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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-15 · 22 (15.11.1936) · p. Seite 481

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
22 (15.11.1936)
Date
1936-11-15
Page
Seite 481 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 481 Die Auffassung jüd. Geschichte Von-Dr. Willy Cohn-Breslau Innerhalb der Bücherei des Schockenverlages sind in jüngster Zeit zwei Bände herausgekommen, deren Verfasserdurch Generationen getrennt ihre Auffassungen von jüdischer Geschichte dem heutigen jüdischen Leser vorlegen. Es ist das Verdienst Ludwig Feuchtwangers, daß er die Geschichtskonstruktion des jungen G r ä t z * dessen gewaltiges Geschichtswerk Jahrzehnte hindurch die Kenntnis, von jüdischer Geschichte vermittelt hat. für uns wiederentdeckt hat. Der Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem Fritz Baer, dessen grundlegende Forschungen zur Geschichte der spanischen Juden dem Fachmann wohlbekannt sind, versucht eine Deutung der Galuth.2 Bei der Beurteilung der Geschichtstheorie des jungen Grätz muß man im Auge behalten, daß sie im Jahre 1846, also vor genau 90 Jahren, das erste Mal veröffentlicht worden ist. daß Heinrich Hirsch Grätz damals 29 Jahre alt war. Er schrieb diese Gedanken also nicht nieder, nachdem er sein eine ungeheuerliche Leistung darstellendes Werk der „Geschichte der Juden" vollendet hatte, sondern als er sich darauf vorbereitete. Sie ist gewissermaßen das Programm des großen Werkes, das er aber nachher nicht innegehalten hat, weil er sich zu einer anderen Auffassung durchrang. In semer Skiizze versucht Grätz, das Judentum noch einmal, schon Jahrzehnte naeh> Beginn der Emanzipation, religiös-konservativ zu einigen. Wohl stand der Verfasser nicht mehr auf dem Standpunkt seines Lehrers Samson Rakel Hirsen, in dessem Haus er sich durch drei Jahre hindurch auf das Tiefste geschult hatte. Als er diese Schrift niederschrieb, hatte Grätz die Methoden moderner Forschung an der Universität Breslau in sich aufgenommen, und das religiöse Judentum strengster Observanz war nicht mehr das ihm vorschwebende Ideal. Grätz ibeginnt temperamentvoll seine Ausführungen mit den Worten: „Was ist Judentum?" — „Diese albern scheinende Frage dürfte so manchen nicht minder verblüffen, der mitten im Judentum stehend seinen Inhalt erschöpfend zu kennen wähnt, als die Frage: Was ist Wahrheit? schon manchen in Verlegenheit gebracht hat, der die Wahrheit mit Löffeln in sich aufgenommen zu haben glaubte. Was ist nicht alles schon für Judentum ausgegeben worden, seitdem es Objekt des konstruierenden Gedankens wurde!" Baer verfolgt vom Geschichtsbild des spätantiken Judentums ausgehend die Entwicklung der Gakth durch die fast 2000 Jahre der Zerstreuung. „Das Wort .Galuth', so sagt er, „umfaßt eine Welt von Tatsachen und Vorstellungen, die sich in jeder Epoche der jüdischen Epoche erneuert, vertieft und verflacht hat. Politische Knechtschaft, Zerstreuung, Sehnsucht nach Befreiung und Wiedervereinigung, Sünde, Buße und Versöhnung: das sind die -großen Linien, die das Wesen der Galuth bezeichnen, solange sich überhaupt noch ein wirklicher Sinn mit dem Worte ___.! ' i .'4 1 Heinrich Grätz: Die Konstruktion der jüdischen Geschichte. Eine Skizze mit Fußnoten und einem Nachwort von Ludwig Feuchtwanger. Bücherei des Schoc'kenverlages Nr. 59. Berlin im Schockenverlag 1936. Preis RM. 1.25. 