Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 15 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 329 betäubten, werden in ihren Anfängen deutlicher erkennbar aus dieser inhaltsreichen Sammlung. * * * Das Drama beginnt am Ende des jüdischen Mittelalters, im 17. Jahrhundert, da, wie wir schon sagten, der jüdische .Mensch sich zu allererst aus der Gesamtheit 'der jüdischen Gemeinschaft loszulösen begann. Aus dieser Zeit sind uns die ersten jüdischen Privatbriefe überliefert; ein in seinen Folgen für uns so aufschlußreiches postalisches Unglück, das eine ganze Judenschaft eines Tages ihrer Briefe beraubte (der Verlust eines großen Postbeutels von Briefen an Wiener Juden aus dem Jahr 1619), nur zu dem Zwecke, daß wir, die späten Enkel dieser unglücklichen Briefempfänger, eines Tages gewürdigt werden sollten, Aug in Auge mit den Urgroßeltern zu stehen und ihre Briefe zu lesen. In diesen Briefen, die Kobler wie billig sehr reichlich verwertet, gewinnen wir einen tiefen Einblick in das. Leben des deutschen und österreichischen Ghettojuden — einen ähnlich tiefen Blick ließen uns in unserer Zeit erst wieder die Lebenserinnerungen SChemarja Levins tun, besonders ihr erster Band „Kindheit im Exil". Da schreibt ein Vater an seinen Sohn — in jenem eigentümlichen Musivstil, den wir noch in Moses Mendelssohns hebräischen Briefen an seine gelehrten Freunde finden. Zwar nennt er ihn zu Anfang wie billig und üblich seinen „geliebten Sohn,1 den würdigen und ausgezeichneten, der von Stufe zu Stufe steigt"... Aber dann erscheint ein Brief, den sich der würdige Sohn wohl nicht hinter den Spiegel gesteckt haben wind. Denn der Vater ist eigentlich mit dem Sohne sehr unzufrieden. Nicht nur weil er nicht genug nach Hause schreibt — dies Los teilt er mit der Mehrzahl aller Väter aus allen Zeiten und Völkern. Aber da ist noch ein anderer Grund zur Unzufriedenheit — der Sohn lernt dem Vater nicht genug. „Du hast noch genug Zeit zum Handeltreiben, denn ich will es ganz und garnicht leiden, daß Du Geschäftl machen sollst — ich will Dir den besten Lehrer halten, den ich in Prag auftreiben kann.." Das ist allerdings für einen einfachen „Schacherjuden" — denn mehr ist dieser Mann aus dem Volke Chanoch Hammerschlag, von dem wir nichts mehr kennen als diesen Brief, sicher nicht gewesen, ein sehr merkwürdiger Brief. Denn er offenbart uns mit einem Schlag, wo das Ceterum des damaligen Judenlebens lag — nicht der Erwerb, war die Hauptsache, sondern das L'e r n e n. An diesen Brief des besorgten Vaters schließen sich viele Frauen-Briefe, die uns lebendiger als viele Geschichtsdarstellungen in das Leben der Judengasse hineinführen: fest zusammen hält schon damals die Familie, die Frau „hat kein Leben, wenn der Mann fern ist — er aber schreibt nicht so oft, und sie sorgt sich". Aus den Augen, aus dem Herzen... „Damit eine gute Nacht von Deinem lieben Weib, die keine Ruh in ihren Herzen hat, bis sie hört von Deiner lieben Gesundheit Aus jenen Jahren besitzen wir ein ganzes Buch solcher Frauenbriefe — es sind die Denkwürdigkeiten der Frau Glückel von Hameln, die eigentlich nur Briefe-an ihre Kinder sind, geschrieben in traurigen Nächten, wenn der Schlaf die Augen der Witwe floh. Es ist schön, 'daß Kobler hier wenigstens den eindrucksvollen Bericht über das Erlebnis Sabbatai Zewi, wie es sich im Hamburger Ghetto widerspiegelt, aufgenommen hat. Damit aber hat er schon den innersten Bezirk des Familienhauses überschritten und sich den Weg gebahnt zu jenen Männern, die zuerst wie die Mittler zwischen Ghetto und großer Welt auftreten, zu dem schioksalsvollen Dasein der „Stadtlanim", der „Hofjuden". Der fast allzu bekannte und häufig verzerrt dargestellte Hofjude Josef Süß Oppenheimer erscheint: in seinem Besitz (so sehr