Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 678 (6.8.1937)
- Date
- 1937-08-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 WM NEUE WELT Nr. 678 vom 6. August 1937 RUNDSCHAU 2>k PMokietH HuUuwecktMUkltfU Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die Blicke der ganzen musikalischen Welt -auf Salzburg gerichtet sind. Was dort im Rahntetv der Festspiele geboten wird, gehört zweifellos zu den höchsten) Leistungen der Kunst, und die kritische Feder, verliert angesichts der Stimmung, die in Salzburg herrscht und die aus alten Teilen der Erdkugel Ziihörer und Zuschauer heranzieht,-jede aktuelle Bedeutung. Die Aufführungen in Salzburg, die musikalischen und schauspielerischen, gehören nicht in den Bereich einer normalen küristerischen Produkiion. Sie sind der Ausdruck einer hohen ästhetischen Tradition, die aus dem Geist Oesterreichs geboren ist, allerdings im Sinne einer deutschen K u lt u r. nve sie oben nur in Oesterreic h gepflegt wird — mit cem Blick auf eine europäische Gesnmtkultur, mit der humanen Verpflichtung, allem wahrhaft Großen sein Herz zu öffnen. Jenes Restringieren auf ein spezifisches, etwa nordisch-germanisches Deutschtum bringt den erhabenen Gedanken christlich-deutschen Kulturwillens zu Falle, Wir haben in dieser Hinsicht Beschämendes erleb!. Diese kurze Betrachtung soll uns ein Ersatz für etwaige Kritik an den Salzburger Festspielen sein: für den Fall, daß aucli hier kritischer Ferstand etwas zu finden hätte; für den Fall, daß es auch hier eine Spanne gäbe zwischen Wunsch, und Erfüllung. Denn es wäre traurig, hier noch mit dem Maßstab „schlechter Besetzung". ..veralteter Auffassung", mangelhafter Akustik" usw. zu messen. Die Well honoriert ihre Wertschätzung für das österreichische Salzburg mit der Uebernahme der R adio-U eb er tr a g u ngen.- Beethoven und Mozart sind die musikalischen Höhepunkte. „Faust" und „Jedermann" die —wenn man ohne Scheu es sagen darf — die Prosastücke; also durchaus Meisler und Werke, deren man sich nicht schämen muß. Die Pflege auserlesenen deutschen Geistesgutes in Salzburg kann von niemandem, am allerwenigsten von dem die Notwendigkeit dieser Pflege täglich betonenden Dritten Reich, bestritten werden, und doch ... Das neue, das erwachte, das deutsche Deutschland ignoriert Salzburg. Salzburg ist mit einem Wort für das hitleristische Reich nicht tragbar. F ran kr eic h, der Erbfeind, übernimmt 2? Uebertragungen, das bolschewikenhündische Rußland? U ebertragungen, das d e ut s che N a chb a rreich bloß 1 Uebertragung, soviel wie Irland. Endlich wieder hätte das deutsche Nachbarreich Gelegenheit, die Gemeinsamkeit der beiden Kulturen, zu bezeugen, den braunen Kulturgenössen ein S tue. k Oesterre ich' dar zu bieten — au f dem 'bequemen Aetherweg, und tut das nicht. Eine einzige Uebertragung, und auch die nur unter einem Zwang, für den uns kein Attribut zur Verfügung steht! Man muß allerdings bekennen, daß die Streicher und Stürmer es sehr schwer haben. Sie müßten ihre Thesen vom jüdischen Untermenschentum und semitischen Kulturbolschewismus revidieren und vielleicht gar bekennen, daß im Reich des Geistes die Rasseoerfemung nicht viel Sinn habe. Sie müßten bekennen, daß die ihrer Rasse nach zu den Juden zu zählenden Max Reinhardt, Bruno Waller, Hugo von