Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-15 · 22 (15.11.1936) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
22 (15.11.1936)
Date
1936-11-15
Page
Seite 479 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728050-2728072--10896-2744284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

£ntjccifri)c 3fcoclitifd)c ßcmcmÖcjcitung Ma^tutyten&tottflet^^^ imfl öe$ Öet60ttfle$ Itoöetffdjec Jfcaclitiftfjcr <&mrinöen Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 15. November 1936 Nummer 22 Inhalt: Bildung und Bildungsmöglichkeiten — Neue Jugend und alter Glaube — Die Auffassung jüd. Geschichte — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Bücherschau — Jüd. Kulturbund in Bayern (Ortsgruppe München) — Mitteilung des Jüd. Lehrervereins für Bayern — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Isr. Gemeinden: Bekanntmachung über Ausdehnung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Sugenheim auf das Gebiet der Gemeinde Ullstadt — Personalia. Bildung und Bildungsmöglichkeiten Eduard Strauß war-der Berufene zu .den Älteren und Jüngeren der Münchener Gemeinde von den jüdischen Bildungsauigab'en und Wissenswegen im Geiste Franz Rosenzweigs zu sprechen. Seine Worte waren der Auftakt zu dem „Lehrhaus", das die Münchener Kultusgemeinde errichtet hat und wodurch ein Ausbau der bisherigen „Lehrkurse" erstrebt wird. Die Gemeinde München ist damit anderen Großgemeinden gefolgt. Die Gemeinden München und Dresden haben soeben ungefähr gleichzeitig „Lehrhäuser" geschaffen. Für München gelten .in der gleichen Weise die Sätze, die die Gemeinde Dresden unterm 1. Nov. dieses Jahres über Sinn und Grenzen eines „Lejiriiauses" in unserer Zeit an ihre Gemeindemitglieaer richtete: „Für viele unserer Menschen haben die Ereignisse der letzten Jahre auch eine Umwandlung ihres geistigen Lebens bedeutet. Infolge der Gesetzgebung sind viele Juden aus den geistigen Berufen herausgedrängt; die Aussichtslosigkeit, in einem geistigen Beruf fernerhin ihr Brot verdienen zu können, hat die Jugend veranlaßt, die Schulen zu verlassen. Universitäten zu meiden. Die Zahl der „von Beruf geistigen Menschen nimmt ab. Hand in Hand damit geht eine Mißachtung der geistigen Bildung überhaupt. Mit der Hinwendung zu „praktischen" Berufen geht zu einem großen Teil das Streben nach geistiger Bildung verloren. In dieser Entgeistigung des Lebens sehen wir eine Gefahr. Der gebildete Mensch ist gegenüber dem ungebildeten der menschlich höher zu wertende. Bildung bedeutet immer die Gestaltung des rohen Stoffes. Durch die Bildung soll auch der Mensch als ein körperlich wie geistig bildungsfähiges Wesen sich zur möglichen Kulturhöhe entwickeln. Der gebildete Mensch ist aber auch der reichere Mensch. Er sieht mit geöffneten Augen, er versteht das Leben besser, er wird sich seines Menschentums mit mehr Freude bewußt. Das Erziehungsideal des Judentums ist gekennzeichnet durch das Wort „Thora im derech-erez", d. h. geistig religiöse Bildung, verbunden mit weltlicher Beschäftigung. Nicht der Nur- Gelehrte. aber auch nicht der Mensch, der nur seiner Arbeit lebt (am haarez), bedeutet den höchsten Menschentyp. Der Mensch soll immer wissen, daß er der irdischen und der geistigen Welt zugleich angehört. Die Abwendung vom geistigen Schaffen und die seelische Verarmung, die damit verbunden ist, müssen uns heute mit Sorge erfüllen. Nicht allein das Wissen um jüdische Dinge ist gering geworden, auch der allgemeine Bildungsstand geht immer mehr zurück. Die Gemeinde ist sich ihrer Verpflichtung bewußt, jeder Not, der geistigen sowohl wie der körperlichen, nach Möglichkeit zu steuern. Unter dem Namen „Jüdisches Lehrhaus1' sind in anderen Gemeinden bereits solche Einrichtungen getroffen. Wenn auch bei uns der Name „Jüdisches Lehrhaus" geprägt wird, so geschieht das aus dem Grunde, die neuen Einrichtungen in das Gesamtgefüge der geistigen Arbeit des Judentums in Deutschland einzuordnen. Wir sind uns dabei dessen bewußt, daß weder die Zahl der Lehrenden noch der Lernenden so groß sein wird, um den Namen zu rechtfertigen. Immerhin mag der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß die Kraft und der Wille der geistig Schaffenden die große Zahl ersetzen." Soweit die Gemeinde Dresden! Von Eduard Strauß haben wir viel weniger resignierte Worte über das Unternehmen eines „Lehrhauses" gehört. Wir erinnern uns der Sätze, die Franz Rosenzweig vor 10 Jahren seinem Freunde Eduard Strauß zum 50. Geburtstag geschrieben hat. „Es war ja das Große Deiner Bibelstunde für mich, daß ich durch sie eigentlich zum ersten Male in meinem Leben vor den reinen Text in seiner Nacktheit ohne traditionelle Bekleidungsstücke gestellt wurde... Deine Bibelstunde hat mir zuerst gezeigt, daß das möglich ist..." Und ein andermal schrieb Rosenzweig an einen Freund: „...wenn Sie, wie ich neulich die Bibelstunde mitangehört hätten, die Strauß wöchentlich vor ca. 30 liberalen Zwanzigjährigen hält, so würden Sie vielleicht zugeben, daß es auch Worte gibt, die Taten sind." Vortrag Rabbiner Dr. Leo Baeck Samstag, den 28. November in der Synagoge Herzog Max-Sir. Beginn 2015 Uhr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.