß wieder die nach, sachlichen Gesichtspunkten frei gestaltende Er'- zicherpersönlichkeit tretest. Sie allein vermag das stofflich allgemein Vorgegebene durch geistige und ethische Zusammenarbeit mit den Schülern in diesem zu persönlich wirkendem Leben zu entbinden. Schon Herbart, der Nachfolger Kants, hatte den Versuchgemacht, durch die Annahme eines gesetzmäßig strengen Ablaufs der Vorftellungsmassen und ihre entsprechend mechanische Abwicklung im Unterrichte die Erziehung auf rein erkenntnismäßiger theoretischer Grundlage anzulegen. Die mathematisch anmutende Klarheit seines Systems lockte eine große Schar von Anhängern, dieses nach mehreren Nich'- tungen hin praktischauszubauen, aber der Marburger Führer des Neukantianismus und Schüler Hermann Cohens, Natorp, hat die Mangelhaftigkeit und Unzulässigkeit dieses mechanisierenden Verfahrens unzweifelhaft nachgewiesen. Das heute vielfach mißbrauchte Schlagwort vom A r b e i t s n n t e r r i ch t führt, von der beruflichen oder heilpädagogischen Garten- und Ackerbauschule abgesehen, bisweilen zum geschäftigen Spiel mit Unterrichtsformen, das vor der ernsten Erarbeitung sachlicher Lehrziele zurückscheut. Er versäumt es, durch eine alle Sinne und Kräfte des Kindes unterhaltsam und abwechselungsreich in Anspruch nehmende Arbeit solche Lebenswerte . zu schaffen, die sich auch im späteren Leben noch vor der eigenen Prüfung bewähren. Wohl führt die Berücksichtig gung der Individualität im Seelischen zur Erstarkung der inneren Persönlichkeit, diejenige im Sachlichen aber hat die Atomisierung, die Verflüchtigung des Wissens zur Folge. Abgesehen von der ausgleichenden Anrechnung tüchtiger Leistungen auf einzelnen Wissensgebieten in der abschließenden Beurteilung, ist sie nur danll angebracht, wenn dadurch ihre. Steigerung erreicht werden kann. Darum werden der allgemeinen Klassenarbeit Sonderkurse angefügt, deren freie Wähl den Schülern überlassen bleibt, und welche die Berufsarbeit des ein-- zelnen ebenso zweckmäßig wie gründlich vorzubereiten geeignet sind, gleichgiltig, ob sie ihre Stoffe dem Natur-, dem Kulturgebiet oder der religiösen Echik entnehmen. Die Erziehung fürs praktische Leben, in deren Dienst die Einrichtung der Schulein erster Linie steht, ist nicht Abrichtung und Dressur, sondern die der werdenden Persönlichkeit dargebotene Hilfe zur Selbstentsaltung ihrer Kräfte. Die durch Erziehung gebildete Persönlichkeit ist das Ergebnis zweier Komponenten, dessen was sie wird, und dessen, was sie ist. Jenes ist ihre innere Ausgestaltung durch die bewußt auf sie cinwirkende Leitung, wie das sie bereichernde und innerlich ausweitende Kulturgut, welches vergangene Geschlechter angehäust haben und das gleichzeitige ihr ausliesert, dieses die freie Auswirkung ihrer persönlichen Strukturanlage. Sie ist der sublime Kern des reichsten Eigenbesitzes und der- Strahl der Ewigkeit, den die Gottheit