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Neue jüdische Presse · 1915-09-17 · Heft 36 (17.9.1915) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 36 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Die Treue zum zionistischen Programm bekundete er auch in der Uganda- Frage. Der 6. Kongreß sah ein starkes „Zentrum" von anerkannten rabbinischen Autoritäten des Ostens. Die Ablehnung des Ugandaprosekts trieb sie in großer Zahl aus dem zionistischen Lager. Jene Männer erfaßten die allgemein politische welthistorische Bedeutung des englischen Angebots und betrachteten die Ablehnung als einen schweren Fehler. Sie wurden jedoch wohl zweifellos auch dadurch für das Ugandaprojekt gewonnen, daß sie die Judenheit für Palästina in religiöser Be-' ziehung nicht für reif Hielten. Diese Ueberzeugung entsprach völlig der „Angst vor dem Charter", dem das jüdische Volk durch den Mangel an politischer und organisatorischer Geschlossenheit auch heute nicht gewachsen wäre. Keineswegs in geringerem Maße erfüllte diese Sorge Rabbi Reines, aber sie trat zurück vor der großen Bedeutung des Strebens nach Konzentration aller Kräfte des jüdischen Volkes. Diese Frage war fiir ihn noch nicht spruchreif, und die Wirren damals erschienen ihm wie eine Art Läuterungsprozeß, für die große Aufgabe gleichsam na'tnrnotwendig. In dieser Ueberzeugung machten ihn auch Anwürfe der Gegner nicht irre, die in seinem Verhalten einen Verrat an der Sache der Religion selbst erblickten, ebensowenig die Beschlüsse des 10. Kongresses. Er kannte Judentum und Judenheit gut genug und hat sich nie darüber zu täuschen versucht, daß eine jüdische Bewegung auf die Lösung ritueller Fragen sich beschränken könnte. Er wußte, daß Geistes- und Kulturfragen ein jüdisches Parlament in hohem Maße beschäftigen müssen. Weder aussichtsreich noch klug erschien es ihm, Kulturbestrebungen gewaltsam zurückzudrängen, wenn ihre Formulierung ihn auch anfangs erschreckte und verwirrte. Daß eine Auseinandersetzung kommen mußte, war ihm ohne weiteres klar. Aber er fand nicht den Mut der Resignation, und er verblieb in der Organisation, um den Kampf aufzunehmen, er wollte ihm nicht ausweichen. Er erschöpfte sich jedoch nicht in negativer Kritik, er wollte bauen und damit die destruktiven Tendenzen, soweit sie im Kongreß und neuen Jischuw zu Tage traten, unwirksam machen. So schuf er den Misrachi und ermunterte zu praktischer Arbeit in Palästina. Nicht leichten Herzens errichtete er somit wieder Grenzen, die bei einem Zusammenschluß aller Glieder des jüdischen Volkes den Grundgedanken des Zionismus aufzuheben scheinen. Aber in der parlamentarischen Struktur des Zionismus lag seine Differenzierung begründet, und es wäre unnatürlich, wenn neben „der Fraktion", die der Begründung des Misrachi vorausgegangen war, eine Gruppierung der traditionellen, thoratreuen Juden in diesem Gesamtbilde fehlte. Jedoch nicht nur dekorativen Zwecken sollte der Misrachi dienen. In ihm sollten die Interessen des überlieferten Judentums formuliert und vertreten werden. Er verkannte keineswegs die Gefahr einer Majorisierung dieser Interessen, aber er