Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1915-09-17 · Heft 36 (17.9.1915) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 36 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692924-2692959--09141-2704328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sette 2. mächtiger, unversehrt gebliebener Pfeiler unseres Volkes bewähren kann, und der einen guten Teil des Hilfswerkes zu leisten vermag, das notwendig ist, um die Zehntaufende wirtschaftlich zu Grunde gerichteter Juden des Ostens wieder aufzurichten. Die amerikanische Judenheit hat diese ihre historische Aufgabe und Bedeutung, die ihr die Krisis der Gegenwart zuweist, wohl erkannt. Mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgt sie die Entwicklung des Krieges, und daß die weitaus überwiegende Mehrzahl mit ihren Sympathien auf der Seite der Zentralmächte steht und mit freudigem Herzen jede neue Niederlage des Zarenreiches bejubelt, zeugt nur von der richtigen politischeir Einsicht, die sic erkennen läßt, daß nur der Sieg Deutschlands den russischen Juden eine Besserung ihrer Lage bringen kann. Große Sammlungen für die jüdischen Kriegsopfer sind innerhalb der Juden der Vereinigten Staaten eingeleitet worden und Haben bereits ansehnliche Erfolge gebracht; besonders in der Hilfsarbeit für Palästina haben unsere Brüder in Amerika Großes geleistet, und durch ihre namhaften Geldspenden, vor allem aber durch die vielen Lebensmittel, die sie hinsandten, viele Juden Palästinas vor Elend und Hunger bewahrt. Aber weitaus wichtiger und bedeutsamer als alle diese materiellen Aufwendungen, die doch erst nur einen lleinen Bruchteil dessen darstellen, was die amerikanische Judenheit für ihre unglücklichen Brüder m Rußland und Galizien in finanzieller Hinsicht tun muß und wird, wichtiger als all dies ist die außerordentliche Erstarkung und Verbreitung des nationaljüdischen Gedankens, die dieser im vergangenen Jahre innerhalb der Judenheit der Vereinigten Staaten zu verzeichnen gehabt hat. Unter der Leitung des neuen bedeutenden Führers des Zionismus in Amerika, Louis Br and eis, hat die zionistische Föderation eine große, rege Agitationsarbeit geleistet und' ungeahnte Erfolge erzielt. Mehrere große jüdische Verbände und Orden, die zusammen weitaus mehr Mitglieder haben, als die zionistische Organisation bisher Schekelzahler besitzt, haben sich dem Zionismus angeschlossen, und die vor einiger Zeit in Boston abgehaltene Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten gestaltete sich zu einer derartig imposanten und machtvollen Kundgebung, wie sie die amerikanische Judenheit wohl noch nie gesehen hat. Dieses machtvolle Wachstum des zionistischen Gedankens in Amerika beweist, daß große Telle der amerikanischen Judenheit die historische Bedeutung dieser Monate wohl verstehen und entschlossen sind, die Lehren zu befolgen, die diese machtvolle Gegenwart unserem Volke erteilt. Und so geht denn Hand in Hand mit der Verbreitung und Erstarkung des nationalen Gedankens auch eine lebhafte Bewegung, die daraus hinzielt, das jüdische Volk dazu aufzurufen und zu organisieren, daß es die historische Bedeutung des Moments verstehe und den Mut hat, bei der neuen Verteilung der Welt, die der kommende Friede bringen wird, auch seinen Teil zu fordern. Diese Bewegung konzentriert sich in der Forderung eines allgemeinen jüdischen Kongresses, der aus Vertretern aller jüdischen Parteien und Organisationen zusammengesetzt, all die großen Fragen, die uns die gegenwärtige Situation stellt, erörtern und beantworten soll. Es ist sehr erfreulich, feststellen zu können, daß in der Ueberzeugung, daß eine energische und machtvolle Aktion zur Besserung der jüdischen Lage eingeleitet werden müsse, sich das gesäurte amerikanische Judentum einig ist; um so bedauernswerter ist es, daß betreffs der Form dieser Aktion noch starke Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind; während eine kleine Gruppe von Philanthropen nur die Einberufung einer engen Konferenz will, verlangen die nationalen Organisationen die Abhaltung eines großen, demokratisch organisierten Kongresses. Bis jetzt ist noch keine Einigung erzielt worden, und es wäre geradezu tragisch, wenn selbst in dieser Stunde höchster Not und Krisis in dieser so bedeutsamen Angelegenheit keine Einheit mtd Geschlossenheit herrschen sollte. Wir hoffen aber, daß man doch eine gemeinsame Plattform finden wird, auf der sich die Vertreter aller Parteien und Gruppierungen innerhalb der amerikanischen Judenheit