Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Frankfurter JstSeMsAeS FamilierÄakL. Seite 11. Kunst und Literatur. Die Geschichte des Rabbi Nachmann, ihm nacherzählt von Martin B u b e r. Frankfurt am Main. Literarische Anstalt Rütten u. Löhning, 1907.*) Zu den interessantesten Publikationen, die das weltbekannte vornehme Frankfurter Verlagshaus in den letzten Jahren verlegt hat, gehören unstreitig diese „Geschichten des Rabbi Nachmann". Der Autor führt uns hier in eine Welt ein, die wir nie gekannt und kaum geahnt hatten. Jüdische Mystik! Trotz Kabbala, Chassidismus und allem, was sie im Gefolge hatten, erscheint uns Mystik und Judentum als etwas Gegensätzliches. Es ist ein Verdienst Martin Bubers, uns in dem den Erzählungen vorausgehenden einleitenden Kapitel: „Die jüdische Mystik" in diese unbekannte Welt eingeführt und sie uns in ihrem Werden und Vergehen historisch und psychologisch faßbar gemacht zu haben. Noch ein größeres Verdienst hat er sich dadurch erworben, daß er es verstanden hat, in das innere Dickicht dieser mannigfach verschlungenen Erzählungen des mystischen Rab¬ bis Pfade zu bauen und de» chaotischen Wirrwarr von Begebenheiten in eine literarisch genießbare Form zu bringen. Die arg entstellten und verzerrten Niederschriften dieser mündlichen Erzählungen sind, dreizehn an der Zahl, im Jahre 1815, fünf Jahre nach dem Tode des Meisters gesammelt und veröffentlicht worden. Von diesen hat Buber in dem vorliegenden Bande sechs bearbeitet. Um es gleich zu sagen: Schon bei einem flüchtigen Blick auf die ersten Seiten dieser seltsamen Geschichten fühlt man, daß etwas Eigenartiges hier geboten wird. Und in der Tat: Wie das.Judentum alle Eindrücke, die es von außen empfing, in charakteristischer Weise verarbeitet hat und den: aus fremden Quellen Hergeleiteten die besonderen ethischen Züge und das ganz eigene jüdische Pathos gegeben, es zeigt sich auch hier wieder in greifbarer Deutlichkeit. Es liegt eine tiefe Philosophie in diesen verworrenen Geschichten, wenn es auch zuweilen schwer ist, dein Erzähler in diese dunkle Welt des Geheiinnisvollen und Unbegreiflichen zu folgen. Wenn es z. B. in der sechsten Erzählung „Die Geschichte von den sieben Bettlern" heißt: „Aber wisset, daß jeglich Ding der Welt ein Herz hat, und auch die Welt selbst hat ein Herz" — ist das nicht, als ob Spinoza zu uns spräche? — An einer anderen Stelle dieser selben Geschichte sagt der taube Bettler: „Ihr wähnet, ich sei taub. Ich bin nicht taub. Mein Ohr vermag nur dem großen Schrei der Not, der aus der Welt aufsteigt, keinen Eingang, zu bieten. Denn die Stimme jeglicher Kreatur ist aus der Not geboren." Ist es nicht als hörten wir hier - altindische Spruchweisheit, die sich bereits bei den griechischen Weisen kristallisiert hat zu dein Satze: „Die Not ist die Mutter aller Tugenden!" Mer wie viel tiefer und packender ist der Gedanke, dem dieses schlichte Märchen des jüdischen Mystikers Ausdruck gibt! Im ganzen kann man sagen, daß diese Erzählungen nicht so unmodern sind, als sie nach Form und Inhalt scheinen könnten. Das Dunkle, Symbolistische zieht ja grade uns Moderne mächtig an. Wie wäre sonst der große Erfolg von manchen Werken Ibsens, wie z. B. „Peer Gynt" und „Wenn wir Toten erwachen", zu erklären? Uns selbst, die >oir nicht mystisch symbolistisch veranlagt sind, muten diejenigen unter den Geschichten, die weniger von chassidischem Mvstizismus als von der Schlichtheit und stillen Klugheit eines altorientalischen Märchenerzählers in sich tragen, am meisten an. Z. B. „Die Geschichte vom Klugen und Einfältigen". Es ist eine alte ■ Wahrheit, die uns hier vorgetragen wird, nämlich, daß der Ueberklngc durch seine ewigen Tüfteleien, sein fortwährendes Wägen und Prüfen zu keinem Ziele kommt, während Einfalt mit Redlichkeit gepaart zu hohen Ehren kommt. Sehr hübsch liest sich auch die anmutige „Geschichte von dem Königssohne und dem Sohne der Magd". Sie erzählt von zwei Kindern, die gleich nach ihrer Geburt