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Die neue Welt · 1931-04-10 · Heft 186 (10.4.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 186 (10.4.1931)
Date
1931-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seife 6 DIE NEUE WELT Nr. 186 Die Redaktion der „New Yersey Freie Zeitung erwiderte im Leitartikel auf diesen Brief wie folgt: „Noch sind wir nicht so weit, daß sich die Auslands presse, sei es die fremdsprachige oder die deutsche, unter das Diktat irgend einer deutschen Partei zu stellen braucht, am allerwenigsten aber unter das Diktat einer Partei, deren Mitglieder Gastrecht in diesem Lande genießen, das ihnen dieses Gastrecht ver weigern müßte, uenn das Programm der National sozialistischen Partei seitens der Vereinigten Staaten auf ihr« hier residierenden Mitglieder angewandt würde. Tm Hitlersehen Parteiprogramm stehen die Sätze: »Wer nicht Deutscher ist, kann nur als Gast im deutschen Staate leben und steht unter Fremden recht". Wenn wir auch noch nicht wissen, wie das von den Nationalsozialisten projektierte „Fremdenrecht" sich auf die im Deutschland Hitlers lebenden Ausländer auswirken wird, so darf das Ausland wenigstens die Forderung aufstellen, d a ß s e i n Gastrecht geachtet werde. Wir wissen, daß die deutschen Nationalsozialisten vom Ausland nichts zu lernen beabsichtigen, möchten aber annehmen, daß der Aufenthalt ihrer Mitglieder gerade in diesem so unbeliebten Ausland doch irgend einen Zweck haben muß. Hoffen wir, daß die Leiter der New Yorker Ortsgruppe aus ihren Amerikajahren wenigstens etwas von den amerikanischen Umgangsformen für ihren Partei-Knigge mit nach Hause nehmen mögen." Der engKfdie Mmi'fter Thomas über das judftfae Volk« Eine schöne Rede am unrechten Ort. In London fand aus Anlaß des 75jährigen Jubiläums der englischen jüdisch«theologischen Lehranstalt unter Vorsitz von Lionel de Rothschild eine Festversamm* lung statt. Gasts und Hauptredner des Abends war der Minister für die Dominions J. H. Thomas. Minister Thomas führte aus, das jüdische Volk habe in allen Heimsuchungen, Widerwärtigkeiten und Leiden seine Seele bewahrt. Wenn die Geschichte der Nationen geschrieben und die Vergangenheit der Völker wahrheitsgemäß aufgezeichnet werden würden, werde es kein stolzeres Kapitel in dieser Gcschichte geben als jenes, in welchem der Weg eines ver» folgten, gehetzten, beargwöhnten und mißhandelten V o 1 k e s dargestellt wird, das trotz allem mit ttefem Glauben an •dem Grundsatz festgehalten hat: „Was nützt es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er dabei steine Seele verliert?" Obwohl die Juden als Ausgestoßene behandelt Wurden, haben sie doch stets an der Hoffnung festgehalten, einmal werde;der' Tag kommen, an dem sie sich nicht ihres Glaubens wegen zu rechtfertigen und ihrer Sprache zu schämen haben werden. In diesem Geiste und mit diesem Leitgedanken haben sie gearbeitet und Vor» urteile besiegt. Es kam eine Zeit, da die Botschaft an die Welt erging, die Judenheit habe endlich triumphiert, sie dürfe endlich ihre eigene Sprache, ihren eigenen Glauben lehren und ihren eigenen Idealen leben.. Es gab keinen Juden in der Welt, der nicht stolz und glücklich war, als diese Deklaration erlassen wurde. Gestatten Sie mir, fuhr Minister Thomas fort, der ich Mitglied der ersten Arbeiterregierung war und stolz darauf bin, an der Wiederverkündung der Balf our«Dek lara t ion beteiligt gewesen zu sein, zu erklären, daß ich niemals geglaubt habe und auch heute nicht glaube, es gebe irgend einen Juden in der Welt, der diese Botschaft so