2 Jizchaik Fritz Baer: Galuth. Bücherei des Schockenverlages Nr. 61, Berlin im Schockenverlag, 1936. Preis RM. 1.25. verbinden läßt." Er schildert die Galuthlehre der Kirchenväter, geht vom Altertum zum Mittelalter über, greift aus dem Zeitalter der Kreuzzüge die für die Galuthgeschichte wichtigsten Gedanken heraus, schildert die Stellung eines Jehuda Halewi, eines Mosch e ben Maimon und arbeitet nach der Wende des Mittelalters die neue Erlösungshoffnung heraus. Aus dem letz^ ten Teil interessiert dann besonders die Gesatlt des Schabbetad Zwi. Baer führt dann seine Gedanken vom alten Glauben zu einem neuen Geschichtsbewußtsein durch. Aus seiner Darstellung tönt uns für unsere heutige Lage ein wesentliches Ergebnis entgegen. Die Galuth hatte für die Juden in dem ungeheuren Zeitraum, den sie umfaßte, niemals eine selbständige. Sinngebung. In jeder Generation fühlte sich, vielleicht mit Ausnahme der sogenannten Emanzipationszeit, der Jude unterwegs und sah seinen Aufenthalt als vorübergehend an. Die messianische Tradition war es, die eine Generation zur anderen geleitete. Baer stellt deutlich heraus, daß unsere Zeit das Ende der Galuth zu fordern hat. Wir legen damit nicht unsere Wünsche früheren Generationen unter, sondern „ziehen aus deren Tendenzen die Folgerungen, die sich aus der veränderten seelischen Haltung bei unveränderter politischer Lage ergeben". Leider kann man bei aufmerksamer Verfolgung der verschiedenen jüdischen Strömungen der Gegenwart feststellen, daß Richtungen, von denen wir glaubten, daß sie eigentlich schon längst erledigt wären, sich wiederum bemerkbar machen. Man möchte so gern in denjenigen Kreisen, die gefühlsmäßig dem Aufbau Palästinas fernstehen, der Galuth eine neue Sinngebung unterlegen, gewissermaßen die Galuth als Selbstzweck herausstellen. Diesen Tendenzen gegenüber kann nicht scharf genug betont werden, daß solche Gedankengänge den gesamten Sinn jüdischer Geschichte widersprechen und geeignet sind, neuen Wirrwar in den Köpfen anzurichten. Insofern ist Baers Buch durchaus zu begrüßen. Zu beiden Geschichts'konstruktionen aber möge vom Standpunkt des Historikers, nicht des Geschichtsphilosophen, ein grundsätzlicher Einwand erhoben werden. Der Geschichtsforscher wird seine Aufgabe vielmehr in der Erforschung der Tatsachen selbst als in den Gedanken über sie sehen. Wenn man auch heute Grätz' gewaltiges Geschichtswerk in den meisten Teilen als überholt anzusehen hat, so muß man doch gerechterweise anerkennen, daß Grätz abseits philosophischer Konstruktion nach Niederschrift eben dieser eingangs skizzierten Schrift sich der Forschungsarbeit gewidmet hat. Von Prof. Baer ist uns eine Darstellung der Geschichte der Juden in Spanien in Aussicht gestellt. Hier wird der Verfasser auf Grund der erwähnten Quellenforschung zweifellos ein Werk schaffen, das über eine Epoche, über die wir bisher sehr schlecht unterrichtet waren, neues Licht verbreiten. Die Aufgabe der nächsten Forschergeneration wird es sein, ein umfassendes Geschichtswerk jüdischer Geschichte zu schreiben, das die Ansprüche moderner kritischer Forschung befriedigt. Erst wenn dieses einmal vorliegen wird, dann wird man sich über den Sinn jüdischer Geschichte vielleicht wieder einmal Gedanken machen können. Zunächst aber heißt es für uns alle, ehe wir über die jüdische Geschichte nachdenken, uns die Grundlagen von ihr überhaupt zu eigen zu machen, es heißt die jüdische Geschichte lernen, ehe wir über sie nachdenken. So wird nur ein kleiner Teil der jüdischen Menschen der Gegenwart sich ein Urteil bilden können, inwieweit die Auffassungen von Grätz und Baer anerkannt werden können. ■ A/V'>/V^^'X/VX/A/V'X/X/Vr\/V'V/X/^^ «Jüdische Winterhilfe Trotz unserer wiederholten Aufrufe ist bis jetzt eine außerordentlich große Anzahl von Verpflichtungsscheinen noch nicht eingegangen. Im Interesse unserer Hilfsbedürftigen bitten wir nochmals dringend uns baldmöglichst die Verpflichtungsscheine zurückzusenden. Jüdische Winterhilfe der Israelitischen Kultusgemeinde München, Herzog Max-Str. 5 Postscheck-Konto München Nr. 45842 |VV\^AATVVVVVVVV\^^^A^^A'VVVVVVVVVVVVVVVVV\AA^

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