Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblati. Nr. 14. Diese Tatsache zu wenig in Betracht gezogen zn haben, könnte der einzige Vorwurf sein, den inan Herzl vielleicht mache» dürste. Jetzt gib! es nur Eines: das bisher Versäumte nachholen, damit man der Türkei praktische Vorteile bieten kann» indem sie zn der Einsicht gelangt, das; der Zionismus wenigstens die Mehrheit des jüdischen Volkes umfaßt. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Pose«. Die bekannte Privatklage der Kaufleute Arthur Holzbock und Semi Gramse aus Schroda gegen den Regierungs-Referendar Ulrici von hier, dessen Berufung gegen das Urteil des Königlichen Schöffengerichts in dem ersten dieserhalb anberaumten Termine vertagt worden war, weil der Privatbeklagte einen sehr großen Entlastungsbeweis angetreten hat, war heute wiederum unter sehr großem Andrang des Publikums Gegenstand der Verhandlung. Bekanntlich fühlen sich die Privatkläger durch'die Aeußerung, die er dem Polizeisergeanten Lewandowski gegenüber getan und in der er sic als „stinkige Juden" bezeichnet haben soll, beleidigt. Das Schöffengericht hatte auf die Aussage des Zeugen Lewandowski hin, der den Inhalt der in> Rede stehenden Aeußerung unter seinem Eide bestätigt hatte, ihn zu einer Geldstrafe von 20 JL verurteilt. Der Privatbeklagte verwahrt sich nachdrücklich dagegen, diese Aeußerung dem Beamten gegenüber getan zu haben. Er bezeichnet diesen als einen äußerst unzuverlässigen Menschen, der in und, außer dem Dienste nachlässig gewesen sei, daß seine Dienstentlassung iin Tisziplinarwege erfolgt ist. Ter Zeuge habe entweder aus Rache oder aus Seusationsmacherei die Aeußerung den Privatklägern hinterbracht. Eine Reihe von Zeugen, darunter sämtliche früheren Vorgesetzten des Zeugen sind als Zeugen für den schlechten Leumund und die Unzuverlässige keit des einzigen Belastungszeugen geladen. Dieser soll nunmehr vom Berufungsgericht gehört und ihm auch der Zeugeneid von Neuem abgenommen werden. Auf die Frage des Vorsitzenden nach dem Zeitpunkt der in Schroda vorgekommcncn Prügelei, wegen der er wegen seines Nichtcinschrcitens vom Beklagten zur Rede gestellt worden >var, gibt der Zeuge recht unzn verlässige Antworten. Ehe noch mit seiner Vernehmung fortgefahreu wird, regt der Vorsitzende eine Einigung an, die vom Beklagten aber mit Mer Entschiedenheit ab> gelehnt wird. Daraus wendet sich der Vorsitzende an die Kläger und legt ihnen nahe, daß der Ausgang des Berufungsversahrens sehr zweifelhaft sei. Die Anklage stehe und falle mit der Beweiswürdigung des Gerichts, ob dem Zeugen Lewandowski Glauben geschenkt werde oder nicht. Bei dein Umfange des an gebotenen Entlastungsniaterials sei crstcres sehr fraglich. Nach längerer Beratung der K l ä g e r mit ihrem Verteidiger, dem Rechtsanwalt Kollen'.schcr, erklären sich diese schließlich bereit, die Klage zürückzunchmen, Sie genehmigen daraus folgendes ihnen vorgeleseuc Protokoll: „Der Angeklagte .erklärt und versichert hiermit, daß er die beleidigende Aeußerung, ivelchc Gegenstand des Eröfsnungsbeschlusscs ist — zu dem Polizei-Sergeanten Lewandowski nicht getan habe." Die Privatkläger bitten nunmehr von Ivcitcrcr Be weisaufnahme Abstand zu nehmen und erklären, das sie die Privatklagc auf ihre Kosten zurücknehmen. * Waldshut i. Baden. Wenn man sich zu helfen weiß. Wie kürzlich mitgcteilt, haben das Ministerium des Innern und der Bcrwaltungsgo richtshof entschieden, daß die an der Bahnhofs Wirtschaft in Oberlauchringen angebrachten Jnschris ten: Judensreics Haus und Judenreincs Haus unzn lässig seien. Der Inhaber der Wirtschaft hat in den letzten Tagen die beanstandete Inschrift entfernt, und statt ihrer enthält das Firmenschild jetzt die Worte Jüdischer Zutritt höflichst verbeten. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Am. 26. März fand die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Hilfs Vereines für die notleidende jüdisch Bevölkerung in Galizien statt. Bevor in die Tagesordnung eingcgangen wird hält der Vorsitzende Herr Göttlich Ledere den seit der letzten Generalversammlung verstürbe nen Mitgliedern der Vereinsleitung einen warm empfundenen Nachruf. Hierauf erstattet der Sekretär des Vereins, Herr T r. Wilhelm L ö w h, einen Bericht über die Tätigkeit des Hilfsvereines während des Jahres 1904, den wir nachfolgend gekürzt wiedcrgebeir: Wie in dem Bericht über die Tätigkeit des Vereines von seiner Gründung bis zum Novem bcr 1903 dargelegt ist, waren in Galizien die Haarnetzerei, die Holzspielwaren-Erzeugung, die Korb Warenerzeugung und die Klciderkonfektion eingeführt worden, von ivelchen Industrien die Holzspielwaren- Erzeuguug «ach einem Betriebe von ungefähr einem Jahre wieder anfgcgebeu werden mußte. Was die Haarnetzerei betrifft, so war sic von uns in 93 Orte» Galiziens eiugefnhrt tvorden. 3»! Lause de§ Jahres 1904 liefen nun über den Stand dieser Heimarbeit verschiedene Berichte ein, die teils günstig, teils nngiinstig läuteten und den Ausschuß veranlaßtcn, mich mit der Aufgabe zu betrauen, an Ort und Stelle über die Sachlage Erhebungen zu pflegen. Während meines ungefähr drei Wochen dauernden Anfenthalrcs in Galizien war s möglich, über 64 von den 93 Ortschaften Nachrichten zu erhalten. Ich erfuhr, daß von diese» 64 Ortschaften 14 zu arbeiten aufgehört hatten, während in den 50 anderen die Haarnetzerei noch betrieben wurde; ich erfuhr aber auch von 28 Ortchasten, in denen Haarnetze erzeugt tverdc», ohne daß von unserer Seite dort' der Unterricht in dieser Arbeit veranlaßt worden war, darunter von 5 Ortchasten jenseits der Grenze Galiziens in Rußland. Die Versuche, die wir mit der Einführung der Korbwaren-Erzeugung und der Kleiderkonfektion in c einem Orte Galiziens machten, sind aus vcrchiedenen Gründen nicht geglückt. Dies konnte uns aber nicht abhalten, 'im Berichtsjahre mit der K l e i - der-Konfektion einen neuen Versuch aus einer anderen Grundlage zu beginnen. Wir schlossen mit einem galizischen Unternehmer, der für seinen Bedarf bis dahin Waren in Proßnitz erzeugen ließ, einen Subvcntionsvertrag, durch den er die Verpflichtung übernimmt, eine Anzahl Arbeiter und einen Werkführer aus Proßnitz nach Galizien zu bringen und durch diese Leute Arbeiter seines Wohin itzcs in der Erzeugung von Proßnitzer Wareabzu richten. Wir glauben auf diese Weise die Schnei dcrei, die unter den galizischen Juden stark verbreitet ist, in bessere Bahnen zu lenken. Ist dies einmal gelungen, so kann wohl mit Zuversicht darauf gerechnet tverden, daß über kurz oder laug andere Kleiderkonfektionäre, insbesondere Wiens, in Galizien arbeiten lassen, daß die Zahl der tüchtigen Arbeiter jeden Geschlechtes sich im Laufe der Zeit bedeutend vermehrt und aus der anfänglichen Werk tätten-Jndustric in ähnlicher Weise, wie in Proßnitz, Boskowitz und Wien, eine große Heimindustrie entsteht. Der Unternehmer begann mit der Arbeit im Januar d. I. und wies nach Ablauf von vier Wochen einen Stand von 46 männlichen und 18 weiblichen Arbeitern auf. Am 15. Februar 1904 trat in Krakau eine von uns errichtete H ä k c l s ch u l c ins Leben, worin die Schülerinnen in der Herstellung von Wollhäubchen für kleine Kinder unterrichtet wurden. Ein dortiger kur§ über Tischlerei abhalten lassen werde, eine Zusicherung, die auch erfüllt wurde. Auch mit der Frage der Zuführung der galizischcn Juden zur Lan d lvirisch a ft beschäftigten wir uns im Berichtsjahre. Es wurde von uns eine christliche Engnöte hierüber abgehalten. Ein an unsere Ortsgruppe und an eine Anzahl Fachmänner versendeter Fragebogen brachte uns 18 Gutachten, die ein sehr wertvolles Material enthalten. Die darin gemachten Vorschläge gehen oft allerdings weit auseinander; jeder einzelne soll aber genau erwogen werden. Derzeit werden die Gutachten in unserem Bureau übersichtlich zusammcngestcllt, um sodann mit djcser liebersicht drei Fachmännern zur Ueberprüsung anvcrtraut zu tverden. Erst dann wird die Vereinslcituug über die Frage eine Entscheidung fällen. Auch a» dem Ausbau unserer Organisation waren wir im Berichtsjahre tätig. Wir entwickelten eine umfassende Propaganda zur Gewinnung von Mitgliedern und Geldmitteln, die noch nicht abgeschlossen ist und auch in Zukunft regelmäßig fortgesetzt werden soll. An einzelnen Mitgliedsbeiträgen und Spenden gingen infolge der Propaganda ungefähr 2000 Kronen ein, jene Beiträge nicht mitgerechnet, die infolge der Vorträge den Ortsgruppen zuflossen. Zn Ende des Jahres 1904 waren 41 Ortsgruppen konstituiert, um 4 mehr als zu Ende 1903, um 5 mehr als im letzten Jahresberichte verzeichnet waren. Der Stand der Ortsgruppen zu Ende März .1905 beträgt 44. Die Beziehungen, die uns mit den reichsdeutschen Körperschaften verbinden, die sich ebenfalls die Linderung der Notlage der galizischen Juden zur Aufgabe machen, hielte» wir aufrecht. Wir sind in der angenehmen Lage, zu berichten, daß uns der Hilfsvcrein der deutschen Juden in Berlin in der Lehrlingsangelegenheit und das Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt an« Main bei der neuerlich ciiigeführten Kleiderkonfektion finanziell unterstützen werden. Nachdem Herr Dr. Knöpfmacher als Obmann des Aufsichtsrates über die finanzielle Gebarung der Vereinsleitung einen eingehenden Bericht erstattet hatte, wurde dieser seitens der Generalversammlung das Absolutorium erteilt. Zu dem nächsten Punkte .der Tagesordnung: „Anträge der Vereinsleitung und der Ortsgruppen" entwickelte sich sodann eine lebhafte Debatte, woran sich die Herren: Dr. Meisels (Krakau), Gottlieb Bettelhcini und Rabbiner Dr. David (Wien), Direktor Schtvarz (Mährisch-Ostrau), Prof. Dr. Feuerstein (Bielitz), Dr. Wilhelm Pappenheim und Dr. Gustav Kohn Kaufmann verpflichtete sich, den Mädchen die er-1 (Wien), Dr. Arnold Ascher (Wien), und Wilhelm forderliche Wolle zu liefern, und von ihnen die I Pappenheim (Wien), der Vorsitzende und der Sekretär fertigen .Häubchen gegen einen bestinimtcu Arbeits-1 beteiligten. lohn zn nehmen. Bis 15. Februar 1905, zu welcher l Hierbei wurden Anregungen zur Orga- Zeit der Vertrag ablief, waren in der Schule 146 Mädchen ausgebildet worden, von denen ungefähr die Hälfte die von ihnen gefertigten Waren an den Unternehmer abliefcru. Einzelne andere betreiben das erlernte Gewerbe in der Weise, daß sie sich die Wolle selbst kaufen und ihre Erzeugnisse an verschiedene Händler absetzcn. Um die Mitte Oktober 1904 wurde in Kolomea mit dem Unterrichte in der S p i tz e n k l ö p p e l c i (Jdria-Spitzen) begonnen. Nach einem Berichte vom 19. Februar d. I. waren bereits 103 Mädchen teils in der Lehre, teils schon selbständige Arbeiterinnen und „drängt sich die Bevölkerung förmlich zum Unterrichte". Am 15. November 1904 begann ein Wiener Unternehmer, der bisher in Sarajevo arbeiten ließ, in einem Orte im Norden Galiziens mit unserer Unterstützung