Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Der Baron stellte sich ganz nngehalten. „Es gefäW mir durchaus nicht, daß Sie immer mit abgedroschenen Phrasen um sich werfen, wo ich doch fest überzeugt bin, daß Sic eine Auszeichnung ganz gern annehmen würden. Aber Sie haben ganz recht; heutzutage muß der Bcanite den BescheÜienen und Scheinheiligen spielen, wenn er die Gunst des Vorgesetzten erlangen will." „Exzellenz, wer ergeht sich jetzt in leeren Redensarten?" fragte Baruch mit feinem Lächeln. Der Baron lachte laut auf. „Mit Ihnen wird man nicht fertig. Bei jeder Auseinandersetzung verstehen Sie es, das Feld zu behaupten, während der andere den Fürzern ziehen inuß." Seine Stirn zog sich in Falten zusammen, und mit verhaltener Wut schrie er jetzt: „Schon zwölf Uhr, und Sie sind noch immer allein? Warum sind Onagron und Gorsky noch nicht hier?" ,Lch weiß es nicht, Exzellenz; doch hier sind zwei Briefe von ihnen." Der Baron las sie durch und warf sie verächtlich zur Erde. „Faule Ausreden und Entschuldigungen! Es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß beide durch den Tod eines nahen Verwandten am Erscheinen verhindert sind. Volkmann, Sie müssen mir gäegentlich ein Register anlegen über die Zahl der verstorbenen Verwandten dieser Herrn während eines einzigen Jahres! Die Familiengruft der Onagron's und der Gorskh's muß ziemlich geräumig sein, um all die „verstorbenen Verwandten" zu fassen, deren Tod durch die Abwesenheit meiner Privatsekretäre gefeiert wird. — Die Schufte! Ick könnte wetten, daß der eine beim Rennen und der andere am Spieltisch sitzt." Ein häßlicher Fluch kam über seine Lippen. „Volkmann, ich will Sie nicht stolz machen; aber es ist ein wahres Glück, daß ich Sie habe." Es war nicht das erste Mal, daß der Baron seine Anerkennung über Baruchs Pflichttreue so unverhohlen aussprach. In den zwei Jahren, seitdem Baruch bei der Präfektur angestellt war, war es schon oft und oft geschehen, und Baruch war menschlich genug, sich einzugestehen, daß er das Lob auch voll verdiene. Was er sich aber nicht eingestehen wollte, war die Tatsache, daß seine fieberhafte Tätigkeit, die Anspannung aller seiner Geisteskräfte, daß er sich kopfüber in die Arbeit stürzte, die ein ganzes Denken in Anspruch nahm, nur darum geschah, damit ihm keine Zeit — zum Grübeln bleibe, damit er nicht zum Nachdenken komme. Zwei Jahre lang war es ihm gelungen, jedem Berührungspunkt mit der Vergangenheit weit aus dem Wege *u gehen; doch nun nahte ein Mahner, der seine Stimme gar laut erhob und der alle erkünstelten Töne feines Innenlebens zum Schweigen brachte: es war der Tod seiner Eltern, den er church Niman erfuhr. Bisher hatte Niman -ll seinen Nachfragen und Erkundigungen ein beharrliches Schweigen entgegengesetzt. Baruch wußte wohl, daß seine Briefe rhren Bestimmungsort erreicht hatten, daher schrieb er das Schweigen Nimans Eigenart zu, der dadurch bekunden wollte, daß er der Vergangenheit und allem, was sie enthielt, endgültig den Rücken gewendet hatte, Baruch Volkmann mit inbegriffen. — Am so mehr wuiwerte sich Baruch, jetzt einen Brief zu erhalten. Niman schrieb ihm Folgendes: „Deine Ellern starben nacheinander innerhalb weniger Stunden, ohne vorher krank gewesen zu sein. Es war daher keine Zeit, Dich Herkommen zu lassen. Ich sorgte dafür, daß sie anständig bestattet wurden. Von den Unterstützungen, die Du ihnen während der zwei letzten Jahre hast zukommen lassen, (ich hatte es Dir ja schon damals prophezeiet, daß Du, als einziger Nichtausgewiesener, ein Vermögen durch Privatunterricht erwerben wirst), haben die alten Leute noch so viel