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Neue jüdische Presse · 1908-09-18 · Heft 37 (18.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 37 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 37. FvarryirMe FslSaÄBWS FamMWIaü. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das hiesige N atro na lsondsbürv (Adresse: D. Hamburger, Grünestraße 29) bittet, die Glückwunschkarten durch Spenden für den jüd. Nationalsonds ablösen zu wollen, dessen Mittel bekanntlich ausschließlich zum Landankauf in Palästina verwendet werden. Ausweis über die Ablösung erfolgt in oiesen Blättern noch vor dem Rausch-ha-schonoh-Fcste. Berlin. Am 12. September 1908 yar sich unter Teilnahme von mehreren Damen und Herren hierselbst ein l Jüdisch-soziales Komitee gebildet. Es fand zunächst eine Orientierung über die sozialen Fragen der Gegenwart statt, welche für das Judentum von Interesse sind. Als notwendig wurde anerkannt, über die Stellung zur Berufswahl, zur Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegnng, über hygienische Ehereform und soziale Erziehung der Kinder, über die Gefahren, denen vbie Juden in der Großstadt ausgesetzt sind und die genossenschaftliche Siedlung auf dem Lande eingehende Vorträge übzuhalten und in Vereinssitzungen, sowie einer zu gründenden Jüdisch-sozialen Monatsschrift zu diskutieren. Weiterhin sind irr Aussicht genommen: Die Abfassung einer Denkschrift, ein Rundschreiben an die jüdischen Gemeinden, Propagierung in den jüdischen Wohlfahrtsvereinen und späterhin die Bildung einer Jüdisch-sozialen Gesellschaft. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag, den 1. Oktober in Dräsels Festsälen, Neue Friedrichstraße 35, Saal Nr. 3, abends 81/2 .Uhr, pünktlich statt. Herr Dr. Zlocisti wird in dieser Sitzung Leitsätze über die Sozialhygiene des jüdischen Kindes vortragen, woran sich eine Diskussion mit einer Redezeit von 10 Minuten für jeden Redner anschließen wird. Damen und Herren, welche sich für dieses Gebiet interessieren und mitzuarbeiten wünschen, sind zu dieser Sitzung eingeladen. Bad-Nassau. Renovierung der Synagoge. Die hiesige Synagoge wurde kürzlich, anläßlich ihres 50jährigen Bestehens, einer gründlichen Renovierung unterzogen. Herr Lehrer Hanauer hielt bei dem Festgottesdienst eine diesbezügliche Ansprache. Abends fand ein Festball statt. Nüruberg. Am 8. ds. HJttö tagte hier der Landesverein für die Israel. Kultusgemeinden in Bayern, um die auf der letzten Tagung ergebnislos verlaufene Beratung über die Notwendigkeit der Revision der bayerischen jüd. Gemeindcgesetzgebung fortzusetzen. Die damals, am 28. Mai, in so heftiger Weise auseinandergestoßenen Gegensätze wurden oiesmal oadurch ausgeglichen, daß auf Antrag des Herrn Justizrat Held-Nürnberg eine fünfgliedrige Kommission gewählt wurde, ivelche die Vorschläge zu beraten hat. Zu Mitgliedern der Kommislion wurden gewählt die Herren Justizrat Dr. Os ner und Sigm. Frankel -München, Justizrat Dr. Held-Nürnberg, Rabbiner Dr. P. Kohn- Ansbach und Rabbiner Dr. Nenbürger-Fürth. Auch die Frage der Besserstellung der jüdischen Religionslehrer war Gegenstand der Beratungen. Es wurde zunächst beschlossen, sechs Elementarvcrweserstellen in definitive Stellen nmzuwandeln und die Beratung der bekannten Diugselderschen Vorschläge einer Kornmission zu übertragen. , Dortmund. Im Bad Sassen heim wird am 20. d. Mts. die Grundsteinlegung des Israel. Kinderheims für Westfalen und angrenzende Bezirke in feierlicher Weise erfolgen. Gloga«. Bei den Schachtarbeiten für die Errichtung des Justizgebäudes sind Grabsteine mit hebräischen Inschriften