Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 15 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Mid rasch im der Klage und des Zuspruchs Midraschim, der Klage und des Zuspruchs. Ausgew., übers, und eingeleitet von Max Dienemann. Bücherei des Schocken-Verlags 36. Lange Jahre hindurch war für die überwiegende Zahl der deutschen Juden.— selbst für die Orthodoxie unter ihnen — der Tischah-beiAw fern, verblaßt, ein 'historischer Gedenktag wie mancher andere auch. Der Sommer war so schön — unddie Wälder waren so grün; dazu fiel dieser Gedenktag gar so unbequem in die Zeit der Ferienerholung. Einzig auf der kleinen Nordseeinsel, die ihren jüdischen Kurgästen ihr rasches Aufblühen verdankte, sah ich damals als Kind schon ein kleines Häuflein von langbärtigen Juden sich in der . kleinen Betstube zusammenfinden, im trüben Halbdunkel, das durch die flackernden Kerzen auf den Pulten nur wenig erhellt wurde. Am Boden saßen sie und hatten die Schuhe zum Zeichen der Trauer ausgezogen, und am Abend wie am Morgen drangen die uralten Melodien der Kinoth, der Klagelieder über alle Zerstörungen und Katastrophen der jüdischen Geschichte an mein Ohr. Wer einen solchen Abend je als Kind erlebt hat,- der vergißt ihn nicht so leicht: nicht den schwelenden Geruch der Lichtstümpfe, nicht das Weinen der Frauen hinter ihrem Gitter — aber auch nicht das Aufatmen und Aufblitzen bei den immer wiederkehrenden Liedern des Vertrauens und der Zuversicht auf kommendes Heil, auf die Erlösung ..... trotz alledem und alledem! — Da gab es ein Lied — die Uber-. Setzung gibt nur einen schwachen Abglanz davon wieder, zumal die Hauptsache, der Nigun, fehlen muß. Aber jedem klingt es in den Ohren, der einmal diesen Tischah-be-Aw erlebte: da wird in jeder Strophe der Auszug aus Mizrajim, als Moscheh sein Lied am Schilfmeer sang und die Wolkensäule voranzog, dem unseligen Auszuge aus Jeruschalajim gegenübergestellt. Und auch dies glühende Trauerlied schloß mit den Worten: Einst wird mir Freude und Heil / Einst wird Glück mir zuteil / Wenn ich wieder kehr' nach Jeruschalajim... In die Vielfalt dieser Tischah-be-Aw-Stimmungen mitten .hinein führen uns die „Midraschim der Klage und des Zuspruchs", die einer, der von Jugend an mit diesen Schätzen vertraut ist, der Rabbiner Max Dienemann, für die Bücherei des Schocken-Verlages auswählte, übersetzte und einleitete. Dem allgemeinen Ziele dieser Bücherei, aus dem. unübersehbaren und schwer zugänglichen jüdischen Schrifttum aller Länder und Zeiten dasjenige darzubieten, was den suchenden Leser unserer Zeit unmittelbar anzusprechen vermag, wird dieser Band in hervorragendem Maße gerecht. Es ist ganz besonders hinzuweisen auf -die Einleitung Dienemanns, die über das Wesen des Midrasch in klarer und treffsicherer Sprache und geglückter Formulierung einiges Grundsätzliche mitteilt. Da wird, ausgehend -von der einfachen Bedeutung des Midrasch als Wort-Auslegung, zunächst der Unterschied zwischen halachischem und haggadischom Midrasch unter Heranziehung eines Wortes von. Franz Rosenzweig als „Eins und Doppelt" dargelegt. Von hier aus aber ergibt sich die merkwürdig kühne und verwegene Situation des Midrasch, der aus einer dialogischen Frage und Antwort heraus zu dem typischen Vorgange, eines „Rechtens mit Gott" gelangt. Eine Situation, die sich in ähnlicher Kühnheit immer wieder findet, wenn der Gottsucher zu unmittelbarer Gottesnähe und Gottesschau gelangt zu sein glaubt. So rechtet Mutter Rahel mit' Gott um das Schicksal ihrer -Kinder; unser Lehrer Moscheh kämpft um das Ziel seines Lebens und Mühens, den Einlaß ins Heilige Land — in einem sehr lebendigen Beispiele vom Midrasch von Abraham und