erübrigt, daß cs zu einem Leichenstein ausreichte. Ursprünglich hatten sie das Geld zu einem andern Zwecke zusammengcspart, — es sollte Dein Meisegeld sein, damit die alten Eltern ihren einzigen Sohn noch einmal sehen konnten. Beinah hatten sie schon den ganzen Betrag zusammen. Ich spreche Dir mein Beileid aus. ,F8as mich selbst betrifft, so geht es mir vortrefflich, ausgezeichnet, sehr gut! Ansänglich mußte ich freilich sehr schwere Zeiten durchmachen; das Flössergeschäst ging schlecht, und, wie Du weißt, gibt es in dem herrlichen, wundervollen Ditomsk nichts anderes, .uni sich sein Brot zu verdienen. Später aber ist mir ein sehr großes Glück zuteil geworden. Höre und staune! Der alte versoffene Fährmann hatte sich zu Tode getrunken, und ich war der Glückliche, sein Nachfolger zu werden! „Die Art und die Umstände aber, durch welche ich diesen — hm — diesen — Posten erhiüt, will ich Dir ausführlich beschreiben, weil es Dich vielleicht interessieren dürfte. — „Ich hatte mein Gesuch eingereicht, und ich und noch eine- Anzahl Muschiks, die ebenfalls nach dem fetten Bissen schnappten, sollten persönlich vor dem.Gouverneur Koratow erscheinen. Du wirst Dich vielleicht noch erinnern, daß dieses seine Art ist, alle Geschäfte selbst zu besorgen. Zrakckfmcker JsraEWes FamWenAatt. weil er keinen Aufpasser gebrauchen und so am besten betrügen kann. „Ich erschien also vor Seiner Hoheit, der mich wütend von oben bis unten betrachtete und, wie ein bissiger Hund, mich mit den Worten anfiel: „Jude, was willst Du hier?" „Ich lechze nach der Ehre, in Ditomsk den Charon zu spielen," war meine Antwort. „Den Charon! — Was weißt Du, lumpiger Jude, von. Charon?" war seine erstaunte Frage. Ich erzählte ihm meine Geschichte in Odessa. Eine ganze Weile blieb er still, und ich bemerkte, daß er eifrig nachdachte. Ich kenne Koratow und wußte, daß nichts Gutes herauskoimncn wird. Doch diesmal hatte ich mich getäuscht. — — Lachend warf er sich in den Stuhl zurück, und mit Händen und Füßen zappelnd, schrie er belustigt: ^Heilige Mutter von Kasan! Die Sache ist zu köstlich! Jude, Du sollst den Posten haben! — — Schon des Spasses halber, meiner Residenzstadt Ditomsk einen akademischen Fährmann ,zn geben!" Dann aber verzerrten sich seine Lippen zu einen, höhnischen Grinsen, und ich wußte, daß das Niederträchtige doch noch kommen wird. „Jude, elender Hund," fuhr er jetzt fort: „mache Dir nur keine falschen Vorstellungen; denn nicht etwa, um Dir etwas Gutes zu erweisen, bekommst Du die Anstellung — Gott soll mich bewahren! — sondern, um Euch Juden in den Staub zu treten um Euch die gebührende Stellung anzuwcisen! „Advokaten, Aerzte, Professoren, Ingenieure wollt Ihr werden! Ja, Prosit! — Packesel, Lasttiere, Ziehochsen, das. paßt für Euch, und das sollt' Ihr auch werden und bleiben. — An mir habt Ihr den richtigen Mann gefunden, der Euch den richtigen Platz im Leben anweisen wird." „Ein humaner Mensch, ein liebenswürdiger Beamter, dieser Koratow! Nicht wahr? „Ich wurde tatsächlich angestellt, bekomme zwei Rubel die Woche — außer Trinkgelder — und lebe herrlich und ,in Freuden, womit ich verbleibe Niman, der Stygianer." Bald nach Empsang dieses Briefes hatte Volkmann um eine Woche Urlaub gebeten und auch erhalten. Er fuhr aufs Land, mietete ein kleines Stübchen, zog die Schuhe aus, zündete ein kleines Oellämpchen als Seelenlicht an, und' setzte sich auf eine Fußbank, um .die „Schiwo," die vorgeschricbene siebentägige Trailer für seine verstorbenen Eltern abzuhalten. Er gab sich für einen auswärtigen^ Holzhändler aus, der hier 'die Todesnachricht erhalten, und yiit Hilfe einiger Rubel