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Neue jüdische Presse · 1908-12-04 · Heft 47 (4.12.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 47 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches FmnilienLlatt. Nr. 47. stelle für den Verein gegründet. Dem Kollegen U cko»Ems wurde die Auskunftei übertragen; Ver. trauensleute aus jedem Rabbinatsbezirk wurden diesem zur Seite gestellt. Ferner wurde auf Anregung Rabb. Dr. Weingarten - Ems beschlossen, eine L e h r e r b i b l i o t he k ins Leben zu rufen. Diese soll die neueste» Werke, die auf pädagogisch- und religiös-wissenschaftlichem Gebiete des Judentums erscheinen, enthalten und den Vereinsmitgliedern zur Verfügung gestellt werden. Hierzu wurde eine Zgliedrige Kommission gewählt. — Sehr rege verlief der 5. und letzte Punkt der Tagesordnung: „Chasonusübungen". Mehrere Kollegen beteiligten sich hieran und fanden durch ihre Rezitative, so vor allem die Kollegen: Nußbaum und Bluhm-Wiesbaden und Hanau er- Nassau, den allieitigen Beifall der Versammlung. Im Anschlüsse hieran regte der Vorsitzende die Einrichtung eines allgemeinen Fortbildungskursus für Chasonus und in religionswissenschaftlichen Disziplinen an. Eine Einigung darüber konnte aber nicht erzielt werden und so wurde beschlossen, die Frage zur Schaffung eines bezügl. Fortbildungskursus als ersten und wichtigsten auf die Tagesordnung der nächstjährigen .Konferenz zu setzen. — 11. — Breslau. Die Generalversammlung des „Vereins Israel. Lehrer in Schlesien und Posen" faßte nach einen: Referat des Rabbiners Fabian-Breslau und ■ nach langer Debatte die Resolution, daß das Religionsbuch „Jüdische Religion" von Rabbiner Dr. Coblenz für Volksschulen und Unterklassen der höheren Schulen nicht geeignet sei. Auf der gleichen Tagung referierte Lehrer Schneitzer-Glogau über das Thema „Sind die Erzählungen des alten Testaments für die Charakterbildung der Jugend unentbehrlich?" und Lehrer Plaut-Sohrau über das Thema „Die Erhaltung der jüdischen Volksschule in der Gegenwart. Frankfurt a.M. Vakanzen. Lüneburg (27000 Einwohner, 175 jüd. Einw.), semin. gebild. Lehrer per 1. April. — Bitburg bei Trier (3200 E., 75 j. E.) Lehrer und Kantor, Gehalt 1200 JL (L.) Ostrowo »Posen). Zum ersten Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde wurde Kantor Kasper- Schildberg gewählt. Wie». Mayer Friedmann. Lehrer des Beth-Hamidrasch, Professor der Jsrael.-theolog. Lehr anstalt, Strafhausseelsorger der israel. Kultusgemeinde Wien und Ehrenbürger der politischen israel Gemeinde Mährisch-Weißkirchen, ist im Älter von 78 Jahren verschieden. Friedmann war einer der besten Kenner der Midraschliteratur. Er revidierte Sifre (1864), Mechilta (1870), Pesikta rabbati (1880), publizierte einen Kommentar zu den Proverbien (1878), eine Inter pretation Ezechiel XX. (1882), „Zur Einleitung in Talmud" (1885), Meir Ayin (1895), Tanna debe Elijahu (1900) und gab von 1881—86 die wissenschaftliche Monatsschrift „Bet Talmud" heraus. In deutscher Sprache veröffentlichte er: »Worte der Erinnerung an Isaak Noa Mannheimer" (1873), „Die Juden ein ackerbautreibender Stamm" (1878), „T. G. Stern Gedenkrede" (1883), „Zerubabel" (1890); „Worte zur Feier des 100jährigen Geburts tages des seligen Predigers Isaak Noa Mannheimer" (1893), „Onkelos und Mylos" (1896). Friedmann war nicht nur ein hervorragender Gelehrter, sondern auch ein hoch sympathischer Charakter. Der zionistischen Bewegung ist er ein warmer Anhänger giewesen. Paris. Moses Weiskopf, Rabbiner an der orthodoxen Synagoge und an dem Beth-Hamidrasch