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Neue jüdische Presse · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4._ Len atibeten über diesen Zeitpunkt schon verösfentlichten (1., Diarium Prägens«, 2., Jgereth Machlath ed. von Freimann), würdig an, wie denn auch die Uebersetzung eine vorzügliche ist. „Die Entwickelung des Königtums im alten Israel" betitelt sich ein Aufsatz (nach einem Vortrog) des inzwischen verstorbenen Rabbiners am Beth- Hamidrasch in Berlin Abraham Biberfeld s. A. Der Aufsatz hat das 8. Kapitel Samuel 1 zum- Gegenstände, an welchem schwer zu erklärenden Kapitel sich alle Bibelkommentatoren versucht habe». Ausgehend von dem — nach der von den meisten Rischonim akzeptierten Ansicht, daß es sich hier nicht um ein facultatives, sondern um ein obligatorisches Gesetz handelt — Ausspruch der Thora (5. B. M. 17) Som tosim olecho melech, muß es doch auffallen, daß sowohl Gott, als auch Saniuel das Verlangen des Volkes nach einem König nicht gutheißen. Der Verfasser zitiert nun verschiedene Kommentatoren, die die Schwierigkeiten auf verschiedenen Wegen zu lösen suchen. Alle Erklärungen gehen dahin aus, das eigentliche „Unrecht" herauszusindeu, dessen sich Israel gelegentlich seines Begehrens nach einem König schuldig gemacht hat. Unter anderem befaßt sich Biberfcld ausführlicher mit der Ansicht des Konvertiten Paul Burgös (auch Paulus de Santa Anna genannt), der den Fehler des Volkes darin finden will, daß sie die absolute Autokratie forderten, deren höchster Gmndsah „auproma Ivx regis voluntas" ist, während .das Gesetz nur einen konstitutionellen Herrscher im Auge hatte. Diese Annahme dient dem Apostaten als Vorwand zur Anklage, daß einzelne Parteiführer — wovon übrigens nichts bekannt ist — die Autokratie wünschten, um mit deren Hülfe ihr Interesse zu wahren. Der Absurdität dieser Annahme des als Kirchenlicht geltenden Ueberläufers tritt Abarbanel mit Erfolg entgegen, indem er das „Credo" der damaligen Zeit, Aristoteles, gegen ihn ausspielt. „Jede Selbstherrschast — sagt dieser — ist eine usurpierte, die sich erst mst der Zeit enttvickelt hat; nie aber ist diese aus dem steien Bolkswillen entstanden." Abarbanels Ausführungen konkludicren dahin, daß es ein Unrecht sestens des jüdischen Volkes gewesen sei, überhaupt einen König zu wünschen. Dazu kamen sie auf Grund ihrer unrichtigen Ansicht, daß das Gebot der Thora ein obligatorisches sei, während es in Wirklichkeit, wie Abarbanel meint, nur hypothetischen Charaster hätte. Sie hätten nun gefehlt, als sie nebst Gott auch einen sichtbaren Leiter ihrer Geschicke verlangten, indem sie dadurch einen Mangel an Vertrauen zu Gott durchblicken ließen. Biberseld führt nun aus, wie und durch welche äußere Umstände Abarbanel zu solchen Schlüssen kommen konnte, die übrigens die Schwierigkeiten restlos lösen. Was ihn aber den Ausführungen Abarbanels nicht zustimmen läßt, ist der Umstand, daß die Errichtung des Königtums in Israel allgemein als ein Gebot obligatorischen Charastcrs aufgefatzt wird. (Vgl. Rambam, h. Melochim). Der Verfasser verweist darauf, daß das Gebot, das Königtum zu errichten von der Thora an einen bestinnuten Termin gebunden gewesen ist und zwar erst nachdem das Land vollständig von Israel in Besitz genommen, verteilt und bewohnt ist. Das Land sollte erst gemeinsam erworben, sollte erst Gemeinbesitz werden, die Verwaltung und die Pflege des Gesetzes und des Rechts geregelt werden, bevor sie an die Einsetzung eines Königs, der nur der Wächter mrd der Hüter des Gesetzes sein solste, schreüen könnten. Dieser Zeitpunkt war noch nicht gekommen und ihr Verlangen bewies, daß sie das Königtum nicht jn deni Sinne der Thora aufgefaßt haben. Es sei noch erwähnt, daß der Ausspruch des R. Nehorai in Sanhedrin für die Auffassung Abarbanels spricht (Vgl. hierzu Raschi daselbst und Meharscha). (Schluß folgt.) Schillers „Bürgschaft" i« einer jüdischen Quelle. Ein Beitrag zur Schillerfeier. Es wird in dem Schillerjahr, da mit emsigen» Fleiß und liebevollem Eifer alles auf die Person und die Werke des gottbegnadeten Dichters Bezügliche zusammengetragen und als Huldigung für den