Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Frankfurter DffraelitWeS Familienblatt. Seite 3. jüdischen Untertanen, sowie ihre großen Verdienste auf kulturellem und wirtschastlichem Gebiete anerkennen und würdigen. Dieser Gesinnung gab er auch diesmal in seiner Ansprache an die Huldigungsdeputation der jüdischen Kultusgemeinden Oesterreichs deutlichen Ausdruck. Wir Juden sind ein überaus dankbares Volk. Nur selten erfreuen wir uns einer gerechten, liebevollen Behandlung, wird uns aber eine solche zuteil, erwidern wir sie mit der ganzen Wärme und Innigkeit, deren nur das jüdische Herz fähig ist. Dies war auch jetzt in unserem Kaiserfest zu sehen. Schön war dieses Fest. Schön und erhebend. Das Fest ist nun vorüber. Die Festklänge sind verstummt, und die jüdischen Gemeinden Mährens legen wieder ihr Alltagsgewand an. So ich aber dieses Alltagsgewand betrachte, kann ich mich einer tieftraurigen Stimmung nicht erwehren, die durch die vergangenenTage noch kräftiger und nachhaltiger wird. Eine Patriotische Feier brachte Leben in die sonst toten jüdischen Gemeinden und bewirkte eine imponierende Kraftentfaltung. Man sah überfüllte Synagogen, Begeisterung und Opferfreudigkeit, rege pulsierendes jüdisches Leben. Was könnten diese Gemeinden fürs Judentum leisten, wenn sie tatsächlich jüdische Gemeinden wären, 'wenn sie die Aufgaben und Pflichten einer echtjüdischen Gemeinde sich zum klaren Bewußtsein brächten und mit ähnlicher Begeisterung und Opferfteudigkeit an ihre redliche Erfüllung schritten! Sie sind leider weit entfernt davon. Das Alltagsgewand, in welchem sie sich präsentieren, ist höchst mangelhaft und farblos. In den meisten dieser Gemeinden — den wenigen rühmlichen Ausnahmen werde gebührende Anerkennung — wird für das positive, traditionelle Judentum entweder gar nichts oder fast gar nichts geleistet. Die Thorakenntnis schwindet in auffallender Weise aus den Rechen der Geineindcmitglicder, und nichts wird unternommen, der bei Jung und Mt immer krasser hervortretenden Ignoranz zu begegnen. Institutionen oder Vereine zur wirksamen Pflege und Verbreitung der Thorakenntnisse und der jüdischen Lebensanschauung gehören hierzulande zu den äußersten Seltenheiten, wenn sie überhaupt zu finden sind. Selbst die vortreffliche konservativ-jüdische Gymnasial - Anstalt des unermüdlich tätigen Rabbiner Dr. Jung in Ung. Brod wird fast ausschließlich von Zöglingen aus Galizien, Bukowina, Rumänien, vielleicht noch Rußland frequentiert. In Mähren zeigt sich kein Interesse dafür. Dieser Umstand hat erschreckende Gleichgültigkeit in religiösen Dingen, Vernachlässigung jüdisch-religiösen Lebens im Gefolge. Diese Erscheinung ist umso betrübender, als es in Mähren noch vor weniger als einem Jahrhundert zahlreiche blühende jüdische Gemeinden gab, die als wirksame Pflegestätten jüdischer Gelehrsamkeit und inniger Frömmigkeit bei der ganzen Judenheit in hohem Ansehen standen. Ja es gab eine Zeit, da Mähren als die eigentliche Heimat der Thora galt. Nikolsburg, der gewesene Sitz des Landesrabbiner, Holleschau, Boskovitz, Leipnik, Triesch, Straßnitz — das erste Rabbinat R. Moses Sofer's s. A. — und noch viele andere Gemeinden hatten eine lange Reihe der hervorragendsten rabbinischen 'Autoritäten zu ihren geistigen Führern, die die Verbreitung von Thora und jüdischer Lebensanschauung auf hervorragende Weise gefördert haben. 