Hofmannsthal, Alexander Kipnis usw. nicht zum Auswurf der Menschheit gezählt werden können, auch nicht der arme Arturo Toscanini, der bekanntlich — durch seinen Schwiegersohn Vladimir liorowitz — rassisch-jüdisch versippt ist. Das von den Streichers und Stürmers zu verlangen, wäre absurd. Niemand wird so naiv sein, anzunehmen, daß der Hitlerismus, wenn auch nur für. eine Stunde, öffentlich vor den Grenzen der Vernunft, der Sitte, der Humanität und der Wahrheit kapitulieren wird. O, mein lieber Augustin, alles wär* hin! Nein. Das tut der Hitlerismus nicht. Täte er das, müßte er sich aller'Verbrechen schämen, die er bisher begangen hat. Aber darum geht es gar' KINO.PROGRAMME t (UWEDEN Vonl0Uhrvorm-bia6UhrabendB m Lebende Zeitung A 49 0 60 Nur l/37 und 9 Uhr abends Metro-Gold wyn« Mayer-Festspiele Paul Hunt, Luise Rainer, THIy Losch Vorverkauf für die nächsten 7 Tage täglich ab V»10 Uhr vormittags ununterbrochen # Die* gute Erde *& KREUZ" KINO i, Wollzeile 17 Telephon K-24-2-16 Vorstellungen; 4, %6, Vtl, %10 Jean Arthur nicht. Es geht darum, daß hierzulande immer noch irgendwie *b e t ont e Kteise von einem — Kulturaustausch mit einem Regime faseln, welches sich anmaßt, die „von jüdischen Asphaltliteraten bedrohte europäische Kultur0 reiten zu wollen, aber hne i f t, wenn m a h rh af teuropäische Kultur dargeboten wird, o, r» Schon wieder Wenn eine Gruppe von Oesterreichern mit Reichsdeutschen auf österreichischem oder reichsdeutschem Boden zusammentrifft, gibt's einen Wirbel. Bei jeder ßerührung österreichischen und neudeutschen Wesens khistert's: in einigen Oesterreichern revoltiert das „gemeinsame Blut", und der Gedanke „Ein Volk, zwei Staaten" kristallisiert sich zu dem Hexenspruch: „Aus zwei mach' eins!" Da es aber zum Glück im Völkerleben, ganz gegen den Wunsch der österreichischen Betonten, so etwas wie Rechtsbewußtsein :und : Anerkennung staatsrechtlicher Verhältnisse gibt, hat der Hexenspruch keine Wirkung, und es bleibt beim alten. Beim kürzlich abgehaltenen Sängerfest in Breslau fiel es — schon wieder ■— ein Dutzend österreichischen nationalsozialistischen Sängern (die man — niemand weiß, wieso — unter dem Deckmantel sangesbrüderlicher Gemeinsamkeit mitfahren ließ) ein, sich in den üblichen Kundgebungen bei Anblick nationalsozialistischer Symbole zu ergehen. Die Wiener katholische „Richspost" rügt das Benehmen der „keiner Belehrung zugänglichen Kreise" und stellt die Frage auf, ob es nicht möglich wäre, derlei ärgerniserregenden Vorfällen vorzubeugen, um schließlich ein wirksames Rezept vorzuschlagen: „Die starke Faust, die nicht hur gelegentlich warnend gezeigt wird, sondern die auch prompt zuschlägt." Wir Juden üben keine Kritik daran, wie sich ein paar Dutzend deutscher Oesterreicher bei einem deutschen'Sängertreffen benehmen; was sie rufen und wie sie ihre Hände heben/ Wir sind mit schwereren Sorgen belastet. Im Kampf um das tägliche Brot- und um die Freiheit und die Ehre unseres Volkes erscheinen uns dergleichen Vorfälle nur als Episoden. Aber , wir wissen .leider, daß die Duldung solcher Vorfälle bei den österreichischen Nazisden Glauben erweckt, sie seien eigentlich die Herren im' Haus, und sie da.rin bestärkt, die schändliche antijüdische Hetze in ihrer illegalen und — legale n.