hohen Genius geweiht wird, nicht uninteressant Frankfurter Israelitischer Familienblatt. sein, zu erfahren, daß die Sage, der Schiller in seiner „Bürgschaft" einen so bezaubernden poetischen Ausdruck verliehen, auch in einer jüdischen Quelle sich vorfindet, die Moritz Steinschneider, der Nestor der jüdischen Wissenschaft, im Jahre 1815 im Magazin für die Literatur des Auslandes in Uebersetzung mitgeteilt hat. Die hebräische Quelle befindet sich in dem Buche Sch'tc Jaboth von Men ach cm di Lousano aus Jerusalein (lebte um 1660), das in Venedig 1618. gedruckt wurde. Mcnachem di Lousano berichtet daselbst S. 50: „Am Ende meines Midrasch Koheleth (Handschrift) fand ich Folgendes: „Zwei Männer liebten einst einander außerordentlich, und ihre Seelen hingen innig an einander; allein durch lange Kriege »nußten sie sich trennen und ließen sich demnächst in verschiedenen Staaten nieder. Eines Tages kam der eine nach dein Wohnort des anderen; es ivard dem König hinterbracht, »velcher den ersteren für einen Spion hielt, weil er aus Feindesland gekommen war, und darum besaht, ihn zu töten. Als nun dieser sah, daß sein Verderben vom König beschlossen sei, fiel er demselben zu Füßen, weinte .und flehte ihn um eine Gnade an. Ans des Kölligs Frage, worin diese bestehen sollte, erwiderte er: „O, Herr und König'. Ich war ein bedeutender Kaufmann, gab viele Waren den Leuten auf Kredit, ohne einen Schein darüber z» besitzen; meine Frau lind meine Kinder wissen nichts davon; wenn ich nun sterbe, ohne sie in Kenntnis zu setzen und Schuldscheine von den Schuldnern ausstelle» zu lassen, so hinterbleiben meine Kinder arm und verlassen. Dies zu vollführen, möchte ich nun gehen und-dann wiederkommcn." Da wendete der König ein: „Wer wird dir glauben, daß du wiederkommst?" Er aber erwiderte: „Dieser mein Freund, der in deiner Stadt wohnt, lvird es verbürgen." Ta sprach der König zu diesem Freunde: „Bürgst du für ihn, so daß ich, wenn er zur festgesetzten Zeit nicht wiederkommt, dich töten lasse?" Der Freund erwiderte: „Wohl, o Herr und König, ich bürge für ihn, Leben um Leben!" Da sprach der König: „Bei meinem Leben, ich will sehen, ob das Großartige geschehen werde!" Sogleich gab er dem Verurteilten einen Monat Zeit, um zu reisen und wicderzukehren. — Am letzten Tage des Monats gegen Sonnenuntergang — bis dahin hat der König gewartet, ob der Manil kommen werde, aber er war noch nicht da — da befahl der König, den Freund aus dem Gefängnis zu holen, um ihm den Kopf abzuschlagen. Sogleich führte man ihn auf den Marktplatz und legte das Schwert an seinen Hals; doch siehe, es erhob sich ein lailter Ruf tu der Stadt, der Mann sei angekommen; und wirklich kam dieser und erblickte seinen .Freund, bereit umgebracht zu werden. Da richtete er ihn vom Boden auf, ergriff das Schwert, um es an den eigenen Hals zu legen; aber auch sein Freund tat ein gleiches, so daß sie beide .das Schwert faßten, dieser rufend: „Ich tvill sterben!" der andere: „Ich ivill für dich sterben!" Als nun der König sah, daß sie ullllinehr noch wundersamer sich benahmen als zuvor, da wunderte er sich nebst seinen Fürsten, und er befahl, das Schwert von Leiden abzutun, verzieh ihnen, beschenkte sie mit großem Reichtun» und sprach zu ihnen: „Eine Bitte habe ich an euch; da die Freundschaft zwischen euch so stark ist, macht mich, zu eurem dritten!" Und sie wurden Genossen des Königs von diesem Tage an und ferner. „Darum sagen unsere Weisen, gesegneten Andenkens: Erlvirb dir einen Genossen!" 8. F. / Heber Chassidismus. Salomon Schechter: Die Chassidim. Eine Studie über jüdische Mystik. Slns dem Englischen übersetzt von Olga T a u s i g - L e i p z i g. (S. 93. Jüd. Verlag, Berlin 1901.) (Fortsetzung.) Sehr interessant ist der Fanatismus, der in dem Kampfe des Baalschein und seiner Schüler gegen das nachgrübelnde Studium und die scharfsinnige Forschung des Talmud sich entwickelte. So wird erzählt: Baalschem hörte eifrige, laute Diskussion ans einem rabbinischen Schulhause bringen; er bedeckte seine Ohren init den Händen und sagte, daß solche Dispu- _Nr. 14. tauten es wären, di» Israels Erlösung ans der Gefangenschaft