Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- Seite 222 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Zu den Ereignissen in Erez Israel Unsere Leser haben aus der jüdischen Presse und den Tageszeitungen entnommen, daß verschiedene Teile Palästinas, des Landes der Hoffnung von Tausenden von Juden in aller Welt, in den letzten Wochen von Unruhen heimgesucht worden sind, hervorgerufen durch die Spannungen zwischen der jüdischen und arabischen Welt. Über 20 Juden haben in diesen Kämpfen ihr Leben lassen müssen, viele Mitglieder des Jischuw liegen verletzt in den Krankenhäusern des Landes. Voll Trauer neigen sich auch die Juden in Bayern vor diesen Opfern. Sie hoffen und wünschen, daß es gelingen möge, recht bald zu einer vollen Befriedung der Verhältnisse in Erez-Israel zu gelangen, damit das Land der Väter im Geiste des Judentums erschlossen wird — im Geiste des Friedens. Manches Breslauer Kind wird sich des schlichten Mannes mit dem silberweißen Haar und den großen hellen Kinderaugen noch erinnern, dem man allsabbatlich auf der Promenade an der Wallstraße begegnen konnte: oft allein, öfter noch im Gespräch mit Schülern oder Freunden... bei jedem dritten Schritte blieb er stehen, wenn sich im Laufe der Unterhaltung ein neues Problem ergeben hatte, das erst „geklärt" werden mußte. Denn er hat auch damals bestimmt niemals sich durch den Anblick der grünenden Bäume oder des rieselnden Stadtgrabens im „Lernen" stören lassen. Gelernt hat er sein ganzes Leben hindurch: erst als Rabbiner in mancher Stadt des westlichen und östlichen Deutschlands, endlich in seiner friedlichen Arbeitsmuse im Jüd. Theol. Seminar in Breslau, wo er im Umgang mit gleichstrebenden Forschern und Schülern die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Sein Leben lang hat er nach dem Worte unserer Lehrer Wasser getrunken und Brot mit Salz gegessen, um sich mit aller Kraft dem Studium der Lehre hinzugeben; schon als Kind hörte ich, wie er mit seinem letzten Gelde vierter Klasse Tag und Nacht hindurch nach Wien gefahren sei, um die dortigen Talmud-Handschriften zu vergleichen ..., während daheim seine tapfere Frau gleich der Gattin des chassidischen Rabbi, von der uns erzählt wird, Feuer im Ofen anmachte, auch wenn sie nichts zu backen hatte, damit die Nachbarn nicht wüßten, wie kärglich es zuging... Damals veröffentlichte er seine noch heute wertvolle Tosefta-Ausgabe (Pasewalk 1881), der er später vielfache Ergänzungen folgen ließ. Seine große These, die bis heute nicht anerkannt aber auch nicht widerlegt worden ist, lautete: die Tosefta sei nicht, wie man bisher annahm, ein späterer Zusatz, sondern die Quelle des jerusalemitischen Talmuds, während die heutige Mischna in Babylonien neu redigiert worden sei. Dieser Grundgedanke seiner Forschungsarbeit beschäftigte ihn unaufhörlich; gern erzählte er, daß der große Kenner des talmudischen Schrifttums, Micha Josef Berditschewky und andere, zum Teil auch nicht jüdische Forscher ihn gebilligt hätten. Schlicht und kindlich fromm in der Beobachtung altjüdischer Lebenssitte, verteidigte er doch furchtlos und fast verwegen das Recht der wissenschaftlichen Kritik..., ähnlich wie der andere große Breslauer Talmudist Israel Lewy, dem ein Freund einmal sagte: „Ich bitte Dich: laß Lewy nicht hören, was Lewy hier gesagt hat..." Levinger Zigarren naben ihre Stammkunden! S. LEVINGER, Bayersir. 