Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 36 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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...— " '"— -■ "" ■ Erscheint wöchentlich am Freitag. Kerugsprris pro Virrtrljohr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — frei ins Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg-, frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg . ■ ■ ■ — ■ - - * Reduktion und GLpedition: krsnlrturtM. rr Langeslr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. KerarrsgeVer: Kal« cheis. ' -- Insertionsprei» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate, HeiratS - Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz» und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und imaLlnnoncen^SureauL Konto bei dem Postschelkamt in Frankfurt a. SQL unter Nr. 4864. ■ '—■ ■ ■ Freitag, den 9. 5676 (17. September 1915) 18. Jahrgang. Zeichnet die lll. ' Letzter Zeiehmingstag: MittwooH, 22. Sept. AM' Die nächste Nummer erscheint ereits Dienstag abend. Schluß für Anseraten-Annahme Dienstag früh. Zum Janm-Kipnrtage. „Die größte seiner Taten vollbrachte der menschliche Geist an dem Tage, da er die Idee entdeckte", mit diesen Worten charakterisierte Kant >ie hohe Bedeutung der Idee sür die menschliche kultur. Man darf in der Tat ohne Uebertreibung agen, daß erst die Entdeckung der Idee die menschliche Kultur überhaupt ermöglichte. Denn erst indem der Mensch die Existenz der Ideen erkannte, ward' er sich seines Menschentums bewußt, seines Menschentums, das sein vornehmstes Merkmal, worin er sich von allem Tierisch-Animalischen scheidet, darin hat, daß er . Glied zweier Welten ist: der Zeitlich-Körperlichen und der Ewig-Geistigen. Dieses Ewig-Geistige offenbart sich dem Menschen durch die Idee; indem der 'Erdensohn sie in sich aufnimnit, wird er Bürger des Reiches des ewigen, unwandelbaren Geistes. Man darf daher den Besitz an Ideen, die Kraft, sie zu entdecken, zu gestalten und zu vertiefen, als den wesentlichsten Wertmesser für die Bedeutung einer Kultur ansehen. An dem Reichtum an Ideen, den eine Kultur besitzt, mag man erkennen, welche Stellung, ihr in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit zukommt, in der Tiefe und geistigen Höhe ihrer Ideen offenbart sich klarer als' überall ihre Schaffenskraft und Größe. Legen wir diesen Wertmesser an unser Judentum an, so dürfen wir wahrhaft stolz sein. Nur wenig andere Kulturen sind so reich an Ideen wie die unsere; viele der größten, bedeutsamsten Ideen, die noch heute unverrückbare Pole der Kultur und des Geisteslebens darstellen, haben wir zum ersten Male erkannt und verkündet. Vor allem die unvergänglichste, gewaltigste Großtat unseres Volkes: die Erkenntnis des einen Gottes. Es gibt keine Idee in der gesamten Welt der Ideen, die größer, bedeutsamer und höher wäre als diese. Und wie wir mit dieser Idee die ewige, unwandelbare Grundlage aller Menschenreligion geschaffen haben, so haben wir durch die Erkenntnis der Ideen der einen Menschheit, des Guten, des Heiligen, des Gerechten für alle Zeiten feststehende Eckpfeiler aller geistigen und sittlichen Menschheitskultur errichtet, ohne die sie nicht existieren lann. Man darf in unserer Fähigkeit, Ideen zu erkennen, eines der charakteristischsten und tiefsten Merkmale des jüdischen Geistes erblicken. Aber mit dieser unserer geistigen Begabung, Fdeen zu erkennen, verbinden wir noch eine andere sittliche Eigenschaft, die ihr