'Von diesem einstigen Glanze können nur in wenigen Gemeinden ganz blasse Spuren bemerkt werden. Seine eigentlichen beredten Zeugen sind die — Friedhöfe. Die kahlen, halb verwitterten Grabsteine, von denen viele schon gar nicht, viele nur mit großer Mühe entziffert werden können, geben uns Nachricht von der ruhmreichen Vergangenheit dieser Gemeinden, in deren Mitte so viele bedeutende Männer gelebt haben. Ich möchte diesen Brief nicht mit einem trüben Ausblick schließen. Hoffen wir noch, daß der Hauch der Geschichte, der auf diesen Gemeinden ruht, den eisigen Jndifferentismus zerschmelzen wird, der in religiöser Beziehung geradezu verheerend wirkt. Hoffen wir, die Gemeinden werden noch rechtzeitig ihrer hehren Pflichten inne werden, der drohenden Assimilation und Entjudung mit ernstem Willen entgegenzuarbeiten, und der jüdischen Lehre und dem jüdischen Leben zielbewußt den Weg nach Mähren ebnen. Sagt doch ein altjüdisches Wort: „Die Thora kehrt in ihr altes Heim zurück." . . . K o st e l (Mähren). H. Jüdische Professoren. - Zu den Ausführungen des Herrn Maxime Le- Maitre in Nr. 47 unserer Zeitung über das Schicksal der jüdischen Universitäts-Professoren in Deutschland schreibt uns Herr Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Baihinger-Halle berichtigend, daß er als Leiter der Kantstudien Herrmann Cohen nicht „systematisch totschweigt", sondern baß — wie aus seiner hier folgenden Zuschrift hervorgeht — er für seine Person immer bestrebt war, seinem großen Kollegen gerecht zu.werden. Herr Geh. Rat .Baihinger führt in seiner Erwiderung an uns aus: „In keinem der 12 Bände fehlt der Name Cohen; in einzelnen ist er sogar sehr oft genannt, so sogleich iin Band l lömal, iin Band IV llmal, im Band XI lömal, im Band XII llmal; der VIII. Band wird eröffnet mit einer 29 Seiten langen Abhandlung über „Cohens Logik der reinen Erkenntnis" von einem ihm nahestehenden Gelehrten, Professor Dr. Staudinger in Darmstadt. Durch diese Tatsachen wird die oben angeführte Behauptung von Maxime Le-Maitre als eine völlig irrige widerlegt. Höchstens könnte man sich darüber wundern, daß unter den auf dein Umschlag der Kantstüdien aufgezählten hauptsächlichsten „Mitwirkenden" (Adickes, Bouldaux, Caird, Cantoni, Creighton, Diethey, Erdmann, Eucken, K. Fischer, Heinze, Reicke, Riehl, Windelband) der Name Cohens fehlt. Älber als ich im Herbst 1895 die „Kantstndien" ins Leben rief, habe ich Cohen aufgesordert, sich nn denselben zu beteiligen und zu erlauben, daß ich seinen Namen den oben genannten Namen hinzusüge. Ich erhielt folgende Antwort: Berlin N., Jnvalidenstraße 181., den $. 10. 95. Hochgeehrter Herr Kollege! Ihr Prospekt mit Ihrem freundlichen Begleitschreiben sind mir nach manchen Wanderungen durch bie- Schweiz endlich zugegangen, und haben mir Freude gemacht. Ich danke Ihnen sehr für die gütigen Worte der Anerkennung, welche Sie mir bei diesem Anlaß ausgesprochen, und mit denen Sie meinem Arbeitergemüt sehr wohl getan haben, umsomehr, als ich in dem ganzen Bierteljahrhundert, in dem ich nun in der bestimmten Richtung arbeite, durch herzliche Anerkennung nicht verwöhnt worden bin. Sie müssen mir daher verzeihen, daß ich jetzt, nachdem ich die ganze lange Zeit einsam, mrd nur von wenigen Anhängern begleitet, meinen Weg gegangen bin, mich nicht mehr entschließen kann, Ihrer freundlichen Aufforderung, der ich bei anderen Lebenserfahrungen