Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37. Frankfurter Fsvasliti'MeS FsmMeicklsö. Seite 3. mer Hausen häufig 3—4 Familien, und schlimme Krankheiten sind unter solchen Verhältnissen ein ständiger Gast. — Möchten die herannahenden Tage der Buße das Herz unserer Brüder im Westen erweichen, damit sie alles tun, uns aus dieser Hölle zu.erlösen! AuS Palästina winkt uns ja eine Zukunft, — aber wir allein sind zu schwach, den Rettungsanker zu ergreifen.- Bjalistok. Traurig ist das Bild unserer jüdischen Weber, seitdem die mechanischen Wcbstühle alleinherrschend geworden sind. Nicht allein, daß in den Webereien die christlichen Arbeiter die jüdischen zurückdrängcn, die jüd. Arbeiter werden auch gezwungen, S a m s - tags zu arbeiten und Sonntags zu feiern. Angesehene jüdische Bürger haben sich bereits beinüht, die jüdischen Fabrikanten zu veranlassen, ihre jüdische» Arbeiter statt Samstags Sonntags arbeiten zu lassen, — aber alle Bemühungen haben sich als erfolglos eriviesen. G leuillefon. © Aufrichtige Reue. Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P n l v e r m a n n. (Schluß). So schleppte sich das Spiel eine Weile hin, und Arjeh war immer der Verlierer. Hatte er „Einunddrcißig". so hatte der andere „Drei Neun," oder er war „Vorhand", oder er hatte sonst etwas „Besseres". Endlich gaben sich beide einen energischen Ruck; das Spiel wurde jetzt schärfer, .die Einsätze verdoppelten sich und jeder von ihnen schien des Sieges sicher zu sein. Bertha hielt den Atem an; mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Haufen Geld, auf die unheilnlichen Gestalte». „Drei Asse!" rief Arjeh triumphierend, gierig die Hand nach dem Gelbe ausstreckend. „Nicht so eilig!" sprach Gedaljeh abwehrend mit unheimlicher Ruhe. „Ich habe „Vier Könige!" Gelassen schob er sich den Einsatz heran, den er ganz gemächlich vor sich aufstapelte. Mit einem wilde» Fluch sprang Arjeh auf. Ungestüni riß er ein kleines Schächtelchen aus der Tasche, dem er ein Goldstück entnahm und es auf den Tisch werfend, rief ec mit heiserer Stimme: „Hier, das ist das letzte, das ich besitze!" Bertha fuhr bei diesem Anblick entsetzt zusammen. Krampfhaft griff fie nach ihrem Herzen und bald darauf in die Falten ihres Kleides. „Der Schlüssel ist weg!" — murmelte sie tonlos, gebrochen. Es war das Schächtelchen, in welchem sie ihren Notgroschen aufbewahrt. Doch nicht der Verlust des Geldes schmerzte sie, sondern, daß — daß — Arjeh zum Dieb geworden war. Dieses Bewußtsein gab ihr den Rest, — und an Leib und Seele gebrochen, schlich sie wankend nach Hause. Am nächsten Morgen sahen die Dorfbewohner mit scheuen Blicken einander an und fragten sich ängstlich, ob sie das unheimliche Wehklagen, bas herzzerreißende Jammern in finsterer Nacht gehört, das durch das Dorf geschlichen? Sicherlich ist etwas Fürchterliches im Anzuge: Pest, Krieg ober Hungersnot! — Eilig suchte jeder das Stück Kreide hervor, um die drei Kreuze an der Türe frisch anzuschreiben. Mer auch die jüdischen Einwohner untersuchten ängstlich die Mesuses, ob sie incht schadhaft geworden, damit keine böse Zuschickung die Schwelle überschreite. * Es war die dritte Nacht, nach der Bertha durch jenen höllischen Anblick so erschreckt wurde und in allen ihren Gefühlen und Empfindungen aufs Tiefste verwundet, mit herzbrechendem Janlniern die Stätte des Unheils verlassen hatte. Sie war nicht wieder hingegangen, und sie blieb auch heute zu Hause. Mechanisch, ohne jegliches Interesse, ohne jegliche Lebenslust verrichtete sie ihre häuslichen Arbeiten. Sie beachtete