Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Fcwrklienblatt. Nr. 49. Maultonrssarbett.... Kurz nach Beginn der Tagung der Algeciraskonferenz brachte die „Kölnische Zeitung" einen Aufsatz aus der Feder chres Marokko-Korrespondemen über die „Alliance israelite Universell e", in dem mit Recht darüber Klage geführt wurde, daß die deutschen Juden — sonst so eifrig bemüht, ihren deutschen Patriotismus zu beteuern — einer Gesellschaft namhafte Beträge zuführen, die das Geld für die Unterhaltung französischer Schulen für die Juden im Orient verwendet. Die Kulturarbeit der Mliance im Orient kommt politisch und wirtschaftlich Frankreich zugute. Die Zöglinge der Mliance treten später die Vermittlerrolle an zwischen dem Eingeborenen-Element und — da sie selbst halbe Franzosen sind — dem ftanzösischen Handel. Daß sich daraus Gebiets-Erwctterungen der ftanzösischen Einflußsphäre auch in politischer Beziehung ergeben, liegt auf der Hand. Da die Angaben der „Kölnischen Zettung" stimmten, ihre Krttik über das Verhältnis der deutschen Juden zu' der Alliance berechtigt war und die deutsche» Juden, soweit sie sich durch die Krittk getroffen fühlten, ihren deutschen Patriottsmus nicht bezweifelt wissen wollten, so wurde schnell eine besondere Organisation, die „Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance israelite universellc", gegründet, die ein Gegengewicht gegen das bisher allein dominierende ftanzösische Element in der Alliance sein und dafür sorgen sollte, daß die Alliance proportionell der Betträge aus. Deutschland auch die Förderung des Deutschtums im Orient unter ihren Schutzbefohlenen betreibe. Die Alliance sollte in verschiedenen Städten Marokkos und der Türkei Schulen mtt deutschem Sprachunterricht eröffnen; in ihrem „seminaire orientale" sollte mehr Deutsch gelehrt werden, damit die aus diesem Seminar hervorgehenden Lehrer den deutschen Unterricht in chren späteren Wirkungsstätten leiten können; Absolventen dieses Seminars sollten nach Deutschland kommen, um sich im Deutschen zu vervollkommnen usw. „Die Welt" stellte gleich nach Konstttuierung der Konferenz-Gemeinschaft fest, daß diese chr Entstehen einem Artikel der „Kölnischen Zeitung" verdantt. Die Männer der Konferenz-Gemeinschaft wehrten sich fteilich energisch gegen eine solche Auffassung, aber es half nichts. Die Tatsachen lassen sich nicht auf den Kopf stellen. Nun liegt es auf der Hand, daß man von einer Organisation, die der Zufall geboren und die weder aus einer Volksbewegung entstanden noch von einem temporären Bedürfnis zum Leben gebracht worden ist, keine großen stttlichen Forderungen und heroischen Taten verlangen darf. Es hätte damals gleich jeder vernünftige Mensch mit Recht ftagen können, wozu überhaupt eine solche Institution dienen solle, deren geringe Mittel nicht ausreichen, um 'selbständig zu arbetten und die als deutsches Anhängsel zur ftanzösischen Alliance auch nicht viel auszurichten vermag. Ebenso wäre die Frage berechügt gewesen, wozu cs überhaupt einer neuen Institution bedürfe, die doch nur eine Zersplitterung der Arbett und eine Dezeittralisierwig der Kräfte herbeiführen muß? In Deutschland existiert doch ein „Hilfsverein der deutschen Juden", auf den die deutschen Juden ohne Unterschied des nationalen Empfindens und der religiösen Parteizugehörigkeit stolz sein können. Der Hilfsvercin hat ja dasselbe Programm wie die Alliance; auch er betelligt sich sehr stark am russischen und am rumänischen Hülfswerk, auch er gründet Schulen im Orient, unterhält jüd. Kindergärten usw. Das philanthropische und soziale Interesse der deutschen Juden an ihren östlichen Stammesgenossen, das gemäß der Staatsangehörigkeit der