wieder zusammenfinden können. Mit der Frage des jüdischen Kongresses sind wir bereits zu dem großen Komplex von Proble- Frankfurter Israelitisches Familienblaft. men gelangt, die sich aus den gewaltigen Geschehnissen des vergangenen Jahres als Resultat für die jüdische Arbeit des beginnenden neuen Jahres ergeben. In knappen Strichen, nur in kurzen Andeutungen haben wir ein Bild der furchtbaren Schicksale gezeichnet, die dieses Jahr dem größten Teile unseres Volkes gebracht hat. Es wäre nun das Schlimmste .und Furchtbarste von allem, wollten wir angesichts dieses Unglücks, dieses Elends verzweifelt die Hände zusammenschlagen und uns ohnmächtiger Klage hingeben. All das Entsetzliche, dessen Zeugen wir gewesen sind, darf uns unsere Hoffnung auf eine bessere, schönere Zukunft unseres Volkes nicht rauben; es muß lediglich unsere Entschlossenheit steigern, diese Hoffnung zu verwirklichen. Es muß uns mit dem Willen erfüllen, die Größe der Gegenwart zu verstehen und ihr entsprechend zu handeln, Alle Völker der Welt stehen gerüstet da, bereit und entschlossen, ihre Ansprüche zu vertreten utH ihre Forderungen zu erheben. Wir Juden dürfen in diesem Rate der Nationen nicht fehlen. An Zahl, an geistiger, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung viel stärker und mächtiger als so viele kleine Völker, um deren Gunst heute die Großmächte-Europas buhlen, werden wir sehr wohl in der Lage sein, einen Teil unserer berechtigten Forderungen durchzusetzen, wenn wir nur den Mut besitzen, sie zu erheben und mit Energie zu vertreten. Worin diese Forderungen bestehen müssen, kann nicht schwer sein zu erkennen. Sie ergeben sich aus unserer anormalen Lage, sie ergeben sich vor allem aus den furchtbaren Erfahrungen dieses Krieges mit hinreichender Deutlichkeit. Volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung unserer Brüder in allen Ländern der Welt, nationale Gleichberechtigung der Juden in Ländern mit verschiedenen Nationalitäten, in denen sie in größerer Zahl leben, dies sind wohl Ine beiden vornehmsten Forderungen, wie sie Max Nordau vor kurzer Zeit treffend formuliert hat. Neben dieser allgemeinen politischen Vertretung unserer Rechte von den Mächten Europas erhebt sich eine große Zahl anderer bedeutsamer Aufgaben, deren Erfüllung im neuen Jahre in Angriff genommen werden muß. Da ist vor allem die dringendste, unmittelbarste aller Aufgaben: die, den Zehntausenden wirtschaftlich ruinierten russischen und galizischen Juden aufzuhelfen, ihnen die Möglichkeit zur Errichtung neuer Existenzen zu geben; da ist daneben noch die andere große Aufgabe: für die Sicherstellung der jüdischen Rechte in den von Deutschland und Oesterreich-Ungarn okkupierten russischen Gebieten, eine Aufgabe von größter Bedeutung und nicht zu unterschätzender Schwierigkeit. Da ist ferner das große Problem der neuen jüdischen Emigration, die zweifellos nach dem Kriege entsetzen wird. Und neben alledem noch die für die Zukunft unseres Volkes, für die Gesundung seiner Lage bedeutsamste aller Aufgaben, das Problem der palästinensischen Kolonisation. Es sind nur einige wenige Probleme, die wir hier angedeutet haben; ihnen stellen sich noch viele andere zur Seite. Aber diese wenigen, die wir genannt haben, zeigen, welche großen Pflichten, welch ungeheure Verantwortung uns die Gegenwart auferlegt, welch große Zahl neuer Fragen und Notwendigkeiten das vergangene Jahr geschaffen hat. Hoffen wir, daß unser Volk sich stark und entschlossen genug zeigen wird, diese neuen Fragen zu lösen, die neuen Aufgaben zu erfüllen. Hoffen wir, daß unser Volk durch die furchtbaren Erlebnisse dieses Jahres zur vollen Selbsterkenntnis gelangen und verstehen wird, daß nur die unentwegte Zusammenarbell aller Teile und Gruppen, daß nur die unbedingte Entschlossenheit, die neue Zukunft des Judentums selbst zu bauen, uns Rettung und Befreiung bringen kann. Wenn sich diese Hoffnung bewahrheiten, wenn unser Volk in diesem Jahre in der Tat zur vollen Erkenntnis seiner Lage gelangt sein sollte, dann werden unsere Enkel das Recht haben, trotz aller namenlosen Leiden, die uns das Jahr 5675 gebracht hat, es dennoch zu preisen und zu segnen: als einen Wendepunkt unserer Geschichte, als den Beginn einer neuen, herrlichen Zukunft. Nr. 36 IR. Jizchok Jakob Reines f. Ä | Der Tod hält reiche Ernte. In den Tagen, in denen wir in wehmütiger Verehrung unseres unvergeßlichen David Wolffsohn gedetrken, haben wir wiederum den Heimgang eines Großen unseres Volkes zu beklagen. Rabbi Jizchok