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Neue jüdische Presse · 1910-02-04 · Heft 5 (4.2.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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beite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sir 5 Kindes entwirft, wenn es nicht am Weihnachtsabcnd und Reformationsfeste teilninsmt. Doch ist mit solchem Ueber-Liberalismus in optima forma der jüdischenVolksschnledieDaseinsberechtignng aberkannt. Und das soeben geprägte Wort von den „deutschen Kindern jüdischer Eltern" ruft den jüdischen Volksschullehrer zum Nachdenken auf über den Geist, der in seiner Schule wohl walten müsse. Ist doch zweifellos der israelitische Lehrer ein „deutscher Lehrer jüdischen Glaubens", von der hohen Regierung bestellt für „deutsche Kinder jüdischer Eltern". Taufes loschaun rischaun! Offenbar möchte auch der preußische Geheime Regierungsrat den Nachdruck auf den er sten Teil gelegt wissen: deutsche Kinder; — und um solche Kinder heranzubilden, muß in der jüdischen Schule der deutsche Geist herrschen. Schreiber dieses ist nun bescheiden genug, hier zu bekennen, daß chm trotz langjähriger Praxis dieser „Geist" nicht recht klar ist. W e - ches ist „deutscher Geist"? Ist es die evangelisch-protestantische Weltanschauung oder die ultramontane, die politisch lcherale oder seudal-konscrvatche Lebensauffassung? Alle diese Richtungen sind im deutschen Reiche vertreten und ringen in stetigem Kampfe um die Vorherrschaft. Darumwußten vor Jahren die Antisemften keine Antwort im Reichstage, als man sie nach dem vielzitierten „deutschen Geist" fragte, dessen angeblich die Juden ermangelten. Ich muß gestehen, daß es mir in der Volksschule mit dem „deutschen Kinde jüdischer Eltern" ähnlich geht. Meine Verlegenheit ist nicht minder groß als jene der Antisemiten. Vor mir liegen fünf Werke deutscher Geschichte, sämtlich ministeriell genehmigt und zum Gebrauche für die Volksschule empfohleir. Zwei derselben stehen auf protestantischem Standpunkte und stellen Luthers Wirken als eine rettende, befreiende Tat, als eine wahre Verbesserung kirchlicher Zustände hin; die anderen drei Werke sehe» hier nur eine Abirrung vom rechten Glauben, der eine Spaltung der Christenheit bis zum heutigen Tage im Gefolge hatte.' Auf welcher Seite ist das Recht und die Wahrheit? Für wen soll ich mich entscheiden oder erwärmen? Wie soll ich insbesondere meine „deutschen Kinder jüdischer Eltern" zu dem Gegenstände Stellung nehmen lassen? Um diese Ecke kommt nun einmal der Pädagoge nicht herum. Und würde ich noch fünfzehn Werke zur Hand nehmen, ich wäre gerade so klug als zuvor. Da fällt mir zum guten Glück eine Kleinigkeit ein: ich bin ja Jude! Als solcher befinde ich mich in der beneidenswerten Lage, die Tatsachen in allgemein objektiver Form und Folge zu registrieren, ohne mich für diese oder jene Glaubensrichtnng etwa zu begeistern. Das verbietet Takt und guter Ton den Andersgläubigen gegenüber. Wir Juden wollen uns nicht zum Weihnachtsbaum drängen und haben auf dem Reformationsfeste absolut nichts zu suchen. Wir haben gleiche Rücksichten walten zu lassen, wenn wir „deutsche Kinder jüdischen Glaubens" mit der heiklen Materie der christlichen Glaubensspaltung zur Zeit Luthers bekannt machen. Da aber nach der bis jetzt unpatentierten pädagogischen Weisung Geigers das jüdische Haus die eigenartige Aufgabe hat, schulischen Entgleisungen und Abenteuern entgegenzuwirken, obgleich solche amtlich und obligatorisch „befohlen" würden, so glaube ich keine pädagogische Sünde auf mich zu laden, wenn man zuweilen qus den „deutschen Kindern Mischer Eltern" das Umgekehrte macht: jüdische Kinder deutscher Eltern! Das kann beispielsweise geschehen, wenn ich mst weniger Emphase Luthers Wort: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!" zitiere, wenn ich hier bemerke, daß dieser Mut und Freimut durchaus