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Neue jüdische Presse · 1904-06-17 · Heft 23 (17.6.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 23 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 23. Seite 4. ein. Urteil, wenn auch ein revolutionäres, das ohne nähere Angabe des Verbrechens, ohne Anführung von Zeugenaussagen erlassen wurde usw. ein willkürlicher Akt ist, der anulliert werden muß, daß besagtes Urteil null und nichtig ist, und befiehlt, daß der genannte Bürger Drcyfus auf der Stelle in Freiheit gesetzt werde." Rußland. Petersburg. Eine Entscheidung des Senates schreibt nun vor, daß jüdische Lehrer (M e l a m d i m) in den westlichen Gouvernements, welche Judenkindern Unterricht in Religion und Bibel ohne Erlaubnis der- Behörde erteilen, nicht auf administrativem ZKege zu bestrafen, sondern dcmGerichtezu überantworten sind.... Petersburg. Die durch den Krieg in Ostasien eingetretene ökonomische Krise in Rußland hat dieAuswanderungsbewegunguntcrden Juden im Zarenreiche maßlos vergrößert. Aus den Rayons von Kiew, Cherson, Elisabethgrad, Wilna, Kowno, Warschau und Wolhynien werden von russischen Blättern, von der „Petersburgskija Wiedomosti", „Nowoje Wremja" und „Nowosti" Massenauswanderungen von Juden nach Itordamerika, Argentinien und Kanada gemeldet. Um aber diese Massenauswanderung zu regulieren, haben einige hervorragende Vertreter der Judenschaft in Petersburg beschlossen, ein spezielles Auswanderungsbureau zu errichten, welches den jüdischen Gemeinden und den Auswanderergruppen in verschiedenen Städten alle nötigen Informationen über die Länder, wohin die Auswanderer gehen wollen, über die billigsten Beförderungsmittel und über die Nachfrage auf Arbeit in jenen Ländern zur Verfügung stellen soll. Wie die „Juschnaja Rossija" und der „Krymskij Wjestnik" meldet, besteht auch die Absicht, eine Filiale dieses Bureaus in Odessa zu eröffnen. Owrutsch. Das jüdische Städtchen Jskorosti ist am 27. Mai, wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, von einer Fruersbrunst gänzlich vernichtet worden. 250 Häuser von Juden wurden eingeäschert. Die Wbrändler sind brot-- und obdachlos geworden. Holland. Amsterdam. In der letzten Zeit fängt man hier an, sich mehr und mehr mit dem Studium von Samson Raphael Hirsch's Werken zu beschäftigen. So hat sich vor einigen Monaten hier am Platze ein Verein von Herren und Damen gebildet zu dem Zwecke, die genannten Werke zusammen zu lesen; auch hat der jüdische Literatur- Club zu Rotterdam mit dem Studium der 19 Briefe jetzt den Anfang gemacht. Ferner hat der hiesige Verein Ez chajim einen seiner Lehrabende derselben Sache gewidmet. Hoffentlich wird man auch anderwärts hier zu Lande diesen Weg zum Segen des Judentums beschreiten. Die 19 Briefe sind durch Mr. Hen ins Holländische übersetzt und in der Buchhandlung von Creseld u. Co. erschienen. Spanien. Madrid, 13. Juni. Der Ministerrat beschloß in Ceuta und Melilla arabische Schulen zu errichten, sowie für die Mohamedaner und Juden Marokkos konfessionelle Schulen zu gründen. Palästina. Jerusalem. Bon der Nationalbibliothek. Die Nationalbibliothek „Midrasch Marbanel" in Jerusalem hat in den letzten Tagen eine ansehnliche Bereicherung an seltenen Werken erfahren. Es gelang deren Gründer Herrn Dr. Chasanowitz, bei der anfangs Mai in Amsterdam stattgefundenen Versteigerung der wertvollen Büchersammlung aus dem Nachlasse des Gelehrten H. A. Wagenaar, des Verfassers der „Toldoth Jabez" einige gesuchte Bücher tzu