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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-07-01 · 13 (1.7.1932) · p. Seite 201

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
13 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 201 Gelehrter in seinem Fach, aber ein universeller Geist, der stets bemüht war, mit der Wissenschaft und Kunst seiner Zeit in Verbindung zu bleiben. Es war ihm das seltene Glück zuteil, daß er sein Leben ganz nach seinen Anlagen und Neigungen einrichten konnte. Nach Vollendung der Studien in seiner Heimat, widmete er sich in Breslau gleichzeitig mit Cossmann Werner der jüdischen Theologie unter solchen Meistern wie Zacharias Frankel und Heinrich Graetz, die ihm die Richtung für sein ganzes Leben und Arbeiten gaben. Dort nahm er jenen Geist des aufgeklärten jüdischen Konservatismus in sich auf, der ihn befähigte, tiefe Treue zur jüdischen Tradition mit feinem Verständnis für den Fortschritt der Kultur zu verbinden. Von dort brachte er die Begeisterung für die Erforschung der jüdischen Geschichte und der jüdischen Literatur mit, dort gewann er die Liebe für das Studium der semitischen Sprachen und Kulturen und die gediegene Methode ihrer philologischen Bearbeitung. David Simonsen war von Jugend an ein eifriger Büchersammler, über den Umfang und die kulturelle Bedeutung seiner reichhaltigen Bibliothek ist erst vor zwei Wochen in den dänischen Tageszeitungen berichtet worden, als er in hochherziger Weise seine Sammlung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen übergab. Aber er war nicht nur Besitzer seiner Bücher, er kannte sie auch gründlich und wußte in den verschiedenen Wissensgebieten vorzüglich Bescheid. Namentlich in den letzten dreißig Jahren, seit dem er sich von dem Amt des Oberrabbiners zurückgezogen hatte, widmete er die Muße, die seine philanthropische Tätigkeit ihm ließ, ganz und gar wissenschaftlichen Studien. Er liebte es nicht, Bücher zu schreiben, stellte aber bereitwillig anderen seine Mitarbeit zur Verfügung, und in gar manchem Buche findet man einen Dank an den bereitwilligen Helfer; in allen Verlegenheiten durfte man sich an ihn wenden, und von seiner ungeheuren Belesenheit sowie seinem nie versiegenden Gedächtnis Hilfe erwarten. Oft waren es ganz überraschende Kenntnisse entlegener Quellen und Notizen, mit denen er verblüffende Lösungen von Schwierigkeiten ermöglichte. Und wenn er zur Feder griff — es gab selten eine Festschrift im Kreise seiner Fachgenossen, für die er nicht zur Mitarbeit eingeladen wurde — durfte man von seiner umfassenden Gelehrsamkeit, geistigen Gewandtheit und lebendigen Darstellungsweise stets reiche Anregung erwarten. Seine umfassendsten Publikationen standen mit seiner Heimat in Verbindung. So schrieb er über die Skulpturen und Inschriften aus Palmyra, in der Carlsberg Glyptothek bekannt machte, 1889), die seinen Namen unter den Orientalisten bekannt machte, und veröffentlichte später gelegentlich des Internationalen Orientalistenkongresses in Kopenhagen Faksimilia von seltenen hebräischen Drucken der Kopenhagens Bibliotheken. Seinen Glaubensgenossen diente er durch die Bearbeitung der Talmudischen Ethik (Kopenhagen 1898) und der Jüdischen Legenden, durch die er mit dem Inhalt der Sittenlehre und der Glaubensmeinung der alten rabbinischen Lehrer vertraut machte. Zur Weckung des historischen Sinnes seiner Glaubensgenossen und zur Stärkung ihres Heimatbewußtseins gründete Simonsen mit anderen zusammen im Jahre 1917 die Tidsskrift for jodisk Historie og Litteratur, Zeitschrift für Geschichte und Literatur der Juden, deren Mitherausgeber und Mitarbeiter er blieb. Ein repräsentativer Gelehrter wie Simonsen wurde naturgemäß von all den internationalen Organisationen, die sich um die Erforschung des Judentums, seiner Geschichte und seiner Literatur bemühen, um seine Mitarbeit gebeten. Viele Ehrenämter wurden ihm übertragen, die er mit der ihn auszeichnenden Gewissenhaftigkeit ausfüllte. Als 1902 in Berlin die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ begründet wurde, berief sie Simonsen in ihren Ausschuß, dem er seitdem ununterbrochen angehörte. In