Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 22 (15.11.1936)
- Date
- 1936-11-15
- Page
- Seite 480 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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480 Bayerische- Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 Neue Jugend und alfer Glaube Von Werner Cahnmann Kohelet 12. 12. Der nunmehrige Berliner Rabbiner Ignaz Maybaum setzt in der vorliegenden Schrift mit dem Untertitel „Der Chaluz und der Baal-habajit in der Verantwortung: vor der Lehre" die Gedankengänge seines vor einem Jahr ebenfalls im Philo-Verlag erschienenen Buches „Parteibefreites Judentum — Lehrende Führung und priesterliche Gemeinschaft" fort. Maybaum will Franz Rosenzweig nachfolgen und ein von außen nach innen, von -der Weitläufigkeit zur Gläubigkeit weiterschreitendes Judentum formulieren, das von Partei-Einkapselungen frei sein soll. Dabei geht er einer Auseinandersetzung mit der Orthodoxie, der Rosenzweig sich gestellt hat, aus dem Weg. Aber — als liberaler Rabbiner und als Zionist von seinem Ausgangspunkt her — sucht er dem Liberalismus wie dem Nationalismus im neueren Judentum den ihnen zukommenden historischen Platz anzuweisen und zu zeigen, weshalb sie beide jüdisch als zu leicht befunden werden, müssen. Die Absicht berührt ein dringendes Anliegen aller nach-Rosenzweigschen Generationen und ist daher als solche äußerst dankenswert. Wie alle aphoristischen Denker ist Maybaum im kritischen Bereich vorzüglich und wir werden es uns nicht versagen, auf einige seiner zugespitzten Bemerkungen, die besonders gut „sitzen", zurückzukommen. Aber im Positiven, auf die Frage: Wie macht man das, Jude sein und Europäer bleiben?, auf diese Frage der Fragen bleibt auch er die Antwort schuldig. Auch vom kritischen Aphorismus kann man lernen und wenn es nur das wäre, eine Bestandsaufnahme der eigenen vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Existenz aufzustellen. Die Kennzeichnung der Berliner Reformgemeinde als paulinisch- , lutherische judenchristliche Sektenbildung, gewissermaßen als eine David Friedländersche Privatreligion im äußeren jüdischen Rahmen, ist scharf genug. Im übrigen aber tut Maybaum gut daran, nicht allzu ausgiebig auf die Schwächen des jüdischen Liberalismus loszupuffen— eine gefahrlose Angelegenheit, bei der man der ermunternden Zustimmung der Lacher und Läch- Ier in den Rängen gewiß sein darf. Er wendet vielmehr die treffsicher gehandhabte Waffe des Herzl-Zionismus gegen den Angreifer, den er als „Nationalliberaldsmus" und in seiner gestalthaften Ausprägung als Chaluziut als „politischen Idealismus" vorstellt. Er wirft dem Liberalismus mit Recht vor, daß er bis heute so gut wie nichts an Eigenem in Palästina geleistet habe, dem Zionismus aber, daß er Menschen, die aus dem Zwang jüdischer Not ohne Parteibuch ins Land kommen, die jüdische Legitimität ihres Schicksals verkürzt. Ohne Zionsliebe gebe es keinen in irgendeiner Weise jüdisch zu nennenden Standpunkt, dem politisierten Zionismus aber fehle es am Verständnis für die „Organisierung der Diaspora". Die Wanderung von Land zu Land sei ein unaufhebbares jüdisches Schicksal und eben dieses Schicksal sei es. das jüdische Gestaltung immer wieder von uns verlangt. Man hört den Meister Rosenzweig sprechen, wenn Maybaum die Mittelpunktsfunktion Palästinas nur dann anerkennt, wenn der Jude in Jerusalem mit dem Ju- 1 Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum: „Neue Jugend und alter Glaube." Der Chaluz und der Baal-habajit in