die notwendige Ergänzung bildet: die Kraft, diese einmal erkannten Ideen für ewig festzuhalten und sie mit unbeirrbarer Gewißheit und unerschütterlicher Energie der Menschheit zu verkünden. Wir sahen in der Pflicht zur Verbreitung und Propagierung unserer Ideen eine göttliche Mission unseres Vol-,!es. Und seit dem ersten Tage, da wir wahrhaft zum Volke wurden, der Offenbarung am Sinai, bis zum heutigen Tage .stand unser gesamtes nationales Dasein im Dienste der Idee, haben wir geschaffen, geduldet, gelitten als Träger und Herolde unserer Ideen. * Ideen bedürfen stets ihrer Versinnlichung, ihrer konkreten Verdeutlichung. Denn der gewöhnliche Menschengeist ist nur schwer imstande, sie zu erkennen. Gewohnt, stets nur das Handgreiflich-Konkrete zu sehen, erzieht er sich nur schwer dazu, die geistig-abstrakten Ideen zu erfassen. Und so ist es notwendig, ihnen ein konkretisierendes Sinnbild zu verleihen, das sie augenfälliger macht; dies geschieht in den verschiedensten Formen: durch Symbole, durch künstlerische Darstellungen, durch visionäre Bilder und — vor allem auch — durch Feste. Zu allen Zeiten und bei allen Völkern gab es Festtage, die nur zur Verkörperung einer Idee dienen sollten, die ganz dem Dienste dieser Idee geweiht waren. An solchen Festtagen ist kein Volk reicher als wir Juden. Jedes unserer Feste ist Träger und Symbol einer Idee, von allen Festen aber keines stärker und ausgesprochener als das Versöhnungsfest, der Jaum-Kipur. Es ist überaus bezeichnend, daß der Festtag, der vor allen der heiligste ist, den wir mit der tiefsten Andacht und intensivsten seelischen Spannung feiern, auch von allen derjenige ist, der am reinsten und ausschließlichsten im Dienste der Idee steht. Alle anderen Festtage haben zu ihrer ideellen auch eine historisch-zeitliche Bedeutung, der Jaum-Kipur ist lediglich Träger der Idee. Losgelöst von allen zeitlichen, geschichtlichen, erdhaften Erinnerungen steht er da, in der Heiligkeit und Glorie seiner ideellen Reinheit, wie ein zur Erde herabgestiegener Bürger der ewigen Ideenwelt, das gedankengewaltigste, seelentiefste, erhabenste aller unserer Feste. Diese einzigartige, außergewöhnliche Stellung, die der Jaum-Kipur einnimmt, wird verständlich, wenn man die Idee betrachtet, der er gewidmet ist: die Idee der Versöhnung. Von allen herrlichen Ideen des Judentums ist sie die erhabenste, ergreifendste; wie keine andere bringt sie das letzte Ziel aller jüdischen Kultur, allen jüdischen Strebens zum Ausdruck: die Versöhnung. Die Welt zu heiligen, die sündhafte, widerspruchsvolle, leidreiche Menschheit zu ihrem Gotte zurückzubringen, das ist die höchste Aufgabe des Judentums, der Kultur. Die Welt heiligen, heißt aber sie versöhnen; denn der Heilige ist eben der in sich ganz Versöhnte, der alle Widersprüche seiner Seele ausgeglichen hat. Die Menschheit zu ihrem Gotte zurückführen heißt ihr die Versöhnung bringen, denn Gott ist die Versöhnung, ist die ewige, vollkommene Harmonie. Und so erscheint die Versöhnungsidee wie eine knappe Formel, in der der tiefste Gedankeninhalt des Judentums konzentriert ist, wie eine Formulierung seines höchsten Strebens und Mähens; und' das Jaum-Kipurfest wird so zum reinsten Verkünder jüdischer Kultur und jüdischer Religion, das seine eigenartige Stellung unter allen Festtagen wohl verdient. Seit Jahrtausenden bereits erfüllt das jüdische Volk in rastloser Energie seine Mission, Herold seiner Ideen zu sein. Seit Jahrtausenden bereits künden