Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 186 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 186 DIE NEUE WaT SeÜf fl kommen bedeutend schwerer als sein nichtjüdischer Schicksalsgenosse. Er ist vor allen Dingen nicht zuständig, es gibt für ihn daher keine Möglichkeit, in einem Betrieb oder einer Werkstätte als Gehilfe zu arbeiten. Und erst in diesem Augenblick beginnt die Tragödie seines Schicksals in sein Bewußtsein zu dringen. Manche sind in die Heimat zurück, aber sie kamen bald wieder. Was sollen sie in dem polnischen Elendsnest beginnen? Also zurück in die Großstadt, in den Kampf ums Leben. Kin Kampf, von dessen Härte wenige Menschen den richtigen Begriff haben. Er wäre wert, Gegenstand eines Romans zu sein, um die Herzen und die Seelen aufzurütteln. Eugenie Kreitler. über Jüdisdie Volkskunst« Vortrag von Dr. Rahel Wischnitzer-Bernsiein (Berlin). Tm Rahmen einer von der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums veranstalteten Vortragsreihe sprach die bekannte Kunsthistorikerin und Forscherin Dr. Rahel Wisch nitzer-Bernstein über das Thema .,Der Ursprung der jüdischen Volkskunst". Die Vortragende wies zunächst darauf hin, daß jene Definition des Begriffes Volkskunst, die in Anonymität jeder Einzelschöpfung und kollektiver Weiterbearbeitung und Fortenwickluug des Motivs das Ilauptcharakteristikum der Volkskunst erblickt, wohl zur Kennzeichnung der Volkskunst im Bereich der Dichtung und Musik, also für Märchen, Sage und Volkslied, ausreicht, aber eine Anwendung auf die Raumkunst, Architektur, Malerei und Graphik, wo wir es ja mit einmaligen, nicht weiter veränderbaren Schöpfungen zu tun haben, nicht zuläßt. Hier müssen wir zu einer Art von topographischer Definition greifen, die das Wesentliche der Volkskunst in ihrer Entstehung an der Peripherie eines Kunstbezirkes, fernab von den schöpferischen Kräften des Zentrums, wo die großen Meister am Werke sind, erblickt. Diese volkstümliche Provinzialkunst übernimmt die in den schöpferischen Zentren entstandenen Formen, ohne sie organisch weiterbilden zu können, und macht aus ihnen traditionelle Typen. Ein bekanntes Beispiel hiefür sind die gotischen und barocken Holzkirchen in den Karpathen. Auch die jüdische Volkskunst ist Provinzialkunst in dem Sinne, daß hier fremde Vor b 11 der in die geistige Provinz des Ghetto übernommen und typisiert wurden. An der Hand eines reichen Lichtbildmaterials von Wiedergaben jüdischer Buchillustration vom 15. Jahrhundert an wurde von der Vortragenden diese Entwicklung zur Darstellung gebracht. Die Uebernahme fremder Vorbilder setzt stärker ein, sobald an die Stelle der gemalten Miniatur der Handschriften die Holzschnittillustr ation der gedruckten Bücher tritt In der Prager Hagada.b,t vom Jahre I52?,.und in der Mantuaner Hagadah vom Jahre 1560 finden wir teils Illustrationen, die offenbar ursprünglich zu anderen Zwecken geschaffen und unverändert dem neuen Illustrationszweck dienstbar gemacht wurden, oder solche, die bekannten Vorbildern der großen Kunst nachgestaltet wurden. So ist in der M an tu a n e r Hag adah die Figur „dessen, der nicht zu fragen weiß", einer Illustration zum 52. Psalm aus einem Bibelzyklus Holbeins entnommen, die Figur des „Weisen" dem „Jeremias" Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle nachgebildet. Den Höhepunkt der Entwicklung jüdischer Buchkunst in Südeuropa bildet die Illustration der Venezianer Hagadah, deren ältestes bekanntes Exemplar aus dem Jahre 1629 stammt. Hier finden wir bereits eigens für den besonderen Zweck geschaffene Kompositionen, wie die Darstellung der Wedsen von