nichts voraus hat vor der Seelenstärke, mst der Tausende unserer Ahnen den Scheiterhaufen bestiegen. Und der brannte ja nicht einmal hinter Luther. Als „jüdisches Lehrer werde ich vielleicht auch Luthers Stellung zum Judentum berühren, um aus einer bekannten drastischen Aeußerung dieses Mannes über die schmähliche Behandlung der Juden den Geist jener Zest zu kennzeichnen. Bei den Kreuzzügen verschweige ich keinesfalls das tränenreiche Geschick unserer Ahnen jener Epoche, die „Geseras tatnu", die in so vielen Elegien beklagte. Beim Uebersetzen von „re-ei veonjeinu" und „welamalschinim" glaube ich keine Zeitverschwendung zu begehen, wenn ich in den kleinen Köpfen ein Bild vom Buschoffprozeß, vom Drcyfushandel und Konitzverbrechen male. Beim Geographieunterricht kann ich Kischinew, Kiew und Damaskus nicht übergehen ohne den Hinweis auf bekannte Ereignisse. Sie schen also, Herr Geh. Regierungsrat, es gibt noch andere Dinge für die jüdischen Kinder zu bedenken und zu behandeln, als den Zauber eines Weihnachtsabends oder Resormationsfestes. Aber eines dürfen Sie sich versichert halten, und damit möchte ich diese Ausführungen schließen: Werden unsere Kleinen als „jüdische Kinder deutscher Eltern" erzogen und herangebildet, dann können sie sich stolzen Hauptes allenthalben sehen lassen als „deutsche Kinder jüdischer Eltern". Keiner soll sie an menschlichen Tugenden und sittlichem Werte, an Seelenade! und Scclengröße übertreffen, auch jene nicht, die so gerne im lichtgrünen Tannenbaüm ihr Höchstes schauen. Londoner Chronik. i. Der Ausgang der Wahlen. Die jüdischen Abgeordneten. Die englischen Vaterländer. Die „Judenfrage". Die Wahlbewegung ist zu Ende. Weder die Konservativen noch die Liberalen haben einen Sieg errungen, denn sie sind beide im Unterhause gleich' vertreten und auf die Iren und Sozialisten angewiesen. Beide Hauptparteicn sind durch Juden vertreten, und 19 jüdische Abgeordnete ziehen in das neue Parlament ein. Ter größere Teil der jüdischen Abgeordneten gehört der konservativen Partei an, n. a. Lionel Rothschild, ein Neffe von Lord Rothschild, Sassoon, Sir Philipp Magnus, Sir Samuel, Strauß und Levy. Der berühmte Londoner Anwalt Rufus Isaak hat in einem liberalen Wahlkreis ein Mandat erobert und wird den Posten des Justizministers oder den des General-Staatsanwaltes erhalten. Der Mische Minister Herbert Samuel ist wieder gewählt und wird seinen Ministerposten behalten. Die englischen Juden haben soweit keinen Grund zu klagen, denn sie, eine halbe Million au der Zahl, sind mit 19 Abgeordneten und zwei Ministern im neuen' Parlament und in der neuen Regierung vertreten. Es ist allerdings ausgefallen, daß während des Wahlfeldzuges die jüdische Frage sehr eifrig diskutiert wurde. Die liberalen Kandidaten machten den jüdischen Wählern, die zum größten Teil konservativ stimmtcn, den Vorwurf, daß sie, die Juden, undankbar seien, denn sie verdanken ihre Emanzipation den Bemühungen der liberalen Partei. Der Finanzminister Lloyd George erklärte in einer öffentlichen Wahlversammlmrg, daß, ivenn nicht der fünfundzwanzigjährige Kampf der Liberalen gewesen wäre, noch heute kein Jude im House of Lords hätte sitzen können. Es hat die Liberalen stark erbittert, daß die Juden konservativ gewählt haben. Wie ist das zu erklären? Die Juden wissen selbst, daß sic nur dank der Bemühung der Liberalen heute die volle Gleichberechtigung in England genießen. Die Sache liegt so. Die Mischen Abgeordneten sind durchwegs Millionäre, denn hier kann nur ein sehr reicher Mann Politik machen. Die Abgeordneten werden nicht besoldet, und die Ausgaben für den Wahlfeldzug betragen Hunderttauscndc. Die Kosten muß der Kandidat 'selbst tragen. Nun diese reiche Juden, zum größten Teil selbst in England naturalisiert, suchen — wie alle Emporkömmlinge — Anschluß an die hohen Zehntausend, an den Adel, an die gute englische Gesellschaft. Sie