wir unsere Ideen der Menschheit, ohne aber daß sie bisher sie ganz sich zu eigen gemacht hatte. Wohl ist Großes schon erreicht, sind gewaltige Fortschritte gemacht worden, noch aber sind die höchsten und größten unserer Ideen unverwirklicht und ist unsere historische Mission noch lange. Rr 36 lange nicht erfüllt. Wohl glaubten schon viele unseres 'Volkes, das Ziel sei erreicht, wohl hielten schon viele Irregeleitete die Zeit für gekommen, da unser Sein keinen Sinn mehr habe und der freiwillige Untergang unsere Pflicht sei, wohl wähnten flache Enthusiasten, unsere Zeit sei bereits so herrlich weit fortgeschritten, daß unsere Heroldsmission nunmehr nicht mehr notwendig sei; in Wahrheit aber haben wir erst den kleinsten Teil des Weges, der zum Ziele führt, zurückgelegt und bleibt uns noch Gewaltiges Zu tun. Niemals haben wir das so klar, so kraß empfinden können wie bei diesem Jaum-Kipur. Erscheint cs doch fast wie ein Hohn, daß wir uns jetzt zur Feier eines Versöhnungsfestes versammeln wollen. Während in Ost und West und Süd, auf den unendlichen Schlachtfeldern Europas Millionen Männer in Waffen stehen, nur auf gegenseitige Tötung und Vernichtung bedacht, während die höchststehenden Kulturvölker in einem Paroxysmus des gegenwärtigen Sturmes taumeln, wollen wir unser Bersöhnungsfest feiern. Klingt es nicht wie Hohn, zumindest aber wie ein Paradox? Daß man solche Frage stellen muß, zeigt, wie notwendig, diese Feier ist, zeigt, wie unerfüllt noch unsere Mission ist, zeigt, wie fern noch die höchsten Ideen des Judentums ihrer Verwirklichung sind. Aber gerade diese Erkenntnis wird unserem diesjährigen Jaum-Kipur besondere Weihe und Bedeutung verleihen. Er wird zu Gott und Welt die Kunde tragen, daß trotz des furchtbaren Weltenkrieges, trotz .des Hasses und des Kampfes, der die Welt durchtobt, die Idee der Versöhnung, der Liebe, der Menscheneinheit noch lebt, und daß, selbst wenn alle anderen Nationen diese Ideale jetzt vergessen wollten, wir, unserer Mission getreu, sie mit unerschütterlichem Mute bewahren und weiterhin verkünden wollen. So wird uns der diesjährige Jaum-Kipur zu einem erneuten Gelöbnis der Treue zu unserem Berufe, zu unserer Tradition, zu unseren Ahnen, zu unserem Gotte. .Mag die Welt für eine Weile alle Ideen des Gerechten, des Guten, der Versöhnung von sich stoßen, wir halten ihr Panier hoch und fahren in der Ausübung unseres heiligen Heroldsamtes fort. So werden wir wiederum, wie so vielfach schon in der Geschichte, die Retter und Wahrer der sittlichen Würde des Menschengeschlechtes, die Führer und Herolde auf dem Wege des sittlichen Fortschritts. Dieses Bewußtsein wird uns erheben und stärken in unserem schweren Amte, inmitten einer Welt von Haß und Leidenschaft die Idee der Versöhnung und Liebe aufrecht zu halten und wird uns unser diesjähriges Jaum-Kipurfest mit besonderer Weihe und Andacht feiern lassen. Das Jahr 5675. in. Die Judenheit Amerikas bildet den einzigen größeren Teil unseres Volkes, der im vergangenen Jahre unberührt von den Kriegsgeschehnissen geblieben ist. Wenn man heute den furchtbaren Ruin überschaut, der über die russische und galizische Judenheit hereingebrochen ist, dann muß man ein gütiges Walten der Vorsehung darin erblicken, daß. in den letzten Jahren so viele unserer Brüder von Osteuropa nach Amerika ausgewandert sind. So konnte sich jenseits des Ozeans ein starkes, kräftiges Judentum entwickeln, das in dieser jammervollen, kritischen Zeit sich als ein 54454