Bne Brak. Dde Venediger Hagadah wird heute noch in Livorno nachgedruckt und ist maßgebend für den ganzen Süden Europas. Für den Norden hat die im Jahre 1695 gedruckte Amsterdamer Hagadah eine ähnlich überragende Bedeutung wie die Venezianer Hagadah für den Süden. Sie ist mit Kupferstichen des Stechers Abraham bar Jakob, vermutlich eines Proselyten, ausgestattet. Der größte Teil der Illustrationen ist mit geringen Abweichungen verschiedenen Bilderfolgen des Baseler Kupferstechers Matthäus Merian entnommen. So ist es Frau Dr. Rahel Wrischnitzer-Bemstein gelungen, das Vorbild zum „B ö s ewicht" in einer Kriegerfigur aus einem Blatt Menians Römischer Geschichte, das Vollbild zum „Einfältigen" in dem Bilde „Die Salbung Sauls" aus dem Bibelzykluß desselben Künstlers, das Vorbild zum Kind, das nicht zu fragen weiß, in einer Figur des Blattes „Ha n nib a 1, der den Römern Feindschaft schwört" aus der Römilschen Geschichte Merlans zu entdecken. Demselben Blatt dürfte auch die Figur des Weisen entnommen sein. Die Entlehnung der Figuren aus verschiedenen Vorlagen erklärt auch die auffällige Verschiedenheit der Größen Proportion in der Darstellung dieser vier Figuren iu der Amsterdamer Hagadah. Auch die Darstellung des Tempels, ursprünglich als original jüdische Komposition angesehen, ist auf ein Meriansches Vorbild zurückzuführen. Die zweite Ausgabe d»r Amsterdamer Hagadah bringt gegenüber der ersten insofern einen Fortschritt, als hier eine eigens für die Venezianer Hagadah geschnittene Bilderfolge in Kupfers......i aufgenommen erscheint, Die Offenbacher Hagadah vom Jahre 1720 kehrt wieder zum Holzschnitt zurück, {lue Illustrationen stellen bereits eine volkstümliche Umarbeitung der Vorlagen der Amsterdamer Hagad all dar. Die Ausdrucksmittel sind, primitiver, .die. Figuren schematisiert. Hier haben wir also bereits die Merkmale einer Volkskunst und, da die dargestellten Figuren einen durchaus einheitlichen jüdischen Typus zeigen, eine jüdische Volkskunst. Lange Zeit war den Juden der Uebergang von dem engen Bezirk der Volkskunst, von der Illustration *ur großen Kunst versagt. Um eo mehr ist der künstlerische Elan zu bewundern, mit dem jüdische Künstler im 19. Jahrhundert auf Grund so bescheidener Anfänge an die Lösung großer künstlerischer Aufgaben herangingen. Die größte jfidfsdie Bibliothek der WeU. Das neue Heim des New Yorker jüdisch-theologischen Seminars. Vor eingen Monaten fand in New York die Einweihung eines großen Gebäudes statt. Die riesige j üd is che• B ib 1 iothek des jüdisch-theologi-: sehen Seminars ist in ihr neues Heim übersiedelt. Sie ist zweifellos die größte rein jüdische Bibliothek, die umfangreichste Sammlung rein jüdischer Bücher der ganzen Welt. Sie enthält gegen 100.000 Druckwerke und ungefähr 6000 Manuskripte. Der neue Bau steht auf Broadway, 122. Street. Das Hauptgebäude ist 6 Stock hoch, darüber erhebt sich ein 16 Stock hoher Turm. * Selbstverständlich ist eine so große Spezialbibliothek nicht von heute auf morgen entstanden. Einige Jahrzehnte verstrichen, bis tus einer kleinen Schülbibliothek des Rabbinerseminars die größte jüdische Büchersammlung wurde. Sie verdankt ihre Entstehung nicht nur fleißig betriebenem Bücherankauf, sondern vor allem dem Zusammentragen vieler Bücher- Z7arTTst5rungei^™ fettansatz blxhungen besonders in den W«chMlJahr«n, haben die klinisch erprobten, abführenden Kräutertabletten „ZET 26' sich hervorragend bewfihrt, Aus reinen Pflanzendrogen ohne chemische BelmcnRunj: hergestellt, wirken 'sie langsam und mild, sind wind- und harntreibend, regen die Drüsensekretion an. entgiften so den ganzen