nichts mehr, und auch die Zeit hatte für sie keinen Wert mehr. Wozu auch? — Was hätte sie denn noch zu hoffen, was noch zu erwarten? Ihr Leben war wieder jenes uferlofe, grenzenlose Nichts, wie ehedem. Mag es darum fo bleiben, da es anscheinend ihre Bestimmung auf Erden sei, vom Unglück heimgesucht zu werden. — Sie empfand jetzt weder Schmerz noch Haß, sie war vollständig abgestumpft, und alle Vorgänge glitten spurlos an ihr vorüber. Doch plötzlich horchte sie auf. Draußen wurden Männertrittc vernehmbar und sie hörte, wie ein Mensch schwer atmend und keuchend den Hausflur entlang tastete, und jetzt wurde die Türe ungestüm und unbeholfen aufgestoßen. Es war Gedaljeh, der eine unförmliche Last aus dem Rücken trug. Bertha blieb mit eisiger Ruhe auf ihrem Platze, ohne mit einer Muskel zu zucken. In ihrer schmerzhaften Empfindungslosigkeit kam ihr unwillkürlich der wesenlose Gedanke, daß Gedaljeh, als langjähriger Schmuggler, eine Me Uebung iM Tragen von Lasten haben müsse. — „Schnell, Bertha, schnell!" keuchte er. „Er muß sofort zu Bett gehracht werden, damit er sich erwärme! Wer weiß, ob ihm nicht die Kälte bereits geschadet. Spute Dich, daß wir ihn zu Bett bringen!" Bertha erhob sich wortlos und tat, was er von ihr verlangte. Sie half die stöhnende und winselnde Masse zu Bett bringen, deckte sie recht warm zu und wischte den Schaum von den bebenden Lippen. Sie nahm an, daß dieser vom Straßenkvt beschmutzte, unförmliche und nach Schnaps riechende Klumpen, den Gedaljeh hergeschleppt, wohl ihr Gatte sein müsse, denn warum hätte man ihn sonst in ihr Haus gebracht? — Gedaljeh bemerkte ihren.fragenden Blick, darum fuhr er fort: „Es ist ganz plötzlich über ihn gekommen; er halte zu viel getrunken. — Er ließ sich ja uicht mehr halte» und stieß mich von sich, als ich ihm die Flasche entreißen wollte. Ich denke aber, es ist weiter keine Gefahr dabei; wenn Du ihn gut pflegst, wird er sich bald wieder erholen. Und wenn es so weit ist," er sah sie mit seinen unheimlich blitzenden Augen voll an, „Ivenn er wieder hergestellt ist, — dann gibst Du mir Ivohl Nachricht, und ich werde nrich weiter seiner annehmen. — Nun aber will ich gehen, denn Du hast gewiß das Verlangen, mit Deinem lieben Mann jetzt allein zu sein!" — Mit diesen voller Hohn und Schadenfreude gesprochenen Worten schickte er sich an, die Stube zu verlassen. Er hatte bereits die Klinke in der Hand, als er einen Schrei vernahm, der ihm durch Mark und Bein ging. Er drehte sich schnell unl und sah Bertha knieend, mit flehentlich gefaltenen Händen vor sich, während die seit langen Wochen zurückgehaltene Pein und Qual jetzt unaufhaltsam über ihre Lippen strömte: „Gedaljeh, bei dem Leben Deiner Mutter, bei dem Leben Deiner Schwester, bei dem Leben all der Frauen, die Fleisch von Deinem Fleische und Blut von Deinein Blute sind, flehe ich Dich an, nimm Deine grausame Hand von dem wenigen Glück meines kümmerlichen Daseins! Es ist wahr, ich habe Dich abgelehnt und einen anderen Dir vorgezogen. Mer bedenke, ich bin ja auch nur ein Mensch, und cs war Gott, der die Wünsche meines Herzens so gelenkt und gestaltet. Gedaljeh, Du hast Dich schwer versündigt. Du hast die Gebote des Himmels und der Erde übertreten! Oh, laß Dir darum nicht die einzige Gelegenheit entgehen, die ich Dir darbiete, uni durch Deine Barmherzigkeit eine Vergebung Deiner Missetaten, die Erlösung Deiner Seele zu erlangen! Der Fluch Deiner Verführung lastet schwer auf mir und auf meinem Manne. Oh, nimm ihn von uns! Rette uns und Dich, so wahr wir alle eine Vergeltung in der zukünftigen