Sara zeigt der kundige Führer, daß sogar eine lebendige und nicht ohne Humor ausgesponnene Korrektur des biblischen Textes dem Midrasch möglich ist. In allen diesen Vergegenwärtigungen aber offenbart sich das tiefste Geheimnis des Midrasch, ein Geheimnis, das er mit jeder in uns lebendig gebliebenen Sitte und jedem in uns lebenden Brauch unseres Judentums teilt: daß er unabhängig, wird von der Zeit und dem Raum — daß dank unserm Mitleben „das Geschehene in die Z e i 11 o s i g k e i t e m p o r g ehoben is.t, gegenständlich wird und gegenwärtig bleib t". Nicht unsere Väter allein sind aus Mkrajim gezogen, sagt die Haggadah des Seder-Abends; nicht unsere Väter allein sind aus Jeruschalajim vertrieben worden, sagt die Haggadah des Tischah-be-Aw. Diesem — wenn man so sagen darf — halachischen Midrasch der Einleitung Dienemanns folgt nun der eigentlich haggadische Midrasch: seine Übersetzungen aus den alten Quellen. Auch sie sind höchst; bedachtsam ausgewählt und sehr geschmackvoll übertragen. Und auch sie stellen jene Zweiheit des Tischahbe.'aw dar, wie ich sie damals an jenem Tischahbe'aw meiner Kindheit erlebte: den Gang von der tiefsten Verzweiflung zur', endlichen Tröstung und Hoffnung. Rabbi Akiba erscheint als Tröster, in der berühmten Sage, die unsere vier Lehrer Rabban Gamliel, R. Elieser ben Asarja, Rabbi Jehoschua und Rabbi Akiba zusammen den Tempelberg hinaufsteigen läßt. Ein Fuchs 'kommt aus der Stelle hervor, wo einst das Allerheiligste stand. Drei zerreißen ihre Kleider; Rabbi Akiba aber lacht. Denn, so sagt er, wie das eine Prophetenwort eingetroffen ist, so wird auch das andere Wort zur Wahrheit werden: daß „die Plätze der Stadt voll sein werden von Knaben und Mädchen, die auf ihren Plätzen spielen" — „Du hast uns getröstet, Akiba," so sagen die Drei; „mögest auch Du getröstet werden durch den Hall der Schritte des Glücksmärbringers"! B.B. St. Das Schicksal des deutschen Judentums in Briefen Jüdische Briefe aus drei Jahrhunderten. Franz Kobler, der vor kurzer Zeit im Saturn-Verlag (Wien) es unternahm,:;,J-u d e n Und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten" in einem stattlichen Bande von 415" Seiten — den man übrigens ohne weiteres noch um die Hälfte hätte vergrößern können — durch geschickt-ausgewählte Proben von Briefen von jüdischer und nicht-jüdischer Hand ' darzustellen, wollte mehr als nur eine überreiche Sammlung merkwürdiger Briefe geben. Auch die noch ungelöste Aufgabe, den-jüdischen Brief als einen Spiegel jüdischen Volksschicksals .in seinen entscheidenden Wandlungen zu kennzeichnen, genügte ihm nicht. Darüber hinaus MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister Manchen VII beabsichtigte er, die Entwicklung des Verhältnisses von Deutschen und Juden, die Durchdringung der beiden Volkselemente, ihre wechselseitige Anziehung und .Abstoßung im Verlaufe der letzten dreihundert Jahre an Hand brieflicher Urkunden darzustellen. -Und wirklich entstand durch die Verwendung dieses lebendigsten aller Darstellungsmittel ein höchst lebendiges Bild, das der Herausgeber selbst . einem historischen Drama in Briefen nicht mit■ Unrecht vergleicht. Wenn Kobler dies Drama in fünf Akte vielleicht ein wenig gewaltsam einteilt, so mag man gegen die Bezeichnung der einzelnen Abschnitte hie und da etwas einzuwenden haben — z. B. die Bezeichnung des IV. Aktes „Vom Wiener zum Baseler Kongreß" ist selbst für einen Zionisten schwer annehmbar; auch Akt III „Geschlossene Tore — offene Salontüren" scheint mir nicht ganz,,zutreffend. Aber die großen Linien stehen fest und viele Entwicklungen, deren Ergebnisse heute mit der Ger walt eines Blitzschlages manchen unter uns blendeten und