wichtigen Kommissionen hat er, ganz besonders zusammen mit seinem 1919 verstorbenen Schwager Professor Jakob Guttmann in Breslau, an den großen Publikationen dieser Gesellschaft, z. B. dem Corpus Tannaiticum leitenden Anteil genommen. In ihrem Auftrag hat er auch das Werk Moses ben Maimon, Sein Leben, seine Werke und sein Einfluß (Bd. I 1908, Bd. 2 1914) mitherausgegeben. Als 1909 die Gesellschaft „Mekize Nirdamim“, die sich die Publikation alter hebräischer Literaturdenkmäler zur Aufgabe gestellt hat, wieder ins Leben gerufen wurde, wußten die zuständigen Gelehrten den Vorsitz keinem Würdigeren zu übertragen als David Simonsen, und er hat in der Tat keine Mühe gescheut, um selbst in den schwierigen Jahren des Weltkrieges und später die Tätigkeit dieser Gesellschaft, solange es irgend ging, fortzusetzen. Auch andere gelehrte Gesellschaften haben ihn zur Mitarbeit herangezogen, so z. B. war er korrespondierendes Mitglied der Jewish Historical Society of England. Ein Zeichen seiner allgemeinen Beliebtheit ist die ihm im Jahre 1923 gewidmete Festskrift i anledning af Professor David Simonsens 70-aarige Fosselsdag, zu der neben weltberühmten christlichen Gelehrten Dänemarks hervorragende jüdische Forscher aller Länder Beiträge lieferten. Uber seinen Büchern hat David Simonsen niemals die Menschen vergessen, und wenn er groß war als Gelehrter, war er noch größer als Menschenfreund und Wohltäter. Namentlich das tiefe Eiend der armen und verfolgten Juden in Osteuropa rührte ihm ans Herz, und er stand seit Jahrzehnten in vorderster Reihe unter denen, die sich um Hilfe und Aufbau für die unglücklichen Juden im alten Zarenreiche, in Rumänien und Galizien sowie im Orient bemüht. Auch hier gehörte Simonsen dem Voi stand großer Hiflsorganisationen, wie z. B. der Alliance Israelite Universelle an. Aber weit wichtiger als diese organisierte Hilfe wurde die persönliche Teilnahme, die er Tausenden und Abertausenden dieser Unglücklichen zuteil werden ließ. Kopenhagen war ja eine derjenigen Stationen, die von zahlreichen russischen Auswanderern berührt wurde, und Rabbiner Simonsen, ganz gleich, ob er noch im Amte war oder nicht, war der erste, an den sie sich um Hilfe wandten und der sie ihnen auch bereitwilligst bot. Besonders in den Jahren des Weltkrieges ist er ungezählten Flüchtlingen geradezu ein Vater geworden, hat er, als wäre er ein freiwilliger Delegierter des Roten Kreuzes, die Verbindung zwischen Angehörigen der feindlichen Länder mit nie versagender Geduld und Mühewaltung hergestellt und dadurch vielen Familien Trost und Aufrichtung gebracht. In den Kreisen der russischen Emigranten ist sein Name außerordentlich populär, wird er mit tiefer Dankbarkeit und Verehrung genannt. Als dann nach Beendigung des Weltkrieges eine Jüdische Welt-Hilfskonferenz (Conference universelle Juive de secour) begründet wurde, berief man ihn zum Stellvertretenden Vorsitzenden, und er hat, obwohl er damals bereits an der Schwelle des Greisenalters stand, mit voller Kraft an der Linderung des Elends und an der Verbesserung der Lage der Entwurzelten und Verfolgten mitgearbeitet. Als der junge Bankierssohn in Kopenhagen sich vor 60 Jahren dem Studium der jüdischen Theologie und Literatur widmete, erregte das unter den dortigen Glaubensgenossen Aufsehen; es war das erste Mal, daß einer aus ihrer Mitte, der im Vollbesitz der dänischen Bildung war, sich als Führer seiner Glaubensgenossen ausbildete. David Simonsen hat dem dänischen Judentum wertvolle Dienste geleistet, hat es im Innern konsolidiert, ihm nach außen Ansehen und Ehre verschafft. Seine und seiner Gattin hochherzige Verfügung, welche seine wertvolle Bibliothek einer öffentlichen Büchersammlung zum Geschenk macht, wird für eine dauernde Erhaltung der jüdischen Kultur in Dänemark unschätzbare Dienste leisten. Auf David Simonsen darf man die ehrende Nachrede jenes großen Dänen anwenden: Nehmt alles nur in allem, Er war ein ganzer Mann, Ihr werdet nimmer seinesgleichen sehen! G CAFE KONDITOREI I W Wf DER VORNEHME AUFENTHALT IM I I 1 STADTZENTRUM ■ WEINSTRASSE 4 TÄGL. GEÖFFNET VON 8 UHR VORM. 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