erwerben. Leider sind es nur 32 Werke, die aus dieser reichen und seltenen Büchersammlung für unsere Bibliothek erstanden werden konnten, da die knappen, ihr zu Gebot stehenden Geldmittel nicht weiter ausreichten. Unter den gekauften Büchern befinden sich schön illustrierte Hagadas und andere seltene Druckwerke aus der rabbinischen Literatur, zumeist aus dem 17. Jahrhundert. Es ist bedauerlich, daß der Sinn und das Interesse unserer Brüder für eine Institution wie diese Nationalbibliothek noch nicht geweckt sind, und daß bei der Versteigerung eines solchen Bücher» schatzes wie Wagenaars unsere Bibliothek nur so wenig Bücher erstehen konnte, die Eigentum des jüdischen Volkes werden sollen. Auch das wenige brachte Dr. Chasanowitz mit nicht geringen persönlichen Opfern zustande. Jerusalem. Das Nothschildsche Spital wurde, nachdenr es 8 Monate lang nach Entfernung von Dr. Gr. d'Arbella geschlossen blieb, wieder eröffnet. Die Leitung wurde den Herren Benschimol und Dr. Michaelowitsch anvcrtraut, von denen der erste als Direktor und der zweite als Arzt fungieren wird. Jaffa. Der jüdische Kindergarten. Seit langer Zeit wurde von der jüdischen Bevölkerung in Jaffa das Bedürfnis nach einem modernen Kindergarten stark empfunden. Mangel an den notwendigen Erhaltungsmitteln, sowie Schwierigkeiten aller Art haben die Begründung des Kindergartens verzögert. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Dank den eifrigen Bemühungen einiger Freunde der Kindererziehung, wurde die neue Anstalt im Oktober 1901 mit ca. 40 Kindern eröffnet. Nachdem sich der ,Lilfsverein der deutschen Juden" von der segensreichen Wirksamkeit des neu begründeten Kindergartens überzeugt hatte, beschloß er demselben eine größere Subvention zu gewähren. Damit war eine Existenz begründet und nunmehr konnte er auch eine bedeutende Erweiterung erfahren. Die Entwickelung, welche der Kindergarten genommen hat, kann als erfreulich und durchaus befriedigend bezeichnet werden. Aus dem Bericht des Schulkomitees an den „Hilssverein der deutschen Juden" geht hervor, daß die Anstalt gegenwärtigvon 102 Zöglingen — 62 Mädchen und 40 Knaben — besucht wird. Der eigentliche Kindergarten niit 62 Zöglingen im Mter von 3 bis 5 Jahren, besteht aus 2 Abteilungen, an welchen 2 Kindergärtnerinnen und eine Gehilfin wirken. An den Kindergarten schließen ich zwei Elementarklassen an, in welchen 40 Kinder von einem Lehrer und den Kindergärtnerinnen in den Elemcntarsächern unterrichtet werden. Vor einiger Zeit hat der Kindergarten ein neues Schulhaus bezogen, das allen hygienischen Anforderungen entspricht. Aber auch dieses Schulhaus erweist sich bereits als zu klein. So mußten 20 Neuaiimcldungen wegen Raununangel abgcwiesen werden. Personalien. Frankfurt a. M., 15. Juni. Eine seltene Frau in des Wortes wahrster Bedeutung haben wir heute zu Grabe geleitet. Frau M i n d e l T u l c z i n s k a Wwe. geb. Charal, eine Nachkommin des berühmten Rokeach, hat im Alter von 74 Jahren ihr segensreiches, Gott und ihren Nebenmenschen im reinsten Geiste des überlieferten Judentumes gewidmetes irdisches Dasein beendet. Ein Lebensbild, in dein sich Perle an Perle reihte, ein Bild, das noch einmal die Persönlichkeit der Verschiedenen bis in ihr innerstes Wesen und in der ganzen gewaltigen Summe ihres Wirkens erstehen ließ, entwarf Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Horovitz auf dem Friedhofe vor den Verwandten, und Freunden, die sich zur letzten Ehrenbezeugung eingefunden hatten. Wie aus einem Gusse — beseelt von einem Gedanken, geleitet von einem Willen —, so führte der Redner aus, war von der Kindheit an bis zur letzten Stunde ihres hohen Greisenaltcrs das Denken und Tun dieser Esches chajil. Tief innerliche Frömmigkeit und ein ausgeprägter Wohltätigkcitssinn waren die Grundzüge ihres Charakters, in beiden Eigenschaften hatte sie in ihrem verstorbenen Manne einen ihr ebenbürtigen Gatten gefunden, und zu echt jüdischer Frömmigkeit und Wohltätigkeit erzog sie auch ihre Kinder. Täglich war sie des Morgens und des Abends als erster und letzter Beter im Gotteshanse. Vor Jahren zog es sie zu dem Lande unserer. Väter hin, ein Haus errichtete sie dort zum ewigen Andenken ihres und ihres -Gatten Namens, und als sie zurückgekehrt war, da sprach sie gleich Josua und Kaleb: Herrlich ist das Land; sorgen wir dafür, daß unsere Brüder in Zufriedenheit und Wohlergehen dort ihr Brot genießen. — Und sie gab von dem reichen Segen, mit dem Gott sie begnadete, in Hülle und Fülle und aus der Freude ihres Herzens. Namens der Familie sprach darauf Herr Dr. Meier Hildesheimer-Berlin bewegte Worte der Würdigung und des Abschiedes, und dann wurde die sterbliche Hülle der Verstorbenen in die Gruft gesenkt. Frankfurt a. M. Die für das Gordon- Benett-Rennen von der Stadt Frankfurt gestiftete Ehrengabe — eine kunstvolle Jardiniöre in modernem Styl mit gravierten Ansichten von Frankfurt — ist von der Silberwarenfabrik Lazarus Posen Wwe. ausgeführt worden. Aus Heffe«. Dieser Tage verstarb Frau Sette Meyer geb. Le h m a n n in H a i n h a u se n, eine Esches chajil in des Wortes wahrem Sinne. Fromm und gottergeben, war sic zu jederzeit ihrem Manne eine treue Gattin, ihren Kindern die liebe und sorgsame Mutter. Auch der Armen gedachte sie oft und gab nach ihren Kräften. Ihre große Beliebtheit zeigte sich nochmals bei ihrem letzten.Tritt zum Grabe, woran sich auch andere Konfessionen beteiligte». Möge ihr die Erde leicht sein. Montabaur. Dr. meb. Ferdinand Wagschal wurde nach Vollendung seiner dienstlichen Hebungen zum Sanitätsoffizier der Reserve befördert. Berlin. In den Landeseisenbahnrat wurde Geheimer Kommerzienrat Arnh'old, in den Bezirkseisenbahnrat Kommerzienrat N. Kantorowicz -Posen und Handelsrichter D. Mugd a n - Breslau als Mitglieder, Stadtrat Dr. M. W e igert und Handelsrichter L. Grün selb in Beuthcn als Stellvertreter berufen. Dem Chemiker Dr. Adolf Frank in Charlottenburg ist das Prädikat „Professor" verliehen worden. Berlin. Das Leszczhnskische Ehepaar, Kantstr. 42, feierte am 3. Juni seine goldene Hochzeit. — Am Montag, den 6. d. M., beging das I a c o b L a n d s b c r g e r s ch c E h c p a a r, Uhlandstraße 175, die goldene Hochzeit. Kommerzienrat Landsberger ist Seniorchef der länger als 50 Jahre bestehenden Firma Jacob Landsberger und beging am 30. März d. I. seinen 80, Geburtstag. Görlitz. Dem Kaufnmnn Martin Ephraim wurde der Charakter als Kommerzienrat verliehen. Jnowrazlaw, 26. Mai. Der Regierungs-Präsident i» Bromberg hat die Wahl des Stadtrats' Bankier Siegfried S a l o m o n s o h n und des Justizrats Stadtrat Max Latte Hierselbst zu unbesoldeten Stadträten auf eine weitere Amtsdauer von sechs Jahren bestätigt. Wittftock. Die hiesigen städtischen Behörden haben Herrn Rentier I. Philippsthal zu Berlin das Ehrenbürgerrccht der Stadt Witttock verliehen in Anerkennung der Treue und Anhänglichkeit an seine Vaterstadt und der Verdienste, die er ich durch Förderung humanitärer Bestrebungen — a. a. bei Begründung des paritätischen