Organismus undJ schatten Wohlbehagen. In allen Apotheken (90 ß. S 3.70). Depot: Apoth. Mantler, Wien. XXI. kollektibnen und Aufsaugung kleinerer Bibliotheken und Spezialsammlungen.: .; Die Bibliothek besitzt eine ' Reihe gänzlich verschollener Werke und Dokumente zur jüdischen Geschichte, die keine Bibliothek der Welt ihr eigen nennt Vor 30 Jahren besaß die Bibliothek nicht mehr als 5000 Bände, und zwar Privatsammlungen zweier Gelehrter, des Dr. Schapsai Moraisch (des ersten Präsidenten des Seminars) und des Dr. David Cassel aus Berlin. Allmählich nahm sich eine Anzahl reicher New Yorker Juden der Bibliothek an. Den ersten Anstoß dazu gab Richter Rfeir S u 1 z b e r g e r aus Philadelphia, der Jahr um Jahr systematisch Büchersammlung betrieb. Im Jahre 4905 konnte Sulzberger dem Seminar eine Bücherkollektion übergeben, die 3000' seltener Exemplare und 400 Manuskripte, d. h. nicht gedruckte Schriften, umfaßte. Später fügte Sulzberger die Privatbibliothek des Wiener Gelehrten Prof. Halberstamm hinzu, eine Sammlung von 5000 Büchern und 200, Manuskripten. Außerdem schenkte Sulzberger dem Seminar eine Sammlung jüdisch-spanischer Werke und zwei Kollektionen jüdisch-arabischer Manuskripte, die der bekannte hebräische Schriftsteller und Weltreisende Efraim üaynard auf seinen Studienreisen im Orient gesammelt hatte. Eine wesentliche Bereicherung erfuhr die Bibliothek durch den Ankauf zweier Privatbibliotheken seitens des jüdischen Philanthropen Jakob Schiff- Die eine stammt aus dem Besitz des berühmten jüdischen Gelehrten Moses Steinschneider, des Vaters der jüdischen Bibliographie, die andere aus dem Besitz des bekannten deutschen Bibelforschers Emil Kautsch, ' * Auch die Privatbibliothek des Prof. Schächter, des Begründers des Seminars, wurde nach seinem Tode im Jahre 1916 der Bibliothek einverleibt. Schächte^ besaß ein paar seltene Stücke aus der uralten Synagoge in Kairo, darunter einen Brief in arabischer Sprache und hebräischen Lettern, mit der eigenhändigen Unterschrift des Mäimonides. Die größte und reichste Sammlung fiel der Bibliothek im Jahre 1923 zu. Es ist dies die größte Sammlung, die ein Privatmann an jüdischen Büchern Pension »Austria* Kinderheim Vöslau (OLGA KAOI8CH) iag«rmwv«rstraBe 10 - Telephon Nr. 141 Für Dauer* and Erholungsaufenthalt Jedei Untetriclit im Hause, auch Nachhilfe tür öffentliche Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin - Erstklassige Verköstigung. - Mütterliche Pflege. - HttOlg« *r«JM. 5 IT Fl F=\ FRÜHLINGSFAHRT NACH EREZ ISRAEL 9. IV.— 30. IV. 1931 GESELLSCHAFTSREISE MIT DEN„SITMAR"-D AMPFERN„ AUSONfA" UND „ITALIA" Genua — Neapel — öyrakus —A'exandrlen — Cairo — Tel-Awlw— Jerusalem — Haifa—Tiberlas—Damaskus—Baalbek— Beyrout— Zypern — Konstantlnopel —Athen Gesamtpreis von S 1384.— aufwärts Auskünfte! CITMAD" Wien I, Kärntnerring 18 II vi I IwlA^rik (Ecke Schwarzenbergplatr) jemals besaß: die Bibliothek Elkan Adlers. E. Adler, der Bruder des verstorbenen Chefrabbis von London Dr. Hermann Adler, ist ein englisch-jüdischer Gej lehrter, Schriftsteller und Weltreisender, der auf seinen' Reisen nur den, einen Zweck im Auge hatte, seltene jüdische Bücher und Dokumente zu sammeln. Seine weltberühmte Sammlung wurde von Felix Warbürg, Mörtimer Schiff und Louis Marshai], für das Seminar angekauft. * Diese Riesenbibliothek besitzt in der Persönlichkeit des Prof. Alexander Marx einen hervorragenden Bibliothekar. Prof. Marx ist ein bedeutender jüdischer Gelehrter, ein gründlicher Kenner jüdischer Geschichte und Literatur und gilt als der bedeutendste lebende Schüler Steinschneiders. In Deutschland geboren, wurde