der Verantwortung vor der Lehre. Philo-Verlag-Berlin. RM. 2.80. den in Berlin, Irkutsk und New-York verbunden bleibt — was er aber als nur-politischer Jude niemals zustande bringen kann. „Wo das führende Lehrhaus steht, ist das Zentrum des Judentums". Grundsätzlich richtig gesehen, wenn auch ein wenig .idealtypisch überzeichnet, ist die Einordnung des in Deutschland siedelnden Judentums zwischen Ost und West. Das außerdeutsche Westjudentum in Amerika, England und Frankreich sei jüdisch verdünnt, das Ostjudentum aber ©ine stumme, organische, nicht organisierte Gemeinschaft, mittelalterlicher Restbestand. Das deutschsprachige Judentum allein habe von Mendelssohn und Zunz über Geiger und Hirsch bis zu Buber und Baeok das Judentum „sagbar" gemacht, die Werte der Tradition in der Münze der Zeitbildung ausgeprägt. Damit werden deutsche Juden in aller Welt die Träger des Lehrhausgedankens und die Lehre, die ja überall ihren Sitz aufschlagen kann, geht aus von Frankfurt am Main und von Frankfurt an der Oder. Das ist längst nicht so absurd wie es klingt und selbst wenn es absurd wäre, so hätte man es mit einem Glauben zu tun, der sich so gut rechtfertigen ließe wie mancher andere. Tatsächlich ist es so, daß das noch ungeschichtliche Judentum Amerikas ebenso wie „das hebräische Assimilantentum" Palästinas einen neuen jüdischen Mittelpunkt, aber keinen geographischen, sondern eben einen jüdischen, mit äußerster Dringlichkeit verlangt. In diesen Gedankengang ganz eingebaut ist eine Kritik der ..Bünde", der Chaluziut. des Ki'bbuzlebens als der Ahnen- und Enkelkette eines Hinausschreitens aus der jüdischen Legitimität des Baalhabajit überlieferter Art. „Der Weg der Ideologie von der Partei zum Bund ist der Weg der Verwandlung der Idee in den Mythos." Der „Jahrgängeverband" des jugendbundes, das „Mittlertum" des Jugendführers haben „echte Affinität zum Religiösen" — aber nicht zum jüdischen. Das sprüht nur so. Und der Rezensent als der Verfasser eines jugendlich befehdeten Aufsatzes über religiöses Leben in Palästina freut sich, wenn er liest: „Der Oneg-Schabbat, mit dem jeder machen kann, was er will und der mit Volkslied und Weltanschauungsvoitrag den Sabbat aufhebt und nicht weiht, ist nur ein Ausweichen vor dem, was not ist: das vom jüdischen Kalender geordnete Jahr in seinem von Sabbat zu Sabbat, von Feiertag zu Feiertag ablaufenden Rhythmus macht den Kiibbuz jüdisch." Danach sollte man meinen, daß man auch in der Gruppe „jüdisch" leben könne, wenn man nur wolle, aber an benachbarter Stelle spricht Maybaum dem „Gemeinschaftsmahl des Frühchristentums" jede ins Jüdische zurückführende Chance ab. So bleibt die Frage offen: Wenn Bund und Kibbuz sozialökonomisch zugegebenermaßen notwendig, .aber jüdisch von den Grundlagen her illegitim sind, wo MegtNiie jüdische Zukunft einer ganzen Generation? Was heißt „Gemeindejugend;"? Heißt es Lerngemeinschaft? Das wäre die Verbindung des Volksgedankens mit der Lehrhausidee, eine höchs.t fruchtbare Verbindung, wie man hoffen darf. Aber nicht der Rezensent' in ein paar Zeilen, sondern der Autor muß sie herbeiführen. Die fehlerhafte Jugend aller Generationen läßt sich gern kritisch ansprechen, aber sie erwartet als 'nächstes Buch eine paschuie Anweisung, wie man's machen soll, von dem Rabbiner aus Berlin. KEREN KA3EMETH LEJ\SRAEL Im November Büchsenleerung des KKL Die blaue Buchse in jedem jüdischen Haus erwirbt den Boden Palästinas für unsere Heimstätte. JÜDISCHER NATIONALFONDS E.V., ZWEIGSTELLE MÜNCHEN, Schlosserstr. 2/1