gern gefolgt wäre, anders als mit aufrichtigem Danke zu entsprechen. Wenn ich einmal etwas fertig bringen kann, was ich Ihnen anbieten darf, so will ich es gern tun, und der Zeitschrift selbst in jedem Sinne das beste Gedeihen wünschen. Aber für die Mitwirkung bei der Redaktion kann ich mich nicht verantwortlich machen. Mit nochmaligem Danke und kollegialem Gruße Ihr sehr ergebener H. Cohen. Leider hat Cohen der von mir begründeten und seit einigen Jahren gemeinsam mit Privatdozent Dr. B. Bauch hier herausgegebenen „Kantstudien" keinen Beitrag gegeben, Auch zu der von mir im Jahre 1904 gegründeten „Kantgesellschaft" habe ich Cohen leider .vergeblich eingeladen. Aber man wird mir wenigstens zugestehen, daß ich das Meinige getan habe, um Cohen gerecht zu werden." Wir haben unserem Mitarbeiter Herrn Maxime Le-Maitre die Erwiderungen des Herrn Geh. Reg.-Rat Prof. ^Dr. .Baihinger zur Einsichtnahme übermittelt, worauf uns folgende Berichtigung und Erklärung des k Herrn Maxime Le-Maitre zugegangen ist: „Herr Geh. 'Reg.-Rat Prof. Dr. Baihinger wehrt sich energisch '.und protestiert gegen meine Behauptung, daß erin seiner Eigenschaft als Herausgeber der Kantstudien Herrmann Cohen totschweigt, indem er aufzählt, wieviel mal der Name Cohen in. den Kantstudien zu lesen ist. Ich habe nicht behauptet, daß der Name Herrmann Cohen in den Kantstudien'-nie zu lesen ist, vielmehr wollte ich mit dem Satze herrmann Cohen wird systematisch totgeschwiegen" sagen/ daß Cohen als der originale Philosoph totgeschwiegen wird und zwar systematisch. Für diese meine Behauptung will ich den Beweis antreten. Herr Prof. Baihinger. weist statistisch nach, wieviel mal der (Name Cohen in den Kantstudien zu lesen ist. Wie ist eS mit dieser häufigen Nennung deS Namens Cohen bestellt? Einige Cohen'sche -'Schüler und Freunde veröffentlichen vonZeit zu Zeit kleinere oder größere Aufsätze in den Kantstudien. Als Jünger Marburger Schule beriefen sie sich oft auf ihren Meister. Exempel: Im ersten Jahrgang der wird Cohen viermal genannt, Seite 48, 62, 107 und 117. Vorländer zitiert ihn, denn er ist sein. Schüler und Jünger; Cohens Freund Stadler zitiert ihn zweimal in einer Fußnote. Im Band 2 der Kantstudien ist nur einmal der Name Cohen zu lesen — im Verzeichnis der Kantvorlesungen des betreffenden Semesters. Im Band 3 wird er Seite 209 in einer Rezension genannt, Seite 266 von Medicus genannt; Seite 373 und 389 wird der Name Cohen bald neben Paulsen, bald neben Riehl von König genannt. Im Band 4, Seite 113, wird der Name >in einer Rezension erwähnt; Seite 180 wird er von seinem Freund Staudinger genannt, ebenso Seite 327 von Staudinger in einer Selbst-Anzeige; Seite 368 und 397 zitiert ihn sein Schüler Vorländer in einem Aussatz „Kant und der Sozialismus"; Seite 114 nennt Paulsen den Namen Cohen in einer kaum schmeichelhaften Art. Im Band 5 wird Cohen zweimal in Rezensionen erwähnt, darunter einmal in einer Selbst-Anzeige Lindheimers, der seine Dissertation über Cohen bespricht. Ich will den Beweis nicht mit Zahlen und Daten erwidern, aber ich sage, daß Cohen entweder von seinen Schülern oder von seinen Freunden zitiert und genannt wird. Da die Kantstudien auf Mitarbeiter wie Vorländer, Stadler und Staudinger angewiesen sind, müssen wir auch die häufige Nennung des Namens Cohen mit in den Kauf nehmen. Aber fragt man: Wie behandelt dieses philosophische Archiv Herrmann Cohen? so kann man nur antworten: Die Kantstudien schweigen Herrmann Cohen tot. Wie die deutschen Philosophie-Professoren Herrmann Cohen behandeln, geht aus der obigen Publikation des Cohenbrieses hervor. Die ,K.