Interessenten, soweit esdenJudenimOrient gut und dem Judentum keinenEintrag tut, deutsche Formen haben soll, braucht doch wahrhaftig nicht erst durch französische Vermittlung besorgt zu werd'eü! Es ist nicht zu übersehen, daß die deutsche Konferenz-Gemeinschaft der ftanzösischen Alliance, indem sie chr Geld von deutschen Juden einzieht und jährlich an die Mutterorganisatton so und so viel GAd abliefert, 1. dem Hilfsverein der deutschen Juden eine ganz sinn- und zwecklose Konkurrenz bietet, 2. den deutschen Juden nicht dient, 3. den allgemeinen deutschen Interessen schadet. Also wozu überhaupt in Deutschland eine Konferenz-Gemeinschaft der Alliance? Man wird fteilich einwenden, daß die dcutche Konferenz-Gemeinschaft der französischen Alliance durch chre offizielle Loslösung und dabei doch durch ihre Zugehörigkett zur Alliance die ansschlicßlich ftanzösische Tätigkeit derselbe» paralysieren will. Sie will für chren Teil deutsche Schulen fordern, die ttalienischen Juden weroen italienische Schulen fordern, mit einem Worte: die Alliance wttd sprachlich internationalisiert und neutralisiert werden. Denn tatsächlich steht es der Alliance, da sich chre Mitglieder aus Juden aller europäischen Länder rekrutieren, gar nicht zu, ihre Schulen nur ftanzösisch zu leiten. Man hätte also glauben können .... Die Annahme setzt aber polittschen Weitblick und konzentrierte Energie voraus, Dinge, die von einer Organisatton, die ihre Geburt einem Zeitungsartikel verdankt, nicht verlangt werden können. Und dann — woher auch die Staatsnränner und weitschauenden Politiker?-- Die Herren der deutschen Konferenz-Gemcinschaft sind wahrscheinlich so klug wie andere Menschen auch, aber nicht mehr, s o n st hätten sie, da in Deutschland ein Hilfs verein der deutschen Juden existiert, keine Konferenz-Gemeinschaft der Alliance in zweifelhaftes Leben gerufen. Drei Jahre sind verflossen, seitdem die deutsche Konferenz-Gemeinschaft existiert. Was ist in diesen drei Jahren geschehen, was die Existenz dieser Organisation rechtfertigt und notwendig macht? Vor mir liegen zwei Dokumente: 1. Bericht der Alliance israelite universelle für das Jahr 1907 (der aber erst während des Sommers erschienen ist und beretts einen Nekrolog über Hallgarten enthält), 2. ein offener Brief des Herrn Dr. Paul Nathan an die jüdische Oeffentlichkeit, in dem er über Quertreibereien und Jnttiguen der Alliance gegen den Hilfsverein Klage führt. Aus dem Bericht ist zu eittnehmen, daß die Alliance jährlich 1050 000 Francs für ihre 142 Schulen ausgibt bei einer jährlichen Gesamteinnahmc von 1546 224 Francs. Also ungefähr zwei Drittel chrer Einnahmen verwendet sie für Schulen im Orient, zu welchen die Gemeinden ungefähr ebensoviel beittagen. Die Einnahmen der deutschen Konferenz-Gemeinschaft betrugen im Jahre 1907 121414 Mk.; davon hat sie an das Zentralkomitee in Paris abgeliefert und von ihren Einnahmen für seine Rechnung ausgegeben 61634 Mk. Sie hat demnach fast die Hälfte ihrer Einnahmen an die ftanzösische Zenttalstelle abgeliefert. Wieviele deutsche Schulen hat die Alliance im Orient für dieses Geld, das nur im letzten Jahre so viel betrug, in den früher» zwei Jahren wahrscheinlich ebensoviel, errichtet? Wieviele Absolventendes Pariser Alliance-Seminars sind nach Deutschland zu weiterer Ausbildung gekommen? Am 15. Februar 1908 tagte in Berlin die deutsche Konferenz-Gemeinschaft. Im Bericht der Alliance für 1907 ist über diese Tagung zu lesen: „Die deutsche Konferenz-Gemeinschaft spricht die Erwartung aus, daß das Zentral-Komitee der A. I. U. seinen Beschluß vom 24. Oktober 1906, nämlich „Zöglinge der ecole normale Orientale in Paris zum Erlernen der deutschen Sprache nach