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Die neue Welt · 1937-11-19 · Heft 702 (19.11.1937) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 702 (19.11.1937)
Date
1937-11-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 ME NtJÜE WELT Nr. 702 vom 19. November 1Ö37 du Baut», dec keine fcücUit ttayi Eine Erzählung von Ber Horowifz i. Ich will euch eine Geschichte erzählen, die sich — sieben Generationen sind inzwischen dahingegangen — in der heiligen Gemeinde Kaiusch am Lumnitzer See zugetragen hat. Unruhige, bange Zeiten sind das damals gewesen. In den Schulen und Beth-Midraschim pflegten sich oft bei hitzigen Disputen über Sabbatai Zwi und seinen Propheten, Jakob Frank, wild gestikulierende Hände ohne jeden Respekt in fremde Bärte und Schläfenlocken zu verirren und grausam die Haare in ganzen Büscheln auszurupfen. Unter allgemeinem Geschrei und Gekreisch zerkratzte man sich gegenseitig die Gesichter, riß einander die Schubitzes und Bekesches vom Leib, zerzupfte die Pelze, schlug Augen blau und zerbrach lange Weichselholzpfeifen an' Schultern und Rücken. Nicht wenig hohle jüdische Zähne wurden damals vorzeitig aus blutigen jüdischen Mündern ausgespien. Allerlei Baal-Scherns, Besprecher und Besprecherinnen, Biel- und Wachsgießer sowie Magiekundige gingen mit aufgekrempelten Aermeln und konnten wie der Schnitter in der heißesten Erntezeit mit der Arbeit nicht fertig werden. Weibermünder liefen wie geschmiert. In den Gassen der frommen Gemeinde gab es Dröhnen sich überschlagender Stimmen und langgezogener Flüche. Ohnmächtig stand der Raw, der junge, aber große Kabbaiist Reb Doberisch, Sohn des Rabbi Pinchas Horowitz, ein treuer, fürsorglicher Hirt der verwilderten und aufgescheuchten Herde, die einem Trupp Schafe von den' nahen Almen glichen, welche von einem Hornissenschwarni überfallen, in ihrem Schreck nicht auf die schönen Trompetentöne hören, mit denen der besonnene, kluge Hirt sie in den umzäunten Hof zurückruft, um dort ihre Feinde durch den beißenden Rauch glimmender Holzepäne zu verscheuchen ... . - 2. Unter den wenigen Häusern, in denen Friede und Eintracht herrschten, war das Reb Abraham Bröches das liebenswerteste und anmutigste. Mit allem Guten war Reb Abraham gesegnet. Seine Gerberel brachte ihm großen Gewinn ebenso wie das Brauhaus, das er gemeinsam mit dem stolzen und ehrgeizigen Regierer — so nannte man damals den Vorsteher und Beherrscher der Gemeinde — führte. Sein Weib Slate war eine fröhliche und kluge Frau, eine grundehrliche Seele. Ihrer Güte und Rechtschaffenheit gedachten die Besucher der Lehrhäuser aus den fernsten Gemeinden lobend, wenn sie - abends müde von den Beschwerlichkeiten des Wändertages vor dem Schlafengehen am Ofen saßen. \ Mit allem Guten war das Paar gesegnet. Sogar solche Kuriositäten waren dort zu finden: In den großen, lichten Stuben hingen aus Süberdraht geflochtene Käfige in Form von prachtvollen Renaissancesynagogen, wie man sie in Krakau, Zcholkew, Tarnopol sehen kann, oder in Form von orientalischen Palästen; ein Beweis, daß sie aus der Türkei kamen. In diesen "Käfigen trillerten, lärmten, pfiffen und spielten goldene Kanarienvögel. Zwei mit allerlei glänzenden Federn geschmückte Papageien, bunter in ihren Farben als ein Regenbogen, begrüßten jeden, Eintretenden. „Gesegnet sei dein Kommen" sagte krächzend der eine und „Willkommen" der andere. Berühmte Spielufaren schlugen mit