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Neue jüdische Presse · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. mett Euch und schlagt die Inden ohne Erbarmen tot. sie, ihre Frauen und ihre Kinder, denn nur von ihnen kommen alle Wirrnisse, alle Mordanschläge und auch die Ermordung des Großfürsten! Schlaget die Juden pnd ihr Proletariat tot! Es lebe Ruß. land Wie die Ereignisse der letzten Wochen bewiesen haben, haben diese Anfeuerungen zu Raub und Mord bei den dummen, unwissenden Bauern, denen keine Lüge zu unwahrscheinlich ist, ihre Wirkungen nicht verfehlt. Das Charakteristische bei der gegenwärtigen Politik der Regierungsleute ist, daß die Aufhetzungen im allgemeinen weniger gegen die Juden, als gegen die gebildeten Kreise sich richten; man will eben den Ruf nach Reformen durch die brutale Gewalt der Bauern inederzwingen. Odessa. Ein hiesiger Jude namens Seidemann erhielt von seinem Bruder, der bei dem Fall Port Arthurs in japanische Gefangenschaft geriet und in Pukutjam interniert ist, einen Brief; in demselben heißt es: „Mir und nieinen Genossen geht es gut. Die japanischen Beamten behandeln uns freundlich. Tie Ernährung ist sehr gut; zweimal täglich erhalten wir gekochte Speisen, viermal täglich Tee. Als Brot bekommen wir Weißbrot. Es ist uns vollständige Bewegungsfreiheit gewährt. Dreimal in der Woche dürfen wir Briefe absenden. Auf der Fahrt hierher hatten un-s die Japaner mit Tee, Apfelsinen und Zigarren traktiert. Hier angelangt, teilte man uns in mehrere Gruppen und zwar die Inden besonders und die Russen besonders. Tie Japaner sind ein kluges Volk," Personalien. Berlin. Die von der Königl. Akademie der Künste preisgekrönte 'Arbeit des aus der Rompreis- Konkurrenz siegreich hervorgegangenen sind. Bildhauer Leopold Fleisch Hacker aus Frankfurt a. M. — siehe vorige Nummer — stellt die Ankunft einer Karawane dar. Berlin. Der berühmte Orientalist. Professor Dr. MoritzSteinsch neider feierte dieser Tage seinen 90. Geburtstag. Zu Proßnitz (Mähren) geboren, machte er in Prag, Wien und Berlin seine Studien. Nach ihrer Beendigung war er drei Jahre Lehrer in Prag. 18-15 ließ er sich in Berlin nieder. Hier teilte er seine Arbeit zwischen Forschung und Unterricht. Er hielt zuerst Vorlesungen an der Veitel-Heinc-Ephraim'chen Stiftung. Später erweiterte sich fein pädagogischer Schaffenskreis wesentlich dadurch, daß ihm die Leitung der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde übertragen wurde. Er wirkte hier bis 1890. Besonders zu gedenken ist der ausgiebigen Leistungen Steinschneiders für die königliche Bibliothek. In der äußerlich bescheidenen Stellung eines Hilfsarbeiters war Steinschneider viele Jahre der Berater der Bibliotheksrerwaltung in vielen Fragen aus dem Bereiche der Orientkunde, und nicht minder verdient machte er sich um die Berliner Bibliothek durch die Aufnahme der Bücher und Handschristenbestände aus verschiedenen Zweigen des orientalischen Svrachgebietes. Ein gütiges Geschick hat Steinschneider die Schaffensfreude bis zum jetzigen hohen Alter bewahrt. Rhina, den 4. April. Als Rabbi Chija, der Sohn Awjas, zu Grabe getragen wurde, bat man Rabbi Jochanan, er möge die Leichenrede halten. Dieser lehnte es ab mit den Worten: „Bittet Resch Lokisch darum, der des Heimgegangenen Lehrer gewesen und die Geistes- und Charaktergröße des Verblichenen besser zu schildern vermag." An diesen Midrasch wurden wir erinnert, als Herr Provinnal- Rabbiner