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Neue jüdische Presse · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 5. sitzenden der Deutschen Konferenzgemeinschast weit überschritten wurden, eine Form der Kritik geübt wurde, die der Devise der Alliance und den Intentionen ihrer Begründer znwiderläuft." „Die Breslauer Ortsgruppe der A. I. U. spricht in gleicher Weise wie in der letzten Generalversammlung ihr Bedauern darüber aus, daß in den offiziellen Mitteilungen der Monatsschrift >,Ost und West" auch während des vorigen Jahres mehrfach ein ihres Erachtens wenig angemessener Ton gegenüber Vertretern abweichender Meinungen geherrscht hat." Der Vorsitzende versprach, die Resolutionen bei der Tagung der Deutschen Konferenzgemeinschast am 8. Februar zu vertreten. Bei der darauf folgenden Wahl des Lokal- Komitees wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt: anstelle des leider Heimgegangenen Professor Dr. Benno Badt wurde Herr Joseph Kober neugewählt. Kolberg. Der 85. Jahresbericht des hiesigen I ü d. K u r h.o s p i t a l s, das minderbemittelte Personen frei oder gegen geringe Zahlung ausnimmt, gibt folgendes Bild: die Einnahmen betrugen 40 07t Jfc, die Ausgaben 31488 M., gegen das Vorjahr sind die Einnahmen um 2056 Jk zurückgegangen, die Ausgaben um 3324 M gewachsen. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Unter dem Vorsitze des orthodoxen Oberrabbiners Koppel Reich hat sich hier zwecks Veranstaltung einer P a l ü st i n a r e i s e ein Komitee gebildet. Die Reise soll am 9. Mai beginnen, 28 Tage dauern und einschließlich Verpflegung 650, 560 und 350 Frcs. kosten, letzterer Preis bei 3. Klasse Eisenbahn und 3. Klasse Schiff. Budapest. Die größte Chewra Kadiswa' der Welt, der Pester „heilige Verein" beschloß die Doppelwoche der Aufnahme neuer Mitglieder mit einem Zuwachs, der kaum zu erahnen war. Zu den 10 282 Brüdern, die seit der letzten, vor zwei Jahren erfolgten Aufnahme dem Vereine angehörten, kamen diesmal weitere 2754. Der Verein zählt sonach 13 063 Brüder. Nicht minder groß war das materielle Anschwellen des Vereinsvermögens. Bedenkt man, daß manche Beitrittstaxe das nette Sümmchen von 1200 Kr. ausmacht, so ist die angeführte Zahl umso bewunderungswürdiger. Nicht weniger als 260 341 Kr. sind bei den Einschreibungen der Kasse zugeflossen. (Um 89065 Kr. und um 657 Personen mehr als beim letzten Züsammenschreiben.) Höchst interessant ist die Zeremonie, die die Aufnahme der Mitglieder begleitet. Der Vereinssaal ist init dem Silberschmuck der Chewra, den reichverzierten Proches und Toramäntelchen stimmungsvoll dekoriert. Auf dem Tische zwischen brennenden Armleuchtern liegt weit geöffnet das kunstvoll geschriebene Vereinsbuch mit samt der Petschaft. Obenan der Obergabbay, Herr Julius Winterberg, umgeben von seinem Generalstab (das nicht etwa euphemistisch; sind doch Feldmarschallleutnant General'Schweizer und Oberst Herschl neben ihm). Das Mitglied wird angemeldet, empfohlen, eingetragen, ausgenommen und mit einem weithin hallenden M a s e l t o w zu den Brüdern gezählt. Zu neuen Mitgliedern haben sich — um auch etwas Statistisches zu berichten —, dem Berufe nach, folgende aufnehmen lassen. Apotheker, Aerzte 63; Advokaten, .Richter, Notare 56; Baumeister, Ingenieure 44; Künstler, Journalisten, Schriftsteller 43; Großgrundbesitzer 