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Neue jüdische Presse · 1908-12-18 · Heft 49 (18.12.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 49 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. meint» einitgliedern nur 440, die fast bi» auf wenige die gemeinsame Liste deS „Zentralvereins 'Israel. Gemeindemitglieder" und des «»Freist Vereins für jüd. Gemeindeleben" akzeptierten. Es sind demnach gewählt: Dr. med. Arnold Baerwald (lib.), Moritz Moser (kons.), Sigmund Re gensburger (lib.) und Dr. Albert Son dheimer (konst). — Nächste Woche werden Ausschuß und Vorstand zusammentreten, um an Stelle des satzungsgemäß ausscheidenden Justizrats Dr. Blau ein Mitglied für den Vorstand zu wählen. Die Wahl wird von 9 Vorstands- und 8 Ausschußmitgliedern vorgenommen. Der Ausschuß hat eine Stimme weniger, da sein Mitglied August Ben der vor einigen Wochen verstarb. Wie verlautet, besteht der Wunsch, daß der bisherige Vorsitzende des Ausschusses Benny Oppenheimer in den Vorstand gewählt werde. Fraukfurt a. M. Auf Montag, den 28. Dezember ist nach hier der ' öffentliche Bereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" einberufen. Der Hauptversammlung geht am Sonntag Abend eine zwanglose Zusammenkunft der Mitglieder mit den Frankfurter Gesinnungsgenossen, den Delegierten tzes „Verbandes der Sabbatfreunde", des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer und des Bundes jüdischer Akademiker voran, welche ihre Jahrestagungen ebenfalls in Frankfurt abhalten. Die Kommissionen der ,,Freien Vereinigung jagen am Sonntag und Montag. Der Vereinstag selbst findet Montag Abend 7 Uhr im großen Festsaale des Kaufmännischen Vereins, Eschenheimer Anlage 40/41, statt, mit folgender Tagesordnung: 1. Begrüßung und Berichterstattung. 2. Referat des Herrn Seminarobcrlehrer I. Stoll aus Würzburg: „Die jüdischen Gemeinden und die Lehrerbewegung." 3. Referat des Herrn Rabbiner Dr. E. Munk aus Berlin: „Die Grundlagen der Ethik im Lichte des Judentums." Um den Inhabern von Doppclinandatcn Hie Teilnahme an den verschiedenen, zum Teil gleichzeitigen Sitzungen zu ermöglichen, ist dafür Sorge getragen, daß die Tagungen am Montag in dicht beieinander gelegenen Sälen stattfinden. Berlin, 14. Dez. Der Deirgiertentag des »Verbandes der Sabbatfreunde" findet Montag, 28. Dez., in Frankfurt a. M. statt. Berlin. Alls dem Nachlaß der am 11. Juni in Berlin verstorbenen Frau Professor F. Bernstein sind dem Hilfsverein der Deutschen Juden Jk 20 000 überwiesen worden. — Diese Stiftung ruft die Erinnerung wach an den . angesehenen Berliner Universitätslehrer Professor Bernstein, der 'im Jahre 1894 verstorben ist. Bei den ersten russischen Judenverfolgungen unter Jgnatiew hat er sich in eifrigster -Weise an der Hilfsaktion zu Gunsten der Unglücklichen beteiligt. Seine ihn um viele Jahre überlebende Gattin war nicht nur durch ihre Wohltätigkeit bekannt; sie war auch eine feinsinnige, namentlich auf dem Gebiete der Kunst hervorragende Dame. Berlin. In dem Vorgarten der jüd. Knabenschule in der Großen Hamburgerstraßc ist nunmehr das Denkmal Moses M c n d e l s s o.h n s aufgestellt worden. Es ist eine Schöpfung des Berliner Bildhauers Rudolf Markuse und besteht aus einem Sockel aus grünem Dolvrit, auf dem sich die Bronzebüste des Philosophen erhebt. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Moses Mendelssohn 1729—1786." Die Büste ist vorläufig noch verhüllt, da die Einweihung erst am 4. Januar, dem 123. Todestage Mendelssohns, erfolgen 'wird. Lffenbach a. M. Am 11. dis. kam es in der S t a d t v c r o r d ii e t c n v e r s a m m l u n g zu einer Debatte gegen de» Zuzug russischer und galizischer jüdischer Arbeiter. Es wurde von den Rednern aller Parteien eine Verhinderung weiteren Zuzugs verlangt. — Wenn die Herren sich bei den Meldeämtern erkundigt hätten, dannn hätten sic auf diese Debatte verzichtet, denn seit Wochen ist unseres Wissens kein Zuzug, sondern eher eine Abwanderung — und zwar besonders russischer Juden, die nach Rußland zurückkehren — zu konstatieren. Karlsruhe. Auf ein Gesuch verlchiedener Ortsgruppen des Verbandes der Sabbatfreunde erging folgender Bescheid: „Nach einer mit Erlaß vom 30. v. Mts. an uns gelangten Mitteilung des Gr. Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichts, welches nach unserem Anträge seine Vermittlung hat eintretcn lassen, sind vom Gr. Ministerium des Innern Schritte zu Gunsten einer den in Rede stehenden Interessen Rechnung tragenden Regelung geschehen. Dabei ist die Zulassung von zwei chis drei Stunden Kontorarbeit an den Sonntagen Frankfurt« JsnrelitischeS Familienblatt. durch daS dem israelitischen Bekenntnis angehörende Personal ins Auge gefaßt." Oesterreich-Ungar«. Men. In seiner Not hatte sich Baron Aehrent h a l an den Juden, nämlich an P r o f e s s o r V a mbßry in Budapest, wenden müssen, damit er in einem für Oesterreich günstigen Sinne auf die Türkei ein wirke. Auf seinen Brief an das j u n g t ü r k i s ch c Komitee erhielt Bambßry folgende Antwort: Wir danken Ihnen von Herzen für die Dienste, die Sic unserem Komitee und dem osmanischen Reiche seit vielen Zähren geleistet haben. Die Vorschläge, die Sie bezüglich der Erneuerung der Freundschaft zwischen den Ungarn und den Ottomanen machen, sind von unserm Komitee dem Zentralkomitee nach Saloniki gesendet worden, und die Antwort wird zur Zeit Ew. Hochwohlgcboren mitgeteilt werden." — Daß die kritische Situation zwischen den beiden Ländern inzwischen beseitigt worden ist, dürfte also Vambßry's Einfluß zu danken sein. Wien. Der zion. Abgeordnete Dr. Artur Mahler hielt am 9. dss. im Parlament eine großeRede. Er behandelte u. a. die Vorgänge auf der Wiener und auf der Prager Universität, die gezeigt haben, daß mau mit den Drangsalierungen wohl bei den Juden anfange, aber nicht bei den Juden aufhöre. Krakau. Der Bericht des „Hilfsvereins für g a l i z. Juden" enthält sehr eingehende Ausführungen Dr. H. N. L a n d a u' s, des Präsidenten dieser Organisation, über das Elend der Inden Galiziens. Von den 800 000 Juden Galiziens verdient nur ein Drittel faktisch seinen Unterhalt, die andren zwei Drittel werden von diesem einen Drittel ausgchalten, während von den 6>/» Millionen Christen Galiziens mehr als 3i/° Millionen erwerben. Dieses Verhältnis beweise die wirtschaftlich trostlose Lage der Juden Galiziens; besser könne cs nur werden, wenn es zu ermöglichen wäre, daß ein Teil her Juden zur Landwirtschaft übergeführt wird. Heute kommen in Ostgalizien auf 1000 Bettler 300 Juden, während es nach dem Prozentsatz der übrigen Bevölkerung 100 sein dürfen, und ans 1000 Beruslosc 450 Juden statt 100. — Interessant ist die Konstatierung der Tatsache, daß die Assimilationsbestrebnngen in Galizien nichts Helsen, da selbst die gebildeten jüd. Kreise von der nichtjüdischen Bevölkerung des Landes gesellschaftlich boykottiert werden. Rußland. Petersburg. Seit Montag erscheint die bekannte hebräische Tageszeitung „Der Fraind" wieder. Sch. G i n s b u r g ist aus der Redaktion des Fraind, der er 6 Jahre hindurch Vorstand, .ausgetreten. — In Kowno, seiner Geburtsstadt, und hier wurden literarische Abende zu Ehren des 100jährigen Geburtstages Mapn's des bedeutendsten hebräischen Dichters der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, abgehalten. Warschau. Hier erschien aus der Feder des bekannten antisemitischen Schriftstellers Theodor Jeske-Choinski ein Buch unter dem Titel „Die polnischen Neubekehrten". In der Vorrede zu diesem Buche heißt es: „Es wird vielleicht jemand fragen, welchen Zweck ich mit meineni Buche verfolgt habe. Ich werde darauf antworten, daß es ein historisches Material bietet wie andere Bücher ähnlicher Art. Es werden ja Handbücher über den Adel, Schriftsteller, Künstler usw. in großer Anzahl verfaßt. Sollen wir denn kein Interesse haben zu erfahren, wie viele Juden zum Christentum übergetreten sind, wo, wann, aus welchen Gründen und zu wissen, aus welchen Kreisen unsere N e u b e k e h r t e n st a m m e u. Diese Neugierde scheint mir leicht begreiflich in einer Gesellschaft, die sich immer mehr mit jüdischem Blute vermischt. Seit einiger Zeit ist das semitische Blut überall hingedrungen und mit diesem Blute gleichzeitig die Rasseninstinkte, Traditionen und Anfichten. Dem künftigen Psychologen, der die Entwicklung der polnischen Volksseele studieren wird, kann dieses Buch über die polnischen Neubekchrten vielleicht viele Rätsel lösen helfen. Es wird ihm erzählen, .warum manche Ansichten und Ucberzeugungen, manche Ideale, von denen die polnische Vergangenheit nichts wußte, in den Vordergrund unserer Zivilisation getreten sind." Das Buch enthält ein sehr umfangreiches Material; auffallenderweise fehlen aber manche Namen bekannter getaufter