-Presse mit geradezr demon-r strativer Offensichtlichkeit zu verstärken. Nur darum ziehen .wir die. .Breslauer Vorfälle: inf;den Kreis unserer' Betrachtung!"; '■ , Wien und Kaunas Eine die Radiohörer gewiß interessierende Sache wird.uns mitgeteilt: Als kürzlich die berühmte Volksliedersängerin'L und in :Wien weilte, wurde sie von der Ravag zu. einem Konzert eingeladen. Frau Lund legte ihr Programm vor, auf welchem sich auch zwei hebräische Lieder befanden. Die Ravag strich diese beiden Lieder vom Programm, worauf Frau Lund auf eine Mitwirkung im österreichischen Radio verzichtete. Derlei Intermezzi gibt es eine Menge. Aber die Oeffentlichkeit erfährt nicht davon. Sie weiß nur, daß jüdische, bzw. hebräische Musik, das jiddische und hebräische Volkslied nicht gesendet werden. Ganz kleine Völker mit ein paar Tropfen arteigener Musik "gelangen zu Wort, das jüdische Volk nicht. In den Sendungen der Nachbarländer sind jiddische und hebräische Lieder zu hören, in der Ravag nicht. Hie? geht es nicht allein um die Zurücksetzung vieler tausender Abonnenten, sondern auch um das Unterschlag gen wertvoller künstlerischer Schöpfungen. Aus Kaunas (Litauen) meldet die J. I. A., daß künftighin in der Nachrichten- und Neuigkeitsstunde des Radioprogramms auch die jüdische Tageschronik entsprechend berücksichtigt ^werden wird. Die Direktion des staatlichen Rundfunks halte es für ihre Pflicht, den Wtinschen der jüdischen Radio-Abonnenten^ die innerhalb der Abonnentenzahl einen großen Prozentsatz bilden, zu entsprechen. Im musikalischen Teil des Programms werde der jüdi* sehen Musik mehr Raum gegeben werden. So denkt der Direktor des litauischen Rundfunks* In Wien weiß man von dergleichen nichts. Man bekommt Referate, wie „Das Schmirgelpapier im Haushalt", zu hören, aber beispielsweise von dem im Mittel* punkt der Weltpolitik stehenden Palästina erfährt man durch die Ravag gar nichts. Ja, ja, das Schmirgeln papier.., Aomt u/Ud geküßt Wenn ein polnischer Jude seinen legitimen Handel betreibt, wird ei' als Schmarotzer Derä c h t lieh gern ac h t, Wenn ein polnischer Jude sein legitimes Wahlrecht ausüben will, wird er als Eindringling gep r ü gelt. Wenn ein polnischer Jude sich gegen Geroalttätigkeit wehrt, wird er als Beleidiger des polnischen Volkes pogromiert. * Wenn ein polnischer Jude bei seinen im Ausland lebenden Volksgenossen Unterstützung findet, wird er als Vaterlandsverräter a u s ge stoß e n. Wenn ein polnisclier Jude... Ueberlassen wir die Pointe dieser Betrachtung der J. T. A., welche meldet: Aus W arschau: Ein-in Warschau abgehaltenes Tennis- L ä ri d e r t v. r n i:e r zwischen Polen und Italien ist von dem jüdischen Tennismeister Aaron Witt mahn gegen den Italiener Quintoviglio gewonnc*i worden. Die Zuschauer bereiteten dem Sieger stürmische Ovationen. Der Vertreter der Staatlichen Sportbehörde, Ministerialrat Hauptmann Olchowicz, umarmte und küßte Wittmann, Es wird also in. Polen ein Jude auch g eküßt... * dos iiidiseke hMm m SewjdwßoHd Der Schriftsteller ■ Lion Feuchtwanger, Autor erfolgreicher Romane („Der jüdische Krieg", „Jud Süß"), hat-Sowjetrußland besucht, Stalin interviewt und dann ein Buch geschrieben, das soeben unter dem Titel „Moskau 1937" erschienen ist. Herrn Feucht" wanger, der über das Schicksal des jüdischen Vojikes während seinem-Aufenthalt in