tiefem, schönem Klang fröhlich die fliehenden Stunden und spielten dann die wunderlichsten Melodien. Nur eineB fehlte in den geräumigen, lichten Stuben: Helle Kinderstimmen, die „Mutter" rufen. Fröhliche Kinderstimmen, die „Vater" rufen. Es half kein Wohltun, keine Mildtätigkeit. Es halfen keine Gebete, keine Baal-Scherns, Besprecher (und keüie nichtjüdischen Zaubererinnen, nicht gedacht soll es werden, aber so war es). So schlugen die Spieluhren zehn Jahre die Zeit, klangen Stunde für Stunde, spielten Stunde für Stunde. Keiner wagte es, das liebende Paar daran zu erinnern» daß sie sich scheiden lassen müßten. Mit einer Unfruchtbaren darf ein Mann in Israel nicht leben! Das ist eine SUnde, ist gegen das Gesetz. Reb Abraham machte sich nichts wissen. Und die rechtschaffene Frau Slate schwieg ebenfalls, aber ihr Herz war betrübt und flatterte, flatterte .,. Hast du schon einmal ein kleines, hilfloses'Hühnchen oder ein warmes Vögelchen in deiner Faust gehalten? So flatterte und bebte das Herz v^n Abrahams Frau Slate. 4. Im Kontor des Brauhauses eiferte der Kompagnon» der strenge Regierer: „Es ist doch unerhört, unerhört^' Du willst mit deiner Kinderlosen weiterleben?, Wer wird nach dir. Kaddisch sagen.2, Weißt du nicht, daß geschrieben steht: Ein Baum, der keine Früchte trägt, soll ausgerottet werden? Versündigen willst du dich? Scheiden mußt du dich lassen, scheiden! Die ganze Stadt redet schon ... Die Gemeinde wird es nicht dulden! Sie wird's nicht dulden!" Niedergeschlagen und bedrückt kam Reb Abraham heim. Frau Slate war mit ihm so herzenselns gewdrden, daß sie ihm die Gedanken von der Stirn ablas, es bedurfte nicht der Sprache, nicht lauter Worte. Mit Tränen in den Augen ging sie auf ihn zu: „Awremele, tu endlich, was ein frommer Jude tun muß. Du sollst nicht leiden, mein Teurer, durch die bitteren Reden der Leute. Ich will mein Schicksal auf mich nehmen." Er umschlang sie und sie weinten sich einer am Hals des andern aus. 5. Der Raw Reb Doberisch saß auf seinem hohen Stuhl vor einem ungeheuren Kabbala-Buch. Es wurde da sehr dunkel und verborgen über das Geheimnis von Leben und Tod gesprochen. Des Verfassers Gedankenbau spitzte sich mehr und mehr zu, wurde höher und höher als der Turm von Babel. Je tiefer sich Reb Doberisch in die verwickelten Gedankengänge des Verfassers versenkte, desto deutlicher spürte er, daß er sich gänzlich in den unzähligen Hohlräumen des gefährlichen Baus verirrte und daß Ihn sein klarer Verstand mehr und mehr verließ. Er erhob sich, legte sein rotseidenes Taschentuch auf das Buch, streckte sich, gähnte, rieb sich die Stirn und nahm aus seinem silbernen BUchschen (aus Erez Israel) eine Prise Tabak, schnupfte einmal, schnupfte noch einmal, und der Kopf war ein wenig durchlüftet ... Dann nahm er seine Pfeife mit dem duftenden Tabak und trat behaglich rauchend zum offenen Fenster, um hinauszublicken. Ein sonniger Mainachmittag. Lag B'omer. Von der nahen Allee kam der erquickende Duft von Flieder und rotblühenden Aepfeln, Vögel riefen fröhlich bald hier, bald da, summenden Insekten nachjagend. Da kamen ganze Horden von ausgelassenen Kindern, zehn-, zwanzigmal soviel, als sich zum Kriat-Schma^ Lesen bei einer Wöchnerin einfinden. Sie gingen in Reihen mit Lehrern und Behelfern in lauter Fröhlichkeit aus' den engen Chederh, aus der Stadt, um auf freien, grünen^ Feldern zu spielen. Lag B'omer war ja heute! < Aus ihren