Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-06-15 · Heft 663 (15.6.1937) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 663 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712288--6538-2720303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 663 vttttt 15. Juni 1937 1 itmuiiri "ii i . .. ii i ■ i' 11 4 in einem Offenen Brief an den deutschen Reichskanzler die Schande des Regimes bloßstellt. Ueberaus bezeichnend ist der Passus, der sich mit der Behandlung der J u d e n durch den Nationalsozialismus beschäftigt. „Statt den Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, haben Sie es zugelassen, daß sie gepeinigt und ausgeplündert werden. Ihre Behandlung der Juden erinnert in ihrer Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit an das schändliche Treiben des Merodes, der sogar die kleinen Kinder nicht schonte. Ihre Haltung gegenüber dem kleinen Häuflein der Juden, die sogenannten arischen und nor dischen Gedanken, haben bei den Mitgliedern der Kirche keine geringe Bestürzung verursacht." Ueber Hitlers Leibblatt, den „Stürmer", sagt MacFarland: „Die Sprache dieser Zeitung ist zu niederträchtig, als daß man sie wiederholen könnte." Und schließlich ruft MacFarland aus: „Sie (Hitler) verletzen die Würde der zivilisierten Welt, denn es ist nicht denkbar, daß ein Staat dauernd auf dem Prinzip der Gewalt und des Hasses basiere." MacFarlands Ansicht im „Offenen Brief" über Hitler und sein Regime ist ein Zeichen dafür, daß in Amerika die seitens des Hakenkreuzes drohende Gefahr allmählich erkannt wird und in gewissem Sinne auch ein Trost. Aber die wahre Genugtuung über diese Erkenntnis muß ausbleiben, solange man dem Hitlerismus in den Staatskanzleien- und in den Gesell schaftssalons die Mauer macht. Veröffentlichung des Peel-Berichfes verschoben ■titscheldung Ober die Palästlna-Pollllk Nodi immer Scnsadonsmeldun« gen Die Sensationsmeldungen um die „Teüung Palästinas" haben einen derartigen Grad der Verantwortungslosigkeit erreicht, daß man nicht mehr mit Gleichgültigkeit darüber hinwegsehen darf. In Wien ist es der „Morgen", der sich nunmehr zweimal hintereinander, und zwar von seinem Genfer Korrespondenten, die angebliche Tatsache der beschlossenen Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat melden läßt. Muß schon solch eine Meldung seitens eines Blattes, dem niemals das Schicksal der Judenheit oder gar des Zionismus am Herzen lag, an sich befremdend wirken, wird dieses Befremden noch dadurch verstärkt, daß die veröffentlichten Einzelheiten krasse Unkenntnis des gesamten Problems verraten. Es gehört mehr als Sensationsgier, es gehört Frivolität dazu, einzelne Genfer Stimmen und Stimmungen zu „feststehenden Tatsachen" zu machen, ja dem nachrichtenhungrigen Leser vorzutäuschen, daß man alles und sogar das Geheimste aus direkter, unbezweifelter Quelle wisse. Die Meldung des Genfer Korrespondenten des „Morgen" beruft sich auf die Erklärung des Mitgliedes der Mandatskommission des Völkerbundes Prof. Rappard, eines gewiß ausgezeichneten und objektiv denkenden Menschen, der sich im Verlauf der zahlreichen Palästina-Mandats-Sitzungen des Völkerbundes als Freund der zionistischen Sache erwiesen hat. Diesmal liegt aber die Angelegenheit so, daß die britische Regierung Genf bisher von ihren Plänen nicht verständigt hat und Genf auch keinen Einfluß auf die Entschlüsse Londons nehmen kann. England ist entschlossen, einen entscheidenden Schritt in der Palästina-Frage zu tun. Das geht aus zahlreichen