konnte er sich morgens und .abends das „Minjan," zehn männliche Juden, verschaffen, um Trauer - Gottesdienste abzuhalten und das „Kadisch"-Gebet. die Ergebung in Gottes Fügungen und Verherrlichung seines heiligen Namens, zu verrichten. In seiner eleganten Wohnung in Odessa würde dieses unliebsames Aufsehen erregt haben. Und das war das einzige, was er tun konnte, um das Andenken der Eltern zu feiern. — Als er nach Odessa zurückgekehrt war, schien es ihm, als seien es nicht sieben Tage seit seiner Abreise, sondern hundert Jahre. Nach dem Tode der Eltern konnte er von deni alten Wege, der zu seinem ehemaligen Leben hinführt, keine Spur mehr erblicken, ob er auch noch so sehr seine Augen angesttengt; jenes kleine Nest hatte das letzte Glied der Erinnerungskettc gebildet; nun aber war auch dieses zerbrochen, und er fürchtete, sich zu verirren, Ivenn er den Versuch macht, sich noch einmal dorthin zu begeben. — Solche unfruchtbare Wortspielereicn und Wortklaubereien halfen ihn, über die erste schwere Krisis hinwegzuschlüpfen. Sechs Monate lang war er seinem Vorsatze treu geblieben, ohne auch nur ein einziges Mal den Blick rückwärts zu wenden. Allmählich hatte die jetztigc Freiheit sein inneres Zagen zur Alltäglichkeit abgestumpft; er hatte cs sich endlich abgewöhnt, heftiges Herzklopfen zu verspüren bei dem Gedanken, daß er vielleicht in die Verlegenheit geraten könnte, zerrissene Fäden wieder anknüpscn zu müssen; die Vergangenheit war für ihn. tot und abgestorben, und er wollte nur noch für die Zukunft leben. — Nur hatte er vergessen, was die Sterne ihm in jener verhängnisvollen Nacht erzählt, daß der Mensch, bei all seiner Beharrlichkeit, bei all seiner Willenskraft, doch nur ein schwaches, hinfälliges Geschöpf sei, allerlei Zufälligkeiten und Begleiterscheinungen unterworfen. Darum fühlte er sich in seiner innersten Seele tief erschüttert, als der Schicksalsgott auf verschlungenen Pfaden an ihn herantrat und das Buch der Erinnerung mit eiserner Faust vor ihm aufschlug. ' (Fortsetzung folgt.) Buute Chronik. Lomer, Fromer imd Genossen. Kon Dr. med. Ratner, Arzt in Wiesbaden. Von Zeit zu Zell sickern in Hardens „Zukunft tropfenweise giftige judenfeindliche Artikelchen durch, denen' Apostata gern Raum in seiner Zeit- Nr. 5. sth^ift gönnt. Den Reigen hat der berüchtigte Fromer, hinaüsgejagter Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde und Pseudotalmudencyclopädist, eröffnet. Jetzt kommt ein „christlicher" Arzt zu Wort, Dr. Lomer,*) ein Psychiater. Von einem solchen hätte man doch mehr Logik und Psychologie erwartet! Schon allein seine ungeheuerliche, aus der Lust gegriffene Behauptung von der Jnferorität der russisch-jüdischen Rasse verdient eine gehörige Abfertigung. Woher hat sich der Oberarzt diese Kenntnis geholt? Etwa aus der Staatsbürgerzeitung oder der Täglichen Rundschau. Beurteilt er die Intelligenz nach dem Schubitz? Hat er überhaupt eine Ahnung von der geistigen Leistung der russisch-polnischen Juden? Oder sind für ihn die Witze der „Lustigen" und die Gebrüder Herrnfeld eine Studienquellc? Kennt er die russischjüdische Literatur? Weiß der Psychiater, daß ini Hirn der polnischen Juden inehr Geist steckt als in manchem patentierten Geheimratschädel? Doch zur Sache! Er spricht von den westeuropäischen Juden und beklagt ihre Superiorität auf geistigem Gebiete, im Handel und der Jndnsttie. Konnte er denn nicht als Arzt die Quelle tiefer suchen und die somatischen Eigenschaften der Juden als Ursache betrachten? Es ist hier nicht der Ort des Näheren darauf einzngehen. Ich verweise ihn auf meinen denmächst in der Hygienischen Rundschau