Welt erwarten! Du hoffst doch sicherlich auf das Glück, einst ein geliebtes Weib an Deine Brust zu drücken; Dein Herz sehnt sich sicherlich nach der Freude, wohlgeratene Kinder groß zu ziehen. Gedaljeh, erkenne die gute Meinung, die ich von Dir hege, indem ich Dich bitte: Laß Dir dieses spätere Glück und diese erhoffte Freude nicht durch tttetn zerstörtes Leben vergällen und verbittern! Denke an den Gott, der gesprochen: „Mein ist die Rache!" Denke an den Gott der Liebe, und sei auch Du barmherzig zu mir!" ■ So jammernd ergriff sie seine Hände und bedeckte sie niit ihren Tränen, mit ihren Küssen. Lange stand er da und sah schweigend auf die zuckende Gestalt zu seinen Füßen nieder. In seinem Innern kämpften jetzt die Engel und die Teufel um die Herrschaft. Endlich aber hat er einen Entschluß gefaßt. Er berührte sanft ihr Haupt und sprach weich: „Bertha, Du hast mich wieder besiegt, und ich fühle mich abermals geschlagen, in der Stunde, da ich den Triumph meines Lebens zu feiern glaubte. Bertha, ich gehe jetzt wieder fort: Dein Mann soll Dir wieder gehören, und er soll Dich wieder lieben, wie Du es verdienst. Doch, wisse es, Bertha, auch ich liebe Dich rein und aufrichtig, und wie ich Dich liebe, das sollst Du jetzt erfahren." Er nahm ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, das er ihr zum Lesen hinreichte. Sie schüttelte weinend ihr Haupt und bat schweigend, ihr den Inhalt vorzulesen. Und er las Folgendes: „Ich, der Endesunterzeichnete, Arjeh Klinker, verdinge mich am heutigen Tage als Knecht und Arbeiter an Gedaljeh Lubisky und ebenso mein Weib Bertha als Magd und Arbeiterin an denselben, für das Geld, das ich und meine Frau ihm aus der Tasche gestohlen, als er bei uns zu Besuch war, und Gedaljeh soll mit uns beiden machen dürfen, was ihm beliebt, für zwei Jahre vom heutigen Tage an." „Hier, Bertha," sprach er weiter, indem er das Papier in kleine Fetzen zerriß, „hier hast Dil den Beweis meiner Liebe. Und nun, lebewohl," er beugte sich zu ihr nieder und küßte sie sanft auf die Stirn; „und wenn Arjeh wieder erwacht, dann versichere ihn meiner brüderlichen Freimdschaft, die nicht so schnell aufhören wird, wie der Schnaps in der Flasche, und gib ihin auch dieses als ein Andenken von mir." Es war eine schwer mit Geld gefüllte Börse, die er ihr übergab. Ms sie aber zögerte sie anzunehmen, fuhr er lächelnd fort: „Du kannst es getrost nehmen, denn es ist sein Eigentum. Es sollte mir das Mittel zu einer Rache bieten — gottlob, es ist der Wegweiser zu meiner reuigen Rückkehr geworden." Er wartete ihren Dank nicht ab und ging langsam und nachdenkend von dannen, wie ein Mensch, der sich fürchtet, auf seine eigenen Gedanken zu treten. Und es ivareir gar viele und schwere Gedanken, die jetzt in seinein Kopfe herumschwirrten. — ♦ Bertha verbrachte noch eine böse und schwere Woche. Arjeh lag im Fieber, und seine Gedanken waren vollständig verwirrt. ,,Gedaljeh," schrie er plötzlich auf, „Du giebst mir ja eine falsche Karte! Ich hcche es gesehen. Du hast sie von unten hervorgezogen! — Was? — Das soll Katzenleder sein? — Ich sage Euch, es ist besser, als „Drei Asse!" Gedaljeh, jetzt gibst Du mir sofort die Flasche her! — Nein, Du lügst! Wir haben Dein Geld nicht gestohlen! Bertha, halte doch Deine Hand vor; Deine traurigen Augen stechen ja bis in mein Herz hinein. Siehst Du, der Eichelbube lächelt so wie Gedaljeh, und dabei will er mir mit seinem Spieß jeden Blutstropfen abzapfcn! — Ja, ja; ich bin Dein Knecht. — Was wirst Du mit ihr machen? — sie ist doch mein Weib! — Gedaljeh! Du