Anzeichen hervor. Die Basis dieser Tatsache ist die Londoner Meldung, daß die englische Regierung gleichzeitig mit dem Bericht der Königlichen Kommission ihre eigene Entschließung veröffentlichen und beide Deklarationen vor die Mandatskommission des Völkerbundes bringen werde. Die Palästina-Frage wird in Genf voraussichtlich am 31. Juli behandelt werden. Es ist also unerhört, heute schon „offiziell bestätigte" Meldungen über die Teilung und ihre Details zu bringen. Der Zionistenkongreß selbst, der am 3. August in Zürich beginnt, wird vielleicht nicht in der Lage sein, über den englischen Plan zu beraten, da es nicht ausgeschlossen ist, daß das Kolonialamt des Ministers Ormsby-Göre der Zionistischen Exekutive den Bericht der Königlichen Kommission und die englische Deklaration erst in einem Zeitpunkt überreicht, wo der Kongreß bereits seine Tagung beendet hat. Wir müssen auf alles gefaßt sein. Keinesfalls aber dürfen wir Meldungen, wie sie der Wiener „Morgen" bringt, als ernste Tatsachen nehmen, die man jüst dem Genfer Korrespondenten des Wiener Montagsblattes und nur ihm anvertraut hat. Juden§taatler! Meldet euch zur Mitarbeit für den Wahlkampf. Anmeldungen: Täglich im Sekretariat, Zentral« heim, IL, Praterstraße 30, von 19 bl* 22 Uhr, Telephon K-45-1-80-U. Die Weltkonferenz der Judenataata« partei wurde für den 27. Juli d. J. einberufen. Die Konferenz wird in Paris zusammentreten. Herzl-Grabgang. Sonntag, den 20. d. M., findet der diesjährige Herzl-Grabgang statt. Näheres 4n unserer Freitag-Nummer* Aus London wird uns geschrieben: Vor kurzem ging durch die englische Presse die Meldung, daß die Veröffentlichung des Berichtes der Kgl. Kommission in der dritten Juniwoche erfolgen werde. Es war nämlich geplant, zuerst den Bericht der Oeffentlichkeit zu übergeben und nach geraumer Zeit die Stellungnahme der Regierung festzulegen. Wie der „Manchester Guardian" meldet, wird der Peel-Bericht kaum vor Mitte Juli erscheinen, da die Regierung sich erst über die von ihr einzuschlagende Politik klar werden müsse. Beides, die Veröffentlichung des Berichts und die Entscheidung über die Palästina- Politik Londons, soll gleichzeitig erfolgen. Was geschieht mit den 220 Zertifikaten? Im Unterhaus gab es wieder eine Debatte betreffs der letzten Schedule von 720 Zertifikaten, die bekanntlich — bis auf die für deutsche Juden bestimmten 400 — von der zionistischen Exekutive abgelehnt wurden. Abg. M a n d e r interpellierte nämlich den Kolonienminister, was die Regierung mit diesen zurückgewiesenen 220 Zertifikaten beginnen werde. Ormsky-Gore erklärte zunächst, er wisse nicht, Was für eine Aktion die Regierung im Zusammenhang mit der negativen Haltung der zionistischen Exekutive Übernehmen werde. Weiters teUte er mit, daß die Exekutive ihre Beschwerde der Regierung unterbreitet habe. „Was die allgemeine Einwanderungsfrage betrifft, ist es klar," erklärte der Minister, „daß die Regierung, solange sie nicht den Bericht der Kgl. Kom* mission studiert hat, von ihrem Grundprinzip der Ein« Wanderungsregelung, das im MacDonald-Brief festgelegt ist, nicht abgehen könne. (Gemeint ist der Brief des Premierministers MacDonald an Dr. Welamann vom Februar 1931, worin — als authentische Interpretation der Mandatsbestimmungen — die Einwanderungsquote nicht nach politischen Gesichtspunkten, sondern ausschließlich nach der Aufnahmsfähigkeit des Landes bestimmt werden soll.) Auf die Frage des Abg. Mander, ob auf die abgelehnten 220 Zertifikate Einwanderer nach