Bürgerheims — erworben hat. Seit dem zwölften Jahrhundert ist in unserer alten Bischosstadt das Ehrenbürgerrecht nicht verliehen worden. London. Wie englische Zeitungen berichten, haben zwei aus Holland gebürtige jüdische Schwestern, die Damen Sophie und Johanna Heymaun in einem Konzert, bei dem Ihre königl. Hoheit die Prinzessin von Wales anwesend war, große Erfolge geerntet. Es wurde ihnen die Ehre zu Teil, ihrer königl. Hoheit vorgestellt zu werden, welche in schmeichelhaften Ausdrücken ihre Bewunderung über ihr außergewöhnliches Talent aussprach. Auch in Brighton, wo Sophie Heymann-Engel aufgetreten ist, hat sie große Sensation erregt; die dortige Presse nennt sie einen Stern erster Größe. Stuttgart. Der König hat dem Schriftsteller L. L e v i, Königl. preuß. Rabbinatsverweser und Lehrer a. D. in Stuttgart, die Erlaubnis zur Annahme und Anlegung des von dem Fürsten von Hohenzollern ihm verliehenen Ehrenkreuzes 3. Kl. des Fürstl. Hohenzollern'schen Hausordens erteilt. Schwabach (Bayern). Die Verwaltung des israelitischen Talmud-Thora-Jnstituts kaufte ein 140 Dezimalen großes Terrain, auf dem ini Herbst mit dem Bau einer größeren israelitischen Präparandenschule begonnen werden soll. Königgrätz (Böhmen). Vorige Woche feierte der hiesige Rabbiner und Religionslehrer Herr A. K o h n in vollster geistiger und körperlicher Frische seinen .80. Geburtstag und zugleich sein 40j ä hriges Jubiläum als Rabbiner in unserem Orte. Aus diesem Anlasse veranstaltete die Kultusgemeinde einen Festgottesdienst, an welchem sich die gesamten Mitglieder beteiligten. G Feuilleton. G Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Hilde holte den Herren die Hüte. Kurt meinte: „Ich finde lächerlich, daß ich mich zu etwas hergeben soll, was ich für eine Torheit halte." Löser rief: „Wie, das Tischgebet ist eine Torheit?" „Nach meiner Ansicht unbedingt. Ich kann nicht einen Gott anreden, zu ihm beten, an den ich nicht glaube. Und der Gott, den Ihr verehrt, nimmt der Euer Gebet wohlgefälliger an, wenn ich unterdessen meinen Kopf bedecke und den Mund halte?" Frau Löser sprach mit Würde: „Wenn Du keine Ehrfurcht vor Gott hast, ist es Deine Privatsache. Aber Du dürstest doch Achtung für Deine Tischgesellschaft und besonders für ältere Verwandte hegen. Es beweist keinen feinen Takt, wenn Du gläubige Menschen in ihren Gefühlen kränkst, wenn Du meinem Manne, Deinem väterlichen Freund, das unmöglich machst, was er im Augenblick zuvor noch so freudig begrüßt hat. Das zeigt keinen guten Charakter." Kurt erhob sich. „Liebe Tante" — so nannte er Frau Löser noch aus alter Gewohnheit — „ich will mich entfernen, um nicht noch fernere Verstöße zu begehen." Ein eisiges Schweigen folgte auf diese Worte. Er grüßte und ging aus dem Zimmer. Wie die Familie allein war, sagte der Vater unmutig : „Der Junge nimmt ein Stück von meinem Herzen mit. Es ist viel an ihm gesündigt worden. Mir tut nur sein armer Vater leid." Karl aber rief: „Die Liebe zu seinem Vater läßt ihn nicht untergehen. Wenn er mich auch vorläufig noch abstößt, ahne ich trotzdem, daß ich dereinst seinem Herzen nahe stehen werde." Hilde slüsterte: „Wie gut bist Du, meine Eltern so zu trösten." „Liebchen, cs ist mir völlig ernst mit meiner Prophezeiung." — ' Kurt blieb jetzt der Familie Löser fern und überließ sich ohne Widerstreben dem Gcnußleben. Er hatte eine Gesellschaft junger Leute uin sich versammelt, die in einflußreichen, gut bezahlten Stellungen

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