gefunden worden. Der eine Stein trägt den Nanicn des Dajans Chajim Keslin, gestorben 5566 — 1806. Ein anderer zeigt das Jahr 5553 — 1793, in der Inschrift ist der Name einer Frau verzeichnet. Der dritte Stein ist nur ein Bruchstück, auf dem das Jahr 5498 — 1738 der gewöhnlichen Zeitrechnung erkennbar ist. Die Frage, wie diese Steine in diesen Grund komme», auf welchem niemals ein Friedhof gewesen sein dürfte, wird wohl wahrscheinlich damit beantwortet werden können, daß sie nur durch Ärabesschändung dahin gekommen sind. Böswillige Menschen, die es cyrch in jenen Tagen gab, haben oftmals auch vor Gräbern nicht Halt gemacht und Steine von dort weggeschleppt. Manchmal nahm man auch arglos solche Denkmäler, um sie als Bausteine zu verwenden. So findet man beispielsweise in Regensburg alte Häuser, in welche Grabsteine, sogar künstlerisch wertvolle, eingemauert sind. Bor wenigen Jahren konnte man noch die Inschriften lesen. t (b) Stratzvurg i. E., 15. Sept. Gestern erfolgte hier die konstituierende Sitzmig des nnterelsäßischen Konsistoriums. Herr Oberrabbiner Urh installierte die neuernannten Konsistorialräte und eröffnete die Sitzung mit einer kurzen Ansprache. Gleichzeitig legte er sein Amt als provisorischer Präsident dieser Körperschaft nieder. Es wurde dann zur Wahl geschritten und einstimmig Herr I. Gentzbourger als Präsident und Herr Oberrabbiner Ury als Vizepräsident gewählt. Herr Oberrabbiner Ury hatte die Prüsidentenwürde, welche ihiu zugevacht war, vorher abgelehnt. Gleichzeitig wurde auch zur Wahl eines Konsistorialsekretärs an Stelle des verstorbenen Herrn Asch geschritten, wobei Herr Hagenauer, Mitglied des städtischen Armeiirates, mit Stimmenmehrheit gewählt wurde. Berden. Dieser Tage konnte die hiesige jüd. Gemeinde auf ein 50jähriges Bestehen ihrer Synagoge zurückblicken. Diesem Tage zur Ehre war die Synagoge im Laufe des Sommers aufs schönste renoviert worden. Zur Feier des Tages fand ain Freitag Abend ein Festgottesdicnst statt, bei welchem Landrabbiner Dr. Grone mann die Festpredigt hielt. Beim darausfolgenden Morgengottesdienst widnicte der ehrwürdige Redner seine Worte dem Gedenken des Berliner Rabbiners Dr. Michael Sachs, dessen 100jährigcr Geburtstag dieser Tage begangen wurde. Oesterreich-Ungarn. Prag. In einem Feuilleton „Prager Spaziergänge" des Wiener Publizisten Dr. Bauer lesen wir: „Die Stadt des Hasses" nannte ich sie. Nur an einer einzigen Stelle hat er keine Gewalt. Das ist im alten Judenfriedhofe. Hier im dichten Gewühl von Grabsteinen eines Jahrtausends regiert noch ein Stärkerer als der Haß — der Tod. Da liegt keiner, der nicht schon längst vergessen ist, dessen Urenkel nicht schon zerstäubt wäre. Die Grabsteine drängen sich aneinander: verwittert, ängstlich, kleine unter den paar größere» von Reichen oder Gelehrten: ein Ghetto der Toten. Gepreßt und geduckt wie im Leben, wiinmeln sie unter Gesträuchern, und Drosseln hüpfen ernsthaft über die ferne, sonderbare, für immer verrauschte Zeit, die nie wieder sein wird. Keilte vulgäre Friedhof-Sentimentalität reicht an die Kraft dieses Bildes. Denn hier ist kein Erinnern mehr, das .irgend etwas wie Leben Vortäuschen könnte. Und wenn man dann wieder hinaustritt, die Menschen toben wieder gegen einander, wollen sich nicht verstehen, suchen sich zu unterdrücken, dam: gespenstert in unserem Gesicht ein sehr hohes Lächeln. Das haben uns die toten Juden des mittelalterlichen Ghettos gelehrt. Und es ist viel weiser, als ihr vergessenes Leben war, und als unser Leben, das nicht minder vergessen sein wird. Czernowitz. Mit der Annahme der Resolution: „Die erste jüdische Sprachkonferenz anerkennt Jüdisch als eine nationale Sprache des jüdischen Volkes und fordert ihre politische, gesellschaftliche und kulturelle Gleichberechtigung. Dabei erachtet es die Konferenz als nötig zu erklären, daß einem jeden Teilnehmer an dieser Konferenz wie auch jedein Mitglied der zu schaffenden Organisation die Freiheit bleibt, sich zu der hebräischen Sprache gemäß seinen persönlicher, Ueberzeugungen zu beziehen" hat die j Jüdische Sprachkonferenz die hier tagte, bewiesen, daß sie das Golus konservieren will. Sie beschloß ferner, nach Jahresfrist eine zweite Konferenz abzuhalten. Zu dieser Konferenz können alle jüd. literarischen und Kunstvereine, Lehrervereiyc, Bibliotheken, Zeitungsredaktionen, Gruppen von je 100 Menschen, welche auf denr Standpunkt der von der Konferenz angenommenen Resolution stehen, ihre Delegierten entsenden. Die Exekutive der Konferenz ist das von ihr gewählte Komitee, mit einen, Büro in Czernowitz. Als Präsident des Komitees wurde Dr. Nathan Birnbaum gewählt. Außerdem gingen als gewählt hervor: I. L. Perez, I. Dinesohn (Warschau). Dr. Chain, Schitlowsky (Warschau), Dr. Sotek (Braila), der jeweilige Präses der „Jüdischen Kultur" in Wien, I. Weiter (Wilna). Die zu bestellenden Vertrauensmänner in London, Odessa, Lodz und Lemberg werden gleichzeitig Komiteemitglieder sein. Das Büro wird sich auch mit der Herausgabe von Meisterwerken in jüdischer Sprache befassen und wird die Erträgnisse hiervon für die Zwecke der Organisation verwcnoen. Ms erstes Buch wird das Büro Aschs Uebcrsctzung von Ruth herausgcben. Der Dichter widmete den ganzen Ertrag dem Büro. Ebenso erklärten sich die Dichter Perez, Nomberg, Asch und gleisen bereit, in einigen Städten von Galizien und der Bukowina Vorlesungen abzuhalten und den Ertrag den Zwecken des Büros zu widmen. Czernowitz, 11. Sept. Nachdem bereits die Amtsrämne der israelitischen Kultusgcmeinde in „Das jüdische Haus" verlegt worden sind, wird morgen diese Zierde unserer Stadt und Stolz der hiesigen Judenheit mit einer großen Versammlung der Jüdisch nationalen aus der ganzen Bukowina feierlichst der Oeffentlichkeit übergeben werden. Czernowitz. Die „Bukowina« Post" bringt eine Zuschrift, die sich damit beschäftigt, daß daS ausschließlich von Juden errichtete „Studentenheim" (allein Mark» Fischer spendete 61 000 Kr. für diese Institution) von.32 Plätzen nur 6. das stiftbrieflich gewährleistete Minimum, jüdischen Studenten zuerkannte und eine große Reihe von jüdischen Kompetanten abwies, damit 19 Rumänen, die notorisch sich bereits im Besitze von Stipendien befinden, die Aufnahme in das Heim gewährt werden konnte. Die Zeitung bemerkt dazu, daß hier wieder einmal dargetan wird, daß es gradezu gewissenlos von Juden ist, wenn sie „ohne Unterschied der Konfession" Stiftungen machen. Sie schließt: „Käme dieser humane jüdische Sinn nicht auch in diesem Falle zum Ausdrucke, so wäre die Realisierung des Studentenheimprojektes samt Mensa academica in Czernowitz noch lange ein frommer Wunsch. Der Dank bleibt nicht aus. Die Juden werden auch in diesem humanen Institute nur insoweit geduldet, als man sie nicht mehr umgehen kann. Und das soll man ruhig hinnehmen?!" , Krakau. Einer Einladung des Vereines jüd. Hochschüler „Przedswit-Haschachar" folgend, kam Morris Rosenfeld nach Krakau, um seine Gedichte vorzutragen. Als Rosenseld auf der Bühne erschien, bereitete ihm das taufe ndköPfigePublikum eine minutenlange stürmische Ovation. Und jedem kräftigen Worte folgte ein Beifallssturm, lieber die Werke und die Bedeutung Rosenfelds hielt Dr. Jg. Schipper