Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 18 (15.9.1937)
- Date
- 1937-09-15
- Page
- Seite 322 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/10638461-10638480-2728093--049-2744721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
322 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 18 Aufruf der jüdischen Organisationen Münchens! Die unterzeichneten jüdischen Organisationen Münchens machen es ihren Mitgliedern zur Pflicht, Mitglied des jüdischen Kulturbundes in Bayern, Ortsgruppe München, zu werden. Es liegt in unser aller Interesse, die Arbeit des Kulturbundes, Indessen Fortbestand sich alle jüdischen Organisationen verantwortlich fühlen, in jeder Hinsicht zu fördern. Jüdische Kulturarbeit zu leisten, ist eine der vordringlichsten Verpflichtungen unserer Gemeinschaft. Jüdische Kulturarbeit gibt unserem geistigen Leben die notwendige Spannung, sie verhindert, daß wir bei den Sorgen des Alltags in Lethargie verfallen, sie führt uns zu den Quellen unseres geistigen Gemeingutes. Wie das religiöse, so muß auch unser kulturelles Leben wach und von lebendigem Pulsschlag erfüllt sein. Das sind die Voraussetzungen zur seelischen Erhaltung unserer Gemeinschaft. Darum melde sich jedes unserer Mitglieder, soweit es noch nicht geschehen ist, beim jüdischen Kulturbund als Mitglied an. Jene, die es bereits sind, mögen jede Gelegenheit wahrnehmen, um unter Freunden und Bekannten für den Kulturbund zu werben. Der Kulturbund kann nur mit einer zahlreichen Mitgliedschaft seine großen und wichtigen Aufgaben erfüllen. Wir alle wollen dabei mitwirken! Darum geht an jeden, der den unterzeichneten jüdischen Organisationen Münchens angehört, der dringende Appell: Fördertden Kulturbund, werdet Mitglied und werbt für ihn! München, den 8. September 1937. Israelitische Kultusgemeinde München gez. Dr. Neumeyer Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina (WIZO), Ortsgruppe München gez. Selma Eisen Jüdischer Frauenbund, Ortsgruppe München gez. Jenny B a e r w a 1 d Jüdischer Lehrerverein für Bayern, Bezirkskonferenz München gez. R o s e n f e 1 d Jüdischer Turn- und Sportverein München e.V. (JTUS) gez. Amanyi Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe München e.V. i. A. gez. Schaalmann Staatszionistische Organisation, Ortsgruppe München . gez. R a w i c z Zionistische Ortsgruppe München i. A. gez. Dr. Eisen. Abwechsler Die Übertragung der Mitgliedskarte sowie der Eintrittskarte zum Besuch von Veranstaltungen ist gestattet, jedoch nur an höchstens zwei Personen, welche auch ihrerseits die zur Mitgliedschaft erforderlichen Voraussetzungen erfüllen und dem Haushalt des Mitglieds angehören. Die zur Mitbenützung der Mitgliedskarte berechtigten Personen (sog. Abwechsler) können anstelle des Mitglieds dessen Eintrittskarte zum Besuch einer Veranstaltung verwenden. Soweit Plätze verfügbar sind, können Abwechsler auch zusammen mit dem Mitglied eine Veranstaltung besuchen. In diesem Falle müssen die Abwechsler jedoch Eintrittskarten käuflich erwerben, in der Regel zum Preise von RM. 1.—. Als Abwechsler sind nur solche Personen zugelassen, welche von seiten der Ortsgruppe als Abwechsler aufgenommen werden und mit Namen und Lichtbild in die Mitgliedskarte eingetragen sind. Zur besonderen Beachtung! Der Antrag auf Eintragung von Abwechslern ist von den Mitgliedern zu Beginn jeder Spielzeit neu zu stellen. Es müssen die auf der Kulturbundkasse aufliegenden Antragsformulare benützt und genau ausgefüllt werden. Für jeden Abwechsler ist eine Eintragungsgebühr von RM. 1.