vertauscht wurden. Der als Sohn des Königs geborene inuß seine Jugend in Armut uud Not verbringe». Er wird von dem Sohne des Knechtes, dem die Wahrheit bekannt ist, der jedoch seine zu Unrecht erlangte Stellung nicht aufgeben will, verjagt, aber schließlich erkennt und bereut lder Räuber sein Unrecht, und der echte Prinz wird König. Diese beiden anmutigen Geschichten allein würden schon genügen, um dieses *) Jnfolg wiederholter Krankheit unseres Rezensenten unliebsam verspätet. D. Redakt. eltsame Geschichtenbuch auch dem großen Publikum zu empfehlen. Dem literarischen Feinschmecker empfiehlt es sich von selbst durch seine Eigenart in Stoff, Form und Gedanken. Herakleitos. Israels Sendung. Ein Festspiel von Mols Mottek. 2. Auflage. Verlag von M. W. Kaufinann, Leipzig. Dieses Festspiel dürfte manchem jüdischen Vereine als Einleitung einer festlichen Veranstaltung ehr willkommen sein. Die Muse der Geschichte, Israels Vergangenheit, Israels Gegenwart und Israels Zukunft treten auf. Was sie von Israels Sendung in hübschen Versen zu sagen wissen, ist im Geiste jener Ideen von Israels Mission, die heute die Zionisten durch ein gesundes Selbstbewußtsein wieder in Bahnen zu leiten suchen, in denen Israel eine Pflichten sich gegenüber nicht gefährdet. Die Musikalienhandlung B r e i t k o p s u. Härtel in Leipzig veröffentlicht soeben Nummer 91 ihrer „Mitteilungen". Diese neue Rümmer bringt eine Lebensskizze Desire Thomassins. Ihr solgen die Einführung in Edgar Tinels „Katharina von Alexandrien". Ein umfänglicher, mit Begeisterung geschriebener Aufsatz Dr. Georg Aöhlers behandelt die Orchesterkompositionen von Jean Sibelius. Ferner begegnet inan einem beredten Artikel Paul Klancrts über Theodor Streicher, diesem neuen Charakterkopf in der Reihe unserer Tonlyriker, der Ankündigung eines Verzeichnisses von Werken, die ür Mendelssohn-Feiern geeignet sind, kurzen Nachrichten aus der Musikwelt :c. rc. Den Schluß des Heftchens, das von der Verlagshandlung auf Verlangen kostenlos zugesaudt wird, bildet die mit einer Vignette der Gräfin Therese Brunsvik gezierten Ankündigung ihrer von La Mara herausgegebcnen Memoiren. Bunte Chronik. Aus dem Amsterdamer Ghetto. Im alten jüdischen Ghetto von Amsterdam, wo die Wiege von Baruch Spinza gestanden, so schreibt „The Volksadvokat", herrscht jetzt große Not. Die allgemeine Krisis hat hauptsächlich den Diamantenhandel getroffen, und die Juden des Amsterdamer Ghetto, die sich mit dem Diamantenschleifen beschäftigen, haben keine Arbeit. Die Diamantenschleiferei ist die älteste Beschäftigung der Juden in Amsterdam. Die portugiesischen Juden haben diese Industrie im Jahre 1576 eingeführt, und Jahrhunderte lang war sie ihr Monopol. Heutzutage ist die Diamantenschleiferei stark gefallen, aber dennoch gibt es im Ghetto noch 63 große Fabriken, in denen Diamanten geschliffen und 11000 Arbeiter beschäftigt werden. Diamantenschleiferei ist die einzige Beschäftigung, für welche Frauen oft besser bezahlt werden als Männer. Es gibt spezielle Arbeiten in der Diamantenschleiferei, welche kein Mann verrichten kann, z. B. das Schleifen von kleinen Diamanten; das können nur die langen, zarten Finger der jüdischen Frau, und eine gute Diamantenschleiferin bekommt immer Arbeit und einen guten Lohn. Das war aber alles früher. Heute sieht man im Ghetto von Amsterdam nur traurige Gesichter. Die Menschen wissen heute nicht, woher sie morgen Brot nehmen sollen. Das Amsterdamer Ghetto ist sehr dicht bewohnt. Juden wohnen dort schon seit dem 16. Jahrhundert. Früher zwang man sie abgesondert zu wohnen von der übrigen Bevölkerung. Heute dürfen sie überall wohnen, aber sie sind schon so .sehr gewohnt an die Stätte, wo ihre Eltern und Ureltern gewohnt haben, daß sie sich nicht mehr von dort entfernen wollen. Die 'Amsterdamer Juden sind stolz auf ihr Ghetto, und alles darin ist ihnen teuer/ sogar die halbeingefallenen Häuschen, in denen ihre Eltern gelebt haben. Es gibt angesehene Leute, die in solchen