ein formvollendetes und .inhaltsreiches Referat. Am 20. dss.'Mts. tritt Rosenseld in Prag auf, und zwar aus Veranlassung des „Zentralvercin zur Pflege jüdischer Angelegenheiten". Hier werden neben ihm Fräulein Lilli von Heling und Herr Ferdinand Onno vom Deutschen Landestheater seine Gedichte vortragen. Bad Pöstyen, 14. September. Der Pöstysner Kurgast ist von diesem weltberühmten Badeorte, den er sich wer weiß wie groß vorgestellt chat, enttäuscht; denn sieht n,an von dem herrlichen, noch im September vom dichten Menschengewoge rauschenden Kurpark, den Hotels und Villen ab, so .ist Pöstyen eigentlich nur ein kleines Nest. — Dementsprechend ist auch die > P ö st y e n c r jüdische Gemeinde keine große; sie zählt nicht mehr als 120 steuerzahlendc Mitglieder. Eine unverzeihliche Verkleinerung aber wäre es, wollte man sie in Bezug auf ihre Leistungen klein nennen. Nichts von den Institutionen, durch welche eine gesetzestreue Gemeinde sich diesen Ehrennamen erwirbt, vermißt man in Pöstyen. Dafür gebührt auch kein Dank. Was aber anerkennend hervorzuheben ist, das ist die Begründung der Volksküche, berechnet für die armen Kurgäste. Pöstyen ist kein Luxus-, kein Erfrischungs-Kurort, der von Notablen gern ausgesucht wird, sondern sozusagen eine Heilanstalt, die von Tausenden und Abertausenden aufgesucht wird, weil ihnen die Pöstyener Bäder unentbehrlich geworden sind. Was sollen aber die armen Kurgäste machen? Allerdings übt die Badedircktion große Nachsicht. Allein, daß die Kurtaxen erlassen und die Bäder gratis benutzt werden, damit ist den Armen nur zuni Teile geholfen. Der Pöstyener Badegast, soll sich gut pflegen. Doch woher das nehmen, wenn es ihni an dem Allernotwendi'gstcn gebricht? Dafür zu sorgen, hat sich die hiesige Gemeinde zur Aufgabe gemacht. In.ihrem zweijährigen Bestehen hat die Volksküche, wie ihr Jahresbericht von 1908 zeigt, großartiges geleistet (nur für Fleisch, das hier billig ist, .weist der Bericht eine Ausgabe von 1894.60 Kr. aus). . Eine Zierde der hiesigen Gemeinde ist ihre Jugend. Aus sich selbst heraus, ohne Anregung von außen, taten sich die hiesigen jungen Leute, etwa 30 an der Zahl, sämtlich dem Kaufmannsstande sich widmend, zu einer Vereinigung zusammen, um jüdische Wissenschaft und Literatur zu fördern. Zweimal wöchentlich finden sie sich zu einem Schiur zusammen. Sonnabends veranstalten sie Vorträge, wie ich schon in meinem jüngsten Berichte erwähnte. Verflossenen Sonnabend sprach Herr Rabbiner Fischer aus Eperjes. Rabb. Fischer war früher Pöstyener Rabbiner; seiner Initiative verdankt die Gemeinde ihre herrliche Synagoge, ihre schön eingerichtete Mikwah und die Hebung der Kinderschule, von deren Trefflichkeit sich auch. Schreiber oieser Zeilen überzeugte. So bietet Pöstyen dem gesetzestreuen Jehudi nebst körperlichen Gesundung auch erfrischende geistige Nahrung. Daß cs immer so bleiben möge! . H. Rußland. Wilna. Ein Bild von dem Elend der hiesigen jüd. Bevölkerung gibt der Bericht der Jüd. billigen Garküche für das Jahr 1907, denn nicht weniger als 167 463 Mittagessen verabfolgte diese Wohltätigkeits-Anstalt, davon 37 000 umsonst und die anderen meist zu 3 Kopeken, d. h. ohne Fleisch. Wilna. Die hiesige Talmnd-Thora-Schule, die von einer 3klassigen in eine 5klassige Schule umgewandelt wird, erhält folgende neue Lehrfächer: Russisch, Allgemeine Geschichte, Geographie, Natur« Wissenschaft und Geometrie. Odessa. Bon den 150 000 Juden Odessas sind gut » . . ein Drittel ärmstes Proletariat, das keinen ständigen Verdienst hat. In einem Zim-

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