18; Fabrikanten, Unternehmer, Hausbesitzer 68; Direktoren, Bankiers, Börsianer, Beamte, Makler, Kommissionäre 1012; Handwerker, Lehrlinge, Arbeiter 699; Lohndiener, Taglöhner, Kellner 132; Soldaten, Polizisten 23 usw. Bedenkt man, daß all dies im Schoße unserer „neuen" Gemeinde vor sich geht, und erwägt dazu, daß der Grundton der echt religiöse Instinkt der Masse ist, braucht man für die Zukunft des ungarischen Judentums nicht zu verzweifeln. Zioni. Drolwbhcz. Am 23. Januar fand hier die Eröffnung des neuerrichteten jüd. Nationalhauses „Beth Jehudah" statt. Unter dem zahlreichen Publikum befanden sich auch der.Rabbiner, der Vizepräsident des Kultusvorstandes, sowie Vertreter sämtlicher hiesiger jüdisch-nationaler Vereine. Es wurden mehrere Ansprachen — darunter auch hebräische — gehalten. Rußland. Petersburg. Der Senat hat die Berufung des jüdischen Advokaten Hillersohn verworfen und damit dieBerteidigungsfreiheit aufgehoben. illersohn war wegen seiner Verteidigungsrede im jalostoker Pogromprozeß zu einem Jahre Festung verurteilt worden. — In I e k a te r i n o s l a w wurden von den echten Russen die jüd. Passanten überfallen Frattkfurker JfraelMWes Familienblatt. und mißhandelt. Tagtäglich kommen jetzt dort Ausschreitungen gegen die Juden vor. Kowno. Die jüdische Bevölkerung in den russischen Westgouvernements, namentlich in den Klein- und Mittelstädten, bietet gegenwärtig ein erschütternd düsteres Bild. Handel und Gewerbe Industrie und Handwerk liegen darnieder. Ein paar Mühlen in einem Orte, — das ist die ganze „Industrie"; einige jüdische Schuhnracher und Schneider, — das sind die Handwerker. Tausende dieser armen Juden niüßten buchstäblich verhungern, würden nicht ihre ausgewanderten Verwandten ihnen das Geld für ihren Unterhalt schicken. Das Streben auszüwandern, hält mit ununterbrochener Stärke an. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung der Westgouvernements fühlt sich immer in Bewegung, an der Schwelle der Emigration. Dadurch wird naturgemäß jeder . Unternehmungsgeist gelähmt, jede soziale und gesellschaftliche Initiative unterbunden, die das Bewußtsein sicherer Stetigkeit der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zur Voraussetzung hat. . Und gegenüber dieser Kraft- und Mutlosigkeit im Inneren steht ein mit reichlichen Mitteln und maßloser Brutalität organisierter Angriff von außen 'her! Es ist der von der polnischen Intelligenz . und Geistlichkeit organisierte Boykott der jüdischen Händler und Gewerbetreibenden, der sich über das gesamte Westgcbiet Rußlands erstreckt. Die nationalpolnischen Kooperativgesellschaften und Konsumgenossenschaften, die den gesamten Einkauf der nichtjüdischen Bevölkerung an sich gerissen haben, tragen nicht so sehr den Charakter wirtschaftlicher Selbsthilfe, als vielinehr die ausgesprochene Tendenz des Kampfes gegen die Juden, die statutenmäßig von ihnen ausgeschlossen sind. So bleibt denn nur eine Hoffnung: die Auswanderung. Es ist ein Bild von tragischer Wucht: Ein ganzes Volk auf der Wanderung. Shitomir. Verschiedenes. Die Lage unserer unglücklichen Glaubensgenossen verschlimmert sich leider von Stunde zu Stunde, und es scheint, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo unsere Juden nur mit ihrem nackten Leben aus Rußland fortlaufen werden. — In Kieff hat die Polizei