er vor einem Yierteljahrhundert ans theologische Seminar für jüdische Geschichte und als Bibliothekar berufen, und ihm ist es zu. verdanken, daß aus der Bibliothek ein nationaljüdisches Institut ersten Ranges geworden ist. \ T heafer, Kunfi und iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiii Literatur« Liederabend Hilda Dulitzkaja. Nach längerem Aufenthalt in Berlin ist Hilda Dulitzkaja wieder vor das Wiener. Publikum getreten. Ihre Art, das jüdische Volkslied zu interpretieren, hat, sich ein wenig geändert, nach der artistisch-kabarettistischen Seite hin, was wohl auf ihr Auftreten im Berliner, jüdischen Kabarett „Kaftan" zurückzuführen ist. Mit dem hebräischen „Wiegenlied" machte, sie alles gut, was sie durch die Banalisierung der alten jiddischen Lieder verschuldete. S. Schwager las zwei humoristische Stücke von Schalom Alechem mit guter Pointierungskunst. o. r. Neues Jüdisches Theater (II., Praterstraße 60). Trotz des großen Erfolges kann das Gastspiel des jüdischamerikanischen Stars Mirjam Köralowa nicht mehr verlängert werden. Die letzten drei Vorstellungen finden am 10., 11. und 12. April statt. Zur Aufführung gelangt das Lebensbild von Solotarewsky „U n a m a m e". Beginn viertel 9 Uhr. Wiederauftreten von Lora Glücksmann und Simche Fostel. Nach einer überaus erfolgreichen Tournee durch mehrere Städte Belgiens trafen die beliebten Künstler Lora Glücksmann- und Simche Fostel wieder in Wien ein und geben Sonntag, den 12. April 1931, im großen Theatersaale Reklame, IL, P r a t e r s t r a ß e 34, um 8 Uhr abends einen Künstlerabend. Es ist zu hoffen, daß das jüdische Wiener Publikum die Gelegenheit wahrnehmen wird, dn diesem Abend die beliebten zwei Künstler anzuhören. Das Gastspiel Erwiiig Arcos prolongiert. Das Gastspiel des jüdisch-amerikanischen Schauspielers Erwing Arco an der Jüdischen Bühne, IL, Taborstraße 12, verlief so erfolgreich, daß sich die Direktion veranlaßt sah, dasselbe zu prolongieren. Arco, der die Hauptrolle in dem Stück „Wie ein Ganef liebt" inne hatte, bot eine künstlerische Leistung, wie man sie in Wien schon lange nicht gesehen hat. Durch ihn wurde auch das Niveau des gesamten Ensembles bedeutend, gehoben. Ein italienischer Judenroman. Im Mailänder Verlag Casa Editrice Cesdiina ist unter dem Titel „Ebrei" ein Judenroman erschienen, der den bekannten Schriftsteller Mario Puccini zum Autor hat. Das Buch stellt die Juden in ihre italienische'Umwelt und enthält zahlreiche Diskussionen über ihre Stellung in der italienischen und zu der italienischen Nation. Das jüdische Gemeinschaftsgefühl offenbart sich in feinsten Nüancierungen innerhalb der Bewegtheit des Kriegserlebnisses. Eine Reihe jüdischer Typen wird speziell im jüdischen Milieu der . Provinz lebendig. Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Wien-Berlin. Heft März- April 1931.. Von der seit neun Jahren erscheinenden Zeitschrift liegt die Doppelnummer März-Aipril vor. Sie weist wie alle vorhergehenden eine Reihe bemerkenswerter Beiträge auf, zum Teil miit reichem Bildermaterial ausgestattet. Aus dem Inhalt ist zunächst ein Aufsatz von Rabb. Dr, Max Grünwald „Durch Spanien und Portugal, Reißeerinnerungen an das Frühjahr 1929", eine Einleitung zur neuen Uebersetzung der jüdischen Frauenbibel von Berta Badt-Strauß hervorzuheben. Die erzählende Literatur ist durch das Anfangskapitel eines Romans des englisch-jüdischen Schriftstellers Noah El stein „Plight of Perez" sowie durch einen aus dem Jiddischen übersetzten Abschnitt aus den „Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers" von Jakob Mestel vertreten. Die Persönlichkeit i