in der Rue des Gravilliers, feierte sein 5 0 jähriges Jubiläum als Rabbiner dieser Institutionen. Der Tag legte ein beredtes Zeugnis dafür ab, welch' hohen Ansehens sich der Jubilar, eine Säule der jüdischen Orthodoxie Frankreichs, erfreut. Rabbiner Weiskopf wurde als Sohn des Distriktsrabbiners David Weiskopf in Wallerstein (Bayern) geboren, besuchte die Preßburger Jeschiwah und lernte dann bei Rabbiner Seligmann Bär Bamberger s. A. in Würzburg. Seinen ersten Posten an der damaligen Rabbinerschule in Colmar verließ er schon nach 2Vs Jahren, um dem Rufe nach Paris Folge zu leisten. NewAork.-Das Jüdifch-theolog. Seminar von Amerika hielt feine Generalversammlung unter Leitung des Vorsitzenden, Louis Mar sh all, ob. Sieben Herren haben das Seminar absolviert. Rabbiner Dr. Bernard Drachmann hat seinen Rücktritt als Lehrer des Seminars angezeigt. Die Kurse für Lehrer sollen wieder eingerichtet werden. Die unter Leitung Pro fessors AlexanderMarx stehende Bibliothek des Seminars ist aus 27,000 Bände angewachsen. Frankfurt a. M. D>r Vorstand der israel. Gemeinde ernannte Dr. AlfredGünzburg zum Oberarzt des Gemeinbehospitals. Chriftburg. Saul Heymann, Ehrenbürger unserer Stadt und während vieler Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde, feierte seinen 9 0. Geburtstag. Bleicherode. Samuel Rothenburg, Seniorchef der Mechanischen Weberei I. Schonheim's Wwe., wurde zum Ehrenbürger unerer Stadt ernannt. Witten 1. Wests. Bei den Stadtverordnete n w a h l e n ist zmn ersten Male in der zweiten Abteilung — sn der ersten war schon vor einigen Jahren einmal ein jüdischer Bankier gewählt worden — ein Jude gewählt worden; es siegte der jüdische Kaufmann Joseph Lindenbauni. Die antisemitische Bewegung, die seinerzeit gerade in Witten unter der Führung des bekannten Dr. König-Witten so hohe Wellen schlug, hat also erfreulicherweise jede Wcrbekraft unter der Bürgerschaft eingebüßt. Bojanowo (Posen). Kaufmann Meier Miodowski, der Vorsteher der jüd. Gemeinde, ist zum sechsten Male zum Stadtverordneten gewählt worden. Bor fünf Jahren konnte er ein 25jähriges Jubiläum als Stadtverordneter begehen. Eisenach. Dem kubanischen Konsul Adolf Weinstein wurde namens des Reichs die Exequatur erteilt. Memmelsdorf i. Bayern. In Hamburg verschied der von hier gebürtige Kaufmann Jacob Nordheim im Alter von 84 Jahren. Der Verstorbene genoß wegen seiner Wohltätigkeit, die auch einer Heimatsgemeinde zugute kam, großes Anehen; besonders durch seine Gründung eines Seemannshauses wurde sein Name in Hamburg allgemein bekannt. Personalien. Frankfurt a. M. Bei den diesmaligen Stadtverordnetenwahlen wurden folgende Juden gewählt: Champagnerfabrikant Joseph Fromm, Rechtsanwalt Dr. Lpdwig Bruck, Kaufmann Fritz Auerbach, Kaufmann Adolf Baumann und Kaufmann Cohen. Berlin, 30. November 08. Hochgeehrter Herr Redakteur! Erlauben Sie mir, daß ich in Ihrem gechätzten Blatte einen gegen mich gerichteten Angriff gebührend zurückweise, der in gleichem Maße eine Manifestation hämischer Niedertracht und aufgeblasenen Ignorantentums in jüdischen Angelegenheiten darstellt. Handelte es sich nur um meine Person, so könnte ich erwägen, ob dem in Betracht kommenden Skribenten gegenüber verachtungsvolles Schweigen nicht angebracht wäre; aber da zugleich ernste Interessen des Judentums in Frage stehen, so wäre cs sträflich, wollte ich mich aus vornehmtuender Bequemlichkeit der Aufgabe entziehen, die gebotene öffentliche Abstrafung vorzunehmen. Der Fall ist der folgende: Die jüdische Oeffentlichkeit mußte sich die Frage vorlegen, ob die