Rocktaschen schauten die Pakete heraus, die ihnen die Mütter mitgegeben1 haben: Butterbrote mit frischen, grünen Zwiebelchen. Von der Terrasse ihres Hauses kamen ihnen just Reb Abraham und sein Weib entgegen. Traurig und mit Tränen in den Augen blickte Slate auf die ausgelassene Kinderschar. Langsamen Schrittes gingen sie nebeneinander, die würdigen Gestalten waren gebeugt, als laste ein Berg auf ihnen. Irrte Reb Doberisch oder gingen sie wirklich zu ihm? Nein, es war kein Irrtum. Sie kamen zu ihm, dem Raw. 6. Gesenkten Auges, in ihrem tiefen Leid schwer seufzend, saßen sie ihm gegenüber wie gebundenes Ge-' flügel, bevor es geschlachtet wird. Der Raw hatte die Ausführungen Reb Abrahams ruhig angehört und starrte nun stül auf einen in der Unendlichkeit liegenden Punkt. Er hörte das angstvolle Klopfen ihrer treuen Herzen und voll wie ein Granatapfel ward sein Herz von Erbarmen. Lange betrachtete er sie schweigend, plötzlich aber erhellte sich sein Gesicht, wie von einem innern Licht bestrahlt: „Und wenn ein Baum keine Früchte trägt, was liegt daran?" schrie er beinahe heraus, wie in einem Disput mit einer fremden, den Raum erfüllenden, aber unsichtbaren Macht. Schenkt er nicht in den Zeiten der Hitze müden Wanderern Schatten. Kann man sich während eines Platzregens nicht unter ihm bergen? Sitzen nicht Vögel auf ihm und bauen sich da Nester? Und kommen nicht Übrigens die Weisen in der Gemara im Lauf ihrer Erörterungen zu dem Schluß, daß es besser ist, nicht geboren zu werden als geboren zu werden? Und die Großen der übrigen Völker: Sokrates, Plato und Aristoteles, sagen sie nicht dasselbe? Wollt ihr euch wegen eines kargen Glücks, das gar keines ist, das wahTe Glück zerstören?" Und plötzlich trat er vor sie hin und fragt: „Habt ihr denn nicht das Schönste und Kostbarste, was es auf der Welt gibt: Frieden im Hause? Was wollt ihr noch?" „Man verfolgt uns", klagte Reb Abraham. „Sollen eure närrischen Feinde bellen wie die Hunde, /schaut euch nicht danach um, keiner, ,wird euch etwas anhaben können. Geht ruhig in Gottes Namen. Ob euch der Allmächtige Kinder schenken wird oder nicht — alles Hegt in seiner Hand — auf jeden Fall seid ihr Gottgesegnete. Geht in Frieden einem glücklichen Alter entgegen." So entließ er zwei aufgerichtete und getröstete Menschen. 7. Dieser unerhörte Urteilsspruch verursachte gewaltige Aufregung in der Gemeinde und den umliegenden Dörfern. Die junge Welt und jene, die schon an neuen Lehren gerochen hatten, blähten sich gar sehr und wuchsen vor Stolz In die Länge und Breite. Das gibt doch der gesunde Menschenverstand. Wie denn nicht? Und sowas hingen unsere Väter an?" Der Regierer aber und seine Schar zeterten und tobten anfangs, verklagten den Raw bei andern Rabbanim, schrien, er sei ein verkappter Anhänger des Sabbatai Zwi und versuchten, ihn aus seinem Amt zu verdrängen. Nachdem aber einige der jungen „Lausbuben" sich an etwelchen Bärten vergriffen und die Fensterscheiben im Hause des Regierers eingeschlagen »hatten, wodurch seine Frau vor Schreck vorzeitig niederkam und sein zwölfter Kaddlsch verlorenging, hörte er endlich mit der Verfolgung des Raws sowie Reb Abrahams auf. Auch waren die Zeiten zu unruhig und zu stürmisch, als daß die Rabbanim einem nachgestellt hätten, den „das Volk" für menschlich und gut hielt. Aus den nahen Karpathenstädtchen, aus Pokutje und Podolien, kamen Nachrichten von einem Kabballsten, von