D r. C a h n heute Abend die Kanzel betrat, um seinenr Schmerze über den Verlust des teuer», unvergeßlichen Schülers, des Herrn Rabbiner D r. L e v i E m m e r i ch - T a r n o w i tz, vor der vollzählig erschienenen Gemeinde Ausdruck zu geben. Es war ein erschütternder Augenblick, als der Vater des Entschlafenen, der emeritierte Lehrer Herr Emmerich in die Synagoge trat, um dem Traueraktc beizuwohnen. In der Männerreihe toie auf der Frauenempore vernahm man lautes Schluchzen und kein Auge blieb tränenleer, als der gebeugte Greis, dessen Herz unnennbares Weh erfüllt, sich auf die Erde setzte, um an geweihter Stätte das Andenken des einzige», geliebten Sohnes, der des Vaters Freude und Hoffnung, der Familie Stolz gewesen, zu ehren. Vom Schmerze überwältigt schilderte Herr Dr. Cahn das Leben und Wirken des gottbegnadeten Mannes, der allzufrüh den Seinen und ganz Israel entrückt worden sei. An der Hand zahlreicher Zitate aus Midrasch und Talmud wies der Redner nach, daß der Verlust eines Großen nicht nur den engeren Verwandtenkreis, sondern die Gesamtheit treffe und daß jeder Jhudi zu trauern verpflichtet sei, wenn ein Zaddik ins Grab sinke, llnd ein Zaddik in des Wortes wahrster Bedeutung sei Herr Dr. Emmerich gewesen. Tic Rede machte aus alle Hörer einen tiefen Eindruck. Als Herr Dr. Cahn an den schwergeprüften, gramgebeugten Vater des unvergeßlichen Entschlafenen Worte des Trostes richtete und mit tränendem Auge hervorhob, daß es schwer sei, andere zu trösten, wenn man selbst des Trostes bedürfe, da unterbrach ein herzzerreißendes Schluchzen die bisher lautlos lauschende Versainiiilnng. Wohl selten steigt die Bitte aufrichtiger und inniger zum Lenker der Geschicke empor, daß Er die Trauernden trösten möge, wie es hier der Fall gewesen. Dem Stimmungsbilde angepaßt war der zu Tränen rührende Vortrag des El mole rachamim durch Herrn Lehrer Sonn. Wien. Fremdländische Ordensansz e i ch n u n g e n. Es erhielten Oberpolizeirat und Rcgierungsrat Bernhard Frankl den kaiserlich russischen St. Annenorden 2. Klasse, der kaiserliche Rat Michael Adler, Stahlwarenfabrikaiit in Prag denselben Orden 3. rilasse; der Oberinspektor der Wiener Sicherheitswache, I. ll. Dr. Ignaz Parner den kais. russ. St. Stanislausordcn 3. Klasse; der Zentraldirektor der Koliner Spiritus-Pottasche-Fabrik und Rasfineric-A.G. Julius Krans-Prag den prentz. Kronenorden -1. Klasse. Prag. Freitag, den 31. März, mittags, verschied hier nach längerer Krankheit in seinem 72. Lebensjahre Herr E m a n u e l A s ch e r, Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa und vieler humanitärer Vereine. Der Verblichene war ein tadelloser Charakter, ein wirklich frommer Jehudi, der es bis zu seiner letzten Krankheit nicht unterließ, wenigstens einmal täglich das Gotteshaus zu besuchen. Die allgemeine Verehrung des Verblichenen zeigte sich auch in der außergewöhnlich großen Beteiligung an feinem Leichenbegängnisse, zu welchem sich sämtliche Rabbiner Prags und der Vororte, die Vorstände der Vorstadtchewras, Deputationen der Knltnsgenieindcrepräsentanz und vieler anderer Korporationen eingefuiideu hatten. Im Badhofe sprach Lberrnbbiner Sr. Ehrei! fcld, in der Zercinouieiihalle des Friedhofes hielt Rabbiner D r. Deutsch im Namen der Familie und der Zigeiinersynagoge, der der Bertorbciic sein ganzes Leben lang als treues Mitglied angehört hatte, einen warm empfundenen Nachruf. Am offenen Grabe sprach der Obmann der Chewra Kadischa, H. David Lieben, dem verstorbenen Kollegen den Dank der 'Amtsgenossen in rührenden Worten aus. Brün». Am 22. v. Mts. starb hier der Direktor der ersten deutschen L a n d c s - O b c r r c n ls ch n l c Prof. M o r i tz B r e ch e r. Sein Leichenbegängnis fand unter überaus großer Teilnahme statt. Laiidesrabbincr Tr. Placzek hielt de», Verstorbenen einen herzlichen Nachruf. Jahrbuch II der jüdisch-literarische» Gesellschaft.