Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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200 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Redakteur aus Mainz zugemessen, der an einem schönen Maimorgen des Jahres 1849 mit einigen tausend anderen Männern das Gewehr schulterte, um im badischen und pfälzischen Aufstand die deutsche Demokratie zu begründen, um an Stelle der zahlreichen Vaterländer das deutsche Vaterland zu gewinnen. Aber von allen seinen Revolutionskameraden unterschied ihn die ungewöhnliche Klarheit seines Denkens und Folgerichtigkeit seines Handelns. Im selben Jahr noch, zum Tode verurteilt und landflüchtig, schrieb er seine „Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung“, um, wie er selber sagt, „uns bis aufs kleinste klar zu machen, an welchen Mängeln und Fehlern sie zugrunde gegangen sind“. Die Klarheit und den nationalen Sinn haben ihm auch die langen Jahre des Exils nicht getrübt, die er in der Schweiz, England, Belgien, Holland und zuletzt in Paris zubrachte, wo er ein Bankhaus leitete. Erst 1866 gab ihm eine Amnestie die Möglichkeit, nach seiner Heimatstadt Mainz zurückzukehren. Rücksichtslos brach er mit den Vorurteilen seiner demokratischen Freunde, als er im preußischen Militärstaat und in dessen Ministerpräsidenten Bismarck die Instrumente zur Beendigung der Kleinstaaterei, zur Einigung der Nation sieht. Auf Bismarcks Wunsch, der, wie er im Reichstag bekennt, auf das ihm von Bamberger gewidmete Buch stolz ist, weilt er 1870 im deutschen Hauptquartier, um die Verbindung zwischen Kanzler und der liberalen Presse aufrecht zu erhalten. Von der Berufung des Reichstags nach Versailles, die Bismarck plant, rät er ab, „das wäre ein Epigramm und kein Regierungsakt“. 20 Jahre lang hat er dann dem Reichstag angehört, hat ein Jahrzehnt als Führer der nationalliberalen Partei in einer Front mit Bismarck, dann nach der Sezession (wie man nach seiner Schrift den von der Hauptpartei sich abtrennenden Flügel der Nationalliberalen nannte) in den Reihen der deutschfreisinnigen Partei gewirkt. Die Reichsbank und die Goldwährung, noch heute die beiden Hauptpfeiler des deutschen Wirtschaftslebens, hat in der Hauptsache Bamberger geschaffen und gegen die immer erneuten Angriffe der Interessenten verteidigt. Während der 99 Tage Kaiser Friedrichs war Bamberger, der dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm seit langem befreundet gewesen war, der Ratgeber des Kaiserpaares. Die an dieser Stelle erfolgende Veröffentlichung der Tagebücher über diese ungewöhnliche Periode der deutschen Kaiserzeit wird ergeben, welchen vornehmen, selbstlosen und klugvorausschauenden Berater das Kaiserpaar an dem liberalen Politiker gehabt hat. Bamberger schied 1893 aus dem Reichstag aus. Für seine politischen Ziele hat er bis zu seinem Tode, 1899, unermüdlich in Rede und Schrift gekämpft. Er war ein Meister des gesprochenen Wortes, Seine Waffe war nicht die Keule, sondern das Florett. Er war ein noch größerer Meister des geschriebenen Wortes. Er verfügte souverän über Witz und Humor. Er hat selbst über die „Grenzen des Humors in der Politik“ eine geistreiche Abhandlung geschrieben, und wenn er zur Rednertribüne ging, warnte ihn ein Freund: „Nicht zu viel Witze.“ Das Interesse des Politikers und Finanzkenners erstreckte sich auf alle Gebiete des geistigen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens. Berühmt geworden sind seine „Weihnachtsbriefe“ in Theodor Barths Wochenschrift „Die Nation“, in denen der Meister des deutschen Essays über die Kunst des Schenkens und über das Briefschreiben, über Toaste und geselligen Verkehr eine reizvolle Unterhaltung führte. In den fünf Bänden seiner gesammelten Schriften, in seiner bis in die sechziger Jahre reichenden Autobiographie, die sein junger Freund Paul Nathan herausgab, liegt ein gutes Stück deutscher Geschichte und deutscher Kultur beschlossen. In seinem Berliner Hause, Margarethenstraße 18, pflegte Ludwig Bamberger eine feine, geistige Geselligkeit, er besaß die seltene Kunst, auch in höherem Alter immer neue Freunde an sich zu fesseln. In demselben Hause, zwischen den Ebenholzregalen seiner Bibliothek, hielt ihm vor den Freunden und Freundinnen Theodor Mommsen die Totenrede und brach dann am Sarge schluchzend zusammen. Es war die Huldigung der ganzen geistigen Welt Deutschlands, die in dieser fast symbolischen Handlung zum Ausruck kam. In Berlin ist er beigesetzt, neben dem Freunde, Eduard Lasker, und das gemeinsame Grab trägt die Inschrift: ^Bierruhen im Tode vereint, die im Leben gemeinsames Streben für Deutschlands Einheit und Größe verband.“ David Simonsen Von Professor Ismar E1 b o g e n Herr Professor I. Eibogen stellt uns das deutsche Original seines für ein Kopenhagener Blatt verfaßten Nachrufes zur Verfügung. Abgesehen von dem allgemeinen Interesse für ein bedeutendes jüdisches Gelehrtenleben, das eben seinen Abschluß fand, ist bemerkenswert, daß David Simonsen ein Studiengenosse des verewigten Münchener Rabbiners Werner war. Die schmerzliche Nachricht vom Hinscheiden Professor David Simonsens wird in weitesten Kreisen tiefe Trauer erwecken. Ungeachtet seines hohen Alters von nahezu 80 Jahren war Professor Simonsen von bewundernswerter geistiger Frische und Aktivität, von nie versagender Zugänglichkeit und Hilfsbereitschaft. Er ist in Kopenhagen geboren und hat, bis auf die wenigen Studienjahre im Ausland, sein ganzes Leben in der Heimat gewohnt, aber er war ein Weltbürger, war viel gereist, hatte in allen Ländern seine Freunde und Verehrer. Er liebte die Menschen und wer ihm einmal nähergetreten war, mit dem blieb er gern in Verbindung. Wissenschaft und Humanität stehen als Leidtragende an seiner Bahre. David Simonsen vertrat die besten Traditionen des vornehmen Bürgertums des 19. Jahrhunderts, er war ein profunder