dem es hieß, er trage Bauernschuhe und einen kurzen Schafspelz, lasse sich mit der Landbevölkerung In lange Gespräche ein, lache mit ihnen, streichle ohne Umstände den Pferden über ihre — ihr verzeiht schon — Hinterteile und behaupte, ein reines Herz sei mehr wert als ein mit Gemara und Vorschriften angestopfter Kopf. Er lehre, Gott aus Liebe und Freude zu dienen, und wolle, daß man einander gut sei, sich freue, lache und die Welt genieße, ohne sich dessen zu schämen, denn dort, wo Trauer herrsche, weile die Sch'china, die göttliche Gnade, nicht. Die Gemeinden, die er besuchte, wurden getröstet und aufgerichtet. Man erzählte sich sogar, Raw Reb Doberisch habe von ihm und seinem Schwager"; dem großen Reb Gerschon Kutewer, einen zärtlichen Freundesbrief bekommen; und er erwarte ihn. 8. Sieben Geschlechter sind dahingegangen. Wer gedenkt heute eines Regierers, der ein Brauhaus besaß, sowie Häuser und Weinschenken, ein großes Vermögen auf Wucher bei den Gutsbesitzern stehen hatte und ein Weib besaß, das Kinder ausschüttete wie ein Kaninchen? Wer gedenkt der ändern reichen und vielvermögenden Leute, die sich in allem Guten badeten und Freude an Weib und Kind hatten, durchwegs Bäume, die Früchte getragen hatten? Was ist von ihnen geblieben? Weniger als gar nichts. Sogar auf den mit Lobsprüchen gespickten Grab- - mälern sind die Buchstaben verwischt und man kann kaum noch die Ornamente im Stein erkennen, die das einzige sind, was noch einen Wert hat, well sie das Auge durch sonderbare Formen und Einfälle kunstreicher, vergessener Steinmetze der damaligen Zeit erfreuen. Das gemauerte Lehrhaus aber und das Dampfbad, das Abraham und Slate hinterließen, steht heute noch und wird noch Generationen überdauern. Ungezählte Besucher haben unter seinem Dach geruht und sich im Winter den Rücken an dem glühenden Ofen gewärmt, dankbar der Erbauer gedenkend. Auch die Torah-Behänge aus Samt und Seide, von Slates Hand kunstvoll mit Gold- und Silberfäden gestickt, erfreuen noch jetzt die Äugen, andere am Wochentag und andere an Sabbath- und Feiertagen. Wer macht heute noch so etwas? Abraham und Slate, der Baum, der keine Früchte trug, haben zwar kein Erbe von Fleisch und Blut zurückgelassen, aber dafür ein Erbe des lebendigen Herzens und des schönen Geistes, der unsterblich ist und die Kraft besitzt, das lebendige Fleisch und Blut ständig zu veredeln und zu vermenschlichen. Ich will die Geschichte mit einem Gedanken Reb Doberisch Horowitz' --mden, den ich wunderbar schön geschrieben auf einem pergamentenen Buchblatt fand; „Das Werk eines großen Herzens dürfte doch manchmal wertvoller sein als das gelungene Wirken vererbten Blutes!» (Aus dem Jiddischen übersetzt von Helene Weiß.) Auf den Spuren von Moses und Jeremias Aus Jerusalem: In nächster Zelt begibt sich eine wissenschaftliche Expedition unter Führung des berühmten englischen Archäologen Sir Charles Mars ton nach Südpalästina, um bestimmten alttestamentari« sehen Spuren, die vor einiger Zeit im Gebiet von Lachis gefunden wurden, nachzugehen. Man hat nämlich in Lachis Inschriften und Pergamentrollen gefunden, die aus der Zeit von Moses und Jeremias stammen sollen, und Professor Marston hat erklärt, daß die näheren Untersuchungen die Möglichkeit ergeben könnten, die wichtigsten historischen Geschehnisse des Alten Testa* jnents wissenschaftlich aufzuklären,

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