*) Von Tr. Philipp F r-a n k t. (Fortsetzung). Nun geht Kottek der Reihe nach all die Argumente durch, die Bacher gegen Halewy geltend gemacht hat. Art. 10 wendet sich der Verfasser gegen Bacher, der in Chulin 471, auf Grund einiger Tatmudmaimskripte R. Chananja in Chanina und Ratan in Jochanan emendiert. Warum es um jeden Preis nicht R. Chananja und R. Natan sein darf, dürste darin zu suchen sein, daß man es nicht zugeben will, als ob cs in Babel eine Anzahl bedeutender Gelehrten gegeben habe, was doch aus dem Umstande, daß R. Natan und „kol gedole hador" dem R. Chananjah einen Besuch abstatteten, klar hervorgeht. In den Art. 34 und 13 über R. Seira und Raba weist Kottek auf Grund ausführlicher Zitate aus Torot Horischonim die Richtigkeit der Halewy'schen Deduktionen nach, wie auch im Art. 30, mit welcher Leichtigkeit Bacher talmudische Stellen emendiert; Emandationen, d.ie bei näherem Eingehen aus den Stoff nicht nur unnötig, sondern ausgesprochen unrichtig sind. Schließlich bemerkt Kottek ganz richtig, daß der Grundton der Bacher'schen Kritik darin bestehe, eines der Argumente oder nur eines der Nebenargumente herauszugreifen, auf denen Halewy feine Konklusionen aufbaut. Tie Kritik Bacher's wäre hinfällig, auch wenn sie beweiskräftig genug wäre — was sie in Wirklichkeit nicht ist —, da .Halewy feine Thesen nicht durch einen Schein- und auch nicht mit eine m Beweis stützt, sondern, wie schon erwähnt, eine Reihe von Beweisen anführt, die seine Ausführungen im klarsten Lichte erscheinen lassen. Die Kottek'sche Erwiderung ist im Ganzen eine gründliche Arbeit, die in den maßgebenden wissenschaftlichen Kreisen ihre Wirkung nicht verfehlen wird. „R. Akiba Eger's Leben und Wirken" ist die zweitgrößte Arbeit des Jahrbuches betitelt, die den ersten Teil der Biographie des R. Akiba Eger von Rabb. Tr. L. Wreschner-Samter enthält. Ter Verfasser hat hier in meisterhafter Weise das Bild eines Man- *) Jahrbuch II. der jüdisch-literarischen Gesellschaft (Sitz: Frankfurt a. M.) 1904 — 5665, Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1901, S. 107, Oktav. nes gezeichnet, dessen Wirksamkeit und Einfluß weit über die Grenzen des Landes reichte, in welchem er als Rabbiner tätig gewesen ist. Ter Vorzug der Wreschner'schen Arbeit gegenüber den bisherigen Biographieen des R. A. Eger besteht u. A. darin, daß er auch die Response» des R. A. Eger und die an ihn gerichteten Tefchuboth in den anderen Responsenfaiilmlniigen zu Rate gezogen und verarbeitet hat. Aus diesen tritt die große Stellung, die R. A. schon in seiner Jugend unter den erste» Gedolim seiner Zeit eingenommen, ganz besonders hervor. R. Akiba ivird kn einem Alter von anerkannt großen Männern um seine Meinung in halachischen Fragen angegangen, da Andere noch lange als Jünger zu Füßen ihrer Lehrer sitzen. Außer seiner immensen Gelehrsamkeit, die ihn neben die größten Männer seiner Zeit stellte, tritt auch schon in der ersten Periode R. Akiba's - in Lissa und in Märkisch- Fricdland - sein großes