möglicherweise bevorstehende Konferenz über die orientalische Frage nicht die Gelegenheit bieten könnte, die Leiden unserer Glaubensgenossen in Rumänien und die Verletzung des Berliner Vertrages seitens der rumänischen Regierung gegenüber unfern Glaubensgenossen vor das Forum der Großmächte zu bringen. Es war daher nicht erstaunlich, daß die jüdischen Zeitungen Ende Oktober und Anfang November „aus zuverlässiger Quelle" die Mitteilung brachten, daß die Alliance Jsraölite Universelle in Paris Schritte unternommen habe, um die Frage der Verletzung des Berliner Vertrages seitens der rumänischen Regierung vor die geplante Orientkonferenz zu bringen. Und es war erfreulich, daß ein jüdischer Politiker von dem Scharfblick und der Erfahrung Lucien Wolfs sich über die Chancen eines solchen Vorgehens öffentlich und unumwunden in der Jewish World am 16. Oktober ausgesprochen hat. Wolf ließ es sich klugerweise angelegen sein, Illusionen zu zerstreuen, und er sagte osfen, daß der Kongreß keine Gelegenheit bieten werde, bei welcher wir von den Mächten irgend welche Genugtuung erlangen könnten, „aber gleichwohl sei es nösig, die rumänische Judenfrage vor die Mächte zu bringen, damit durch Schweigen kein ungünstiger Präzedenzfall geschaffen werde". Wesentlich später — bereits gegen Mitte November — konnte die jüdische Presse mitteilen, der Hilfsverein habe sich an das Auswärtige Amt in der gleichen Ängelegenheit gewendet, und das Auswärtige Amt habe unter Anführung von Argumenten, wie sie sich bei Lucien Wolf finden, hervorgehoben, daß, wenn der Kongreß zu Stande käme, Deutschland die Initiative zur Diskussion der rumänischen Judenfrage kaum ergreifen könne und dies um so weniger, als man bisher deutscherseits aus Gründen der allgemeinen Politik jede Jnittattve bei Aufstellung des Programms für eine eventuelle Konferenz vermieden habe. Der wesentlich st e Inhalt dieser Unterredung auf dem Auswärtigen Amt war, daß die deutsche Regierung durch ihre Erklärung sich zu dem Standpunkte bekannte, es könne die Verletzung des § 44 des Berliner Vertrages an und für sich für eine Diskussion der Großmächte in Betracht kommen, wenn auch der geplante Kongreß aus Gründen der allgemeinen politischen Lage eine solche Diskussion im jetzigen Augenblick kaum werbe vornehmen können. Diese Klarstellung, die zu erwarten war, hat ihre Wirkung nicht verfehlt; denn wenn es auch bisher leider unmöglich war, ein Einschreiten der Großmächte in Rumänien selbst herbeizuführen, so weiß doch jeder Politiker, welche Bedeutung die Feststellung hat, daß nicht allein nach dem Urteil der öffentlichen Meinung der aufgeklärten zivilisierten Welt, sondern daß auch nach der Ansicht von großen Staaten Rumänien einer Verletzung des Berliner Vertrages schuldig ist, die vor das europäische Forum beisichbietender Gelegenheit gezogen werden kann. Diese Vorgänge nimmt der Universelle Jsraslite in Paris vom 27. November zum Anlaß, uni eine» Artikel über den Hilfsverein, in Wahrheit, unr einen Schmähartikel vor allem über den Unterzeichneten zu veröffentlichen. Er nennt den Unterzeichneten den tatsächlichen Inspirator des Hilfsvereins; er nennt das Vorgehen in der rumänischen Frage „sträflich", und er behauptet, daß reklamesüchtige Eitelkeit die Triebfeder meiner Handlungen zu gunsten des Judentums sei. Diese Behauptung wird mit einer Beschimpfung der gesamten deutschen Juden als Deutschen verknüpft, wie sie nur chauvinistische Hetzblätter niedrigster Art zu verbreiten pflegen. Von meinen verschiedenen Reisen in den Orient sagt er, daß „in Nachahmung