Amerika sehr vage Ansichten geäußert hat, ■ erscheint das' jüdische Problem in der Sowjetunion gelöst. Sowjetrußland hat sich nach der Darstellung Feuchtwangers, des Problems dadurch erwehrt, daß es den größeren Teil seiner fünf Millionen Juden (Feuchtwanger weiß nicht, daß es deren nur über 3,5 Millionen gibt) assimiliert hat. Wie das geschehen ist, was mit den assimilierten Juden geschah, wieweit sie in den russischen Volkskörper eingegangen sind, darüber erfahren wir nichts. Beziehungsweise erfahren wir das Gegenteil, denn Feuchtwanger schreibt: „Die angebliche Utopie ist Wirklichkeit geworden. Die jüdische sozialistische Republik besteht. Natürlich ist das purer Unsinn. Nicht einmal die Sowjetregierung wagt zu behaupten, daß das Experiment mit B i r o - B i d s c h a n geglückt ist. Aber Herr Feuchtwanger ist nun einmal in Stalin verliebt und läßt sich Potemkinsche Dörfer vormachen. Allerdings hat er auch an Stalin etwas auszusetzen. Stalin habe sehr erbittert, über den Genossen Radek gesprochen und gesagt: „Ihr Juden habt eine ewig wahre Legende geschaffen — die des Judas." Daß in diesem Fall Stalin sich für den Judas hielt, ist wohl nicht anzunehmen, denn Feuchtwanger schreibt: „Es war eigentümlich, einen Mann, der sonst so klar und logisch denkt, sich so simpel und gefühlsmäßig äußern zu hören." Ein anderes Bild über Rußland erhalten wir von einem russischen Juden, dem es gelang, aus Rußland nach Palästina einzuwandern. Dieser Jude schreibt in der hebräischen Zeitung der 'Arbeiterpartei „Dawar" (Tel-Aviv): „Nach der Errichtung der bolschewistischen Herrschaft spürten die Juden anfangs keine Bedrückung in Sachen der Religion. Die Freigeister unter ihnen konnten ungehindert leben, aber auch der. Ueberzeugung der Orthodoxen wurde kein Zwang angetan. Offiziell waren die jüd i s ch en R eligio nsschulen verboten, aber insgeheim hielten sich Cheder und Talmud Thora, ohne daß man sie störte. Synagogen, Jeschiwoth, rituelle, Tauchbäder und das Schächten wurden ganz offiziell aufrechterhalten. Aber die Regierungspropaganda gegen . die Religion setzte schon ein. Zuerst abonnierten die Juden die Regierungszeitungen in jiddischer Sprache einfach nicht, später aber wurden sie dazu gezwungen. Die Propaganda erschütterte vielfach die Gläubigkeit, aber die Gewohnheit der religiösen Lebensführung war stärker als sie. Die Talmudhochschulen hielten sich bis ins Jahr 1932 und standen zum Teil auf einem beachtlichen Niveau. Dann hörten sie freilich ganz auf. Auch die Tauchbäder bestanden damals noch. Die Juden aber begannen mehr und mehr zu fürchten, sich durch Festhalten an ihren religiösen Einrichtungen zu gefährden. Sie begannen auch gegen Mischehen, die sich damals auszubreiten begannen, duldsamer zu werden. Auch auf die Beschneidung begann man in immer weiteren Kreisen zu verzichten..Im Jahre 1929 wurden Schächten und Beschneiden verboten. Damals gelang es schon nicht mehr, in einer Stadt mit jüdischer Mehrheit, wie Minsk, mehr als 200 Unterschriften für eine Petition um Aufhebung dieses Verbotes zu bekommen. Die Regierung bediente sich wiederum dieser Tatsache und sagte den Petenten, es bestünde augenblicklich kein Bedürfnis für diese Einrichtungen. Auch Rabbiner ließen sich einschüchtern und veröffentlichten in der Presse Er* y-'