Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 15 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 327 eindeutigen' Klarheit der Bibel entwirrt. G'tt bleibt in der Transzendenz. Die Urmächte des geistigen, seelischen und vitalen Daseins, deren Dynamik und gegenseitige Bezogenheit in der tiefsinnigen- Sefirot-Spekulation durchdacht wird, sind zwar Manifestationen G'ttes, aber nicht identisch mit G'tt. Die Machschawa (der Gedanke) G'ttes bleibt unanschaulich und wird noch tiefer gelagert als die Merkawa (der g'ttliche Thronwagen), die der Inbegriff der kosmischen Mächte ist. 'Selbst die Vielheit 'der geistigen Urpotenzen ist nur eine Vielheit für die zerlegende Operation des menschlichen Denkens. Nur für immer höher steigende Meditation ergeben sich Stufungen. Die Sefirot an sich bilden eine Einheit. So wird selbst die Gefahr eines mythologischen Zwischenreiohes gemieden. Dies aber 'kann nur geschehen, weil die Urpotenzen des Weltgeschehens schon von vornherein, anders als im Mythos, geistig, nicht biologisch, worthaft, nicht bildhaft, gefaßt werden. G'ttes Wort bleibt die alleinige kosmische Kraft. Der biblische Ausgangspunkt ist festgehalten. Ist die jüdische Mystik auch der zweiten Gefahr, der der Magie, glücklich entgangen? Die Bibel selbst spricht ebenso scharf gegen das Magische wie gegen das Mythische. „Es gibt keine Zauberei in Jaakow und kein Oräkeltum in Israel; zur Zeit wird Jaakow und Israel verkündet, was G'tt im Werke hat." Mosches Frage an G'tt: welchen Namen soll ich den Kindern Israels von Dir überbringen?, erfährt die Antwort: Ich werde da sein, als welcher immer ich da sein werde. Der vierbuchstabige G'ttesname empfängt hier eine Deutung, die jede magische Verwendbarkeit seiner geheimen Potenz von vornherein ausschließt. Der Mensch empfängt von G'tt das Geheiß und die Verheißung. Das Heil des Menschen ist im demütigen Gehorsam gegenüber der Weisung beschlossen. — Soll aber die mystische Spekulation sich mit der Disziplin der Gesetzeserfüllung begnügen? Wie kommt es, so muß sie vielmehr fragen, daß bestimmte Handlungen das Wohlgefallen G'ttes erregen? Inwiefern bedeutet die Darnahung (das Opfer) eine Annäherung an G'tt? Welches sind die inneren Gründe der Gebote? Wie kann man es verstehen, daß das aus der Asche der roten Kuh bereitete Entsühnungwasser wirklich eine Entsühnung und Reinigung bewirkt? Im Midrasch wird einmal diese letztgenannte Frage einem Nichtjuden in den Mund gelegt, der R. Jochanan b. Sakkai um Aufschluß bat. Die gültige Lösung des Problems formuliert dort der Meister gegenüber seinen Schülern mit den Worten: Bei eurem Leben, nicht ists der Tote, der verunreinigt, und nicht sinds die Wasser, die Reinheit spenden, sondern der Heilige, er sei gesegnet, hat gesprochen: Satzung habe ich gesetzt, Verordnung verordnet, du hast keine Vollmacht, sie zu übertreten. Aus solchem Geist heraus hat sich die Halacha frei von der Mystik entfaltet. Das Sosein der Gesetze wird nicht mystisch fundiert, sondern dialektisch entwickelt. Erst jenseits de Halacha beginnt die mystische Spekulation über ihren Sinn. So wird das Gesetz zwar nicht mystisch begründet, aber ins Mystische transponiert. Das System der 613 Gesetze erfährt seinen Einbau in kosmische Räume. Die Halacha bekommt ihre dritte Dimension. Man denke daran, was die jüdische Mystik aus dem Sabbatgesetz gemacht hat. An diesem Glanzstück mystischer Gesetzesspekulation wird so ganz deutlich, wie schon bei den Propheten — man erinnere sich an den Begriff des Oneg Schabbat bei Jesaja — und dann in immer stärkerer Intensität aller Glanz kosmischer Bedeutsamkeit in dieses von der Halacha hingestellte Gefäß gesammelt wird. An einem andern Beispiel aber kann verdeutlicht werden, wie hinter der mystischen Erklärung der Gesetze die Gefahr der Magie lauert. Schon früh ist die „Mesusa" als ein Schutemittel des jüdischen Hauses aufgefaßt worden. Der irdische König, sagt der Talmud, läßt sich von seinen Dienern an der Schwelle des Palastes beschirmen. Der König der Welt, G'tt, verfährt anders. Er steht an der Schwelle der Häuser und beschirmt seine Diener. Die Vorstellung eines Schutzes, den die Mesusa gewährt, braucht, wie ein Kommentator des Maimonides sagt, keine Magie zu bedeuten. Sie meint in schlichter Weise nichts anderes, als daß G'ttes Gnade den beschütze, der sein Gebot ____„ihr sollt sie schreiben an die Pfosten eurer Häuser" getreu erfüllt. Nichtsdestoweniger ist durch mystische Spekulation die Bedeutung der Mesusa von manchen magisiert worden. Ja, es gibt sogar alte Handschriften, in denen dem Mesusa-Sohreiber genaue Anweisungen über die zum Gelingen? %m 9. flb von 25en=C^octtt 3Des Sommers beiger 2Item fengenb fd)naubt Um mocfcben tftauertoerfes butnpft i£nge. — 2tus buflern XOiniein bringen 2Sujjgefänge Vtvvoaifttn Volis, bas feiner Pra<bt betraubt: ,/Hd), wie ftQt jte ocrlaffcn, 5>ie Stabt, bic etnfl »oIrrei<b war; Tob fallt unb 25vanb ibre ©äffen Klageruf in ben (Belagen Um ber J£rfd)Iagenen @tbar .. %uf narfte J£rbe ge?auert Psalmobteret im Cboc 2Dcr 2iefl, ber 3ion betrauert, IDer 2vcfl, ber gebenFenb etrfcbaucrt, Weil er fein 3ion verlor. 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Der Umstand, daß die meisten Kabbalisten versichern, sie seien magischer Kräfte unkundig, darf nicht nur als Verschleierung ängstlich gehüteter Geheimnisse verstanden werden, sondern ist aus echtem biblischem Geist der Mantikfeindlichkeit heraus gesprochen. Hier verrät sich, wenn auch oft in scheuer Form, das lebendige Bewußtsein vom häretischen Charakter der Magie. Schließlich hat auch die sogenannte „praktische Kabbala" ihre eigentliche Stärke und das Pathos ihres Machtbewußtseins für die Herabziehung des messianischen Reiches in der Inbrunst des Gebetes und der Askese, fern aller Magie, eingesetzt. Die jüdische Mystik in ihrer Synthese von kosmischer Spekulation und praktischer Frömmigkeit trägt so in jedem ihrer Elemente das Spezifikum des Judentums aufbewahrt. Ihre stärkste Eigenart aber besitzt sie wohl in der Durchdringung dieser beiden Elemente. Die unio mystica, die sie lehrt, setzt kein Verströmen des Ich ins All, keine Aufhebung des Willens im Nichts voraus, sondern offenbart ihr Jüdisches in der Verschmelzung der Kontemplation und verantwortlicher Tat, in der Zurückführung aller Spekulaton auf den Boden der Thora.