schlechter Mensch! — sie — sie." — So ging cs Tag und Nacht, und Bertha saß geduldig und aufopfernd an seinem Lager und suchte ihn zu beschwichtigen und mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft ihn zu pflegen, bis er eines Morgens die Augen aufschlug, von dem Schleier befreit, der sie bisher getrübt und verdunkelt. — Doch ganz klar schienen seine Gedanken noch immer nicht zu sein; er glaubte sich bereits im Paradiese; da stand ja Bertha als Himmelsbote bei ihm und sang mit sanfter, einschmeichelnder Stimme jenes wunderschöne „Rosinen- und Mandelnlied": „In den Tagen des Glückes, oder der schweren Pein: „Ich liebe Dich, und Du liebst mich nur einzig, allein!" „Bertha," sprach er mit schwacher Stimme, „ich hatte einen sehr bösen und häßlichen Traum. — Es war von Gedaljeh, dem Schmuggler — und ich habe da viele Schlechtigkeit begangen. — Doch jetzt ist es vorüber! — Komm zu mir, Bertha; uein, näher; ganz nahe, an mein Herz! Aber, was machst Du denn? — Lachen und Weinen paßt doch uicht zusammen! Du darfst nicht Essig mit Wein vermischen! — Komm, setze Dich ganz dicht zu mir heran und singe niir ivieder jenes schöne Lied, das ich so gern höre." — * Fünf Jahre sind seitdem vergangen. Die Entgleisung mit Gedaljeh war für Arjeh tatsächlich wie ein böser Traum, der glücklicherweise wie ein solcher auch schnell vorüberging, und bald nach seiner Genesung nahnr er seine frühere Tätigkeit mit dem alten Fleiß und gewohnter Arbeitsfreudigkeit wieder auf, die sich auch immer lohnender gestaltete. Seit zwei Jahren wohnte er in der Stadt, wo er einen Laden eröffnet und sein Geschäft vergrößert hatte. Seine Hausiergänge besorgte er nach wie vor, während Bertha die Kundschaft im Laden bediente. Heute war Arjeh doch zu Hause geblieben und stand, im feinsten Staat geputzt, vor seiner Ladentüre, unr die Gäste zu empfangen, die sich nach und nach einfanben. Im ganzen Hause herrschte ein fröhliches und geschäftiges Treiben, und schmunzelnd sah Arjeh die vielen Kuchen in sein Haus tragen. Bor acht Tagen hatte ihn Bertha mit einem kräftigen Jungen beschenkt, dessen Beschneidungsfeier heute stattfinden sollte. Man wartete nur noch auf zwei Hauptpersonen, auf die Gevatter, die Bertha selbst ausgewählt, und die durch einen besonderen Boten eingeladen waren. Sie ließen lange auf sich warten. Endlich kommt ein halbes Dutzend Bengel herangestürmt, die schon von großer Weite die Freudenbotschaft verkünden: „Sie kommen!Sie konimen!" Bald klappert auch ein Wägelchen auf dem holprigen Pflaster heran, dem Gedaljeh und seine Braut entsteigen. Durch Gedaljeh's herzliche Begrüßung schwindet auch bald bei Arjeh die anfängliche Befangenheit und der Frohsinn leuchtet ihm wieder aus den Augen. Nach dem feierlichen Llkt ging das Brautpaar auch zu Bertha, von dieser nicht minder heimlich und glückstrahlend begrüßt. Während aber die Braut sich mft dem kleinen Weltbürger beschäftigte, mußte Gedaljeh alle Einzelheiten seiner Verlobung haarklein Bertha berichten. Er erzählte ihr von dem anfänglichen Sträuben seiner Schwiegermutter, von seiner Versöhnung mit Reb Schlaume und noch vielen andern Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte. „Endlich aber," so schloß er seinen Bericht, „war alles so weit geordnet, und ich bin hcrzensglücklich, mit meinem geliebten Jettchen bald unter der Chuppe für das Leben vereinigt zu werden. Wenn ich aber an mein Glück denke, so vergesse ich auch niemals den Urheber desselben. Dich, Bertha, die mir den Segen der wahren, der aufrichtigen Reue erschlossen hat." Ende.