-S." erscheinen jetzt 13 Jahre, und in diese Zeit fällt die Publikation neben anderen Schriften über Kant seine zwei grundlegenden Werke „Die Logik der reinen Erkenntnis" und „Die Ethik des reinen Willens". Wieviel haben sich die Kantstudien mit dem Nestor der Kantischen Philosophie beschäftigt? Die Kantstudien hatten für H. Cohen nur 29 Seiten Raum übrig. Jede größere Tageszeitung in Deutschland hat im Laufe der letzten Jahre mehr . über Cohen gebracht, als diese Kantstudien, die doch offenbar den Zweck haben, die Kantische Philosophie zu fördern und auszubauen. Glaubt etwa Herr Prof. Baihinger, daß man noch heute Kantisch philosophieren kann, ohne Herrmann Cohen zu kennen? Was haben die Kantstudien getan, um dem großen Eohen'schen Werk zu einem größeren Bekanntwerden zu verhelfen? Hier ein Exempel! Im Jahre 1907 ist Herrmann Cohens Kommentar zur Kants ersten Bernunftkritik erschienen. Dieses Werk und Cassirers „Geschichte der Erkenntnistheorie" waren die zwei philosophischen Hauptleisiungen des Jahres. Die „K.-S." veröffentlichen Ende des Jahres einen 30—40 Seiten starken Bericht über die Philosophie im Jahre 1907. Was ist in dieser philosophischen Jahresbilanz über Herrmann Cohens gewaltiges Werk zu lesen? Hier ein Zitat aus dem genannten Bericht über Cohens Kantkommentar: „Herrmann Cohen, von dem sich Cassirer nachhaltig beeinslußt zeigt, hat in diesem Jahre einen Kommentar zu Kants „Kritik der reinen Vernunft" erscheinen lassen, indem er am Leitfaden des Textes eine gedrängte einheitliche Zusammenfassung der Grundgedanken mit stetiger vorausschauenden Rücksichtnahme auf die' großen Ziele und Zwecke des Kritisismns geben will." Eine solche Anzeige ist nicht mehr als gar keine. ■ Dagegen werden „Philosophen", die an Cohens Sohle nicht heranreichen, ausführlich gewürdigt. Aber nicht genug damit. Jni selben Aufsatz der „K.-S." erhält Cohen noch von hinten.her einen Rippenstoß. An einer Stelle heißt es: „Neuerdings hat die Auseinandersetzung mit physikalischen insbesondere mit mathematischen Problemen so sehr überhand genommen, daß sie das allgemeine philosophische Interesse zu verdunkeln sucht." Cohens Verhältnis zur Mathematik, speziell zur mathematischen Physik, ist bekannt, und jeder Leser weiß, wer mit diesem Verdunkele! des allgemeinen philosophischen Interesses gemeint ist. Die Kantstudien haben den Zweck, die Kantische Philosophie zu fördern und zu Verliesen, und H. Cohen ist der Nestor der Kantischen Philosophie in Deutschland, nach dem Urteil des Antisemiten Huston Stewart Chamberlain. Um nun kurz zusammenzufassen: Totschweigen ist hier ein relativer Begrisf. Formell, wird Cohen in den Kantstndien von seinen Schülern und Jüngern genannt, er wird aber nie von den Kant-Studien zitiert." Veranlaßt durch den Artikel „Jüdische Professoren" haben wir ferner von Herrn Dr. I. B. Widmann-Bern ein Schreiben erhalten; aus Raummangel können wir aber dieses Schreiben erst in der nächstwöchentlichen Nummer bringen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 17. Dez. An der gestrige» Wahl für den Ausschuß der israel. G emeind e beteiligten sich von 6533 stimmberechtigten Ge-