betrachtete die Bewegung als solche als ein Vorbereitungsstadium, das noch lange nicht zum Abschluß gelangt sei und das Spiel parlamentarischer Kräfte zulasse. Man hat seine Haltung nach dem 10. Kongreß als einen Umfall bezeichnet. Es war nur ein kurzes Schwanken, dann kehrte er zu dem in ehrlicher Selbstprüfung als richtig anerkannten Ziel, zu der im Dienste des armen, verachteten, zersplitterten Volkes einzig wirksamen Arbeit zurück. Man war von gegnerischer Seite geneigt, das Verhalten dieses Mannes und sein Urteil als ein sanftes Hinübergleiten zu Anschauungen zu verurteilen, die dem Wesen des wahren überlieferten Judentums widersprächen, als eine Gefährdung der eigenen Ueberzeugung und bei seiner ausgedehnten Lehrtätigkeit als eine Schwächung des thoratreuen Judentums. Aber Rabbi Reines war Optimist im besten, reinsten Sinne des Wortes. frankfurter Israelitisches Familienblakt. Er war durchdrungen von der sittlichen und somit unwiderstehlichen einzig sieghaften Kraft der jüdischen Lehre als dem ewig unverrückbaren Pole, nach dem das jüdische Volk ja immer gravitiere, wenn auch nicht immer in gerader aussteigender Kurve, er war überzeugt, daß diese Lehre letzten Endes auch das politische Schicksal des jüdischen Volkes bestimme. Mit weitem Blick nnd Herzen, weise und gütig, umfaßte er alle Stammesbrüder mit gleicher Liebe, mochten sie im Denken, in Sitte und Art von ihm noch so verschieden sein. Er suchte zu verstehen und lernte verzeihen. Er stand nicht abseits, er streute die Saat, die nach seinem festen Glauben dereinst reiche Ernte verspricht. Die Spannkraft der Jugend fehlte dem unermüdlich Tätigen in seiner zionistischen Epoche, und mit ihm können wir den Schmerz empfinden, daß seine Gefolgschaft nicht größer war. Auch oie heute Widerstrebenden werden ihn verstehen und würdigen lernen und werden mit uns in ihm einen der Großen und Getreuen des jüdischen Volkes dankbar verehren.*) F- -RH TEE-SCHMIDT So' N-EUE irB *'l'rn! 90. Tal. Hansa 1196. Nr. 17 Fünf-Uhr-Tee . . . Mk. 5.40 „ 11 Ningchow-Congo-Mischg. „ 4.— Java-Broken-Tee Mk. 2.30,2.70,3.20,4.40 Kakao Soma Hk. 2 40, 3.—, 3.50. Brief aus Warschau. Donnerstag fand die zweite Versammlung von Pädagogen, Schriftstellern und Vorstehern jüdischer Vereine statt, die sich mit der Frage der jüdischen Volksschule im Zusammenhang mit dem Bcschluß'des Bürgerkomitees, den Schulzwang in Warschau einzuführen, befaßte. Den Vorsitz führte Advokat Olschwanger; Beisitzer waren Dinesohn, Farbstein, Dr. Klamel, Zeilliu und Jazkan. Es wurde einstimmig folgendes beschlossen: 1. Der Schulzwang muß für die Gesamtbevölkerung obligatorisch sein. 2. lieber Programm, Organisierung und Leitung der jüdischen Schule bestimmt die jüdische Bevölkerung allein. 3. Zu diesem Zweck ist ein von: der gesamten jüdischen Bevölkerung gewählter Schulrat zu schaffen. Die gegenwärtigen Vertreter der jüdischen Gemeinde und der Bildungsabteilung beim Bürgerkomitee können nicht die Ansichten der jüdischen .Gesellschaft vertreten, da sie dem jüdischen Volke fremd gegenübersteheu. 