die Erzeugung von Fez - q u a st e n. Er ist mit der gelieferten Ware sehr zufrieden und hofft, im Laufe der Zeit bis zu 100 Mädchen beschäftigen zu können. Nack) dem uns zuletzt zugekommenen Berichte waren 34 Mädchen tätig. Im Monate März 1905 endlich schickten tvir eine Lehrerin vorläufig nach Sambor und Drvhobicz, um dort den Unterricht in der S p i tz e n h ä k e l e i (Erzeugung frischer Spitzen) zu erteilen. Um eine größere Anzahl galizischcr Knaben bei Handwerksmeistern außerhalb Galiziens, zu tüchtigen Handwerkern ausbilden zu lassen, schlossen wir am 1. Mai 1904 mit der Baron Hirsch-Schulstiftung und mit dem Wiener Verein zur Verbreitung der Handwerke unter den inländische» Israeliten (Handwcrkervcrcin) ein Ucbercinkommcn, wonach jährlich 60 Absolventen der Baron Hirschschülen, davon 30 auf unsere Kosten, bei Wiener Meistern untergebracht tverden sollen. Die Unterbringung und Ucberwachung der Knaben erfolgt durch den Handwerkerverein, der in dieser Hinsicht eine mehr 'als scchzigjährige Erfahrung besitzt. Außerdem erklärte sich ein Teil unserer Provinz i. a l - O r t s g r u p p c n in Westöstcrreich bereit, galizische Lehrlinge in den Städten, wo der Sitz dieser Ortsgruppen sich befindet, dem Hand werke zuzuführen. _ Durch unsere Vermittlung erhielt die jüdische Tischlergen offen schastinTar nopol vom k. k. Handelsministerium (Gcwerbebeförderungsdienst) eine Subvention - von 4000 Kronen; cs wurde uns überdies die Zusicherung erteilt, daß das Ministel'ium im Dezember 1904 dort einen Mandern i s a t i o n des S ch u h m a ch e r g e w e r b e s und zur Errichtung von Dienstbotenschulen in Galizien gegeben und über die Zukunft der vom Hilfsverein in Westösterreich dem Handwerke zugeführten Lehrlinge gesprochen. Bei den nunmehr vorgenoinmenen Wahle» wur-, den die vorgeschlagene» Kandidaten mit Stimmcneinhelligkeit getoählt. Grotzvrttamtien. London. Die Einwanderung der jüdischen A innen nach England dauert noch immer an, trotz der fortwährend wiederholten dringenden Warnung der jüdischen Armenpsleger und Organisationen. Der Bericht der jüdischen 'Armenpfleger für 1904, der eben erschienen ist. konstatiert, daß in diesem Jahre nicht weniger als 6000 jüdische Arbeitslose und 22 000 jüdische Frauen und Kinder unterstützt und für mittellose jüdische Einwanderer nicht weniger als 1200 000 Mark aufgcwendet werden mußten. Die meisten derselben wurden nach Kanada und Argentinien weiterbefördert. Rußland. Petersburg. Der .Prawa", der .Ruß" und andere liberale Zeitungen veröffentlichen Proklamationen, welche das panslawische Komitee in den verschiedensten Gegenden Rußlands besonders unter der Bauernbevölkerung verbreiten läßt. In einer dieser Proklamationen heißt es: „Die Priester, die Polen und die Juden bemühen sich, die Bauern wieder in ihre einstige Leibeigenschaft zurückzubringen. Nur ihnen verdanken wir den Krieg mit Japan, und sie sind es, die Japan mit Geld unterstützen. Für das rote Kreuz wollen sie nichts geben. Der Kaiser sagte, wenn er sich nur der Polen und der Inden entledigen könnte, dann würde er den ganzen Boden den Bauern verschenken." Eine andere Proklamation, lautet: „Wir leben jetzt in einer sehr schweren Zeit. Eine Katastrophe steht uns bevor, denn die Juden treffen für den 19. Februar (4. März) Vorbereitungen zu einem Progrom gegen die Christen. Bürger! Alle, denen unsere, Religion, das Vaterland und das Leben teuer find, mögen sich gegen die Inden vereinigen, damit sie wissen, daß wir Russen noch Glauben und Vaterland besitzen, nicht wie sie, die Verhaßten Gottes und der Völker. Bürger! Sam-