Palästina kommen werden, erwiderte der Minister: „Wenn die Zionistische Exekutive die Zertifikate nicht verteilt, wird die Verteilung von anderer Seite vorgenommen werden. Das Immigrationsdepartement der Palästinaregierung wird das Recht bekommen, die in Rede stehenden 220 Zertifikate nach Gutdünken zu verteilen. Die Regierung selbst wird vorerst ihre Haltung nicht ändern. Im übrigen kann die Zionistische Exekutive bei der Ständigen Mandatskommission einen Protest einlegen." Sollte der Bericht der Kgl. Kommission und die Entscheidung der britischen Regierung bezüglich ihrer künftigen Palästina-Politik nicht rechtzeitig bekannt werden, könnte der Zionistenkongreß, der bekanntlich am 3. August in Zürich beginnt, in seiner wesentlichen Arbeit gehemmt werden. Französische MuiinaßiiBtgj Auch die französische Presse zeigt sich jetzt um das Schicksal Palästinas sehr interessiert. Die große Pariser Tageszeitung „L'O euvre" brachte dieser Tage einen Artikel ihrer politischen Korrespondehtin Madame Genevieve Th abouis, die heute neben Jules Sauerwein als beste journalistische Kennerin der auswärtigen Politik gewertet wird, über die Vorgänge um Palästina. Madame T h a b o u i s schreibt: „Die Kgl. Kommission wird sicher eine Teilung Palästinas zwischen den Arabern yund den Juden vorschlagen. Der arabische Teil soll aus dem Bergland Palästinas bestehen und nach Vereinigung mit Transjordanien ein Königreich unter der Herrschaft des Emirs Abdulla bilden. Die Juden sollen die Ebenen Palästinas erhalten; der jüdische Teil soll eine Republik werden. Dabei soll der Völkerbund ein ewiges Mandat über Jerusalem, Bethlehem, Nazareth und möglicherweise auch, über einen Teü des Hafens von Haifa erhalten. England wünscht, das Mandat über Palästina noch weitere drei Jahre ausüben zu können. Nach Ablauf dieser Zeit soll die Errichtung des arabischen Königreiches und der jüdischen Republik vorgenommen werden. Die beiden neuen Staatsgebilde sollen als ordentliche Mitglieder in den Völkerbund aufgenommen werden, wo sie ihren Platz neben Aegypten, dem Irak und den ehemaligen französischen Mandatsländern Syrien und Libanon haben werden. Wahrscheinlich wird es noch lange Auseinandersetzungen zwischen den Juden und den Arabern über die Grenzziehungen in Palästina geben; dennoch dürfte noch vor Zusammentreten der Völkerbundversammlung im September ein E i n v e rnehmen erzielt werden. England ergreift also die Initiative, den jüdischen Staat wiedererstehen zulassen, wo nach wenigen Jahren wahrscheinlich schon drei Millionen Menschen von Führern der Zionistischen Organisation, wie Weizmann, Ben Gurion, Shertok, Brodetsky und Goldmann, regiert werden dürften. Wenn man bedenkt, daß zur Zeit der Verkündung der Balfour-Deklaration es in Palästina nur 50.000 Juden gab, ist man erst imstande zu ermessen, was in den letzten zwanzig Jahren erreicht worden ist." Madame Thabouis schließt ihren Artikel mit der Bemerkung, daß diese große Geste Englands nicht zuletzt dazu angetan ist, dem „Führer" Hitler zu zeigen, daß England nicht davor zurückscheut, seinen Unwillen zu erregen, indem es dem jüdischen Volke den ihm gebührenden Platz im Konzert der Völker gibt. Sie bemerkt auch, daß England seinen Plan bereits am 18. Juli der Völkerbundkommission vorlegen wird. * Madame Thabouis beeprioht die „kühne Tat" der Gründung einer jüdischen Republik. Sie übersieht > aber, daß die Gründung eines solchen „Judenstaates in der Westentasche", der kaum einem Zehntel des jüdischen Volkes Raum bieten könnte, einem Wortbruch und Raub am Judentume gleichkäme. Keine Fühlungnahme Englands mit anderen Staaten wegen Palästina Aus Kaunas: In einem Interview, das der Unteritaatssekretär im Foreign Office Lord Plymouth während seines jetzigen Aufenthaltes in Kaunas dem dortigen J.