Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Die Ausgrabungen von Sodom und Gomorra Zw ei Berichte 7. Bericht aus Tel-Awiw an die „Kölnische Zeitung“ Selbst der strengste Bibelkritiker wird zugeben müssen, daß die meisten der in den geschichtlichen Aufzeichnungen des Alten Testaments geschilderten Vorgänge in ihren Hauptzügen wirklich Geschehenes berichten, ebenso wie in den alten Volkssagen sich oft noch Ereignisse aus grauer Vorzeit widerspiegeln, für die andere Quellen gänzlich fehlen, die sich aber doch noch an ihren Folgeerscheinungen mit hoher Wahrscheinlichkeit verfolgen lassen. Es sei nur an die in der Edda erhaltenen Reste der Nibelungensage erinnert, worin der gewaltsame Einbruch der Rheinfluten in ein Tal beschrieben wird, eine Andeutung, die entweder auf die Bildung des Bodensees oder des Neuwieder Bekkens zurückzugehen scheint. Es war also auch anzunehmen, daß es die Städte Sodom und Gomorra tatsächlich gegeben hat und daß sie durch eine Katastrophe zerstört wurden, die in der Erinnerung der Menschen fortlebte. Eigentümlich ist es, daß man bisher der Ansicht war, die Städte hätten in dem Tal gelegen, das jetzt durch das Tote Meer bedeckt ist. Das würde den Untergang von Sodom und Gomorra durch Wasserfluten bedeuten und nicht durch einen Regen von Schwefel und Feuer, wie es in der Bibel heißt. Das Fehlen eines tätigen Vulkans in der Nachbarschaft hat wohl hierzu Anlaß gegeben. Aber die Ausgrabungen, die vor kurzem auf Veranlassung des „Biblischen Instituts“ vorgenommen wurden, beweisen, daß in dieser Gegend tatsächlich in grauer Vorzeit menschliche Siedlungen durch Feuer zerstört worden sind. In dem bereits freigelegten Teil liegt überall eine dichte Aschenschicht über den Grundmauern der Häuser, und von den darin gefundenen Schmuck- und Gebrauchsgegenständen ist nur wenig unversehrt erhalten. Indessen genügt es doch, um festzustellen, daß die Bewohner bereits eine ziemlich hohe Bildungsstufe erreicht hatten, als ihre Wohnstätten vernichtet wurden. Indessen wird man sich hüten müssen, in den bei den Ausgrabungen gemachten Funden mehr zu sehen, als die nackten Tatsachen rechtfertigen. Selbst wissenschaftlich Gebildete sind bisweilen geneigt, ihrer Einbildungskraft bei „Feststellungen“ ein Mitbestimmungsrecht zu gewähren. Es sei nur an die am Berge Sinai gefundenen Tafeln erinnert, unter denen jedoch ein Forscher eine entdeckt haben wollte, worauf Moses der Königin Hatchepsut seinen Dank dafür abstattete, daß sie ihn aus dem Nil rettete. Es entbrannte darob ein heftiger Streit, der mit der Feststellung endete, daß die Inschrift unleserlich ist, daß jedoch einige der von dem genannten Entdecker gesehenen Schriftzeichen nur durch Zufall entstandene Risse im Stein sind. Auch als die Ausgrabungen der alten Stadt Ur in Chaldäa kaum begonnen hatten, wußte schon eine englische Zeitung, daß man das Geburtshaus des Erzvaters Abraham gefunden habe. Das war nicht etwa scherzhaft gemeint. Es wäre ja nicht nur interessant, sondern von großer Wichtigkeit, unzweifelhafte Belege für die Richtigkeit der biblischen Erzählungen zu finden. Leider sind derartige Entdeckungen sehr wenig wahrscheinlich. Aus dem tatsächlich Gefundenen können nur allgemeine Schlüsse gezogen werden. Aber auch diese sind von großem Wert. II. Bericht des vatikanischen Amtsorgans „Osservatore Romano“ aus Rom Das vom Vatikan ausgestattete Biblische Forschungsinstitut macht viele Ausgrabungen und Studien in Palästina. Der „Osservatore Romano“, das vatikanische Amtsorgan, teilt jetzt mit, daß bei den Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände der biblischen Stadt Sichern, die auf dem Bergpaß des Garizim stand und die Straße des Jordantales schützte, viele interessante Einzelheiten entdeckt wurden. Sichern ist von Völkern erbaut worden, die älter als die Juden sind, wahrscheinlich von den Hyksos. Jetzt sind die zyklopischen Stadtmauern aufgefunden worden. Sie zeigen klar den ausgesprochen strategischen Charakter der Stadt. Die Ausgrabungen haben aber auch zur Entdeckung jenes Heiligtums geführt, das dem berühmten Gott oder Götzen Baal geweiht war. Dieser Tempel wird als der größte Kanaans angesehen. Das ist nicht erstaunlich, weil Baal die meisten Anhänger hatte. Der Bau des Tempels geht in die Broncezeit zurück (etwa 1500 v. Chr.). Seine Zerstörung wurde durch Feuer verursacht. Das geht aus der genauen Untersuchung der aufgefundenen Trümmer und der zum Teil gut erhaltenen Tempelzellen hervor. Sie bestätigt die Darstellung im „Buche der Richter“, wo vom elenden Ende der Einwohner Sichems erzählt wird, ihrem Untergang beim Brande der Stadt. Ob auch Sodom und Gomorrha aufgefunden wurden, ist zu einer Streitfrage geworden. Die Entdeckungen der Jesuiten aus dem Biblischen Institut, die sie bei dem heutigen Teleilat machten, haben in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen erregt, gerade auch weil die Hypothese auftauchte, es handle sich um Sodom und Gomorrha. In diesen Namen lebt die Vorstellung aller Sittenverderbnis, aller Pracht, des größten Luxus, der vermessensten Hybris der Menschen, die ein Strafgericht Gottes herausfordern könnten. Wer aber reiche Stätten nach Art der Königspaläste Sardanapals zu finden hoffte, steht erstaunt vor einem ärmlichen Dorf von bescheidenen Ackerbauern. Kleine Häuser stecken halb in der Erde, Vorratskammern und Getreidelager sind in den Erdboden gegraben und blieben so von der himmlischen Zerstörung verschont. Der Herd in den Häusern ist primitiv nach Art der Araber. Die aufgefundenen landwirtschaftlichen Werkzeuge sind aus Stein. Die einfachen Gräber zeigen die Armut der Bewohner. Nichts von dem reichen Gerät, dem Schmuck und dem Prunk, wie andere Gräber es hatten. Die Funde, die dort gemacht wurden, haben auch die ältesten Malereien ans Licht gebracht, die im Becken des Mittelmeers, mit Ausnahme der ägyptischen Malereien, bekannt sind.