Jakob Reines ist im Alter von etwa 75 Jahren einem schweren Leiden erlegen. Mit ihm ist aus der jüdischen Gelehrtenwelt des Ostens ein Mann von hervorragenden Geistesgaben und einer umfassenden talmudischen Gelehrsamkeit dahingcgangen. Unsere Zeit ist arm an Persönlichkeiten, deren Bedeutung auf dem Gebiete der Thora- und Talmudwissenschaft allseitig anerkannt ist, die in die glanzvolle Vergangenheit der östlichen Hochschulen hineinragen, andererseits für das Bildungsstreben der Gegenwart tiefstes Verständnis besitzen und damit der Zukunft unseres Volkes in wahrhafter Weise dienen. Diese Synthese von Talmudwissenschaft und allgemeiner Bildung suchte er in den von ihm in den zwei Gemeinden, in denen er als Rabbiner und Lehrer wirkte, in Swenziany und Lida, begründeten Schulen zu verwirllichen. Aber ein anderes Moment machte diese Schulgründungen besonders wertvoll, die bewußt national-jüdische Gesinnung, die ihn als eifriger Anhänger des R. Zwi Hirsch Kalischer, R. Elia Gutmacher, R. Mordechai Eliasberg, jener Vorläufer der modernen zionistischen Bewegung, in jungen Jahren erfüllte. Er hatte den Mut der Ueberzeugung, diese Schulen trotz heftiger Fehde der führenden Rabbinen und gegen ihren Widerspruch zu behaupten. Mit Eifer schloß er sich der Chowewe Zion an, die in ihm den Mann voll Charakter und Geist verehrte. Er war der Mann des Wortes und der Tat. Seine Reden begeisterten und entzückten die Kundigen wie die große Menge, und .sein kraftvolles Eintreten für die Interessen der, Gesamtheit, namentlich zu einer Zeit, als ein allgemeines Schächtverbot die russische Judenheit bedrohte, gewannen ihm die Sympathien aller. Den Fachgelehrten war er längst durch seine geistvollen Schriften bekannt, aber seine leidenschaftliche Anteilnahme an national-jüdischen Bestrebungen erschwerten seine Stellung und beeinträchtigten die allgemeine Anerkennung und Würdigung, die er vollauf verdiente. Ernstlich wagte niemand, die Lauterkeit seiner religiösen Ueberzeugung in Zweifel zu ziehen, aber er teilte das' Schicksal jener kühnen Neuerer, die ihrer Zeit vorauseilen, trotz Jampf und Fehde an ihrem Aebenswerk nicht irre werden, öfter vereinsamen. Herzls Auftreten und der Baseler Kongreß zogen ihn in ihren Bann. Nicht stürmisch und unüberlegt schloß er sich der zionistischen Bewegung an. In einer Art Autobiographie, in der er sein zionistisches Bekenntnis niederlegt, schreibt er, daß er sich den ersten Beratungen und Zusammenkünften der Anhänger Herzls absichtlich ferngehalten habe. Er habe sich lange Zeit gewissenhaft namentlich darüber geprüft, ob das zionistische Bekenntnis mit seiner religiösen Ueberzeugung vereinbar sei. Er bejahte es, und nun blieb er auch seiner Ueberzeugung treu. Seine Arbeitskraft und sein Organisationstalent waren bedeutend, aber die Gefolgschaft entsprach nicht der allgemeinen Anerkennung, die er als Führer einer Partei verdiente und auch fand. Vielleicht ist dies in der Eigenart der östlichen Verhältnisse begründet, unter denen Gegensätze religiöser Anschauung nicht zur Trennung führen wie im Westen. Reines war eine der markantesten Erscheinungen auf der Kongreßtribüne. Er nahm selten das Wort, aber er fand stets eine aufmerksame Zuhörerschaft. Aber abgesehen davon wirkte seine Persönlichkeit als solche durch ihre Geschlossenheit und! zionistische Treue. Der Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit und Selbstlosigkeit war es, wenn er in bewußtem Gegensatz .zu den Anschauungen seines engeren Kreises sich zum Herzlichen Zionismus bekannte und damit sich den Weg zu einflußreichen Stellungen und zur Berufung an größere Rabbinatssitze verlegte. Es war ein untrügliches Zeichen vornehmer Gesinnung und wahrer Bescheidenheit, daß. er in den Männern wie Herzl und Nordau, von deren Lebensanschauung, Sitte und Art ihn eine Welt trennte, die Führer anerkannte und er,, ein „Goaun", sich ihnen willig unter- Nr. ordnete und n rer Ju chieden ums l >ie Bc tung i überzer horatr eine ( Vasis chen 5) Frage, von fl Ostens ie in Jene : welthif und b ren F auch d ie die ziehun« entsprc das jii und l nicht Maße trat z bens scheu 5 spruchr wie e Aufgal zeugur nicht an de soweni kannte hat s eine j Frage Geiste! in ho sichtsr ungen muliei wirrte mußte nicht der £ er wo jedoch und im K unwit ermui Wiede aller danke in dl lag 1 unna Begr eine Jude nur In Jude verka rung wegu das und greß ein in e Ziel, zersp rück. Verh sanft urtei ten düng gedel thorc Opti

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.