Familie». Italien. Florenz. Oberrabbiner Dr. Margulies, de, Vorsitzende des Pro-Falaschas-Komitees, erhielt ein Telegramm von D r. F a i t l o w i t s ch aus Adis Abeba, worin dieser ihm mitteilt, daß er vom Negns von Abessinien in Audienz . empfangen wurde und daß Se. Majestät die ihm überbrachten Nr. 49. Geschenke gnädigst entgegennahm. Der Negns versicherte Herrn Faitlowitsch, daß er für die Besserung der Lage der Falaschas Sorge tragen wolle. Amerika. New-Vork. In dem 800000 Juden zählenden Newyork ist endlich ein streng rituelles jüdisches Hotel errichtet worden. „Hotel Premier" ist der Name dieses Hotels, das sich in der 72. Straße befindet. © leiuffefon. © Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. lFortsehung). Der Doktor Byrkelin nahm einen guten Schluck, dann fuhr er fort: „Ihr lieben Herren, jetzt mögt Ihr Euch aus meiner Geschichte selbst ein Verslein machen. Ich aber sage Euch, der Jude, der Christ wird, ist ein schlechter Jude, und ein schlechter Jude wird nimmer ein guter Christ. Es ist wahr, es ist ein Fluch, Jude zu sein, denn er wird zu arg mißhandelt, und doch — der Jude, der seinen Glauben wechselt, ist ein Schuft." Den jungen Leuten war der leichte Rausch während der Geschichte langsam verflogen, und sie hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Joseph hätte sich am liebsten in ein Mausloch verkrochen. Am Schlüsse ertönte jedoch Lachen und Widerspruch. „Oho, Herr Doktor, laßt Eure ketzerische Ansichten nicht den hohen Klerus hören, er könnte Euch einen Prozeß an den Hals hängen." Der Doktor lächelte. „Ich fürchte das nicht, denn ich selbst trete für die Taufen der Inden ein. Die Renegaten taugen ja nichts und mögen zum Satan reiten, aber ihre Nachkommen sind doch für das Ehristcntnm gewonnen." Der junge Fridolin Overstolz rief: „In dieser betrübten Zeit werden die Christeir zu Juden. Wenn der Erzbischof selbst einen geschehenen Kauf leugnet, wie es der ärgste Jude nicht wagt, dann ist der Antichrist nahe." Die Junker, deren Sippe mit dem erzbischöflichen Stuhl zeitweilen auf Kriegsfuß stand, freuten sich und riefen: „Erzähle, Fridolin." Der Junker lehnte sich mit Behagen zurück und begann: „Der Pfaff irolltc meinen Schwager ans seinem Besitz, aus dem Bcuetshof treiben, weil mein Herr Vater diesen vom erzbischöflichen Stuhle nur gepachtet hätte. Er wollte meinem Vater, der den Hof vom Vorgänger des Erzbischofs getauft und bar bezahlt hatte, aber keinen Schein aufweisen konnte, nicht Glauben scheinen und drohte, meinen Schwager gewaltsam aus seinem Besitztum entfernen zu lassen. Als ob ein Overstolz jemals gelogen hätte!" Die Stimmen klangen durcheinander. „Wer dürfte wagen, am Wort eines Overstolzcn zu zweifeln! Dem gebührt ein Dolch in die Gurgel!" Joseph war blaß geworden und saß da mit weit aufgerissenen Augen. Fridolin dankte mit einer Handbewegung und fuhr fort: „Znm Glück erinnerte sich mein Pater des Schreibers, der beim Kauf zugegen gewesen und die Urkunde, die des tiefen Trunkes wegen vergessen war, in Verwahrung genommen hatte. Er ließ den alten Federfuchser kommen und rückte mit diesem und noch einem andern glaubhaften Zeugen dem Erzbischof zu Leib, daß dieser den Kauf anerkennen mußte. Er hat meinem Vater einen neuen Kaufbrief unterschrieben und gesiegelt." Joseph, der einsah, daß seine schönen zweihundert Mark Gold unter Umständen jetzt verloren sein konnten, war sinnlos vor Schrecken und Wut. Er konnte, er wollte das gehörte nicht glauben und rief gellend, in seiner blinden Habgier sich vergessend: „Das ist nicht wahr, das ist ja alles gelogen." Einen Augenblick herrschte tiefe Stille auf diese unerhörten Worte, dann aber sprangen die Junker auf und stürzten sich auf Joseph. „Verfluchter Jude, Du wagst, einen von uns Lügner zu schelten! Hängt ihn auf, iverft ihn in den Rhein!" Und hageldicht fielen die Schläge auf den Unglücklichen. Doktor Byrkelin sprang dazwischen und wehrte mit kräftiger Hand. „Fallt doch nicht alle über einen her. Der Jude ist betrunken und weiß nicht, was er spricht. Werft ihn vor die Tür und trinkt seinen Wein nicht mehr!" Fridolin Overstolz rief: „So sei es!" An den Harren, an dem Hals schleiften sie. den Armen zur Tür und beförderten ihn mit Fußtritten die acht Stufen der Freitreppe hinunter auf die Straße. Der Junker Fridolin. Overstolz aber rief ihm zu:

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