erscheinenden Artikel über „den verminderten Anteil der Juden an der Tuberkulose- und Lues - Erkrankung und die geringere Kindersterblichkeit unter denselben." Das „anserwähltc Volk" bildet eine „natürliche Auslese" darin, gegen die sich nichts tun läßt. Höchstens könnten die Germanen re. als Gegenmittel die Einschränkung des Alkoholgennsses und des P r o st i t u t i o n s w e s c n s dagegen versuchen! Ferner bemängelt Herr Dr. Lomer „den zersetzenden, kritische» Geist" der Juden. War cs aber nicht dieser zersetzende Krizitismus, dem die „ch rist liche" Welt ihre Religion verdankt? Haben denn nicht die soziale Frage samt den modernen Fürsorge- und Wohlfahrtseinrichtungcn ihren Ursprung in diesem jüdischen Scharfsinn? Wer waren Ferdinand Lassalle und Karl Marx? Wodurch haben Börne und Heine ihre k o st b a r e n Perlen der deutschen Literatur geschenkt, welcher' trotz Bartels' Gewäsche immer noch;u den unsterblichen deutschen Klassikern zählen? Und wenn behauptet wird, daß die Inden die Presse beherrschen, so. zeugt das eben davon, daß ihr kritischer Geist unentbehrlich für die Weltpolitik ist! — Und dieses Genie — will Herr Lomer mit einem Federstrich unschädlich machen! Und nun sehen wir uns die Ratschläge des Dr. Lomer gegen das „Emporkommen Israels" an! Die Juden vertreiben und ihrer Schätze berauben, das geht, wie er selber zugibt, in einem modernen Staat nicht. Also Blntverinischnng! Wie denkt sich das aber der Herr Oberarzt? Etwa ein Dekret von Staatswegen erlassen, daß jeder Jude seine Ehcgenossin unter den Christinnen suchen'müsse? Wäre das human und nicht mittelalterlich? Oder sollen die Inden selber einen solchen „Ukas" im Schulchan- Aruch aufnehmen, dainit sie so rasch wie möglich von der Bildfläche der Weltarena verschwinden und ihr Geist im Arierblnt versimple? Oder soll diese Vernichtungsprozedur jedem überlassen bleibe»? Klingt cs nicht wie Utopie? Erinnert das nicht an Belami? Du lieber Himmel! Freiwillig haben ja, Gott sei es geklagt, manche Juden dieses- Mixtumcompositnmreccpt versucht. Aber mit welchem Resültat? Ja, Herr Doktor, ich will Ihnen das si tacuisses etc. ans Höflichkeitsgründen nicht zurufen, aber das quandocpie dormitat bonus Homerus oder hier vielmehr Aisclepius haben Sie verdient. Die Judensrage ist eine der schwersten völkerp s y ch o l o gi s ch e n Wcltprobleme, zu deren Lösung weder die „Zukunft" noch ein Dutzend - Psychiater berufen ist. Sie kann nur von einem Universalgenie enträtselt Iverden, das noch geboren werden muß. Zum Schluß noch eine Bemerkung. Herr Dr. Lomer behauptet unter anderem, daß jüdische.Aerzte in schweren Fällen nur jüdische Kollegen hinzuziehen. Das klingt ja wie eine Ve rd ä.ch t i g un g, als ob die jüdischen Aerzte bei Entscheidung über das Wohl und Wehe eines Menschen sich von andern als Gesundheitsrücksichten leiten lassen. Nein, Herr Doktor! Solche Prinzipien sind nicht unter der jüdischen Aerzteschaft vorherrschend! Mit Entrüstung muß sie diese Insinuation zurückweisen! Daß es große jüdische Autoritäten gerade in der Medizin gibt und diese daher vielfach als Consiliarii hinzugezogen werden, soll ja mit Genugtuung zugegeben werden. Allein hier entscheidet ja nurdas hervorragende Können und Wissen! Uebrigens waren und sind viele „christliche" Autoritäten wie z. B. Nothnagel, v. Noorden, v. Leyden, Erb rc., welche gerade von jüdischen Aerzten sehr viel und gern zur Konsultation gerufen werden. Was sagt übrigens Lomer dazu, daß Bismarcks Enkel von Baginsky und Israel behandelt wurde? *) Wir hatten den Dr. Lomer'schen Artikel in Nr. 49 unserer Zeitung kritisch beleuchtet. D. Redatt.