Häusern wohnen, die vor hundert Jahren gebaut worden sind. Das Amsterdamer Ghetto ist eine Stadt in der Stadt. Es gibt dort viele alte Juden, die noch niemals die Ghettomauern verlassen haben. Geschäfte gibt cs dort sehr wenig, obschon man sagt, der Jude sei ein geborener Kaufmann. Aber jeden Tag finden drei Märkte statt, ein Fischmarkt, ein Fleischmarkt und ein allgemeiner Markt für allerlei andere Waren. Die meisten Juden im Amsterdamer Ghetto sind streng fromm. Die meisten von ihnen sind portugiesischer Abstammung, deren Stammväter im 'Anfang des 16. Jahrhunderts dort eingewandert sind. Die erste Synagoge wurde im Jahre 1610 erbaut, und sic steht heute noch. DaS Albert Schumann-Theater, das größte und vornehmste Etablissement seiner Art in Deutschland, feiert Samstag seinen vierten Geburtstag. Welches Ansehen sich das Theater in , diesen wenigen Jahren erworben hat, beweist, daß im abgelaufenen Jahre zwei der kaiserlichen Prinzen u^rd der Großherzog von Hessen mehreremals zu Gast bei ihm waren. Ein Blick in das Ausgabenkonto des Albert Schumann-Theaters genügt, um einen Begriff von einen gewaltigen Leistungen zu bekommen. 30,000 Mark Monatsgage für die Künstlerin Otero, 15,000 Mark Monatsgage für Otto Reutter und Summen in ähnlicher Höhe — das sind Zahlen, die sür ich sprechen! Rund eine halbe Million Mark hat >ie Direktion allein an Gagen im abgelaufenen Jahre ausgegeben: hierzu kommt eine Zinsentilgung von rund 750 Mark täglich nnd noch die zahlreichen sonstigen Ausgaben. Wenn das Albert Schumann-Theater trotz dieses Riesenansgabectats heute gut rentiert, so ist das nur infolge des großen Interesses möglich, welches das Frankürter Publikum und das der weiteren Umgebung ihm entgegenbringt. Der Menschheit Wohltäter Odiirin Welt-Mundwasser. W* Ueberal! eriiaitlisb. "VN Preis der Retorte-Flasche Kk. 1.25. Vereins-Kalender. Verein Mekor-Chajim. Samstag, 5. Dez., nachm. 3Ve Uhr: Mitro- Bortrag des Herrn Emil Goldschmidt. Jüdischer Franeuvereiu E. B. Montag, 7. Dez., abends 8>/- Uhr, im Hörsaal der Jsr. Rel.-Ges., Schützenstr. 12: „Einführung in die soziale Hilfsarbeit" II auf Grund Pon 'Alice Salomon: Soziale Frauenbildung. Herr Moritz A. Loeb. Mittwoch, 9. Dez., abends 9 Uhr, in der Realschule der Jsr. Rel.-Ges., Am Tiergarten: Lektüre und Erläuterung des Buches Hiob. Direktor Dr. Lange. „Montefiore"-Berein. Mittwoch, 9. Dez., abends 9 Uhr, Herr Privatdozent Dr. I. Goldstein-Darmstadt: .Betrachtungen zur Aesthetik der Bibel." Verein sür jüdische Geschichte und Lileratur. Montag, 7. Dez., abends 8i/s Uhr in der Frankfurt-Loge, Eschersheimer Landstraße, Herr De. Leopold Hirschberg, Berlin: „Die Bibel in der Musik". Verein „Nachlaß Zwi". Mittwoch, 9. Dez., abends 9 Uhr, im BcreinSlokale Schützenstr. 2: „Die jüdische Ehe". Referent: Herr Josef Bainberger, Dozent Herr Prof. A. Weyl. Samstag 5. Dez., mittags 121^ Uhr, im Hörsaale der Synagoge Friedbergcr - Anlage: Lektüre- Kursus unter Leitung des Herrn S. Schachnowitz. Lerei» Tiferes Bachurim. Sonntag, 6. Dez.: Vortrag des Herr» Salo W. Posen: „Rabbi Herz Wesel (Hartwig Wesely)". Frankfurter Zionistische Vereinigung. Montag, den 7. Dez. 1908, abends 3A9 Uhr im Börsen-Restaurant, I. Stock (Schillerstraße): Diskussionsabend über lokale und allgemeine zionistische Fragen. Gäste können durch Mitglieder eingeführt werden. fflr.PßrcyBiirs Institut Kalnentrasat* SI. Nationale Lehrkräfte. — Englisch, Französisch cte. ,xt Carl Grebenau, Sh 3umelen. Uhren. Soldu. Siibertoaren. Auswahlsendungen gerne zu Diensten. Halle a. S. TSpferplan 1 Hotel Gold. Löwe äor Neuz. entspr. einger. ff. Küche. üebernahme von Festessen. L Geleg enheitsposteel! 5 100 Fehlfarben-Cigarren der feinsten J? Qual. Einheitspreis pr. 100 M. 4.50. Cigaretten, egypt., ross., türk., Ein Z heitspr.lOOSt.M.l.—,p Mille M.9.70. £ Liebigatrnsse 45, p. Kein Laden. IV* Zurückgesetzte Damen-Wäsche "Ve Tischtüchern — Handtücher - unsere bekannt guten Qualitäten. ■——— F. C. Strubberg & Cie., SS8