ahmen deren Sftten und Gebräuche nach, werden in den Jnteressenkreis der Konservativen hineingezogen und geben sich als englische Vaterländer aus . . . Daher die Erscheinung, daß die konservativen jüdischen Abgeordneten in religiöserBegeisterung nicht nur nicht konservativ, sondern nicht einmal liberal sind. . . . Sie wollen überhaupt nicht mehr als Juden gelten, sondern nur noch als Stockengländer, als englische Feudalen. Viele dieser Herren geben sich englische Namen, andere werden wegen Verdienste um ihre Partei geadelt, und als „Sir" ist man schon ein Engländer, wenn man auch Sir L e v y oder Sir Samuel heißt. Und dann sind Reiche und Satte ganz besonders konservativ gestimmt. Die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis, speziell wenn sie etwas zu konservieren haben. — Kommt noch hinzu, daß Lloyd George, ein sozialer Reformer, die Reichen im Lande ganz besonders an ihre sozialen Pflichten erinnerte und sie stark zu besteuern gedachte. Diese und iwch viele hier nicht zu erörternde Gründe sind die Erklärung für den Konservativismus englischer Juden. Aber diesen englischen „Vaterländern" werden wir cs danken, wenn die Liberalen eine antijüdische Parole ausgeben und die latenten antisemitischen Instinkte wachrufen werden. Die Politik, auch die liberale, ist von aller Sentimentalität frei, und die Juden waren noch immer ein guter Sündenbock. . . Ich glaube, wir Juden sind reich an Erfahrungen und sollten doch weniger optimistisch und vertrauensselig sein. — — — Da das Schicksal der liberalen Regierung noch ungewiß ist und sie kaum lange am Richer bleiben wird, so ist die allgemeine Lage unsicher und verworren. Sollten bald wieder neue Wahlen ausgeschrieben werden müssen, wie die liberalen Organe versichern, dann wird sich der Kampf, der sich zum Kampf gegen oder für das Haus of Lords, also für oder gegen die Konservativen, gestalten wird, sehr stark um die„Judensrage" drehen, denn die Liberalen werden alles in Bewegung schen, um diese Sir Levys und Sir Cohens, die den Konservativen in die Hände arbeiten, unschädlich zu machen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. In seiner konstituierenden Sitzung wählte der Ausschuß der israel. Gemeinde Dr. Arnold Bär Wald zum Vorsitzenden mch Dr. W i l h. Hanauer zum stellvertretenden Vorsitzenden. i Die erste öffentliche Sitzung des Jahres fand Dienstag, 1. Febr., statt. In dieser Sitzung wurden Dr. R. Merzbach und BenniOppenheimer in den Schulrat des Philanthropin, Dr. Hanauer in das Pflegamt des Königswartcrhospitals, Dr. Hanauer und Dr. Bärwald in die Baukommission des Hospitals, Eli Michael in die Ritualkommission, Dr. Mcrzüach in die Religionsschulkommission, Rudolf Kahn in die Baukommission der Westendsynagoge und Dr. Bär Wald in die Goldschmidt'sche Stipcndienstiftung gewählt und die Steuer von 4°'og auf 5°/oo des versteuerbaren Vermögens erhöht. Berlin. Den Baumeistern Körte und Reimann ist unter Zuziehung des Geincindebaumcisters Höniger der Bau des j ü d. G e in c i u d e - K r a n k e n h a u s e s, der nunmehr energisch in Angriff genommen wird, übertragen worden'. Zu Dirigenten der inneren Abteilung wurden Professor Dr. Straus; und Dr. B r ü u o W o l f f gewählt. Die Stellung eines. Verwaltungsdirektors ist noch nicht besetzt. Breslau. Am 26. J-muar fand umer Vorsitz des Vorsitzenden Rabbiner Dr. Rosenthal die General-Versammlung der hiesigen Ortsgruppe der Alliance Jsraclite Universelle statt. Nach einer längeren lebhaften Debatte wurden folgende R e s o l n t i o u c n einstimmig angenommen: . „Die Breslauer Ortsgruppe der A. I. U. protestiert gegen Form und Geist der von Herrn Gcheimrat Goldberger am 23. Mai v. Jrs. gehaltenen und im Jahresbericht. der Alliance veröffentlichten Rede. Sic ist der Meinung, daß in dieser Rede, in der die Kompetenzen des Bor- MTW

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