Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
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Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem 7 erst eroberten Stoff heraus anderen vermitteln zu können. Die große Gunst dieses geschichtlichen Augenblicks wollte es aber, daß sich dem Neuwerke durch Rosenzweigs Feuer ein Mann gewinnen ließ, der, groß und zerrissen, auf der Grenzlinie zweier Welten stand, aber noch das gesamte Wissen der alten jüdischen Welt mit vielen, wenn auch nicht allen Denkanstößen Europas zu schmerzlich ersehnter Synthese zu bringen suchte: Rabbiner Nehemias Nobel. Nicht so sehr durch das Leistungsmäßige seiner Mitarbeit als vielmehr durch deren Tatsache selbst wurden seine Gelehrsamkeit und Problematik zu treuen Helfern: das erste Mal in der Geschichte des Judentums saß der Raw auf der gleichen Bank mit dem Am-Haarez, nicht nur als Hörer, um zu lernen, nein, auch als Lehrer. Aber war diese Emanzipation des Am-Haarez, die hier freilich nur als Mittel zum Zweck diente, ihn wieder zum wissenden Juden zu machen, nicht religiös im Chassidismus, politisch im Zionismus vorweggenommen worden? So betrachtet, schuf Rosenzweigs Wirken im Lehrhause zwei großen historischen Bewegungen ihre Parallele in einem bestimmten, bisher unerfaßten Kreis des westlichen Judentums. Die neue Beziehung zum Stoff drückt sich in der Überwindung des Historismus aus, die nun nicht nur, wie einst in „Zeit ist's", lediglich den Lehrplan, sondern die lebendigen Arbeitsgemeinschaften selbst — sie waren ihm, übrigens im Gegensatz zu Nobel, naturgemäß lieber als Vorträge — gestaltete. So entwuchs etwa die Bibel der im wissenschaftlichen Betrieb vor allem maßgebenden genetischen und quellenkritischen Behandlung, ohne daß ihre Einheit aber auf dem orthodoxen Inspirationsglauben beruht hätte. Mochten in der Schöpfungsgeschichte die Gottesnamen E. und J. auch verschiedene Quellen bezeichnen: ihr religiöser Gegenwartssinn erwächst doch erst aus der Zusammenstellung der beiden Berichte, von denen der erste von Gott ausgeht und der zweite vom Menschen. So durfte Rosenzweig das bibelkritische Siglum R. nicht mit „R e d a k t o r" auflösen, sondern als — Rabbenu, unser Lehrer. Wer es auch war, er hat uns die Thora in der Einheit ihrer Widersprüche geschaffen, und von dieser Einheit ist alle religiöse Wirkung ausgegangen und geht noch heute davon aus. Talmud hat er natürlich nie selber unterrichtet, aber genügend mündliche und schriftliche Zeugnisse lassen erkennen, welcher Art „Lernen" er für sein Lehrhaus erstrebte. Da mußte die ganze jüdische Geschichte, diese „immerwährende Vorwelt", aus dem Blatt Gemarah lebendig werden: um einen Satz aus der Thora versammeln sich die Geschlechter, Tannaiten, Amoräer, Saburäer, Raschi und die Tossafisten, ganz am Rande noch Rabbi Akiba Eger aus dem XIX. Jahrhundert — und davor, dazwischen, mitten drin: wir, du und ich. Wir sitzen alle, die verstorbenen und die noch lebenden Teilnehmer des „Scheur", um denselben Tisch, unsere Stimmen klingen ineinander, wir mischen uns in den Chor: es ist eine niemals zu Ende gehende Disputation, an der wir beinahe gleichberechtigt teilnehmen. Ist es zu verwundern, daß diese kühne Kraft der Vergegenwärtigung