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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-05-15 · 10 (15.5.1936) · p. Seite 221

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
Seite 221 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 221 Blaue Karte für Hilfe und Aufbau. Je größer die Not, desto stärker die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe. Nur mit der Blauen Karte können die Äufgaben der Altersversorgung, Berufsumschichtung u. Auswanderung erfüllt werden. Kein Mitglied unserer Gemeinde ohne blaue Karte! Wir helfen uns selbst, wenn wir die blaue Karte erwerben. Es laasaus lahaschem! Jetzt ist's Zeit, und jetzt ist eine besondere Gnade, für Gott und das Judentum zu wirken. Jetzt brauchen wir Männer — ich sage dies rein persönlich, aus meiner Gesinnung und Überzeugung heraus — jetzt brauchen wir Männer, die erfüllt von den Ewigkeitswerten des Judentums, die beherrscht von der Größe und Erhabenheit des Judentums, fernab von zweckhaften Zugeständnissen an taggeborene Notwendigkeiten, das Judentum in seiner Ganzheit und Unbedingtheit, in seinem geschichtlich überlieferten Seinsinhalt und in seiner geschichtlich überlieferten Seinsform lehren und leben und — Kaul Haschern Bakauach Kaul Haschern Behodor'— die ganze Kraft und Klangfülle und die ganze Schönheit und Poesie des traditionsgebundenen jüdischen Lebens ihren Gemeinden aufzeigen. Ich halte aber auch dafür, daß es heute notwendiger ist denn je, daß die Lehrer und Wortführer des traditionellen Judentums mitten in der Gemeinschaft stehen, daß sie nicht nur in abgeschiedenen homogenen Zirkeln wirken, daß sie vielmehr in den großen Gemeinden und Verbänden und Gemeinschaften, überall, wo verantwortungsbewußte Männer zusammentreten, um jüdische Gemeinschaftsfragen zu erörtern, um jüdische Gemeinschaftsarbeit zu leisten, daß sie überall da, wo Entscheidungen fallen, die mitbestimmend sind für die Gestaltung des religiösen, kulturellen und sozialen Lebens, und die vor allem mitbestimmend sind für die Heranbildung und Ertüchtigung des heranwachsenden Geschlechts, ihre Stimme erheben, ihre hingebende Mitarbeit leisten und durch ihre Mitarbeit sich Einfluß verschaffen auf das, was zu erstreben ist und durch ihre Mitarbeit in immer weiteren Kreisen für das traditionelle Judentum werben. Es ist dies eine Aufgabe, die, wie ich denke, auch in dem Arewus-Prinzip, in dem religiös-ethischen Bürgschaftsprinzip ihren Verpflichtungsgrund hat. Aber lassen Sie mich an einem einzigen Beispiel zeigen, wie unsere alten Weisen darüber denken. Das jüdische Volk war in Sünde geraten. Es hatte das goldene Kalb angefertigt. Von Scham und Schmerz und Zorn übermannt, verließ Mosche Rabbenu das jüdische Lager. „Und Mosche nahm das Zelt und spannte es sich außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager..." Dabei dachte er: „Jeder, der Gott suchte, sollte hinausgehen in das Stiftszelt, das außerhalb des Lagers war." Gott aber, so sagen die Weisen im Talmud, sprach zu Mosche: Wenn Gott zürnt, und auch der Lehrer und Führer sich vom Volke abwendet, Jisroel ma teho alehem, was soll dann aus Israel werden, was soll dann werden aus den irrenden und suchenden und tastenden Menschen? Und Mosche sah seinen Irrtum ein „und kehrte in das Lager zurück". Dieser Ausspruch ist so aufschlußreich, daß er keines erläuternden Wortes bedarf. Daneben tritt heute an den rabbinischen Führer mit gebieterischer Notwendigkeit die Pflicht heran, dem einzelnen Menschen in seinen Sorgen und Nöten zu helfen, soziale Arbeit zu leisten, seelische Aufrichtung zu vollbringen. Es ist seine Aufgabe, dem bekümmerten jüdischen Menschen zu helfen, das Leid zu überwinden. Das Leid kann aber nur überwunden werden, wenn es in sittliche Energie verwandelt wird, wenn es zu einer dynamischen Kraft gemacht wird, die herausführt aus dem Bereich des Naturhaften und Schicksalhaften in den Bereich des Wirkenden und Schöpferischen, und aus der Begrenztheit des Eigenen und Persönlichen in die Weite der allgemein-jüdischen Aufgaben und Ziele, und die endlich herausführt aus der Enge der Gegenwart in die große Zukunft, die uns in Erez Israel erblüht. Zwei hervorragende Mischnalehrer greifen die Frage des Schriftwortes auf: „Und die Weisheit, woher wird sie gefunden?" Rabbi Elieser meint, die Weisheit habe ihren Sitz im Kopf. Rabbi Jehoschua: im Herzen. Jetzt brauchen wir die Weisheit des Herzens, um Zugang zu finden zu den beladenen und bedrückten Herzen. Erfolg, greifbarer und bleibender Erfolg, kann aber dem rabbinischen Wirken nur beschieden sein, wenn der Rabbiner eine treue, vertrauensvolle, friedliche und gefolgschaftsbereite Gemeinde hinter sich weiß und wenn er insbesondere bei den führenden Männern der Gemeinde rückhaltlose Unterstützung und Förderung findet. In dem dieswöchentlichen Thora-Abschnitt ist wiederholt von der „Schwingung" beim Opfer die Rede. Wie ging denn diese Schwingung vor sich? Wie die talmudische Halacha lehrt, schob der Kohen die eigene Hand unter die Hand der Opfernden und vollzog so mit diesen die vorgeschriebene Schwingung. Hier sind, so denke ich, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der rabbinischen Wirksamkeit aufgezeigt. Der Rabbiner kann nicht für die anderen den Weg gehen, der zu Gott und dem Heiligtum führt. Er kann nur belehren, anregen, anspornen, aneifern, führen. Er kann die müden und trägen Hände in Bewegung setzen. Er kann die eigene unter die Hand der ins Heiligtum Gekommenen legen und mit diesen gemeinsam die Schwingung vollziehen. Die Schwingung in die Höhe und die Schwingung in die Weite. Aber mit einer Hand, die sich krampfhaft zusammenballt, kann selbst ein Hohepriester nichts anfangen. Zum 100. Geburtstag von Samuel Zudcermandel Als Chaim Nachman Bialik in seinen letzten Jahren, schon von eignen Todes Ahnung überschattet, das Bild seines Vaters zu zeichnen unternahm, da fand er für das Wesen des Vaters kein besseres Wort als die Grabschrift auf dem ärmlichen Grabe im Köhler-Friedhof: „Hier ruht ein redlicher Mann". -its»i an e»n 3""s Nicht anders könnte man das Wesen des Mannes umschreiben, dessen hundertster Geburtstag in diese Tage fiel: des Talmudforschers und Rabbiners Moses Samuel Zuckermandel. Aber dazu kommt freilich, daß dieser bescheidene Mann all seine Tage im Banne einer Idee verbrachte: jener großen Entdeckung von der „Ur-Tosefta" als Quelle der Mischna, die ihm in jungen Jahren geglückt war — und in der er, umkämpft wie sie war, bis zum Tage seines Todes „die höchste Freude seines Lebens und den schönsten Lohn seiner Mühen und Kämpfe" sah.

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