hat sich die Zeit und das Judenleben gewandelt!) fand man schon einen Briefsteller für galante Briefe — er hat durch einen aufrechten Tod ein makelvolles Leben gesühnt; aber auch der prachtvolle Samson Wertheimer aus Worms, Rabbiner und.Hoffaktor. der sich auf der Höhe seines Lebens in kluger Selbstbescheidung von dem durch ihn geschaffenen Unternehmen zurückzieht. Daneben aber durchbricht ein neuer jüdischer Stand die Mauern des Ghetto; jüdische Gelehrte verkehren mit ihren christlichen Berufsgenossen, die sich häufig an sie um Aufklärung in allen Gebieten wenden und an die sie selbst, wie etwa Henoch Fränkel an J. Chr. Wagenseil, sich wieder wenden, wenn die bisherigen Freunde und Forschungsgenossen f 2J<b, wie liegt \tc nun ct'nfam, bie ©tabt, bte cmji fo »olFseicb rotte! lEincc Witwe ifi jte gleitb geworben! £>ic £e«m bev Voiitc, bie ,fucfHn ber känber ifl jinsbac gcifccurben! Sic weinet in bet Vtacbt, Tränen tfnb auf ibtretr lüange; Feinet: »on allen ibeen ^ceunben tröget fte; ihre "üecteauten tfnb alle r»on ibc abgefallen, 1tnb ibre $einbe geworben. X>ectcieben ij*3uba,butr<b JHlenb unb fdjtDeren Stierifc es voobnt untec ben Völtevn, ftnbcr Feine 2vube; alle feineVerfolger haben es erreicht in bcr25cbrangnis. Rlagelieber. plötzlich „einen starken Haß gegen unsre Brüder, das Haus Israel" offenbaren. Wieviel Enttäuschung und Stolz leuchtet aus diesen Briefen! * * * Mit dem Zeitalter der Aufklärung ward diese festgefügte Welt zerschlagen — vielmehr: sie mußte weichen, um neuen Ausblicken und Erweiterungen Platz zu schaffen. Wir neigen heute, da wir vielleicht am Ende der Epoche stehen, die damals von der Aufklärung eingeleitet wurde, begreiflicherweise dazu, die Errungenschaften dieses Zeitalters gering zu schätzen, gegenüber dem Verlust an jüdischer Einheit der Lebensführung und der Weltanschauung, den es mit sich brachte. Sicher neigt auch Kobler, ganz besonders in seiner Darstellung des Judentums im 19. Jahrhundert, dazu, wo. die immer wiederholten Kämpfe um die Emanzipation vielleicht allzu sehr zurücktreten gegenüber dem endlichen Kampfe um die Wiedergewinnung des verlorenen jüdischen Volksbewußtseins. Vielleicht haben wir hierin eine gesunde Reaktion nach der Überschätzung dieser „Errungenschaften des Fortschritts" zu beobachten; aber jedenfalls durfte sie nicht zu einer einseitigen Auswahl der Briefe aus den letzten Jahrzehnten führen, die über Gestalten wie Brandes, Landauer, Rathenau und ihren allerdings sehr kennenswerten Briefen doch Entwicklungen wie Cohens und Franz Rosenzweigs „Heimkehr zum Judentum" vergaß. Dennoch bin ich nicht der Meinung, daß, wie ein Beurteiler meinte, sich durch diesen Mangel eine lange Mühe selbst um ihre eigentliche Frucht gebracht habe; ich sehe in diesen Weglassungen vielmehr eine leicht zu bessernde Lücke, die eine zweite Auflage dieses reichen Buches sicher ausfüllen wird. B.B.-St. Das Mal der Sendung „Das Mal der Sendung." Der Lieder des ewigen Brunnens Neue Folge. Von Fritz Rosenthal (Ben- Chorin). München (Verlag B. Heller) 1935. Preis RIM. 1.80. Diese neue Sammlung von Gedichten Fritz Rosenthals (Ben- Chorins) wird von einem U/mschlagbilde. begleitet, das mit dem Inhalt des Buches nur symbolisch, verbunden, ist, aber mit seiner Eigenart wachsend nachwirkt. Dfe beiden Masken von Maria Luiko deuten auf das Wesen des Kampfes um" ewiges ■ und zeitliches Judentum, als stumme, rätselvolle Hülle, hinter \ der die Verse des Dichters warten.' Ein altjüdischer, rabbini- \ scher Typ die eine, mit dem still wissenden, duldsamen Lä- \ cheln — die andere mit ihrer dumpf vernagelten Drohung, ihrer fanatischen Spitzigkeit lastend vertraut. Man wendet sich von diesen tiefen Masken dem Buche zu. und findet klare, oft zwingende Bekenntnisdichtung. „Das Mal-