eines berühmten Vorbildes" ich „in der Türkei meine Landung in Tanger vollzogen h ä t t e". Vielleicht bin ich auch nach Rußland während der Hochflut der Revolution mit dem trefflichen Stettaucr aus London und Feinberg aus Petersburg und nach Rumänien während der Bauernrevolten als Poseur gegangen. Es ist charakteristisch, wie hier die Besprechung jüdischer Angelegenheiten durch einen an den Haaren herbeigeschleppten Hinweis auf die Marokkopolitik zu vergiften versucht wird. Und soll cs üblich werden, den niedrigsten Chauvinismus aufzureizen durch die höhnische Gegenüberstellung, daß freilich die als „leichtfertig und windbeutelig verschrieenen Franzosen eine Frage wie die rumänische reiflich und mit Ruhe studieren". „In Berlin hat man fo viel Bedachtsamkeit nicht von Nöten." Freilich, es mußte wieder einmal dem deutschen Judentum bewiesen werden, daß es allein im Stande sei, die schwierigsten Probleme zu lösen und daß es allein und' ohne Zeitverlust die deutsche Omnipotenz in Bewegung setzen werde, um den rumänischen Israeliten zu Hilfe zu kommen. Dieser Artikel, der mit den niedrigsten Mitteln die französischen Juden gegen die deutschen Juden zu hetzen sucht, ist unterzeichnet Benzev, voraussichtlich wieder ein Pseudonym. Zur Charakteristik dieses Machwerks muß noch eins hinzugefügt werden: Das primitivste Gebot des Anstandes verpflichtet dazu, sich zu vergewifsern, daß ein persönlicher Ängriff sich wenigstens an die richtige Adresse wendet. Ich habe nun weder die.Schritte des Hilfsvereins in Bezug auf die rumänischen Juden inspiriert noch war ich an diesen Schritten in irgend einer Weise beteiligt, weil ich zu jener Zeit krank in Montreux darniederlag; freilich, diese Schritte billige ich durchaus und in jeder Beziehung, weil die Beweise für ihre Nützlichkeit mir bereits vorliegen. Welch ein Gentlemann also, dieser Herr Benzev! Schließlich sei aus der Fülle der Unwahrheiten, die Herr Benzev vorträgt, noch eine herausgehoben. Er behauptet, daß die Alliance Jsraßlite Universelle sich mit der Bitte an uns gewandt habe, im Augenblick nicht vorzugehen. Ich konstatiere, daß der Hilfsverein in dieser Angelegenheit niemals eine Zuschrift der Alliance erhalten hat. . In den Angriffen dieser Art gegen den Hilfsverein der Deutschen Juden und gegen meine Person liegt Methode. Zunächst verlogene Ausstreuungen während des Hochsommers dieses Jahres besonders in Rußland, die wir zurückweisen mußten; dann falsche Angaben und erlogene Unterstellungen in der englischen Presse, die klargestellt werden mußteir. Nun dieser Herr Benzev, der seine politische Einsichtslosigkeit durch politisches Hetzen und persönliche Verunglimpfungen unempfindlichen Gaumen schmackhaft zu machen sucht. In Deutschland weiß jedes Kind, aus welchem Arsenal diesen Minierern ihre vergiftete Munition geliefert wird. Gewiß» sie haben bisher keinen Erfolg erzielt; damit dies auch in Zukunft nicht gefchehe, darum bitte ich Sie, hochgeehrter Herr Redakteur, diesen Brief vor die Augen Ihrer Leser zu bringen. Bei Ihrer Mithilfe wird es möglich sein, ein Unkraut beim ersten Aufsprießen zu ersticken, das, wenn es fortwuchert, durch chauvinistische und persönliche giftige Verunglimpfungen das friedliche Zusammenarbeiten der anständigen Juden aller Nationen wenigstens vorübergehend beeinträchtigen könnte; und dieses Zusammenarbeiten ist geboten im Interesse unserer Glaubensgenossen und im Interesse allgemein menschlicher Kultur. Mit ausgezeichneter Hochachtung gez.: Dr. Paul Nathan.

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