4. Die Erhaltung der jüdischen Schule hat auf Kosten der Stadt zu geschehen. Zur Beratung über die inneren Schulfragen wird noch eine dritte Versammlung einberufeu werden. Auch die maßgebenden chassidischcn Kreise haben eine Beratung abgehalten. Zweck dieser Versammlung war, sich Aber Maßnahmen zur Erhaltung des> .Eheders Aar zu werden. Es wurden jedoch vorläufig keine bestimmten Beschlüsse gezeitigt. kaufen Sie vorteilhaft im neuen Haushaltungs - Magazin von Breitwieser & Franke - Katserstrasse 8. - Der Krieg und die deutschen Juden. Frankfurta.M. Julius Westheim-Sommer. Abt.-Arzt Dr. Ernst Oppenheimer und Adolf Samuel erhielten das Eiserne Kreuz. Berlin. Walter Großmann, Erich Sandbcrg, Urdien Netter, Slssistenzarzt Dr. Walter Weisbach, Ernst Michaelis, Fritz Königsberger, Ossizierstellv. Georg Wolfs, Arthur Friedlaender, Paul Berlin, Sanitätsrat Dr. Julius Run, Oberarzt Dr. WilliKatz, Dr. Arnswalder, Bataillonsarzt Dr. Dauziger, Martin Bieber nnd Herbert Freund erhielten das Eiserne Kreuz. Mainz. Der auf dem Felde der Ehre gefallene P hilipp Kallner war als Jude und als Mensch gleich vorzüglich. Mit seinen 23 Jahren hat er sich hier in Mainz, Wo et int Bankgeschäft Schlesinger tätig war, bereits, *) Biographische Daten: Rabbiner Reines wurde in Karlin geboren. Dem Kongreß der russisch-jüdischen Gemeinden in Petersburg im Jahre 1882 legte er eichen Plan über die Reorganisation des Jeschiwaus vor, in die er moderne Pädagogik einführen wollte, drang aber nicht durch. Er errichtete deshalb in Swenziany eine Musterjeschjwa, die er nach schweren Kämpfen wieder schließen! mußte. 1905 konnte er aber in Lida seine Jeschiwa wieder eröffnen. Im August 1904 präsidierte er dem Misrachi- Weltkongreß.in Preßbnrg. Bor einem Jahre weilte er das letzte Mal in Berlin; drei Tage vor Ranschhaschonoh fuhr er über Schweden noch Rußland zurück. Seite 3. einen Namen , gemacht.. Die Gemeinde hat dies durch Aufnahme seines Namens in das Memorbuch anerkannt. Ein Bild dieses stillen nnd ruhigen, aber klaren! und festen Menschen gibt ja der Brief, der in der vorigen Nummer dieser Zeitung veröffentlicht worden ist. Breslau. Eugen Goßinann, Josef Jacob, Martin Silbermann-Breslau und Emil Askenasy-- Pansdorf starben den Heldentod. Feldarzt Dr. Renfließ» Bataillonsarzt Dr. Theodor Rofenthal, Bataillonsarzt Dr. Felix Rosenthal-Breslau, Dr. Cnrt Magen-Leobschütz und Oberleutnant Rechtsanw. Dr. Jsmar Manneberg- Oppeln erhielten das Eiserne Kreuz. Arthur Littwitz und Walter Sternberg wurden zu Leutnants befördert. KarlSrahe. Reichstagsabg. Dr. Ludwig Haas, der als Leutnant und Kompagnieführer im Felde steht, hat eine Berufung an die Zivilverwaltung nach Warschau erhalten. Gnesea. Jakob Jacobson. Sohn Rabbiners Dr. Jacobsohn, nnd Oberapotheker M. Hinzelmann erhielten das Eiserne Kreuz. Göttingen. Die Oberärzte Herm. Blumenthal mid Alfred Löwen st ein erhielten das Eiserne Kreuz. William Gans wurde zum Leutnant befördert. Personalien «. Kleine Wittellunge». Frankfurt a. M. In Florenz starb der bekannte Chemiker Hugo Schiff. Er war in Frankfurt am 28. April 1834 geboren und ein Bruder »des vor längerer Zeit verstorbenen Physiologen Moritz Schiss, der gleichfalls in Florenz tätig war, bis er Mch Genf übersiedelte. Hugo Schiff war ein Freund von Marx nnd Engels nnd hatte an der Gründung der Internationalen teilgenommeu. Zürich. Kapellmeister I. Seidmann wmde an daS Hoftheater in Karsruhe berufen. ' Emma Färber-München, Tochter des Herrn B. Färber hier, erhielt den Titel einer bayrischen! „Hosopcntfängecin.