— für die Spielzeit zu entrichten. Jedes Mitglied, welches beabsichtigt, in der kommenden .Spielzeit Abwechsler auf seine Mitgliedskarte aufzunehmen, wolle den entsprechenden Antrag ab 8. September an der Kulturbundkasse stellen. Hierbei sind Namen und Geburtsdaten der als Abwechsler zuzulassenden Personen genau anzugeben. Auch ist für jeden Abwechsler ein Paßbild mitzubringen. Anders kann die Eintragung von Abwechslern nicht erfolgen. Beitrittserklärung Neueintretender Neueintretende müssen ihren Beitritt persönlich (nicht schriftlich) an der Kulturbundkasse, Herzog-Max-Straße 7/o, erklären, woselbst die Formulare aufliegen. Hierbei ist die Aufnahmegebühr von RM. 1 — zu entrichten. Die Mitgliedskarten können dann zur gleichen Zeit, wie diejenigen unserer Mitglieder, abgeholt werden (siehe oben!). Ein Paßbild ist mitzubringen. Es wird dringend gebeten, Neuanmeldungen noch im Laufe des Monat September vorzunehmen. Auf Wunsch nimmt ein Beauftragter der Ortsgruppe in der Wohnung des Neuaufzunehmenden die Beitrittserklärung entgegen. Kulturbundkasse Die Kulturbundkasse trat am Mittwoch, den 8. September, in Tätigkeit. Sie befindet sich im Gemeindegebäude, Herzog-Max- Straße 7/o, und ist Montag mit Freitag 9—13 Uhr, ausnahmlich der Feiertage, geöffnet. Sie ist zunächst mit der Entgegennahme von Beitrittserklärungen und Abwechsleranträgen beschäftigt und erteilt jede gewünschte Auskunft. Die Abgabe der neuen Mitgliedskarten und Eintrittskarten beginnt jedoch erst Donnerstag, den 16. September. Zum Andenken an Rabbi Akiba Eger zu seinem 100. Todestage am 16. Tisdiri 5698 Als der Rabbiner der großen und angesehenen Gemeinde Posen vor 100 Jahren dortselbst starb, da fühlte das Judentum in Deutschland, daß mit Rabbi Eger ein Großer zu Grabe getragen wurde, wie ihn Deutschland wohl nicht so rasch wieder erleben, wie ihn die jüdische Welt schmerzlich vermissen würde. Er war als 13jähriger von Eisenstadt (damals Ungarn, heute Burgenland, Österreich) nach Breslau gekommen, lebte in Lissa seinem Studium und seinen Schülern, verarmte durch eine Feuersbrunst, ging 1791 als Rabbiner nach Märkisch-Friedland und kam von dort 1815 nach Posen. Die Emanzipation war erfolgt. Ihre Früchte wurden den Juden allmählich gewährt. Man erstrebte dafür — z. T. auf jüdischer Seite, z. T. von Staatswegen, größere allgemeine Bildung, die jüdischen Knaben und Mädchen eilten in die öffentlichen Schulen. Aber seine Jeschiwah war fleißig und zahlreich besucht, so zahlreich sogar, daß die Neuerer Staatshilfe gegen sie in Anspruch nahmen. Aber Rabbiner Akiba Eger setzte seinen Willen durch, seine Schulen blieben erhalten. Er nahm das Geschenk der Gleichberechtigung mit Dank gegen den Staat an und ermahnte in öffentlichen und synagogalen Reden zum Gehorsam gegen den Staat, aber auch zur unbedingten Treue gegen die angestammte Religion. Seine Predigten sind wertvolle Dokumente des Verständnisses, Altes und Neues zu verbinden. Die vorgesetzte Behörde, das Oberpräsidiunv der Provinz Posen und der König von Preußen ehrten ihn und anerkannten dankbar und ohne Rückhalt seine fürsorgliche Arbeit in der Zeit der Choleragefahr des Jahres 1831. Das Volk verehrte in ihm einen Heiligen und erzählte Wunder von ihm und seinem einfachen, fleißigen und bescheidenen Leben, von dem kleinen Körper, der den Wünschen der Ruhe gebietenden Ärzte nicht folgte, von dem Geist, der siegreich blieb bis ins Greisenalter. Seine Studien veranlaßten ihn zur Niederschrift seiner Bemerkungen zur M'ischna zum Talmud und zum Schulchan Aruch. Später gaben seine Söhne und Enkel diese Notizen heraus, die heute in jeder besseren Ausgabe der genannten Werke anzutreffen sind. Seine zahlreichen Schüler, später Rabbiner, Dozenten, Lehrer und Kaufleute, in nah und fern, richteten an ihn Anfragen und erbaten seine Belehrung, veranlaßten auch Gemeinden und Behörden, seinen Rat zu erbitten. Diese Antworten (Teschuboth) wurden ebenfalls teilweise gedruckt, aber zum größeren Teil harren sie noch der Drucklegung. So ging sein Ruf hinaus in alle Welt.