aufgefaßt hat, als solle er nunmehr jemand anderen verdrängen. Keiner beabsichtigt oder beabsichtigte jemals die Verdrängung anderer. Dies widerspräche seinem innersten Glauben. Es wäre ein Verrat an allen in der Vergangenheit gebrachten Opfern. Der -Jude sagte sich, daß ihm hier eine Gelegen« heit geboten sei, den Genius seines Volkes vor der Welt zu beweisen, zu beweisen, daß er mit anderen in gutem Einvernehmen zusammenleben und seinen Beitrag zu den höchsten Gütern der Menschheit leisten kann. Wer vermöchte, schloß Minister Thomas seine Ansprache, bei der Betrachtung der Geschichte des heutigen Palästina zu leugnen, daß diese Hoffnung ges rechtfertigt war? # Die Rede des Ministers gewinnt einen ganz be» sonderen Charakter, wenn man sie mit einer Nachricht in Verbi"jiung bringt, welche wir vor kurzem brachten» Diese Nachricht lautete dahin, daß der derzeitige Kolonial» minister Lord Passfield, welchem die Palästina* Regierung unterstellt ist, demnächst gehen und Thomas zu seinem Nachfolger bestellt werden soIL Thomas war unter der ersten Arbeiterregierung Kolonialminister. Als solcher hatte er aber gegenüber dem jüdischen Nationalheim keine.sehr wohlwollende Haltung ein*. genommen. Hoffentlich bedeutet seine schöne „Kandi* datenrede" vor den Repräsentanten der englischen Juden eine Sinnesänderung zum Guten. Wenn er betont, daß keiner behaupten darf, daß die Juden irgend jemand verdränge» wollen, so sei daran erinnert, daß die Regierung, deren Mitglied er ist, daß „Weißbuch" herausgegeben hat, in welchem diese Behauptung ge* w«gt wird. Lautet doch der Tenor dieses „Weißbuches**: »Schutz der armen Araber vor Verdrängung StönöKe unentgeltliche Xtellcnoermlttluns Wer ausgebildetes, tüchtiges und diszipliniertes Personal a'ler Art u. aller Branchen benötigt, wende sich an „Hakoah", l.t Wiaaingaralr. 11, Tal. R.25»0»1O durch die Juden!" Minister Thomas sollte die schöne Rede vor den englischen Juden auch seinen Kol* legen in der Regierung, vor allem aber den Beamten seiner Regierung halten. Aus Sibirien geflohene Zionisten gehen nach Palastina. Jerusalem, 4. April. Die Jewish Agency erbat und erhielt von der Palästina-Regierung nach erfolgter telegraphischer Zustimmung der Londoner Zentralregierung eine besondere Einwanderungserlaubnis für zwölf Juden, die aus der sibirischen Verbannung geflohen sind und sich zur Zeit in Persien befinden. Eine arabische Antwort auf Rabbi Sonnenfelds Friedensappell. Jerusalem, 29. März. (J. T. A.) Das Organ des Groflmufti Jamea e 1 A r abi a" veröffentlicht, eine Antwort auf den vom Führer der palästinensischen Agudas Jisroel Rabbi Sonnenfeld an alle Teile der palästinensischen Bevölkerung erlassenen Friedensaufruf. „Jamea el Arabia" schreibt u. a.: Sind die orthodoxen Juden Palästinas bereit, sich gegen den Zionismus zu erheben, gemeinsam mit 'den Arabern diese schädliche Bewegung zu vernichten und so den Frieden im Heiligen Lande wiederherzustellen? Wenn dies nicht geschieht, dann sind Araber und Juden dazu verurteilt, unter dem Zionismus zu leiden. „Die Araber sind unsere Brüder!" Jerusalem, 29. März. (J. T. A.) Die arabische Exekutive wendet sich an die arabische Bevölkerung Palästinas mit dem Aufruf, an den bevorstehenden Feierlichkeiten anläßlich des 70. Geburtstages des Bürgermeisters von Tel-Awiw, Mayer Dizengoff, nicht teilzunehmen. In dem Aufruf wird darauf hingewiesen, dafl die Zionisten die Beteiligung von Arabern an den Festlichkeiten zu Fropagandazw ecken ausnutzen würden;'- "v Als Antwort auf diesen Aufruf veröffentlicht Bürgermeister Dizengoff eine Erklärung,, in der er gleichzeitig der Behauptung des.