Deutschland zu schicken", noch im Laufe dieses Jahres verwirklichen wird." „Die deutsche Konferenz-Gemeinschaft ersucht das Zentralkomitee wiederholt, auf Einführung des deutschen Sprachunterrichts in einigen dazu besonders geeigneten Alliance-Schulen in Marokko ehestens bedacht sein zu wollen." Bis jetzt ist also weder das eine noch das airderc geschehen. Bis jetzt ivar die deutsche Konferenz-Gemeinschaft dazu da, der ftanzösischen Mutterorganisation, die überall traurige Spuren eines fürchterlichen Entjudungsprozesses zurückläßt, für deren französische Schulen Geld zu liefern. In einer Sitzung der deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance erllärte der General- 'ekretär. der Alliance in Paris, Herr Bigart: „Was den deutschsprachlichen Unterricht in Marokko anlangt, so erkennt das Zentralkomitee die Berechttgung der von der deutschen Konferenz- Gemeinschaft ausgesprochenen Wünsche unbedingt an und nimmt die Erfüllung in Aussicht, sobald die 'politischen und wirtschaftslolitischen Verhältnisse die erwünschte Klärung gefunden haben werden." Mit anderen Worten: Die Errichtung von deutschsprachigen Schulen für die Inden in Marokko ist ad ca 1 endas graecas hinausgeschoben. Die Anklage der „Kölnischen Zeitung" besteht also auch heute noch zu Recht; dem Hilfsvercin der deutschen Juden wird nutz- und sinnlos Konkurrenz gemacht; und da er eine solide, in sich gefestigte Jnstitutton ist, wird sogar gegen ihn intrigiert und ihm das Wasser abzugraben versucht. Erst in letzter Woche noch hat uns der Führer der deutschen Juden, auf den jeder Jude stolz sein kann, von den Quertreibereien der Alliance gegen den Hilfsverein der deutschen Juden und seinen Führer Dinge erzählt, die wir nicht glauben würden, wenn wir sie nicht von einem auftichtigen und aufopferungsvollen Manne wie Dr. Paul Nathan gehört hätten. Man sieht: Die Pariser Alliance hat von chrer deutschen Tochter-Organisation einen doppelten dkutzen: sie sammelt das Geld von den deutschen Juden ein und — mit der deutschen Konferenz-Gemeinschaft hat sie ein Werkzeug in der Hand, mit dem sie die Konzentrations-Bestrebungen der deutschen Juden hintertreiben zu können glaubt. Warum der französischen Alliance daran liegt, die terrttorialen Organisattonen und speziell den Hilfsverein deutscher Juden zu sprengen — darüber in einem andern Artikel. Brief aus Mähren. In der vergangenen Woche standen die jüd. Gemeinden Mährens vollständig im Zeichen des sechzigjährigen Regierungsjubiläums unseres Kaisers. Festgottesdienste, festliche Veranstaltungen anderer Art, Gründung und Ausgestaltung humanitärer Institutionen, die noch kommenden Geschlechtern Segen bringen werden, Werke der Nächstenliebe, die der augenblicklichen Not steuern — das sind die Huldigungsakte der jüdischen Gemeinden, durch die sie innig und ttäftig in den hellen Jubelruf eingestimmt haben, der in den vergangenen Tagen in allen Gauen Oesterreichs sich vernehmen ließ. Erhebend schöne Werke hat dieses seltene Kaiserfest zutage gefördert, interessante Aeußerungen der auftichtigen Liebe und Verehrung, die die jüdische Bevölkerung chrem huldvollen Monarchen entgegenbringt. Tut es doch unseren Herzen unendlich wohl, angesichts der kräftigen antisemitischen Strömung, die zum Ruhme des 20. Jahrhunderts auch in unserem 'Reiche immer 'weitere Strecken überflutet, — denken wir z. B. an die jüngsten Vorgänge an der Wiener Universität und an die immer gefährlicher werdende Wühlarbeit der llerikalen Volkspartei m Ungarn — unseren greisen Monarchen auf einer Höhe zu wissen,' wohin diese schmutzigen Fluten nicht zu dringen vermögen. Sein Gerechtigkeitssinn ließ ihn stets die Treue und Anhänglichkett seiner