Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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6 Ernst Simon Audi die Sprache klingt nun ganz anders: die noch schlanke Keckheit der ersten Schrift ist nun vom Pathos des Philosophen aufgefüllt, zwischen beiden liegt der „Stern der Erlösung". Vor allem aber ist festzustellen, daß, wie wir sahen, die Utopie von „Zeit ist's" die bürgerliche Existenz des deutschen liberalen Judentums noch unkritisch zum Ausgangspunkt nahm (und gerade deshalb ein solches Echo weckte), daß aber nun die Kritik an der halben Verwirklichung seiner Utopie zur Kritik dieser Existenz selbst vorstößt: das Bildungsproblem ist ihm nun aus einem Lehrplanproblem ein E x i - stenzproblem geworden. Vorgebildet war das schon in den soziologischen Plänen für den Lehrerstand, die die erste Schrift gebracht hatte; nun aber bezieht es sich in voller Breite auf Lehrer und Lernende, deren Unterschiede, als in der gleichen Krisis stehend, nahezu bedeutungslos werden. Dieser höchst positive Geist hatte sein jüdisches Bildungsdenken mit einem positiven Vorschlag begonnen; er wird auch nun nicht in der Kritik stecken bleiben: das Ende der Schrift bringt den Gedanken, aus dem bald das „Freie jüdische Lehrhaus" zu Frankfurt a. M. erwachsen ist. Aus der Akademie hatte sich Rosenzweigs Hauptaktivität in die Volkshochschule zurückgezogen. Das Existenzproblem des deutschen Juden besteht darin, daß er in dem Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung stecken geblieben ist und kein anderes Einigungsband mehr besitzt. Dagegen kann nur ein leises „Nichts Jüdisches ist mir fremd" helfen; gesagt in der Grundstimmung jüdischen Vertrauens und der Haltung des hic et nunc, des „Beginnens" (wie Gustav Landauer sagen würde). Kein System von Kursen, keine „Bildung", sondern nur die leeren Formen des Bereitseins — wie spielt er kantisch! — nur „Raum und Zeit", „Sprechraum" und „Sprechzeit". Das künftige Lehrhaus, „Mittel- und Keimpunkt für das jüdische Leben des jüdischen Menschen", dürfe nichts Ganzes hinstellen, sondern müsse selber Anfang sein, Anfang, der den Meister und den Schüler in seine fruchtbare und neugebärende Identität zieht. Die „Bonzen" allerdings werden nicht hinkommen: „Denn hier wird gefragt. Und sie wollen Kundgebungen. Hier wird gezweifelt. Und sie wollen Programme. Hier wird gewünscht. Und sie wollen Forderungen." Wie gelang ihm nun selber die Verwirklichung des ganz eigenen Plans und worin bestand sie? Wir dürfen vielleicht dreierlei feststellen: die neue Grenzsetzung zwischen Lehrer und Schüler, die neue Beziehung zum Stoff und die neue Tonart. Das Lehrhaus sollte ein Beth-Hamidrasch für den Am-Haarez sein, zunächst als Schüler, doch bald auch als Lehrer. Die frische Entdeckerfreude, die Rosenzweigs Prozeß der Heimkehr auch in der immer stärkeren Uebernahme der jüdisch-traditionellen Formen in sein persönliches Leben charakterisierte, sollte auch zwischen Lehrern und Schülern herrschen und das alte Judentum nicht nur neu entdecken, sondern gleichsam nachschaffen. Was der Am-Haarez gestern erst gelernt hatte, sollte er, trotz Goethes unhöflicher Xenie, heute schon lehren, um es noch ganz aus der aktiven Nähe zum eben