„jFelestinV, er habe in seiner Begrüßungsansprache an Dr. Weizmann die Araber, als Feinde der Juden bezeichnet, entgegentritt. Die Araber, heißt es in dieser Erklärung, seien sie nun Mohammedaner oder Christen, sind unsere Brüder, und wenn -ich von Feinden spreche, so meine ich auch jene Juden, die, ebenso wie es der „Feiestin" tut, Unfrieden zwischen uns stiften wollen. De* jüdifthe Kongreß in Subotica« Gescheitertes Werben um die jugoslawischen Juden. Gelegentlich der letztens durchgeführten A/Ölks* Zählung in der Tschechoslowakischen Republik sind die mägyarisch'israelitischen Assimilanten auf den Plön ge* treten. Gemäß den Bestimmungen der tschechoslowakb sehen Verfassung hatten die Juden das Recht, sich;, im Be* reich des ganzen Staates zur jüdischen Nationalität zu bekennen; natürlich auch in den ehemaligen ungarischen Gebieten, in der Slowakei und in Karpathoruss — in Ländern, wo es auch eine ungarische Minorität gibt. Im Auftrag ihrer magyarischen Zwingherren nahmen sich die jüdischen Assimilanten Ungarns die Vermessen* heit heraus, etwas zu tun, was sie sonst zu tun perhor» reszieren: jüdisches Solidaritätsgefühl zu zeigen. Es sah natürlich danach aus. Sie protestierten dagegen, daß — man höre und staune — die tschecho» slowakische Regierung die Juden Juden zu sein „zwinge" und es ihnen so verwehre, sich zu ihrem angestammten Volk der Magyaren in den ehemals ungarischen Gebieten zu bekennen. Diese Arroganz wurde vom tschechoslowaki* sehen Judentum gebührend beantwortet. Auch Jugoslawien hat Gebiete, die in der Monarchie zu Ungarn gehörten. Auch um die Juden dieser Gebiete jammerte die „Union der ungarischen Juden" (das ist die Assimilantengilde mit der jüdischen „Solidarität") und rief die jüdische Welt auf, den „schwer leidenden" Brüdern Jugoslawiens, namentlich jenen der ehemals ungarischen Gebiete, zu helfen. Diese Union erhält nun auch von autoritativer jüdischer Seite Jugoslawiens die entsprechende Antwort. A^. M#r£tagte;in;Subotica ein jüdischer Kongreß, dem Vertreter des Königs, der Staatsregierung, der Banajts* Verwaltung sowie zahlreiche' höbe Militär* und Zivil» bearate beiwohnten. Den Kongreß, der zum Zweck der Zurückweisung der magyarisch*assimilatorischen , V.?r» leumdungen einberufen wurde, leitete eine Ansprache des Landesrabbiners Dr. Isaak Alkalay ein, der feststellte, da£ sowohl da* offizielle als auch inoffizielle Jugo# slawien voll* Gleichberechtigung »e)n>n jM»cJw» , Mitbürgern gewährleistet habe, und daß Jugoslawien m den wenigen europäischen Ländern gehöre, denen der Antisemitismus fremd ist. Der Kongreß, beschickt von den im Donaubanat zusammengefaßten jüdischen Kultusgemeinden und allen Rabbinern dieses Gebiets, erklärt in einer Resolution zunächst, daß er die Insinuation irgendwelcher Verbindung mit irredentistischen Bestrebungen auifs schärfste zurück« weisen müsse und daß die jugoslawischen Juden als Juden sich glücklich «fühlen, in voller Eintracht mit dem jugoslawischen Staatsvolk leben zu können. Ferner lehnt der Kongreß Enunziationen ab, die nicht von den rechtlichen Vertretern der jugoslawischen Judenheit selbst kommen, und bringt das Gefühl der auf* richtigen Liebe zu Jugoslawiens Herrscher, Staat und Volk zum Ausdruck. Der Präsident der Kultusgemeinde Subotica J. Klein hielt die Schlußrede, in der er im Namen des Kongresses den Juden der ganzen Welt die Botschaft von dem einträchtigen Zusammenleben des jüdischen und jugoslawischen Volkes im Staate S. H. S. verkündete. Der jüdische