Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 Ernst Simon manchmals auch mit einem beinahe beängstigenden Griff in die Zukunft langte und auch sie, also nach der Wissenschaft auch die Lehre, ins Heute hineinzwang? Mit welchem Wort rühmt er Hermann Cohens Nachlaß werk „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", das er bekanntlich als des Verfassers ihm selbst verborgen gebliebenen Bruch mit dem eigenen idealistischen S\7stem deutete? Folgendes schreibt er nieder, und hat es vorher oft gesagt: „In diesem Werk, das noch gelesen werden wird, wenn die Sprache, in der Cohen es schrieb, nur noch von Gelehrten verstanden wird, ist der ganze jüdische Ertrag dieses Lebens geborgen". (Zweistromland, S. 239.) Welches messianische Vertrauen in die Dauerkraft des Hebräischen! Und s o hat er die Sprache gelehrt: ganz als heilige, und gerade darum ganz als lebendige. Wie ein leiseres Echo aber klingt diesem Donnerwort das rührende Geständnis des alten Talmudisten Professor David Hoffmann entgegen, das sich in der Einleitung seines Responsenwerkes „Sefer melamed lehoil" findet: wenn all seine wissenschaftlichen Werke vergehen sollten, dieses hebräisch geschriebene werde bleiben. Noch wichtiger aber vielleicht als jenes neue Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler und als diese neue unhistorische Stellung zum jüdischen Stoff war der neue Ton, den das jüdische Lehrhaus ins Lernen hineinbrachte. Rosenzweig hat der jüdischen Bildung wieder etwas Aristokratisches, Keckes, Übermütiges, Spielendes und Sicheres gegeben: es weht Großstadtluft, Gegenwartsluft, statt jener Armeleuteatmosphäre, die früher alles Jüdische so wenig anziehend zu machen schien. Dies: das unfaßbare Atmosphärische gehört vielleicht zu seinen größten Leistungen; es bedeutet die innere Emanzipation des Jüdischen im Juden. Mit all dem hängt die Sorge zusammen, die Rosenzweig für die gesellschaftliche Stellung seiner projektierten „Religionsoberlehrer" trug, und die Tatsache, daß er der erste jüdische Geistesführer der neueren Zeit ist, der aus dem Großbürgertum stammt. Alle anderen kommen aus kleinen, höchstens mittleren Verhältnissen, sind Söhne von Beamten, Lehrern, Rabbinern, mittleren Kaufleuten. Rosenzweig kommt aus einem Hause wie Walther Rathenau: europäische Luft hat diesen Kopf einmal ganz frisch und bedrohend umweht, ehe er sich zum Jüdischen kehrte. Aber den Weltklang hatte er nun einmal in den Ohren, und der antwortete nun stets dem jüdischen Ewigkeitsakkord, der allmählich immer deutlicher aus seinem Herzen aufstieg. Nehmen wir noch das vorbildhafte Beispiel hinzu, das Rosenzweigs positive Stellung zu jüdischem Brauchtum, wenn auch nicht als bindendem Gesetz, auf w7eite Kreise der Jugend ausübte — er hat seine Praxis in dem Aufsatz „Die Bauleute4: begründet — so sind wohl seine unmittelbaren Wirkungen auf die Lage der jüdischen Bildung unserer Zeit bezeichnet. Doch würden wir der uns gestellten Aufgabe nicht gerecht werden, wenn wir nicht noch der mittelbaren Einflußnahme gedenken, die von seinem philosophischen Hauptwerk, von der Bibelübersetzung und in all dem vom Ganzen seiner Persönlichkeit ausgegangen ist.