vorige Woche ca. 10 000 Juden ausgewiesen und ihnen nur eine zweiwöchentliche Frist gewährt. Mehrere Angestellten der hiesigen „Brüder Hornstein," die mehrere Wälder besitzen und das verarbeitete Holz nach Danzig transportieren, wurden in der Nacht aus ihren Wohnungen in den Wald gejagt, und so mußten sie eine ganze Nacht im Walde herumirren. — In Kieff existieren 3 Feldscherschulen, in welchen junge Mädchen zu dem Berufe Feldscherin und Hebamme ausgebildet werden. Auch gibt es eine sogenannte Samariter-Feldscher-Schule, die sogar sehr berühmt ist. Diese sämtlichen Schulen wußten bisher noch nichts von oer 10 Prozentnorm; nun erhielten die Direktoren der genannten Schulen vorige Woche den Befehl, vom 1. August 1910 die 10°/o Norm streng zu wahren. Der Gouvereur der Stadt „Musch" in der Krim erhielt von den dortigen „wahren Russen" die Bitte, die Juden zu verjagen. In „Muschte" befinden sich 40 jüdische Familien, 14 Krämer, die anderen Handwerker. Kein einziger Jude hat ein Verschleiß von geistigen Getränken. Trotzdem behauptete „das wahre russische Volk", daß Muschte nur deshalb ein Eldorado von Saufbolden sei, weil die Juden im geheimen Schnaps liefern. Die Juden wandten sich wegen der falschen Beschuldigung an General „Dumbadze", — das Ergebnis ist noch unbekannt. Charkow. Auf Verordnung der Regierung hatte Charkow diesmal eine judenreine Jahres in esse. Das Börsenkomitee hatte zweimal nach Petersburg lelegraphiert, die Verordnung, die nur jüd. Kaufleuten erster Gilde den Besuch der Jahresmesse erlaubt, zurückzuziehen, — jedoch erfolglos. Der Verkehr der Messe war so fast gänzlich lahmgelegt. Palästina. Jerusalem. Im Dezember wurden in der Poliklinik des Vereins Lemaan Zion, insgesamt 1032 diverse Kranke und 886 Augenkranke behandelt. In der Spezial-Augenklinik wurden 3590 Behandlungen und unter diesen 23 kleine und 9 große Operationen erfolgreich ausgeführt. Die Apotheke verfertigte 1547 Rezepte, worunter viele gratis und viele zu reduzierten Preisen. Amerika. Rew-Aork. Die Jahresversammlung der Edu» rational Alliance beschäftigte sich dieses Mal auch mit der Einwanderungsfrage. Edward Lauterbach verbreitete sich über den neuen Einwanderungsgesetzentwurf, der dem Repräsentantenhaus vorgelegt werden soll. Er ist der Ansicht, daß weniger das Gesetz, als -ie Ein- Wanderungsbeamten zu fürchten sind, da letztere sich die redlichste Muhe geben, die Einwanderung gerade der Juden zurückzuhälten. Am Schluß seiner Ausführungen forderte Redner auf, die Juden in Newyork zu vermindern, indem man einen Teil von ihnen zu Farmern macht. Jakob H. Schiff trat gleich dem Vorredner dafür ein, daß die Vereinigten Staaten jedem Einwanderer offen stehen müsse». Man müsse aber danach trachten, die Einwanderer im Lande zu verteilen und dies gegebenen Falls durch ein Gesetz zu erreichen suchen. Wohl bringen die russischen Juden viel ideale Gesinnung mit und darin habe grade Amerika einen Zufluß nötig; aber trotzdem sei es nicht gut, daß 25°'» der Bevölkerung Newyorks aus Juden bestehen. PhilaSelPhia. In einer Kleiderfabrik sprangen infolge b l i n d e n F e u c r l ä r m s eine Anzahl jüd. Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Fenstern. 