Kongreß in Subotica bewies, daß die Versuche der Magyaren, das Einvernehmen zwischen Juden und Jugoslawen im Donaubanat zu stören und für sich so politisches Kapital zu schlagen, von der jugoslawi* sehen Judenheit als das, was sie sind, erkannt und dem* entsprechend beantwortet wurden. Der judifdie Blfaide* Samstag, den 18. April, um halb 9 Uhr abends, findet im mittleren Saale des Wiener Konzerthauses ein Konzert jüdischer Blinder statt. * An der Grenze der Stadt steht das Haus der jüdischen Blinden. Umleuchtet von Sonne, umgeben von einem sdiönen Park. Das ist die Stätte, -wo das blinde jüdische Kind seine zweite Heimat findet. In neun von zehn Fällen kommt der Zögling aus Polen. Typisch jüdische Not, mangelnde Geburtshilfe, das Fehlen auch der primitivsten hygienischen Bedingungen, ererbte Krankheit, nidit erkannt und nicht behandelt, verschulden vielfach das namenlose Unglück der Blindheit. Zweifellos wußte der Erbauer dieses Hauses, daß Blindheit in ihrem Gefolge auch die Disposition zu versdiiedenen anderen Krankheiten hat. und er stellte darum das Haus auf den schönsten Platz, in die Sonne. Sie leuditet am stärksten in den Seeleu und Herzen der Kinder. Wer einmal Gelegenheit hatte, einer Festlichkeit, einem von den Zöglingen veranstalteten Konzert beizuwohnen, wird den unvergeßlichen Eindruck eines Wunders erleben. Beklommenen Herzens betrat man dieses schicksalsschwere Haus, ist auf Stiegen und Gängen den blinden Kindern mitleidsvoll ausgewichen, ängstlich bemüht, nicht an sie anzustoßen, und sitzt nun mit einem Gefühl der'Bedrücktheit im Festsaal Dieser Festsaal erzählt ein Stück Geschichte des Wiener Finanz- und Großjudentums. Mannortafeln mit den Namen der Stifter bedecken die Wände. Namen, die im alten Oesterreich und darüber hinaus Klang und Bedeutung hatten. Wo sind die Nachkommen dieser Leute? Meist getauft, dem Judentum vollkommen entfremdet, teilweise verarmt. Nur die Namen an den Wänden erinnern an die glanzvolle Vergangenheit. Da beginnt das Fest. Als erstes ein Märchenspiel, dargestellt von den Kleinen und Kleinsten. Langsam weicht die Bedrücktheit, das quälende Gefühl würgenden Mitleids, Wie sidier diese kleineu blinden Schauspieler auftreten, wie sie ihre Rollen beherrschen und mit welcher Freude sie spielen! Der Fluch der Blindheit drückt sie nicht mehr, er scheint von ihnen genommen. Sie sehen mit der Seele den grünen Wald, die farbigen Blumen, die Märchengestalten, die sie darstellen. Auch die folgenden Produktionen der erwachsenen Zöglinge auf dem Gebiete der Musik lassen kein Gefühl des Mitleids aufkommen, beweisen, daß audi das furchtbarste der physischen Gebrechen, die Blindheit, überwunden werden kann durdi den Geist und die Liebe. Solange der jüdische Blinde im Institut lebt, hat sein Schicksal keine Macht über ihn. Er genießt die Freuden der Jugend und wird für einen Beruf vorbereitet. Leider sind die Berufsmöglichkeiten für den Blinden noch immer sehr beschränkte. Trotzdem geschieht alles, um ihn zum lebenstüchtigen Mitglied der Gesellschaft heranzubilden. Man sollte meinen, daß das Schicksal der Blindheit die nationalen und konfessionellen Unterschiede unwesentlich macht, ausschaltet. Das ist natürlich nicht der Fall. Der jüdische Blinde hat es audi in seinem wirtsdiaftlichen Fort- WochenrKalender April 1931 P'J «»am Nissan 5691 10 Freitag 28-33 Sabbateingang 6.3S u Samstag 24-13 Sabbatausgang 7.21 in wi 'öan 12 Sonntag 25-rD •.; 18 Montag 28-13 . 14 Dienstag 27-b 1» Mittwoch 28-H3 11 Donnerstag 29-03

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