“ Berlin. Die Sanitätsräte Professor Dr. Jsmar Boas, Dr. Ludwig Hahn nnd Dr. Benno Holz erhielten den Titel Geheimer Sanitätsrat. Czaraika«. Rentier Nathan Kochmann beging seinen achtzigsten Geburtstag. Die zahlreichen Aufmerksamkeiten, die ihm von nah tat» fern zuteil wurden, waren der Ausdruck der .Wertschätzung, denen sich der Jubilar in weiten Kreises unserer Stadt und in seinem früheren Wirkungskreise »schocken zu erfreuen hat. »Im Laufe des Bormittags erschienen in der Wohnung des Jubilars Deputationen der Vereine. In der Synagoge fand eine entsprechende Feier während der Morgcnandacht statt. f. Vma «m a1m Erlanger iaehr.H **■ ÄliWueir falser&ofslr.&H Waschen, FSrben unti FaQonnieren aller Art Herren- und Damenhüte» -Abholung und Lieferung frei ins Hans. Frankfurter Berichte. Israel. Brotverteilungsverein. Der Verein verausgabte 1913 5597 Mk. uüd 19M 5253 Mk. für Brot. Die Einnahmen sind zurückgegangen, während sich der Pflichten-Kreis nicht vermindert hat:, der Vorstand schließt deshalb seinen soeben erschienen Bericht mit folgenden Worten: , „Menschenfreunde! Helft uns den Armen helfen und das Gespenst des Hungers, wenigstens (tu seiner düstersten Gestalt, von unseren unschuldigen, verarmten und verjagten Glaubensgenossen feruzuhalten Erlahmt nicht, Brüder! Trage jeder bei für das hehre Werk, mit dem, was er entbehren kann, werbet Mitglieder, spendet, sammelt bei freudigen nnd traurigen Gelegenheiten für die Aermsten der Armen unseres Volkes — und reichen Lohn werdet Ihr ernten! Schon das Bewußtsein edel vollbrachter Menschxntat, wie sie nufer Verein anstrebt, trägt tausendfachen LoW in sich." Der Vorstand des Vereins setzt sich wie folgt zusammen: Emil Isaak (Bors.), Max Mayer (Kassierer), Moritz Felsenstein, Jacob Desthos, N. H. Loeb, Mathilde Steru-Heß. Bertha Mtchael-Kohu und Flora Schwarzschild-Golds ch m i d t. Verein zur Verköstigung jüd. Soldaten. Der Verein wendet sich an die jüdische Oeffentlichkeit mit der Bitte um Spenden., Spenden, nehmen die Vorstandsmitglieder — I. Wohlsarth, M. Mosbacher, Jsaac Sulzbach, R. Hamburger, Sam. Nußbaum, K. Mosbacher und Josef Rosenbaum — entgegen. Jüd. Franenvereinigung. Die Jüd. Franenvereinigung teilt mit: „Unser seit Ausbruch des Krieges sowohl von hiesigen als auswärtigen Freunden so reichlich unterstützes Kleiderdepot ist durch die seither ununterbrochen stattgehabten Verteilungen au FlüchUiuge uahe- L.u erschöpft. Wir bitten daher behufs Fortsetzung unserer Tätigkeit um erneute Zuweisung von Kleidern und Wäsche (Herrenkleider nnd Stiesel besonders dringend erwünscht) in unser Depot: Schützenstraße 14." Mischehen. Am 1. April 1914 gab es in.Frankfurt a. M. A33 Ehen, in denen nur der eine Teil Jude war (— kWa'Vo der jüdischen Hausstände Frankfurts).

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