21 im Hoiel Rheinischer Hof Gegr. 1886 Fernsprecher 54897 Mitten in den Stürmen des Weltkrieges ist sein äußerlich friedvolles, innerlich kämpf reiches Leben zu Ende gegangen. Aus den Brettern der Laubhütte, die er selbst alljährlich sich im Seminargarten zu errichten pflegte, hat man ihm nach seinem letzten Wunsche den Sarg gezimmert. Ein großer Teil seiner Kinder und Enkel lebt und arbeitet heute im Lande Israel. Bertha Badt-Strauß. Aus der Gemeinde München Oberrabbiner Joseph Carlebach (Hamburg) in München. Von den zahlreichen Vorträgen und Veranstaltungen aller Art, die uns in den letzten Monaten in München beschieden waren, haben auf viele die Stunden, in denen Herr Oberrabbiner Joseph Carlebach (Hamburg) sprach, den nachhaltigsten und tiefsten Eindruck gemacht. Am Sabbat-Nachmittag („Achre Mos und Kedoschim") trat Rabbiner Carlebach zunächst vor die Münchener jüdische Jugend und wußte sie in der Stoffwahl und in der Art seines Vortrages zu fesseln und zu begeistern. Anschließend an den Gesang des kurzen Psalm 133 („Wohlan, wie gut und wie mild ist's, wenn Brüder mitsammen auch siedeln") und an den Tora-Vers (Lev. 19, 18: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst") erklärte er das Schriftwort lebendig, gegenwartsnah und den Jugendlichen greifbar und einprägsam. Die Midrasch-Lehrkurse für Jugendführer hatten typische Texte zum Gegenstand; trotz der Schwierigkeiten, in ein paar noch so instruktiven Stunden einen Begriff vom Wesen der midraschischen Schrifterklärung zu geben, wurde hier Interesse erweckt und gelehrt, wie man einem ungeschulten, nicht homogenen Kreis einen wichtigen Zweig jüdischen Lernens darbieten kann. Nach solchen wirklich beseelten exemplarischen Kursen wird jeder Teilnehmer seine Midrasch-Stellen, die ihm in Schreibmaschinenabschrift übergeben wurden, mit den Urtexten zu vergleichen und weiterzukommen suchen. — Prachtvoll war der Sonntagabend-Vortrag im überfüllten Museumsaal „Väter und Söhne". Das Generationenproblem, die ewige Korrektur der Sünden der Väter durch die Geschlechterfolge war das weitläufige Thema, das Rabbiner Carlebach wie ein großer Kanzelredner — hinreißend und mit homiletischem Schmuck aus dem reichen jüdischen Gedankengut und der Geschichte — behandelte. Die Melodie war das berühmte Schlußwort des letzten Propheten (Maleachi 3, 24): „Wohlan, ich sende euch Elija den Künder, bevor Mein Tag, der große und furchtbare, kommt, daß er umkehren lasse der Väter Herz zu den Söhnen der Söhne Herz zu ihren Vätern, — sonst komme ich und schlage das Land mit dem Bann." Abrahams und Isaaks Gang nach Moria (Gen. Kap. 22) und der Midrasch dazu waren das zweite Hauptmotiv der groß angelegten und den Gleichgesinnten zu Herzen gehenden Homilie. — Wir verehren in Oberrabbiner Carlebach nicht nur den bedeutenden religiösen Führer, sondern vor allem den wissens- und gedankenreichen Schriftsteller: seine drei letzten Auslegungen und Erklärungen biblischer Bücher sind Meisterwerke selbständiger und lebendiger Schriftexegese in streng toratreuem Geist: „Die drei großen Propheten Jesajas, Jinnia und Jecheskel" (Frankfurt, Hermon, 1932), ferner die prächtige Deutung und Übertragung ..Das hohe Lied" und zuletzt „Kohelet". Den Veranstaltern gebührt aufrichtiger Dank dafür, daß sie die Münchener Vorträge des Hamburger Oberrabbiners ermöglicht haben. F. Wirtschaftliche Frauenschule Wolfratshausen. Die Wirtschaftliche Frauenschule Wolfratshausen bittet, daß Besucher, die die Schule (besonders an Sonn- und Feiertagen) zu besichtigen wünschen, sich vorher anmelden und die Zusage abwarten. „Ziele der Staatszionisten" (Vortrag in München). In dem voll besetzten Sitzungssaal der Gemeinde verbreitete sich am 19. April Karl Rawicz (München) über die politischen Ziele der staatszionistischen Bewegung. Er schilderte zunächst die Entstehung der zionistischen Idee, ihre Verwirklichung durch Herzl und die Entwicklung bis zur Balfour-Dekla-