5 sind tot, 17 mehr oder weniger schwer verletzt. Argentinien. Buenos Aires. Einige der bedauernswerten Theoretiker, wie sie die russische Revolution auch unter den Juden Rußlands hervorgebracht hat, sind auf ihren Irrfahrten auch nach hier gekommen, und statt nun zu arbeiten, suchen sie auch hier und in den Kolonien der „Jca" die Juden für ihre Ideen zu gewinnen. Die Folge ist, daß die hiesige Presse gegen die jüdischen Anarchisten, Bundisten oder wie sie sich nennen, aufgeregt schreibt; früher machte man uns jüd. Mädchenhändler, jetzt macht man uns jüd. Anarchisten zum Borwurf. Und in den Kolonien der „Jca", die früher so manche Last mit der unberechtigten Unbotmäßigkeit ihrer Kolonisten hatte — dem einen gefielen die Abzahlungsquoten nicht, er hätte am liebsten seinen Besitz geschenkt genommen, der andere wieder hatte arü»ere Klagen —, scheute man sich nicht, ein mühevolles Millionenwerk zu gefährden; aber die Verwaltung der ,Hca" hat fest zugegriffen. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). Als sollte es eine Antwort auf seine stumme Bitte sein, fingen die Sterne jetzt an, einer nach dem andern, zum Vorschein zu kommen. Aufgeregt und voller Erwartung richtete er seine Blicke nach oben; sicherlich war 'es besser, sich mit ihnen zu unterhalten, als mit dem wortlosen, stummen Herzen, das ihm jede Antwort verweigert. Bald glaubte er auch, die Botschaft der Himmelskörper verstehen und lesen zu können. — Die Ereignisse der letzten Wochen hatten ihn kühn gemacht, so kühn, daß er den Zweck der glänzenden Himmelsboten zu begreifen, ja, diese sogar seinen Absichten dienstbar zu machen, sich anmaßte. Sie riefen ihm zu: ,Mlicke auf uns und erkenne die Winzigkeit des zwerghaften Menschen; betrachte unsere festgefügte Bahn, unsere unabänderliche Ordnung und erkenne, daß der Mensch nur ein Spielball ist im riesengroßen Universum! Und ob der Mensch auch tausend Gesetzbücher geschrieben und das Geschick der Nationen zu lenken und zu bestimmen glaubt, er ist doch nur ein schwaches, beschränktes und hinfälliges Wesen im unermeßlichen Plane der unendlichen Vorsehung! Nimmer dürft ihr euch mit uns messen! Wenn Gott die Wsicht gehabt, euch Menschen himmlisch und göttlich zu gestalten, dann würde er da oben keine Sterne hineingesetzt haben! Dann durfte er nicht die Menschen an die Erde voller Versuchungen und Leidenschaften schmieden!" — Wie so viele bereits vor ihm, hatte auch er aus den Sternen das herausgelesen, was er herauslesen wollte, und damit war sein innerer Kampf entschieden. IV. In der Privatkanzlei der kaiserlichen Präfektur standen drei Schreibtische, doch nur an einem wurde gearbeitet, während die beiden andern verwaist und verlassen waren. Baruch Volkmann saß da, eifrig beschäftigt, aus einem Aktenbündel verschiedene Notizen und Auszüge abzuschreiben. Die Tür ging auf, und der Präfekt trat lächelnd ein. „Ich bringe Ihnen eine gute Botschaft, Bolkmann," sprach er. Baruch verbeugte sich schweigend. „Der Minister hat sich nach dem Beamten erkundigt, der den Bericht über unsere Eisen- Industrie ausgearbeitet, mit dem der Minister seine volle Zufriedenheit ausspricht. Ich glaube, daß das eine Auszeichnung für Sie, mein lieber Volkmann, bedeutet." Baruch verbeugte sich abermals. „Ich freue mich, daß ich meine Pflicht zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten erfüllt. Dieses Bewußtsein ist für mich der schönste Lohn."

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