-T.-A.-Vertreter gab, erklärte er, daß dl© Gerüchte, wonach England in der Palästina-Frage mit den Völkerbundstaaten Fühlung genommen habe, völlig unbegründet seien. Palästina-ResoBulaon amerikanischer Rabbiner Aus New York (J. T. A.): Die Rabbinical Assemibly of America, der Verband der „konservativen" Rabbiner Amerikas, die unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Rabbiner Eugen Kohn, in New York ihre 37. Jahrestagung abhält, hat in geschlossener Sitzung den Bericht der Palästina-Kommission, den Dr. Simon Greenberg, Philadelphia, erstattete, beraten. Durch diesen Bericht sollte die Stellung der konservativen Rabbiner Amerikas zur Frage der Jüdischen Heimstätte geklärt werden. Nach einer Aussprache, die einen vollen Tag in Anspruch nahm, wurde folgende Resolution gelaßt: „Die Versammlung erhebt gegen Großbritannien den Vorwurf, bei der Durchfuhrung des Mandats und der Balfour-Deklaration durch Handlungen und Unterlassungen Irrtümer begangen zu haben. Sie beschuldigt die britische Regierung, der jüdischenBinwanderung und dem Bodenkauf ungerechtfertigte Hindernisse in den Weg gelegt zu haben. Sie erklärt, daß die britische Regierung in Palästina Beamte eingesetzt hat, die das Mandat nichtverstehen oder feindlichzu ihm eingestellt sind. Trotzdem verlangt sie weitere Zusammenarbeit mit Großbritannien bei dem Aufbau Palästinas." Wahlen zum XX* Zionosteiu fcongreß Die Situation in Oesterreich Der am 3. August in Zürich beginnende XX. Zionistenkongreß findet in einer Zeit größter Bedrängnis des jüdischen Volkes statt. Aus der ganzen Welt, vor allem aus Deutschland, Polen und Rumänien, kommt die Kunde von der grausamen Verfolgung, welche auf moralische und materielle Vernichtung der Juden abzielt. Darüber hinaus, um das Maß vollzumachen, ist Erez Israel, das jüdische Nationalheim in höchste Gefahr geraten. Die jüdische Einwanderung ist faktisch gesperrt und Pläne einer weiteren Teilung des durch die Abtrennung Transjordaniens bereits stark verstüm* melten jüdischen Landes werden erwogen: Daß in einer solchen Lage der Gedanke auf* tauchte, einen Kampf der zionistischen Parteien gegeneinander durch Erstellung einer Einheitsliste für die Wahl zum XX. Zionistenkongreß zu vermeiden, ist begreiflich, und als eine der ersten Gruppen hat der Verband der Judenstaats-Zionisten Oesterreichs seihe Bereitwilligkeit erklärt, unter Verzicht auf ein zweites Mandat, zu welchem eben im letzten Wahlkampf nur einige Dutzend Stimmen fehlten, der Einheitsliste beizutreten. Bedauerlicherweise ist aber der Plan eines einheitlichen Vorgehens gescheitert, und zwar an der Haltung, welche der Verband „Binjan Haarez" („Liste des arbeitenden Palästina") angenommen hat. Es wird also ein Wahlkampf stattfinden. Um ihn nach Möglichkeit abzugrenzen und zu verhüten, daß ein Kampf aller gegen alle stattfinde, ist die von den Judenstaatszionisten in verschiedenen Ländern angeregte Idee der Bildung eines nationalen Blocks (allgemeine Zionisten, Judenstaatszionisten und Misrachi) auch in Oesterreich aktuell geworden« Die diesbezüglichen Verhandlungen wurden aufgenom« men und dürften in kürzester Zeit zu einem Abschluß koouQoxu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.