Organisationstalent hervor. Und dies besonders in den verschiedene» Wohltätigkeitsanstallen und Vereinen, die er in den Gemeinden, in denen erwirkte, begründet hat. Seine diesbezügliche Wirksamkeit sollte ihren Höhepunkt in Pose» erreichen, wo sich um ihn und um sein Wirken ein ganzer Legcndenkreis gebildet hat. Es wäre für den Gesamteindrnck allerdings vortcilhaster gewesen, wenn die Arbeit auf einmal erschienen wäre. Der erste jetzt erschienene Teil läßt daraus schließen, daß wir es hier mit einer objektiven sowohl, als auch gut ziisammenfassenden Tarstellung zu tun haben; mit einer Biographie, wie man sie, soweit sie die Großen Israels betrifft, bis setzt nicht viel hat. Unter dem Titel „Handschriftliches zur Geschichte der Juden in Prag in den Jahren 1741—54" veröffentlicht S. H. Lieben-Prag ei» Fragment, das von den Verhältnissen der Prager Jndenschast zur Zeit der Belagerung und Einnahme Prag's durch die Preußen 1711 handelt. Tie Erzählung der Geschehnisse dieser Zeit, die den größeren Teil des Fragmentes bildet, bricht in der Mitte ab, um wieder erst mit dem Jahre 1751 anzufangen. Das Fragment, das an sich nicht viel Neues enthält, da über diesen Zeirpunkt auch andere Auszeichnungen schon veröffentlicht worden sind, bietet aber des Interessanten genug, das die Lage der Juden dieser Zeit in ihrem ganzen Jammer kennzeichnet. Brandschatzungen und Plünderungen, Zwangsanleihen und Kriegskontributione» folgten in gedrängten Zeiträumen aufeinander und wurden sie dieser Liebenswürdigkeiten seitens Freund und Feind, Oesterreichs und Preußens, in gleichem Maße tcilhastig. Es war der reinste Wetteifer, mit dem beide kriegführende Parteien sich bemühten, die Jude» leichter zu machen. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht auch so tieftranrig loäre, wenn wir da erfahren, lvozu Alles die Juden gut gewesen sind und sein mußten. Ta waren es 3600 Töpfe, deren Lieferung ihnen gnädigst ausgetragen ward,: ei» anderes Mal war es Leinwand, Wäsche u. n. in. Zn lächerlich ist es, wenn man da des Weiteren liest, daß den Juden aus dem preußischen Lager 121 Zugochsen, von denen nichts als Haut und Knochen geblieben waren, mit her Weisung zugesandt worden sind, 18 Taler jür je einen Ochsen zn bezahlen. Was doch die Prager mit so viel Knochen augefangen haben mögen. Aus der Schilderung der Vorgänge während der Besetzung Prags durch die Preußen, wie sie in dem Fragment enthalten ist, ersehen wir, daß diese Vorgänge nicht ohne Einfluß aus die weitere Geschichte der Juden i» Prag geblieben sind. Mehrere unglückselige Umstände vereinigten sich, die den Schein erweckten, als ob die Juden die Operationen der Belagernngsarmee unterstützt hätten. Die ewige Feindschaft der Prager Bevölkerung und der unbändige Haß der pfäffischen Umgebung der Kaiserin Maria Theresia, setzten bei dieser im Jahre 1715 das unselige Ausweisungsdekret durch, das über die Inden Prags und Böhmens großes Leid gebracht hat. Tie Aufzeichnungen vom Jahre 1753 (5513) liefern einen Beitrag zur Geschichte des unseligen Eibenschütz-Streites. Es handelte sich um die Berufung eines der enragiertesten Eibenschütz-Gegner zum Rabbiner von Prag, die die Prager Eibenschütz-sreundlichen Kreise zn vereiteln suchten. Tie sonstigen Aufzeichnungen des Fragmentes berichte» über die unendlichen Plackereien, denen die Juden fortloährend ausgesetzt gewesen sind. Tie Publikation reiht sich

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