verzögerten. Satan — sagte er — eifert die Rabbiner an, nur diejenigen Teile der jüdischen Literatur zu studieren, an denen sie die Schärfe ihres Verstandes wetzen können, von all den Schriften aber, deren Studium Frömmigkeit und Gottesfurcht fördern würde, hält er sie zurück. „Jüdische Teufel" (Schedini Jahudaiu) ist eins der zahlreichen Epitheta, mit beueu die Anhänger des Baalschem all jene pilpulistischeu Rabbiner belegten. (S. 37.) Charakteristisch ist nun folgende Anekdote: Am Vorabend des Versöhnnngstages >var Baalschem, ganz errtgegen seiner sonstigen Gepflogenheit— niedergeschlagen und mißgestimmt. „Als man ihn um eine Erklärung seines Benehmens bat, antwortete er, der Heilige Geist habe ihm offenbart, daß schwere Anklagen gegen das jüdische Volk schwebten und diesem eine schwere Strafe bestimmt worden sei. Der Zorn des Hiinrnels sei durch die Rabbiner verursacht worden, deren einzige Beschäftigung es sei, lügenhafte Voraussetzungen auszustellen und aus diesen wieder falsche Schlüsse zu ziehen. Nun seien all die wahrhaft weisen Rabbiner der alten Zeit (wie die Tannaim, Amoraim und ihre Nachfolger — die Baalschem sämtlich als Heilige und Propheten betrachtete) als Ankläger ihrer jetzigen Nachfolger ausgetreten, die den ursprünglichen Sinn ihrer Worte so gründlich verdrehten und mißdeuteten. 'Aus diesem Grunde habe Baalschem Tränen vergossen". So heftig lvar der Antagonismus Baalschem's gegen das Verhalten und die Methode der zeitgenössischen Rabbiner. Es ist nun begreiflich, wenn dieser Fanatismus falsche und ungerechte Urteile gezeisigt hat. „So legten die Chassidim ihren Antagonisten, den zeitgenössischen Rabbinern, viele Schlechtigkeiten zur Last, von d enen diese in Wirklichkeit frei waren" (S. 9). Und auch hier bewährte sich die geschichtliche Wahrheit: „daß leider religiöse Kämpfe meist nach sehr irreligiösen P r i n z i p i e n geführt werde n". * * * Wie bereits gesagt, ist Baalschem der Vater des Chassidismus. Er „ist der Mittelpunkt der chassidischen Welt, und der Chassidismus ist so innig mit der Person seines Begründers verbunden, daß ihre Tremmng als fast unmöglich anzusehen ist. Den Chassidim ist Baalschem nicht ein Mann, der ein Gesetz ausstellte oder eine Weltanschauung begründete; — er selber war die Verkörperung einer Theorie nnd sein ganzes Lebeir die Offenbarung eines Systems" (S. 11). „Er war ein religiöser Wiedererleber im besten Sinne, erfüllt von glühendem Glauben an seinen Gott und seine Mission, fest überzeugt von dein Wert seines Lebenswerkes und der Wahrheit seiner Lehre (S. 4l). Wollen wir nun diese Lehre des Baalschem, die sein Lcbenslverk ist, auscinandersetzen. Sie bietet — wie bereits oben bemerkt — viel Stoff für Vergleichungen und Parallelismen. Sie ist eine Weltanschauung, aus philosophischer Grundlage basiert. Sie ist ein abgeschlossenes System von rcligionsphilosophischen Gedanken, die von mysttscher Poesie durchdrungen und durchträukt sind.. Durch Baalschem's ganze Lehre zieht sich als Grunbton die Universalität Gottes: alle Dinge sind voin göttlichen Leben ganz und gar erfüllt. Die Schöpfung darf nicht vom Schöpfer getrennt gedacht werden. Die Schöpfung dauert fort: das lebenspendende Wort Gottes hört nicht aus; sonst würde von neuem eine Herrschaft des Chaos beginnen. Und wie die Schöpfung nicht eine einmalige sein kann, sondern eine immer fortdauernde, so auch die Offenbarung, die nur durch den Glauben erfaßt werden kann. „Glaube bewirkt deshalb mehr als alles Studium. Daher kommt es auch, daß in Zeiten der Verfolgung der Weise und der Törichte, der Sünder wie der Heilige, gleicherweise um ihres Glaubens willen ihr Leben opferten" (S. 12—16). Wenn nun die Offenbarung Gottes nie versiegt nnd aUc "Dinge als ebenso viele Offenbarungen der Gottheit betrachtet werben müssen, so ist mithin in allen Dingen — Gutes. Baalschem bekämpfte daher die Annahme einer im Menschen steckenden Sündhaftigkeft. Er trat ans gegen die Prediger seiner Zeit, die hauptsächlich die dirnkle Seite der Dinge betonten nnd sich mit Vorliebe in kunstvoll auSgemalten Szenen-

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